Ansätze zu einer Verortung seiner Zeit
Christoph Blumhardt – Prediger, Pazifist, Politiker

Von: Jürgen Kampmann
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Der württembergische Theologe Christoph Blumhardt (1842-1919) ist ein bis heute inspirierender Prediger, Pazifist und Politiker. Als Kurhausbesitzer in Bad Boll predigte er die Reich-Gottes-Botschaft; als einer der ersten deutschen Theologen trat er der sozialdemokratischen Partei bei und wurde württembergischer Landtagsabgeordneter. Während seines gesamten Lebens hat er den Krieg als Sünde bezeichnet, besonders auch während des Ersten Weltkriegs. Theologen wie Leonhard Ragaz und Karl Barth haben die Impulse Blumhardts in ihrer Theologie aufgenommen. Vor 100 Jahren – am 2. August 1919 – ist Christoph Blumhardt gestorben. Das ist Anlass dafür, ihn in seiner Zeit zu verorten, seine Biografie und seine Impulse in Erinnerung zu rufen. In einer Zeit, in der die aktuelle Gesellschaft ebenfalls vor gravierenden Umbrüchen und Transformationsprozessen steht, bietet Blumhardts Auseinandersetzung mit Kapitalismus, Nationalismus, den kirchlichen wie gesellschaftlichen Strukturen sowie mit den voranschreitenden Säkularisierungsprozessen seiner Zeit anregende Perspektiven auch für den gegenwärtigen Diskurs in Kirche, Gesellschaft und Politik.

Die Blumhardt-Sozietät e.V., die die Beantwortung dieser Frage zu ihrem Vereinszweck erhoben hat, führt zusammen mit der Evang. Akademie Bad Boll regelmäßig Tagungen zum Erbe Christoph Blumhardts durch. Zur Vorbereitung auf das Blumhardt-Jahr 2019 wurde es bei der Blumhardt-Tagung am 26. Oktober 2018 unternommen, in zwei aufeinander bezogenen Vorträgen Blumhardts Wirken in seine Zeit einzubeschreiben und sein Lebenswerk anhand neuen Quellenmaterials biografisch wie auch systematisch zu würdigen. Die Aufsätze von Jürgen Kampmann und Jörg Hübner bieten (in überarbeiteter Form) das in der Evang. Akademie Bad Boll zu Gehör Gebrachte dar.


1. Eine nötige Vorbemerkung

1927: »Die Botschaft beider B[lumhardts], die bei aller Verschiedenheit im einzelnen doch eine geistige Einheit bildet, ist nicht theologischem Denken entsprungen, kann deshalb auch so wenig wie die Botschaft der Bibel systematisch erfaßt werden, ohne daß ihr Gewalt angetan wird. Beide sind nicht Männer des Denkens, sondern des Lebens und Erlebens.«1

1947: »Er [Christoph Blumhardt] stand im Hintergrund, sein Pfeifchen rauchend, und vermied es, sich irgendjemand aufzudrängen. […] Und in seinem ungewöhnlichen Vertrauen zu Gott lag seine Kraft. Die Frohe Botschaft ist ja kein Marktartikel, den wir den Leuten aufschwatzen müssen. […] Und darum konnte er hinter der Sache zurücktreten – der Sache Gottes.«2

1998: »So verlieh er [Blumhardt] Bad Boll einen betont freiheitlichen Charakter und bekämpfte den pietistischen Heilsindividualismus. […] Nicht zuletzt vom Fortschrittsoptimismus seiner Zeit angeregt, verkündigte B[lumhardt] in den folgenden Jahren [nach 1894] die Diesseitigkeit des anbrechenden Reiches Gottes […]: dessen politisch-gesellschaftliche Konkretion in den sozialen zeitgesch[ichtlichen] Ereignissen. […].«3

2016: »Andere halten vor allem das Andenken des Sohnes [Blumhardt] hoch. […] Interessant ist nicht mehr die ganze Botschaft […] Hervorgehoben und verehrt wird nur noch das, was einem selber […] gefällt. […] Wenn das geschieht, muss Einspruch erhoben werden.«4


Die vier kurzen Zitate aus dem Jahrhundert nach Christoph Blumhardts Tod zeigen eine enorme Bandbreite der Interpretation seines Denkens und Wirkens an. Unter einer gleichen Überschrift schreiben Jörg Hübner und ich. Dies geschieht aber nicht, um auf diese Weise zwei Perspektiven auf Christoph Blumhardt zu entwerfen – und um dann mehr oder minder streitig zu diskutieren, welche dieser beiden Perspektiven aus welchen Gründen zur Charakterisierung von Person und Anliegen Christoph Blumhardts die angemessenere zu sein scheint. Sondern es geht uns um eine Befassung mit Person und Lebenswerk Blumhardts, die gerade nicht von der Wiege bis zur Bahre biographisch »eingespurt« ist, sondern die der Wirklichkeit Rechnung trägt, dass eine jede Lebensgeschichte Teil der allgemeinen Geschichte ist – also der Geschichte der zeitgenössischen Politik, der Ökonomie, der gesellschaftlichen und sozialen und kulturellen Prägungen wie auch der Geistes-, Kultur- und nicht zuletzt auch Kirchen- und Religionsgeschichte. Das gilt ganz unabhängig davon, ob und in welchem Maße und mit welchen Schwerpunkten, aber auch mit welchen »blinden Flecken« die betreffende Persönlichkeit, deren Konturen skizziert werden sollen, die Verhältnisse ihrer Lebenszeit reflektiert oder ignoriert bzw. zu reflektieren oder zu ignorieren versucht hat. Wir wollen uns arbeitsteilig der Aufgabe annehmen, diesen Horizont deutlich werden zu lassen. So werde ich versuchen, das zu konturieren, was die knappe Formulierung »in seiner Zeit« bedeutet, wenn von Christoph Blumhardts Wesen und Wirken die Rede ist.

In der Summe soll unser Zugriff bewusst machen, dass es bei der Befassung mit den Quellen aus Leben und Werk Christoph Blumhardts nicht damit getan ist, diverse Einblicke darein zu eröffnen, sondern dass diese Einblicke stets Überblicken darüber zugeordnet sein müssen. Dieser Ansatz soll den Versuch darstellen, trotz der erfolgenden Fokussierung auf die Aspekte »Prediger, Parlamentarier, Pazifist« bewusst einer jeglichen Engführung einer Betrachtung auf nur einzelne Aspekte entgegenwirken zu wollen. Er will jedenfalls querstehen zu einer jedweden Verzweckung der biographischen Darstellung. Pointiert könnte man das als einen dezidiert antihagiographischen Ansatz beschreiben. Doch es geht nicht um diesen Terminus, sondern um das, was methodisch eigentlich eine Selbstverständlichkeit in der historischen wie theologischen Arbeit sein müsste: Dass es zu kurz greift, eine Person charakterisieren zu wollen ohne konsequente »Erdung« im Kontext der eben nicht gleichbleibenden, sondern sich stetig wandelnden Verhältnisse.


2. Die Zeit des Christoph Blumhardt

Mit den Daten seiner Geburt am 1. Juni 1842 in Möttlingen bei Calw und seines Todes am 2. August 1919 in Jebenhausen bei Göppingen ist die sich auf 77 Jahre erstreckende irdische Lebenszeit des Christoph Blumhardt abgesteckt. Sein Lebensweg ist über sehr weite Strecken in Württemberg verlaufen, aber er ist auch über die Grenzen dieses Königreiches hinaus unterwegs gewesen – es seien hier nur Aufenthalte in Italien, Ägypten und Palästina genannt. Schon von daher hat Blumhardt auf gar keinen Fall einen Horizont gehabt, den man als »nur auf die Region begrenzt geblieben« zu beschreiben hätte. Das ist hinsichtlich einer angemessenen Beschreibung der Zeitgenossenschaft Blumhardts in Anschlag zu bringen – und ebenso, dass in den mehr als sieben Jahrzehnten, denen Blumhardt ein Zeitgenosse war, in gravierendem Umfang Veränderungen in den verschiedensten Bereichen der ihn berührenden Lebenswirklichkeit eingetreten sind – angesichts derer es nur zu überraschend wäre, sollten diese nicht sein Denken, Argumentieren und Handeln beeinflusst, weiterentwickelt und auch verändert haben. Eine heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen genügende biographische Darstellung kann und darf nicht umhinkommen, diese Entwicklungen und Wechselwirkungen deutlich zu pointieren – sprich: Das »eine«, gar »das« Blumhardt-Bild wird nicht am Abschluss der Befassung mit den Quellen stehen. Es gilt vielmehr, die zahlreichen Facetten der zeitgenössischen Entwicklung zu berücksichtigen – von denen hier nur einige in Erinnerung gerufen seien.


a) Die Facette der Politik

Christoph Blumhardt hat in seiner Lebenszeit mindestens vier voneinander abzuhebende Ären politischer »Grundkonstellationen« durchlebt – wenn man die Zeit des Vormärz bis zur schließlich scheiternden Revolution 1848/1849 in den ersten Jahren seiner Kindheit sowie das Ende der Monarchie und die Umbruchsphase hin zur Weimarer Republik ab November 1918 einmal außer Betracht lässt, da in diesen beiden Bereichen noch nicht bzw. nicht mehr mit erheblichen Ausstrahlungen auf sein Wirken zu rechnen ist. Es verbleiben aber als wesentliche Phasen

a) die Zeit von 1849 bis 1866/1871 als Arä der deutschen Vielstaatlichkeit im Schatten der preußisch-habsburgischen Konkurrenz,

b) die Jahre von 1871 bis 1888 als erste, weitgehend vom Liberalismus geprägte Ära des Zweiten Deutschen Kaiserreiches,

c) die Jahre von 1888 bis 1914 als vom imperialen Denken Kaiser Wilhelms II. bestimmter politischer Horizont – und nicht zuletzt

d) die Jahre von 1914 bis 1918 unter der von starken emotionalen Schwankungen bestimmte Epoche des Ersten Weltkrieges.

Wie außerordentlich verschieden die allgemein in Deutschland zu beobachtende Wahrnehmung der politischen Welt in den genannten Zeiträumen gewesen ist, verdeutlicht schon ein Blick auf die jeweilige politische Landkarte:

a) die territoriale Parzellierung vor Ausrufung des (Klein-)Deutschen Reiches 1871,

b) die Konsolidierung der kleindeutschen Reichswirklichkeit unter der Regierung Kaiser Wilhelms I. und des die politischen Marschrouten im Reich wie in der europäischen Außenpolitik wesentlich bestimmenden Reichskanzlers Otto von Bismarck,

c) das von Kaiser Wilhelm II. mit Intensität erstrebte »größere Deutsche Reich« unter dem Aspekt, diesem Reich in der Konkurrenz mit den anderen europäischen Großmächten unter Aufbietung großer ökonomischer und militärischer Kraft unbedingt auch einen »Platz an der Sonne« sichern zu müssen,

d) der mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges ganz schnell sich einstellende Verlust der globalen deutschen politischen Einflusssphäre und deren Ablösung durch einen ungeahnt bitteren und alle bisherigen Vorstellungen übersteigend kostspieligen Überlebenskampf, erst auf dem militärisch-ökonomischen Sektor, dann zunehmend auch im sozialen und politischen Bereich.


b) Die Facette der Ökonomie

Diese Ären wiesen auch hinsichtlich der ökonomischen Grundbedingungen durchaus weit voneinander abweichende Konstellationen auf:

a) Bis zur Gründung des Zweiten Kaiserreiches bestimmte eine trotz wachsender industrieller Kerne zumeist ökonomisch angespannte Lage die Situation – nicht zuletzt abzulesen an dem in diesen Jahren so großen Strom von Auswanderern nach Übersee, insbesondere in die USA;

b) nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871 war ein deutlicher öko­nomischer Aufschwung zu verspüren, nicht zuletzt deswegen, weil das im Krieg unterlegene Frankreich Reparationen von fünf Milliarden Francs zu leisten hatte; zu erinnern ist an die ökonomisch so positiv verlaufenden, sprichwörtlich gewordenen »Gründerjahre« und die Bismarcksche Sozialgesetzbung, die eine grundlegende soziale Sicherung für die abhängig Beschäftigten vor Krankheit, Unfall und Arbeitslosigkeit sowie eine Rentenversicherung unter Mitfinanzierung der Arbeitgeber aufbaute;

c) in der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. stellte die fortgesetzte ökonomische Prosperität dann auch die Basis dafür dar, dass nicht nur eine koloniale Expansion Deutschlands finanziert werden konnte, sondern auch militärische Aufrüstung;

d) die nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges entstehenden ökonomischen Lasten wurden aber zu einer solchen Belastung, dass sie nur durch Aufnahme von Schulden finanzierbar waren – die von breiten Teilen der ökonomisch dazu in der Lage befindlichen Bevölkerung gezeichneten Kriegsanleihen erwiesen sich indes nach Kriegsende als Totalverlust. Hinzu kamen massive Probleme der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln bis hin zum sog. »Steckrübenwinter« 1916/1917 und die auch in ökonomischer Hinsicht immensen Verluste an Arbeitskraft durch kriegsversehrte und gefallene zumeist junge Männer aus allen Schichten der Bevölkerung. Die ökonomischen Probleme, die die Umstellung der Wirtschaft auf die Kriegsbedingungen mit sich brachte, traten allerdings in ihrem tatsächlichen Gewicht erst nach Kriegsende zutage.


c) Die gesellschaftlich-kulturelle Facette

Auch die gesellschaftlich-kulturellen Akzentsetzungen wichen in den genannten Zeitfenstern erheblich voneinander ab. Der zunächst pointiert markierte bürgerlich-kapitalistische/sozialistisch-kommunistische Gegensatz setzte sich zwar über die Reichsgründung 1870/1871 hinaus in die erste Phase des Zweiten Deutschen Kaiserreiches hinein fort, trat dann aber doch dadurch zumindest ein Stück weit zurück, dass der fortdauernde Wirtschaftsliberalismus weniger in den Vordergrund rückte als ein durch wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und durch auf technischem Sektor erzielte Erfolge bestärkter Zukunftsoptimismus, gepaart mit einer nicht nur nationalen, sondern imperialen Ideologie.

Wie stark diese in breiteste Bereiche der Bevölkerung ausgestrahlt hat, ließ der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zutage treten, als der Führung im Reich die propagandistische Meisterleistung gelang, über die bestehenden gesellschaftlichen Differenzen und Abständigkeiten hinweg sehr schnell eine breite Unterstützung des Krieges bis hin in das sozialistische politisch-kulturelle Milieu hinein zu erreichen.


d) Die konfessionelle Facette

Das ist umso bemerkenswerter, als dies auch für den Sektor der Religion bzw. Konfession galt. Hier waren die zurückliegenden Jahrzehnte geprägt gewesen von einem deutlichen inneren Erstarken des Katholizismus – eine umso beachtlichere Entwicklung, als es eben besonders der Katholizismus war, der durch die Umsetzung des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 massive Verluste erlitten hatte durch die quasi entschädigungslose Enteignung von Grund und Boden wie den erzwungenen Verzicht auf die Ausübung von Landesherrschaft. Doch in den folgenden Jahrzehnten konnte der Katholizismus im deutschen Bereich dadurch an Statur gewinnen, dass es ihm nicht nur gelang, die praktizierte Volksfrömmigkeit mit neuen Impulsen zu intensivieren – etwa durch Ausbau des Wallfahrtswesens und der Marienverehrung.

Er vermochte es auch, sich im politischen Spektrum als eigene beachtliche Größe zu etablieren durch die Sammlung in der Zentrumspartei, die sich als Gegengewicht zu dem ansonsten vor 1870 weithin bestimmend erscheinenden politischen Liberalismus profilierte. Auch der innere Konflikt im Katholizismus angesichts der umstrittenen Entscheidungen des 1. Vatikanischen Konzils zur Frage des Jurisdiktionsprimates des Papstes mit der Folge der Entstehung der Altkatholischen Kirche sollte diese Entwicklung nicht dämpfen, zumal es ja quasi im Handumdrehen in der ersten Hälfte der 1870er Jahre zu den massiven Konfrontationen zwischen deutschem Katholizismus und preußischem bzw. dann alsbald insgesamt dem deutschen Staatswesen kam: Dieser »Kulturkampf« sollte dann über Jahrzehnte – weit über die unmittelbare Situation des Konflikts und seiner äußeren Befriedung im Laufe der 1880er Jahre hinaus – zu einer vertieften Abständigkeit des Katholizismus nicht nur vom Protestantismus führen, sondern auch gegenüber dem als protestantisch bestimmt empfundenen Staatswesen des Zweiten Deutschen Kaiserreiches.

Diese Abständigkeit betraf im Übrigen nicht nur die beiden Konfessionskirchen in ihrer verfassten Struktur – mit der Folge, dass es (heute unvorstellbar) quasi gar keine offiziellen, aber auch kaum informelle Kontakte zwischen den Leitungen der Landeskirchen und der Diözesen gab; dies ist auch für die Ebene der Gemeindeglieder in Anschlag zu bringen. Hier ist nicht nur auf die gravierenden Probleme hinzuweisen, die es mit sich brachte, über die Konfessionsgrenze hinweg eine Ehe zu schließen, sondern auch auf die im 19. Jh. neu etablierten Formen der lokalen und regionalen Vergemeinschaftung durch Bildung von (kirchlichen) Vereinen – zum Zwecke aller möglichen Anliegen, für die man in den Strukturen der verfassten Kirche keine hinreichende Möglichkeit oder auch Freiheit gegeben sah.

Welche Bedeutung dabei der konfessionellen Differenz und ihrer – man möchte fast sagen – »Pflege« beigemessen wurden, kann man daran ablesen, dass der die konfessionelle Eigenständigkeit des Protestantismus besonders betonende »Evangelische Bund« vor dem Ersten Weltkrieg mit mehr als 500.000 Mitgliedern über die höchste Mitgliederzahl eines evangelischen Vereins überhaupt verfügte. Und nicht nur das – selbstverständlich unterstützte man die eigenen Konfessionszugehörigen in der Dia­spora nach Kräften, sei es durch den Bonifatiusverein, sei es durch den Gustav-Adolf-Verein. Der Konfessionsgegensatz gewann dadurch eine vertiefte Bedeutung, dass er sich in verschiedener Weise verschränkte mit anderen kulturellen Entwicklungen und Einwurzelungen – genannt seien hier der nationale Aspekt wie eine Zugewandtheit zu einem als fortschrittlich verstandenen Denken in den verschiedensten Lebensbereichen: Kulturprotestantismus stand Antimodernismus entgegen, protestantischer deutscher Nationalismus einem – so der Vorwurf – romhörigen Ultramontanismus. Der konfessionelle Gegensatz ist vielleicht – bei allen Schwankungen in der Intensität – doch eine der alles in allem besonders konstanten Erscheinungen in den Jahrzehnten der Lebenszeit Christoph Blumhardts.


e) Die innerprotestantische theologische Facette

Eine durchaus ähnliche Beobachtung könnte man für den Bereich der kirchlich-theologisch in der hier interessierenden Zeitspanne geführten Debatten notieren. Auch hier zieht sich der Dissens zwischen aufgeklärt-liberalen, pietistisch-erwecklichen, »positiven« und konfessionell konservativen Positionen durch die Jahrzehnte hindurch – wobei allerdings forschungsmäßig nur sehr schwer zu erfassen ist, inwieweit die unter den universitär Gebildeten ausgefochtenen Kämpfe die Gemeindeglieder in ihrer Breite tatsächlich erreicht und in ihrem Denken und ihrer Frömmigkeitspraxis geprägt haben.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur stichwortartig an die Konflikte um die »Lichtfreunde« und Deutschkatholiken um 1850, die Auseinandersetzungen über den »Fall Schrempf« und den sog. »Apostolikumstreit« Anfang der 1890er Jahre wie auch an die Konflikte über die Pfingstbewegung im ersten Jahrzehnt des 20. Jh. – mit ihren Bezügen auch nach Württemberg. Und das breit unterstützte Engagement für die Äußere Mission brachte unvermeidlich mit sich, auch nach einer theologisch angemessenen Positionierung zu den Kulturen der indigenen Völker in Übersee fragen zu müssen – mit weit voneinander abweichenden Einschätzungen zur Frage der Begegnung »der Weißen« (insbesondere in den Kolonien) gegenüber den dort lebenden Menschen. Der Genozid an den Herero und Nama in Südwestafrika in den Jahren 1904-1907 und das hinter diesem stehende Selbstbewusstsein markiert nur die Spitze dieses »Eisbergs« an Problemen.


3. Die sich stellende Aufgabe

Diese nur rudimentäre, um vieles ergänzungsbedürftige Zusammenstellung von Aspekten, die prägende Wirkung in den Jahrzehnten des Lebens Christoph Blumhardts entfaltet haben – hier sei nur hingewiesen auf die Entwicklungen innerhalb der SPD –, macht deutlich, vor welcher Herausforderung eine Blumhardt-Biographie steht, die sich nicht damit begnügt, aus ausgewählten Zitaten mit ein paar schnellen Federstrichen ein Blumhardt-Bild zu entwerfen. Die zu leistende Arbeit geht weit über ein umfassendes Quellenstudium der Texte aus Blumhardts Feder hinaus. Sie hat zu aller­erst die sich in seinen Lebensjahrzehnten auch wandelnden Zeitläufte zu berücksichtigen und sein Denken und Wirken darin einzubeschreiben. Nicht um ein »einheitliches« Blumhardt-Bild kann es gehen, sondern ein differenziertes ist mit möglichst feinen Strichen zu skizzieren – um ihn als denjenigen erkennbar werden zu lassen, der in seiner Zeit und für seine Zeitgenossen hat wirken wollen, nicht aber für uns und unsere gegenwärtigen Interessen an ihm.


Anmerkungen:

1 Jäckh, [Eugen]: [Art.] Blumhardt, 3. Christoph. In: RGG2 1 (1927), Sp. 1153-1154; Zitat Sp. 1154.

2 Harder, Johannes: Christoph Blumhardt – eine Botschaft an die Gegenwart. Gladbeck o.J. [1947], 14.

3 Raupp, Werner: [Art.] Blumhardt, 3. Christoph Friedrich. In: RGG4 1 (1998), Sp. 1647-1648; Zitat Sp. 1647.

4 Ising, Dieter: Zum Verständnis von Blumhardt Vater und Blumhardt Sohn. Über alte Schubladen und neue Perspektiven. Masch. Manuskript 2016.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Jürgen Kampmann, Jahrgang 1958, Studium der Evang. Theologie in Münster und Basel, 1987-2006 Pfarrdienst in Ostwestfalen, 1990 Promotion, 1997 Habilitation (venia legendi für Kirchengeschichte) in Münster, dort 2002-2006 Leiter des Instituts für Westfälische Kirchengeschichte, seit 2006 Universitätsprofessor an der Evang.-Theol. Fakultät Tübingen (Lehrstuhl für Kirchenordnung und Neuere Kirchengeschichte), u.a. Mitglied des Kuratoriums der Evang. Forschungsakademie und der Württ. Landessynode; Forschungsschwerpunkte: Territorialkirchengeschichte des 19. und 20. Jh., Kirchliche Zeitgeschichte, Fragen der äußeren und inneren kirchlichen Ordnung.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2019

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