Zu Gustav Mahlers 8. Sinfonie
Ein großes Pfingstopus

Von: Sönke Remmert
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Ein Weihnachtsfest ohne Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium ist bei uns schwerlich vorstellbar. Die Fastenzeit, insbesondere die Karwoche, wird im kirchlichen Konzertkalender von der Matthäus- und der Johannespassion des Leipziger Thomaskantors geprägt. Zu Ostern gibt es zwar nicht ganz so berühmte Werke, aber etwa die Auferstehungs-Historie von Heinrich Schütz ist bemerkenswert. Umso bedauerlicher, dass es zum Pfingstfest schwerlich adäquate kirchenmusikalische Werke gibt. Sönke Remmert stellt Gustav Mahlers 8. Sinfonie als Pfingstopus vor.


Für die meisten Sonn- und Feiertage hat Johann Sebastian Bach in Leipzig musikalisch hochwertige Kantaten komponiert – und somit auch für die seinerzeit drei Pfingstfeiertage. Die barocken Erbauungstexte vermögen heute jedoch schwerlich zu zünden. Dabei ist Pfingsten als Fest der Gründung der Kirche hochaktuell – zumal es einen weltumspannenden Zusammenhalt der Menschheit feiert. Warum die Vorstellung eines Brausens vom Himmel oder von zerteilten Zungen Musiker nicht zu absoluten Höchstleistungen inspirierten, darüber kann nur spekuliert werden.

Umso dankenswerter ist, dass mit Gustav Mahlers 8. Sinfonie aus dem Beginn des 20. Jh. ein Werk vorliegt, das zwar nicht für den kirchlichen Gebrauch komponiert wurde, aber den berühmten mittelalterlichen Pfingsthymnus »Veni Creator Spiritus« (»Komm, Schöpfer Geist«) vertont. Natürlich ist diese Komposition für eine Aufführung im normalen gottesdienstlichen Rahmen zu groß besetzt und zu komplex. Da es jedoch durchaus als klingende Predigt über die Pfingstbotschaft betrachtet werden kann, wäre es lohnend, hier oder im Konfirmandenunterricht oder in Gesprächskreisen CD- oder MP3-Einspielungen dieser großartigen Musik zu bringen. Generell sind elektronische Musikeinspielungen überall dort interessant, wo eine gute Aufführung großer Kompositionen schwerlich möglich ist. Für Bearbeiter und Kirchenmusiker könnte es zudem eine spannende Aufgabe sein, von Mahlers 8. Sinfonie eine Version für Orgel und normalen gemischten Chor zu erstellen, die auch in kleineren Kirchen aufführbar sein kann.


Besonderes Verhältnis zum Christentum

Gustav Mahler war ein geborener Jude, der zum Christentum konvertierte. Ähnlich wie bei Felix Mendelssohn-Bartholdy können wir bei ihm beobachten, wie er wesentliche Botschaften des christlichen Glaubens verinnerlichte. Daran, dass so aufrichtige Christen wie Mendelssohn und Mahler in der Zeit des Nationalsozialismus boykottiert wurden, lässt sich der gesamte Widersinn der NS-Politik ablesen. Noch die Generation der deutschen Nachkriegsdirigenten wie Furtwängler, Karajan und Knappertsbusch tat sich mit Mahler schwer. Leonard Bernstein, selbst Jude, gehörte zu den großen Entdeckern dieses Komponisten. Dabei zeigte sich, dass Bernstein wohl ähnlich stark von christlichen Teilbotschaften angezogen wurde wie Mahler; denn auch etwa Beethovens »Missa Solemnis« zählt zu jenen Werken, die Bernstein mit besonderer Eindringlichkeit und Kraft dirigierte.

Was nun Mahler betrifft, so zeigt sich nicht erst in seiner 8. Sinfonie ein besonderes Verhältnis zum Christentum. Schon die 2. Sinfonie, die »Auferstehungssinfonie«, thematisiert auf hohem Niveau eine Kernbotschaft des christlichen Glaubens. Bei ihr handelt es sich, wie bei Beethovens 9. und bei Mendelssohns »Lobgesang«, um eine Sinfonie, an deren Ende die menschliche Stimme mit Worten in Erscheinung tritt. Im Schlusschor steht die österliche Botschaft von der Auferstehung der Toten im Vordergrund. Auch die 3. Sinfonie dieses Meisters und verschiedene andere seiner Werke thematisieren spirituelle christliche Themen.

Mahlers 8. Sinfonie ist ein gigantisches Werk in jeder Hinsicht. Sie dauert fast 90 Minuten. Ihr Orchester ist riesig besetzt. So werden beispielsweise eine Orgel und ein Harmonium eingesetzt. Verlangt werden zwei gemischte Chöre, ein Knabenchor und nicht weniger als acht Gesangs-Solostimmen. An der Uraufführung in München 1908, bei der u.a. Thomas Mann und Arnold Schönberg im Publikum saßen, waren über 1.000 Personen beteiligt, weshalb das Werk sogleich den Ehrennahmen »Sinfonie der Tausend« erhielt.


Goethes »Faust« als Predigt zum Pfingsthymnus

Die 8. Sinfonie von Gustav Mahler ist zweiteilig angelegt: Der erste Teil, der etwa 25 Minuten dauert (und damit in etwa so lang ist wie eine normale Bach-Kantate), verarbeitet den Pfingsthymnus »Veni Creator Spiritus«, der dem Fuldaer Bischof Rabanus Maurus (um das Jahr 1000) zugeschrieben wird. Im zweiten Abschnitt präsentiert Mahler die Schlussszene aus Goethes »Faust« – quasi als Predigt zum Pfingsthymnus. Dieser Abschnitt dauert rund eine Stunde – länger als jede vor Beethovens 9. komponierte Sinfonie insgesamt beanspruchte.

Was die Einbeziehung der menschlichen Stimme anbelangt, so geht Mahler hier noch deutlich über Beethovens Gipfelwerk und seine eigene »Auferstehungssinfonie« hinaus: Bei Beethoven, in Mendelssohns »Lobgesang«, in Liszts »Faust-Sinfonie« und beim frühen Mahler erscheint der Gesang erst nach einigen klassisch symphonischen, rein instrumentalen Sätzen. In Mahlers 8. dagegen wird gleich zu Beginn der Komposition gesungen. Wir haben es von Anfang an mit einer Mischform von Sinfonie, Kantate und Oratorium zu tun. Die Verbindung des mittelalterlichen Pfingsthymnus mit dem Schluss von Goethes »Faust« macht dieses Werk zu einem Hymnus der Liebe. Zugleich wird durch Mahlers Kombinatorik und Verarbeitungskunst der »Faust«-Schluss zu einer Predigt über das Pfingstwunder, ja, über das Wirken des Heiligen Geistes, in der moderne Strömungen wie die Feministische Theologie vorweggenommen zu sein scheinen.

An eine klassische Sinfonie erinnern vor allem die Formen der einzelnen Teile, insbesondere des ersten Abschnitts, in dem man durchaus die Umrisse einer Sonatenform mit unterschiedlichen musikalischen Themen und Durchführungen erkennen kann. Dabei sind die einzelnen Melodien in früherer Musik vorstellbar – etwa bei Mozart oder Beethoven. Die Variations- und Durchführungstechnik und vor allem die Harmonik sind aber deutlich von der Musik des späten 19. Jh., insbesondere von Liszt und Wagner, beeinflusst.



Ein Hymnus an den Menschen

Am Beginn des ersten Satzes setzt sogleich das volle Orchester mit der Orgel und dem Chor ein. Strahlend erklingen die Worte »Veni Creator Spiritus«. Wie ein Seitenthema in einer Sinfonie der Wiener Klassik wirkt die weiche Melodie, zu der die Solostimmen »imple superna gratia« anstimmen – die göttliche Gnade von oben wird beschworen. Die Vorstellung des Heiligen Geists als Schöpfer macht das Werk zum Hymnus an den Menschen. Hierfür scheint auch die Grundtonart Es-Dur zu stehen, die Beethoven mit der Schöpferkraft des Prometheus verband. Beethoven spielt ja hierauf an, indem er im Finale seiner großen Es-Dur-Sinfonie, der »Eroica«, Variationen über ein Thema aus seinem Ballett »Die Geschöpfe des Prometheus« bietet.

Mahler grundiert die »Veni Creator«-Rufe mit hellen Glockenklängen. Bei ihm spielt nun die Bitte um Erleuchtung der Sinne und um Liebe eine entscheidende Rolle. Dramatische Zwischenspiele lassen ahnen, dass um den Geist gekämpft werden muss. In manchen Passagen symbolisieren hohe Streicherklänge den Einfall des Lichts. Bei dem »Ascende lumen sensibus« (»Mach hell unsere Sinne«) erklingt zum Hauptthema ein lichter Chorruf. Man möchte bei der eindringlichen Wirkung an das »Es werde Licht« am Beginn von Joseph Haydns Oratorium »Die Schöpfung“ denken. Bei der Wiederholung des »Veni Creator Spiritus« kurz vor Satzende ist der Gedanke an die Reprise in der klassischen Sinfonie gewiss nicht abwegig – zumal bei der anschließenden Bitte um die Freuden des Himmels auch das Seitenthema zitiert wird. Wie alte Psalmvertonungen endet der Satz mit einer Art Schlussdoxologie »Gloria Patri Domino«. In dieser schwungvollen Coda bringen die Knabenstimmen quasi Engelsfarben ins Klangbild.


Opernbühne und Kanzel

Im zweiten Teil, der die Schlussszene aus Goethes »Faust« präsentiert, wird das symphonische Podium zugleich zur Opernbühne und zur Kanzel. Wir erleben einerseits das Ende eines der berühmtesten deutschen Dramen, andererseits eine Art Predigt über den Pfingsthymnus. Der Teil beginnt mit einem etwa zehnminütigen instrumentalen Abschnitt in der seltenen Tonart es-Moll. Man fühlt sich hier an den langsamen Satz einer klassischen Sinfonie erinnert – etwa an den Trauermarsch aus Beethovens »Eroica«. Aber auch der Gedanke an eine Opernouvertüre oder an ein Vorspiel zu einem Wagnerschen Musikdrama ist keineswegs abwegig. Stockende Klänge gezupfter Streicher und klagende Bläserfarben symbolisieren die Zeit ohne den Geist, ohne die Liebe. Die außerordentlich düstere es-Moll-Tonart verstärkt diesen Eindruck – Wagner setzte sie am Beginn seiner »Götterdämmerung« ein.

Der mehrmalige Quintfall, der auch in weiteren Passagen des Satzes immer wieder erscheint, erinnert an das Hauptthema des ersten Teils und damit an das »Veni Creator Spiritus«. Der Ruf nach dem Geist ist allgegenwärtig. Zunehmende Aufhellung im Orchester und in der Harmonik zeigt, dass der Ruf nicht vergeblich ist. Bei plötzlich verdüsterten Passagen sind wir nahe bei der Tonsprache Richard Wagners. Archaisierende, quasi-mittelalterlich anmutende Klänge scheinen uns in die Entstehungszeit des Pfingsthymnus einerseits, der Faust-Sage andererseits zu entführen.

Was im weiteren Verlauf von den beiden gemischten Chören, dem Knabenchor und den acht Solostimmen gesungen wird, erweist sich als Variationen über die Macht der Liebe und damit als Predigt über den Heiligen Geist. So erinnert die in der ersten Phase vom Chor stockend und ehrfürchtig gesungene Phrase »Löwen, sie schleichen stumm, freundlich um uns herum, ehren geweihter Ort, heiligen Liebesort« an die pfingstliche Vorstellung, dass ehemalige Feinde einander lieben.

Das vom Bariton »Pater Extaticus« gesungene »Ewiger Wonnebrand« erinnert an eine Liebesarie, bei der Pauken und Trompeten schon recht eindeutig den Beginn des Kopfsatzes andeuten. Der »Pater Profundus« (Bass) beschwört mit dramatischen Orchesterklängen die Macht der Liebe. Der im ersten Satz entstandene Eindruck des Knabenchors als Engelsstimmen bestätigt sich im weiteren Fortgang des Satzes. Knabenchor-Stimmen verkünden, nun wirklich als »Engel« bezeichnet, die Rettung von dem Bösen. Tänzerische Rhythmen erscheinen. Wenn ein Tenor als »Doctor Marianus« die »Höchste Herrscherin der Welt« anbetet, ist der Gedanke an Feministische Theologie nicht weit. Dies bestätigt sich, wenn das »Ewig Weibliche« kurz vor Ende des Werks beschworen wird. In der Schlussszene aus Goethes »Faust« wird die Liebe als göttliches Prinzip gesehen, was Mahler genial zu Pfingsten herausarbeitet.


Anklänge an Feministische Theologie

Wir spüren: Mahler will in seiner klingenden Pfingstpredigt ausdrücken, dass Gott nicht nur männliche Attribute hat. Musikalisch möchte man an Liebesszenen des »Tannhäuser« oder »Lohengrin« denken. Bei Passagen wie »Jungfrau rein im schönsten Sinne« ist aber auch der Gedanke an Maria präsent; immerhin fühlte sich Mahler zum Katholizismus hingezogen.

Wenn zum Chorgesang Harfenklang hinzukommt, wenn eine Sopranistin in der Rolle der »Mater Peccatrix« in ätherischen Klängen die Liebe besingt, erkennen wir in Mahler den genialen Komponisten von Orchesterliedern, wie wir ihn etwa in den Rückert- und in den »Kindertotenliedern« bewundern können. Dies gilt auch für den gemeinsamen Auftritt der drei Sopranistinnen, von denen sich die »Mater Poenitentium« als das Gretchen der »Faust«-Handlung entpuppt. In ihren Gesang mischt sich schon eindeutig das Seitenthema des ersten Teils. Es gibt einen Zusammenhang der beiden Teile. Der zweite Teil ist eindeutig eine Predigt über den ersten.

Die Zeilen des Schlusschores »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis …« hatte ein halbes Jahrhundert zuvor schon Liszt in seiner »Faust-Sinfonie« vertont, die wie Beethovens 9. erst im Finale den Chor einsetzen lässt. Bei Mahler erscheint diese Musik mystisch verklärt, bevor ganz am Ende in strahlendem Jubel eindeutig das Thema »Veni Creator Spiritus« erklingt und den Kreis dieser Sinfonie in voller vokaler und instrumentaler Besetzung schließt.

Mahler hat im Gegensatz zu anderen römisch-katholischen Komponisten des zweiten Jahrtausends nie ein Requiem, ein Magnificat, ein Stabat Mater oder eine Messe komponiert. Seine 8. Sinfonie bezeichnete er als seine Messe. Trotzdem oder gerade deshalb können wir sein Christentum als ehrlich, als authentisch betrachten. Er spult nicht einfach liturgische Texte ab (bei aller Wertschätzung für die Aufrichtigkeit und kompositorische Kunst der unterschiedlichen Meister, die zwischen dem Mittelalter und der Moderne die traditionell-liturgischen Texte genial in Töne setzten). Wie der Protestant Brahms bei seinem »Deutschen Requiem« macht sich auch Gustav Mahler bereits bei seiner Textauswahl schon Gedanken und konzipiert mit seiner 8. Sinfonie eine geniale klingende Predigt über die Liebe und den Heiligen Geist und damit über das Pfingstwunder. Es handelt sich um eine Pfingstsinfonie: ein Gipfelwerk, das einerseits durch die Grundlage seines ersten Teils gut in die Pfingstzeit passt, dessen Bedeutung aber weit darüber hinausreicht.

 

Über die Autorin / den Autor:

Sönke Remmert, Jahrgang 1963, Studium der Evang. Theologie in Marburg; Mitarbeiter in der Bibliothek der Evang. Hochschule für Kirchenmusik Bayreuth und im Evang. Dekanat Bayreuth; zahlreiche Konzertkritiken.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2019

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