Eine biografische Skizze
Christoph Blumhardt – Prediger, Pazifist, Politiker

Von: Jörg Hübner
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Der württembergische Theologe Christoph Blumhardt (1842-1919) ist ein bis heute inspirierender Prediger, Pazifist und Politiker. Als Kurhausbesitzer in Bad Boll predigte er die Reich-Gottes-Botschaft; als einer der ersten deutschen Theologen trat er der sozialdemokratischen Partei bei und wurde württembergischer Landtagsabgeordneter. Während seines gesamten Lebens hat er den Krieg als Sünde bezeichnet, besonders auch während des Ersten Weltkriegs. Theologen wie Leonhard Ragaz und Karl Barth haben die Impulse Blumhardts in ihrer Theologie aufgenommen. Vor 100 Jahren – am 2. August 1919 – ist Christoph Blumhardt gestorben. Das ist Anlass dafür, ihn in seiner Zeit zu verorten, seine Biografie und seine Impulse in Erinnerung zu rufen. In einer Zeit, in der die aktuelle Gesellschaft ebenfalls vor gravierenden Umbrüchen und Transformationsprozessen steht, bietet Blumhardts Auseinandersetzung mit Kapitalismus, Nationalismus, den kirchlichen wie gesellschaftlichen Strukturen sowie mit den voranschreitenden Säkularisierungsprozessen seiner Zeit anregende Perspektiven auch für den gegenwärtigen Diskurs in Kirche, Gesellschaft und Politik.

Die Blumhardt-Sozietät e.V., die die Beantwortung dieser Frage zu ihrem Vereinszweck erhoben hat, führt zusammen mit der Evang. Akademie Bad Boll regelmäßig Tagungen zum Erbe Christoph Blumhardts durch. Zur Vorbereitung auf das Blumhardt-Jahr 2019 wurde es bei der Blumhardt-Tagung am 26. Oktober 2018 unternommen, in zwei aufeinander bezogenen Vorträgen Blumhardts Wirken in seine Zeit einzubeschreiben und sein Lebenswerk anhand neuen Quellenmaterials biografisch wie auch systematisch zu würdigen. Die Aufsätze von Jürgen Kampmann und Jörg Hübner bieten (in überarbeiteter Form) das in der Evang. Akademie Bad Boll zu Gehör Gebrachte dar.


Christoph Blumhardt1 und sein politisches Engagement, seine Unerschrockenheit in der Begegnung mit Menschen seiner Zeit, sein Einsatz für eine andere Art der Mission oder seine pazifistische Grundorientierung sind bis heute beeindruckend, auch wenn er Mitte des 19. Jh. geboren und ein Kind seiner Zeit ist.


1. Bis 1888: Die Welt überwinden!

In Möttlingen hatte er die von seinem Vater Johann Christoph Blumhardt inspirierte Erweckungsbewegung hautnah kennengelernt und sozusagen mit »der Muttermilch« aufgesogen. Er stand als Theologe in den ersten Jahren seines Dienstes als Inspektor des Kurhauses Bad Boll ganz in den pietistischen Fußspuren seines Vaters: Er war intensiv tätiger Seelsorger, Missionsprediger in der Schweiz und im Schwarzwald, auf Heilung der Gäste im Kurhaus bedacht, predigte die Überwindung der von Sünde geprägten Welt, kritisierte ein schläfriges Christentum, mahnte den achtsamen Umgang mit dem Reichtum seiner Zeit an und baute die auf Familienbeziehungen beruhende Gemeinschaft in Bad Boll weiter aus: Im Grunde waren es drei miteinander vielfältig durch Heirat verwobene und wachsende Familien, die die zahlreichen Dienste im Kurhaus übernahmen.

Wie auch sein Vater erwartete Christoph Blumhardt das nahe herbeikommende Reich Gottes in Bad Boll. Theologisch bedeutsam war schon in dieser frühen Phase, dass Christoph Blumhardt von einer Allversöhnung der gesamten Welt ausging: »Es muss die ganze Kreatur erleuchtet werden von Christus, sonst stehen wir auf halbem Weg still.«2 Blumhardts politisches Engagement ist hier grundgelegt: die universale Weite seines Denkens, die enge Verbindung von sozialen und ökologischen Fragestellungen, aber auch seine Kritik an den »Frommen« seiner Zeit: »Ich bestünde schon längst nicht mehr, wenn ich den Ratschlägen gewisser Leute gefolgt wäre, gerade der frommen Leute; dann wäre unser Haus verkauft an eine Aktiengesellschaft, und es wäre aus.«3

Diese und weitere hier verwendete Zitate entstammen dem Familienarchiv, das seit zwei Jahren in der Evang. Akademie Bad Boll zugänglich ist. Die bisher veröffentlichten Texte beruhen leider auf m.E. theologisch verkürzenden Wiedergaben seiner jüngsten Tochter Gottliebin bzw. der entstellenden Biografie Eugen Jäckhs.


2. 1888 bis 1893: Weltchristentum und »Evangelium des Lebens«

Das Jahr 1888 markiert den entscheidenden Einschnitt in Blumhardts Leben – wesentlich ausgelöst durch drei Faktoren:

Erstens verstarb kurz nach dem Tod Kaiser Wilhelms I. und damit fast zeitgleich im April 1888 Hansjörg Dittus, Blumhardts geistlicher Mentor und letzter noch verbleibender Zeuge aus der Wirkungszeit seines Vaters. Christoph Blumhardt verstand dessen Tod als finalen göttlichen Aufruf zur Selbstständigkeit, mehr noch als Aufforderung, sich von gewissen pietistischen Einstellungen zu lösen.

Zweitens erkrankte seine Frau Emilie im Januar 1889 während der Geburt ihres zweitjüngsten Kindes Gottliebin sehr schwer; Christoph Blumhardt erlebte in dieser Zeit die Heilkunst der Ärzte in so beeindruckender Weise, dass er künftig den Heilungsvorstellungen der Bad Boller Tradition außerordentlich kritisch gegenüberstand.

Drittens litt Christoph Blumhardt seit dem Frühjahr 1889 an einer schweren psychosomatischen Burnout-Erkrankung, infolge derer er über mehrere Monate zusammen mit seiner Frau nach Italien verreiste, den Predigtdienst bis zum April 1890 vollständig aufgab, sich nach seiner Italienreise im Gästehaus Eckwälden zurückzog, seine gewachsene Kirchlichkeit massiv in Frage stellte und schließlich theologisch zu einer vollkommenen Neuorientierung gelangte.

Auch im Kurhaus führte er gravierende Neuerungen ein: Die gesamte ökonomische Grundlage wurde auf den Prüfstand gestellt, zum ersten Mal ein Rechnungswesen eingeführt, eine Wasserversorgung auf allen Zimmern eingerichtet, das gesamte Anwesen saniert, die Versorgung mit Nahrungsmitteln durch den Hofbetrieb unter der Leitung seines Bruders Nathanael neu geordnet und in allem die erlebbare Gastlichkeit des Kurhauses in den Vordergrund gerückt. Hier macht sich der neue Politikstil unter Kaiser Wilhelm II. sowie die allgemeine ökonomische Kraftanstrengung dieser Zeit deutlich bemerkbar. Auch kirchenpolitisch setzte Christoph Blumhardt neue Zeichen: Adolf Stoeckers Absicht, die erstarkende Sozialdemokratie durch diakonisch-missionarische Anstalten zu überwinden, begegnete Blumhardt fortan nur mit den Worten: »Stöcker tut mir leid. Die Idee, man brauche einen Reformator und er sei es vielleicht, durchbricht seine Wirksamkeit.«4 Christliche Dienste, die die bestehenden Not-Verhältnisse nicht ändern, beurteilt Christoph Blumhardt abschätzig als »Seligkeits-Christentum«.

Blumhardts Reformbemühungen in dieser Zeit münden schließlich darin ein, dass er zur Jahreswende 1893/1894 den sonntäglichen Predigtdienst im Kurhaus aufgibt. Christoph Blumhardt beurteilte den Gottesdienst nun als »menschliches Getue« oder als zwanghaften Versuch, aus einem ganz und gar »unzeitigen Text« geistlich etwas »an den Haaren« herbeizuziehen.5 Die Menschen sollen endlich zu »Menschen des Lebens« werden, die das »Leibesleben« beachten und sorgsam pflegen. Für ihn sind Kirchen lediglich ein »Religionsfabrikgeschäft«6, ein Hemmschuh für den entscheidenden »Fortschritt des Menschentums«7 hin zur »Vollendung der Schöpfung«. Diese beginnt nach Blumhardt dort, wo der Mensch zum wahrhaft Menschlichen zurückfindet: »Suche nicht ›Christen‹, suche Menschen!«8 Deutlich setzt sich Blumhardt damit vom Kulturprotestantismus seiner Zeit ab und sucht nach eigenen Antworten.

Das von ihm jetzt gepredigte »Evangelium des Lebens« führt Christoph Blumhardt von nun an zur Welt, zu einer Kritik an der von Kaiser Wilhelm II. forcierten imperialen europäischen Kultur, an einem öffentlich zelebrierten »Nationenhumbug«9 sowie an militärischer Aufrüstung und Kriegsführung: »Was jetzt als ein neuer Gedanke hindurch muss, was auch die Weltgeschichte und die ganze Entwicklung der Menschheit predigt, ist ein internationaler Himmel.«10 Die im zweiten deutschen Kaiserreich gewachsene Internationalität und Globalität wird von Christoph Blumhardt aufgenommen, jedoch in einer außergewöhnlich beachtlichen Art und Weise gegenüber dem Zeitgeist in einen kritischen Internationalismus umgebogen.


3. 1894 bis 1898: »Werde ein wahrer Mensch!«

Nach dem Verzicht auf die parochialen Rechte im Kurhaus Bad Boll zum Jahresbeginn 1894 wusste sich Christoph Blumhardt dazu befreit, der konfessionellen Kirche den Rücken zuzukehren und seine Hoffnung auf außerkirchliche Reformbestrebungen zu setzen, die nach der Entlassung Bismarcks durch Kaiser Wilhelm II. erstarkten: nämlich auf die Friedensbewegung vor der Haager Friedenskonferenz 1895, die Menschenrechtsbewegung sowie auf einen wachsenden kritischen Internationalismus. All dies mündete zur Zeit eines Kuraufenthaltes in Bad Mergentheim kurz vor dem Stuttgarter Parteitag der Sozialdemokraten sowie der Reichstagswahl im Juni 1898 ein in eine intensive Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie: Die Sozialdemokraten sind »doch etwas Klares, sie haben ein Prinzip; sie sind eine Menschheitsbildung, von der man weiß, was sie will und mit der man rechnen kann.«11

Diese veränderte Wahrnehmung der humanen, zivilgesellschaftlichen Bewegungen jenseits der Konfessionskirchen wird geleitet von einer vertieften Einsicht in die Bedeutung der konkreten Leibhaftigkeit des Menschen sowie der gesamten Kreatur: »Und wir als diejenigen, die das Abbild Jesu Christi geworden sind, wiederum das Ebenbild Gottes, wir dürfen der Welt das Leben bringen; und das Leben ist das Licht, ja, das Licht der Menschen. O, sie brauchen Licht, sie brauchen Licht, aber glaubet es: nicht Aufklärung: Leben, Leben, Leben! Und das Leben ist das Licht der Menschen, nicht geistige Erkenntnisse!«12 Dort, wo der Mensch »wahrhaft Mensch«, »Welt-Mensch«, »Ganz-Mensch« werde, beginne die neue Zeit und die neue Welt, die vom Himmel auf die Erde kommt. Angesichts der humanen Bewegungen seiner Zeit kann Christoph Blumhardt sogar von einer »Offenbarungszeit«13 sprechen, in der die Menschheit lebt, von einem »Vorwärts« oder von einem gewaltigen »Fortschritt«. Die Menschheit bezeichnet er nun als die Kirche14: Die Französische Revolution wird für ihn zur wahren Reformation und der kritische Internationalismus zur Christuszeit: »Es brennt auch in Europa ein Licht, man kann es nicht mehr ertragen, wenn reiche Leute Arme schinden. Heute müssen die Menschen zittern, wo eine Rohheit aufkommt. Das ist auch ein Licht. Es schlägt gewaltig an unsere Herzen: Seid Menschen!«15 Oder: »Und wir in Europa merken nicht, dass diese ganze Geschichte des Völker-Zerfleischens ein Unsinn ist, dass ein Wahnsinn mit uns spielt.«16

Diese auf ein »Vorwärts« ausgerichtete Theologie Blumhardts kann durchaus als eine spezifische Antwort auf die Kulturkrise vor dem Jahrhundertwechsel verstanden werden – ausgelöst auch durch die starke Militarisierung im deutschen Kaiserreich mit seinen unangenehmen Folgen für die breiten Schichten, die weniger mit Kapital ausgestattet waren.

Diese und viele andere Äußerungen führten Christoph Blumhardt jedenfalls in zunehmende Konflikte mit der Kirche: Friedrich von Bodelschwingh bezeichnete Blumhardts Theologie öffentlich als »Irrlehre«. Zugleich verfolgte Blumhardt im Kurhaus Bad Boll weitere Reformbestrebungen: Er wies seinen Bruder Nathanael, der den Hof betrieb, aus; dieser emigrierte mit seiner Familie nach Neuseeland. Zugleich wurde im Kurhaus eine konsequent vegetarische Ernährung eingeführt, die Blumhardt auf Grund der scharfen Proteste seiner Gäste allerdings nach einem Jahr wieder zurücknehmen musste. Es vertieften sich Beziehungen zu kritischen Theologen: zum jungen Vikar Richard Wilhelm sowie zum Schweizer Reformer und späteren Politiker Howard Eugster-Züst. Christoph Blumhardt vertritt in dieser Phase seines Wirkens die Position, dass die Beachtung der Leiblichkeit die Herausforderung seiner Zeit darstelle. Er kann sogar so weit gehen, dass er vom alles entscheidenden »Evangelium des Leibes« spricht: »Hier liegt der Punkt. Ja, ich möchte sagen: die sind alle Diebe und Mörder, die dem Volk nicht das Evangelium des Leibes verkündigen und nicht die Auferstehung für die Menschen behaupten.«17


4. 1898 bis 1903: Menschheitsliebe ist das Losungswort!

Der Stuttgarter Parteitag der Sozialdemokraten und hier insbesondere die positive Auseinandersetzung der führenden Sozialdemokraten mit dem zurückkehrenden Eduard Bernstein veranlassten Christoph Blumhardt in den Jahren 1898 und 1899, sich mehrfach in Göppingen auf Versammlungen der Sozialdemokraten zu Wort zu melden. Blumhardt wurde 1899 Parteimitglied und stellte sich zur Landtagswahl 1900 erfolgreich als Kandidat zur Verfügung. In Kontinuität zu den bisher entwickelten Positionen ging es ihm um eine Vertiefung des menschenrechtlichen Diskurses seiner Zeit: Nicht diakonische »Menschenliebe«, sondern »Menschheitsliebe« stand für ihm im Zentrum.

In diesem Zusammenhang wies er jeden Patriotismus und Nationalismus als »Blödsinn« scharf ab und wusste sich darin mit dem solidarischen Internationalismus eines Eduard Bernsteins einig. Dies verbindet ihn auch mit der Sozialdemokratie: »Jesus ist der einzige, der die Einheitsidee brachte, und die finden wir wieder im Sozialismus (Einheit der Menschen).«18

Blumhardts internationale, wir würden heute sagen, globale Perspektive sowie seine sehr frühe Ausweitung der sozialen Frage des 19. Jh. zur Menschheitsfrage im 20. Jh. machen ihn zu einem sehr interessanten Gesprächspartner bis heute. So setzte er sich als Landtagsabgeordneter an die Spitze der Bewegung, die einen radikalen Freihandel forderte. Zölle, so Blumhardt, seien kein Mittel zur Beruhigung der in der Agrarwirtschaft Tätigen, sondern ein »Beunruhigungsmittel«, »und dieses Beunruhigungsmittel werden wir uns nicht anders vom Halse bringen, als indem wir dann die Zölle wieder aufheben.«19 Daneben setzte er sich als Landtagsabgeordneter für eine nicht-konfessionell aufgestellte, aber den technisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zugewandte starke Volksschulbildung ein. Er wurde zum Spezialisten in seiner Fraktion für Fragen der Entwicklung von dezentralen Eisenbahnlinien sowie für eine Reform der Eisenbahntarife: Hinsichtlich der Organisation der Wirtschaft machte er sich andeutungsweise für eine dezentrale Wirtschaftsweise, für eine genossenschaftliche Unternehmensorganisation sowie für eine Begrenzung der Eigentumsrechte stark, um dem Profitdenken, dem Kapital »den Kopf ein wenig abzubrechen«20 und um die Rolle der arbeitenden Menschen zu verbessern.

Solange Eduard Bernstein Einfluss in der Sozialdemokratie im Sinne eines »konstruktiven Sozialismus« entfalten konnte, blieb Christoph Blumhardt dieser Partei zugewandt und verstand sie als eine Bewegung, die dem kommenden Reich Gottes den Weg bereiten kann. Mit der Zurückweisung des Revisionismus auf dem Parteitag 1903 in Dresden wandte sich Blumhardt aber stetig von den Sozialdemokraten ab und veränderte spätestens im Dezember 1903 seine Positionsbestimmung erheblich, und ebenso die Rolle, die er der Gemeinschaft in Bad Boll zuschrieb.


5. 1904 bis 1913: Vorwärts zum Zukunftsstaat!

Schon 1904 wurde gegenüber Christoph Blumhardt in Göppingen öffentlich Kritik laut: Mehrfach wurde er öffentlich als »Revisionist« gebrandmarkt; zugleich lehnte Blumhardt die Vorstellung eines »Klassenkampfes« ab und sprach eher von intensiver Vertretung der Arbeiterinteressen. Dies alles rief unter den revolutionären Kräften Widerstände hervor. Auch fraktionsintern wurde Blumhardt nahegelegt, einer anderen Fraktion beizutreten.

Dies alles führte schließlich dazu, dass er in den Jahren 1905/1906 nur noch sporadisch an den Sitzungen des Landtages teilnahm. »Ist in einer Partei Wahrheit, so hält sie sich (und so war’s bei den Sozialdemokraten), bis wieder etwas kommt, was eine noch größere Wahrheit ist.«21 Das Neue, das »noch größere Wahrheit« hat, waren für ihn nun die freien Gemeinschaften überall in der Menschheit, wo es im Konkreten zu einer zukunftsfähigen, sozialen und demokratischen Weltgesellschaft kommt: »Unsere Sache ist es, da zu bleiben, wo die Menschenfrage liegt, wo der Menschen Würde, Ehre, Wohlfahrt und Heil herausgeboren werden muss.«22

Neben der Friedensarbeit in Bad Boll gehörte für Christoph Blumhardt insbesondere die Missionstätigkeit seines Schwiegersohnes Richard Wilhelm in Tsingtau dazu, wobei sich dieser entgegen den Vorgaben der Berliner Missionsgesellschaft entschloss, keine Chinesen zu taufen, sondern stattdessen Schulen zu errichten sowie die kaiserliche, imperiale Politik in China zu kritisieren. Die Missionsarbeit werde, so Blumhardt, nicht »aus der Liebe Gottes« gespeist, sondern aus dem »Geschäftsgeist der Amerikaner«.23 Deswegen: »Alle Missionen, man mag’s treiben wie man will, werden (in) der Welt mehr und mehr etwas Überflüssiges«; Missionen seien nichts anderes als »die gehorsame Stütze aller staatlichen Einrichtungen«, die durch »Bekämpfung der heidnischen Sitten« zur »Sittenmeisterin der Europäer« mehr und mehr verkomme.24

Zugleich kritisierte Christoph Blumhardt in seinen Andachten mehrfach die deutsche Politik während des Herero-Aufstandes in Namibia genauso scharf wie die gravierende militärische Aufrüstung in Deutschland. Parallel zu seinen intensiven politischen Stellungnahmen stellte er das Kurhaus neu auf: »Wir wollen eine Gemeinschaft dieses Friedens sein, und von uns soll man nicht hören klagen und murren, verdammen und richten.«25 Das »Kommandieren« und die üblichen »Herrschaftsverwirrungen« unter den Mitarbeitenden sowie den Gästen in Bad Boll solle durch einen neuen Geist überwunden werden.

All diese Bemühungen mündeten schließlich darin ein, dass Blumhardt den Kurbetrieb im Februar 1913 in eine »Bad Boll GmbH« überführte und damit einer noch wenig etablierten Rechtsform den Boden bereitete. Er selber zog sich in die Villa Wieseneck in Jebenhausen zurück, die er zusammen mit Anna von Sprewitz 1907 erworben hatte.


6. 1913 bis 1917: Die Welt des Krieges überwinden!

Vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges setzte Christoph Blumhardt in Jebenhausen sein sozialreformerisches Werk fort, indem er die Villa Wieseneck in eine Stiftung einbrachte und die Gebäude zu einem Heim für Kinder von Arbeiterfamilien umfunktionierte. Zugleich wurde er zeitweise mit Bürgermeistertätigkeiten in Jebenhausen betraut und erweiterte die Stiftung mittels finanzieller Zuwendungen seiner Schweizer Freunde sehr erheblich. Das gesamte Anwesen in Jebenhausen bezeichnete er zusammenfassend einmal als das »kleine Bad Boll«.

Eine neue Situation stellte sich ein, als der Erste Weltkrieg begann: Mit scharfer Ablehnung und Abwehr reagierte er, als in den Kirchen Kriegspredigten an der Tagesordnung waren, sich ein Nationalstolz breit machte und der Aufruf folgte, sich der Schlacht zu stellen, aus der Deutschland als Sieger zurückkehren werde. »Heute will das Christentum wie ein Holzwurm in alle Kriegsgeschichten hinein, heute will man in die Weltgeschichte hinein, und es geht da viel Innerliches verloren. Wir müssen uns scheiden, wir müssen weg davon. Verleugne dich! Weg davon! Im Bund Gottes stehst du und nicht im Bunde mit der Welt.«26


Christoph Blumhardt wurde anders als Leonhard Ragaz, mit dem er sich in dieser Zeit sehr intensiv auseinandersetzte, kein Vertreter einer internationalen Friedensbewegung; seine Gegenüberstellung von Gott und Welt ist in dem Sinne zu verstehen, dass er die Welt kontrafaktisch neu zu qualifizieren suchte. Denn, so Blumhardt, »ein Krieg ist Sünde, ist nicht von Gott. Und so leben sie (sc. die Soldaten) in der Sünde und auch im Tode. Und es ist ein Glück, dass diese Sünde eines Krieges gleich ihr Urteil in sich hat.«27 Im »Weltkrieg« komme das »Weltböse« zum Ausdruck, damit es von oben überwunden werde.

Dem menschlichen Einsatz schreibt Blumhardt in dieser Zeit keine erlösende Bedeutung mehr zu. »Was ist der rechte Weg? Einfach der, dass wir auf das Regiment Gottes trauen, nicht auf Menschen, auch nicht auf die Waffengewalt der Menschen. Nichts von alledem! Gerechtigkeit Gottes soll in die Welt kommen und soll wieder Frieden bringen, denn das gehört auch zur Gerechtigkeit Gottes, dass es einmal wieder Frieden gibt, vielleicht den letzten!«28 Die Menschen, die gegen die Welt des Krieges aufstehen, protestieren und auf Gottes Frieden hoffen, Christen, die die Reich-Gottes-Perspektive einnehmen und die Weltgeschichte nach vorne denken, sind für Blumhardt die wahren Friedensaktivisten.

Das Ende des Ersten Weltkrieges hat Christoph Blumhardt noch erlebt, aber nicht mehr im vollen Bewusstsein: Weihnachten 1916 wurde er nämlich von einem ersten Schlaganfall getroffen, im Sommer 1917 von einem zweiten, so dass er z.T. intensiv gepflegt werden musste. Am 2.8.1919 verstarb er in seinem Haus in Jebenhausen.

Christoph Blumhardt zeigt sich zeit seines Lebens als ein durch und durch politischer Theologe, der von einem »Vorwärts« hin zum Reich Gottes, zur Allversöhnung beseelt war. Er glaubte daran, dass eine zukunftsfähige, soziale und nachhaltige Gesellschaft den stetigen Einsatz von »wahren Menschen« nötig macht, aber eben auch noch möglich ist. Blumhardts Lebenswerk ist nur zu verstehen, wenn der politische Kontext, in dem es aufsetzte, stetig Beachtung findet. Dies ist in den Versuchen, das Lebenswerk Blumhardts zu erfassen, bisher leider nicht ausreichend berücksichtigt worden – im Gegenteil: Es wurde z.B. bei Eugen Jäckh systematisch verdrängt, um einen »Heiligen« zeitlos zu halten. Christoph Blumhardt war im Kurhaus, als Politiker wie auch als politisch sensibler Prediger darum bemüht, dass der Mensch zu seinem Recht kommt – und genau damit wollte er dem Reich Gottes die Tür öffnen. Blumhardts spezifische Reich-Gottes-Hoffnung versetzte ihn in der Lage, sich den geschichtlich-politischen Phänomen seiner Zeit gegenüber kritisch zu verhalten und den imperialen Zeitgeist in Staat und Kirche in Frage zu stellen. Von einer solchen biografischen Orientierung ausgehend stellt sich dann auch die Frage, ob nicht von einer Wiederbelebung einer zeitgemäßen Reich-Gottes-Theologie inspirierende Kräfte auf eine gegenwartsorientierte ethische Theorie und Praxis in den Transformationsprozessen unserer Zeit ausgehen könnten.


Anmerkungen:

1 Ausführlich und umfassend ist Blumhardts Biografie nun dargestellt in: Jörg Hübner, Christoph Blumhardt. Prediger, Politiker, Pazifist. Eine Biografie, Leipzig 2019.

2 Andacht am 5.1.1887.

3 Ebd.

4 Brief an Pfarrer Heinrich Wolkewitz, 25.1.1892.

5 Andacht am 31.12.1893.

6 Andacht am 18.6.1893.

7 Ebd.

8 Andacht am 1.6.1893.

9 Andacht am 1.9.1892.

10 Andacht am 1.6.1888.

11 Andacht am 5.10.1894.

12 Andacht am 29.5.1897.

13 Andacht am 16.8.1897.

14 Andacht am 17.10.1897.

15 Andacht am 6.1.1898.

16 Andacht am 1.9.1895.

17 Andacht am 5.7.1896.

18 Gespräch nach der Andacht am 25.10.1900.

19 Verhandlungen der Württembergischen Kammer der Abgeordneten auf dem 35. Landtag in den Jahren 1901, Protokoll-Band I, Stuttgart 1901, 210.

20 Rede im Boller Gasthof zur Post, 4.11.1899.

21 Gespräche nach der Andacht am 1.9.1903.

22 Andacht am 27.12.1903.

23 Brief an Richard Wilhelm, 9.5.1904.

24 Brief an Richard Wilhelm, 21.3.1905.

25 Andacht am 18.4.1909.

26 Andacht am 5.9.1914.

27 Andacht am 6.6.1915.

28 Andacht am 10.7.1915.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Jörg Hübner, Jahrgang 1962, Studium der Evang. Theologie und der Philosophie in Bonn, 1992 Promotion, 1992-2013 Pfarrdienst im Rheinland, 2003 Habilitation (Syst. Theologie und Sozialethik) an der Evang.-Theol. Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, 2010 Ernennung zum apl. Professor, seit 2013 Geschäftsführender Direktor der Evang. Akademie Bad Boll; Forschungsschwerpunkte: Wirtschaftsethik, Finanzethik, Globalisierung und Nachhaltigkeit; Veröffentlichungen u.a.: »Globalisierung als Herausforderung für Theologie und Kirche« (2004), »Ethik der Freiheit. Grundlegung und Handlungsfelder einer globalen Ethik in christlicher Perspektive« (2011) und Hauptherausgeber des »Evangelischen Soziallexikons« (9. Aufl. 2016). Im Juli 2019 erscheint »Christoph Blumhardt. Prediger, Politiker, Pazifist. Eine Biografie« (Evang. Verlagsanstalt Leipzig).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2019

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