Transnationale Migrationskirchen – Gabe und Aufgabe für »nationale« Mehrheitskirchen Europas
»Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde!« (Apg. 20,28)

Von: Moritz Fischer
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Neuere Migrationskirchen mit Herkunft aus dem globalen Süden – Zusammenschlüsse von Christen mit Migrationshintergrund, die sich selbst als Kirche verstehen – bilden neben den älteren orientalischen und orthodoxen Migrationskirchen und den evangelischen europäischen »Ausländergemeinden« eine Herausforderung für die volkskirchlich organisierte Christenheit Europas. »Transnational« meint mehr, als dass Christen aus Afrika, Asien und Lateinamerika eine grenzüberschreitende Migrationsidentität haben. Mittels ihrer »interconnectedness« (Vernetzung) von Orten und zwischenmenschlichen Beziehungen sowie von Informationen und Ideen verknüpfen sie sich zwischen ihren Herkunfts- und der sie aufnehmenden Residenzgesellschaft, auch hinsichtlich ihrer kirchlich-konfessionellen Identität. Migrationschristen machen deutlich, dass Gemeinde Jesu nicht allein die Gestalt haben muss, in der sie sich über Jahrhunderte in Europa entfaltet hat. Es geht um die Vision, wie in Europa im Zeitalter der Globalisierung bei zunehmender spiritueller Verunsicherung das christliche Zeugnis gefördert werden kann: Hand in Hand mit Migrationsgemeinden.


1. »This is the History about Faith Charismatic Church (FCC) Nürnberg«

Lesen wir die Selbstbeschreibung des mir seit zwölf Jahren persönlich bekannten Pastors Handy Brown (ghanaischer Herkunft), der in Nürnberg die transnationale Migrationskirche »Faith Charismatic Church« gegründet hat und leitet. Mit ihren konfessionellen, theologischen und liturgischen Identitätsmerkmalen gehört die FCC zum pfingstlich-charismatischen Spektrum: »Die Kirche wurde 2002 mit sieben Personen gegründet und erhielt im Jahr 2006 die staatliche Anerkennung. Immer wieder gab es Herausforderungen: Dreimal standen wir vor dem Aus, weil sogenannte Pastoren wie Wölfe Gemeindeglieder abwarben. So ist der wöchentliche Gottesdienstbesuch von 130 zunächst auf 60 und dann nochmal auf etwa 40 zurückgegangen. Ich habe als Reiseevangelist das Evangelium in viele andere Länder getragen: In Südafrika, Nigeria, Südkorea, Italien und auch in Ghana predigte ich immer wieder, wie auch in Deutschland. Nun bauen wir eine Kirche in Ghana, so etwas wie eine Zweigstelle der FCC, in einem Missionsgebiet dort.«

Regelmäßige Kontakte mit mir und anderen kirchlichen Vertretern führten dazu, dass Brown mir gestattete, diese »Geschichte seiner Gemeinde« öffentlich zu machen. Die etablierte Kirche, die ich repräsentiere, erkennt er als Institution und als Person. Begegnungen zwischen Mitgliedern und Verantwortungsträgern von Migrationsgemeinden und solchen aus dem mehrheitskirchlichen Milieu sind der Schlüssel, um strukturelle wie geistliche Integration zu ermöglichen. Dringend erforderlich ist die institutionelle Öffnung seitens der Landeskirchen, um einer drohenden ekklesiogenen Stagnation bei Migrationsgemeinden wie landeskirchlichen Gemeinden zu trotzen.


2. Neuere Migrationskirchen lenken den Blick auf die überregionale Vielfalt des Protestantismus

Mit Fremdbeschreibungen seitens der EKD werden neuere Migrationskirchen immer noch als von »außen« kommend stigmatisiert und als »Gemeinden unterschiedlicher bzw. anderer Sprache und Herkunft« (GaSH) klassifiziert. Dagegen verstehen diese sich selbst als »international“ und bewegen sich zwischen mehreren Kontinenten, Ländern, Kulturen, Konfessionen und sogar Religionen.

Durch den Mitglieder- und Beteiligungsschwund der Volkskirchen zeichnen sich bei zunehmender Aktivität der Migrationskirchen dramatische Verschiebungen für die hiesige Kirchenlandschaft ab. Aber in der nach wie vor nach volks- bzw. nationalkirchlichen Kriterien ausgerichteten Geographie der Landeskirchen kommt dieses veränderte ekklesiogene Relief schlichtweg nicht vor. Hier erfassen die Statistiken in der Regel nur »Mitglieder«, haben aber keinen integrativen Blick auf die Pluralität ihrer Gläubigen, was die nationalen, kulturellen sowie politischen Kontexte ihrer Herkunft in historischer Perspektive betrifft, denn die meisten der Mitglieder der Migrationskirchen sind qua Standesamt als evangelische Gemeindeglieder gemeldet und zahlen Kirchensteuer. Wer genauer hinblickt, erkennt in der Gestaltvielfalt des Protestantismus den immensen Reichtum der evangelischen resp. reformatorischen Tradition vor unserer Haustür in Deutschland.

Wichtig ist, dass bei aller transnationaler Vielfalt der theologische bzw. kirchliche Konsens über die Einheit gemeinsam reflektiert und auch durch diese Kirchen zum Ausdruck gebracht wird im Blick auf die Ökumenische Basisformel (Neu-Delhi 1961), auf die sich auch Migrationskirchen beziehen mögen: »Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind.«


3. Integration auf der Basis der Fremdwahrnehmung: Grenzen und Gefahren

Wo bleiben hier die Volkskirchen? Bleiben wir stehen und schauen zu? Werden diese demographischen Entwicklungen im Rahmen evangelischer Landeskirchen nicht erkannt? Ich plädiere für nachhaltige Begegnungen, auf landeskirchlicher Ebene institutionalisiert durch zwischengemeindliche Kooperationen, zielgruppenorientierte Gemeinden oder als Personal- bzw. Anstaltsgemeinde. Wir benötigen in größeren Städten ein, zwei Gemeinden, in den Strukturen der Landeskirche verankert und zugleich durch Mitglieder deutscher als auch migratorischer Herkunft geprägt. Eine solche Gemeinde gestaltet sich offen für Einflüsse der unterschiedlichen Provenienzen und integriert jeden Einzelnen mit seinen Identi­täten.

Wird versucht, Mitglieder und Gemeinden zu forciert zu integrieren, ohne ihr Selbstverständnis wahrzunehmen und einzuziehen, drohen zwei Gefahren: a) Migranten fühlen sich nicht wirklich akzeptiert und gehen in die innere Emigration. Sie beten und feiern zwar hier, nehmen aber spirituell nicht wirklich Anteil am christlichen Milieu der Residenzgesellschaft. Sie bleiben im Getto und entwickeln fundamentalistische Tendenzen. b) Werden Migrationsgemeinden als Migranten-Selbstorganisationen zwar entdeckt, aber unter Fundamentalismus-Verdacht gestellt und in kirchlich-weltanschaulich gelenkte Integrationsprozesse gezwungen ungeachtet ihres spirituell-missionarischen Anliegens, führt das zu gegenseitigen Missverständnissen, Enttäuschungen und zum Scheitern des Prozesses. Beide Seiten gewinnen nur, wenn sie das große Ganze in den Blick nehmen: »Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde!« (Apg. 20,28)


Moritz Fischer

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Moritz Fischer, Professor für »World Christianity and Mission History« an der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie (FIT) Hermannsburg und Pfarrer der Evang.-Luth. Landeskirche Bayern (ELKB).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2019

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