Eine Perspektiventwicklung für die Stadt Erfurt
Welche Zukunft haben christlicher Glaube und evangelische Kirche?

Von: Matthias Rein
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Haben der christliche Glaube und die evangelische Kirche eine Zukunft? Und wenn ja: Welche Zukunft haben sie? Diesen Fragen stellt sich Matthias Rein exemplarisch für die kirchliche Situation in einer Stadt wie Erfurt. Seine Perspektive: Sie haben eine Zukunft, auch wenn sich die Ausdrucksformen des Glaubens und die Gestalt von Kirche wandeln.*

»Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Ehrfurcht.« (1. Petr. 3,15)

»Haben kirchliche Bestattungen noch eine Zukunft in Erfurt?« So fragte eine Zeitungsredakteurin der Thüringer Allgemeinen (TA) am 10.11.2018. Sie bereitete einen Artikel zu aktuellen Trends der Bestattungskultur in unserer Region vor. Was ist zu antworten? Der Anteil kirchlicher Beerdigung beläuft sich auf 10-15% aller Beerdigungen, Tendenz weiter rückläufig. In den Dörfern ist das anders. Das ist erfreulich.

Welche Zukunft hat der christliche Glaube, das Leben in Kirchengemeinden, die Kirche in unserer Region? Diese grundsätzliche Frage steckt hinter der Frage nach den Beerdigungen. Uns alle bewegt diese Frage. Und ich lade dazu ein, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, und will dies am Beispiel der Stadt Erfurt tun.

Wir haben in den letzten Monaten grundsätzliche Gespräche in unserem Kirchenkreis geführt, die für die Frage nach der Zukunft der Kirche in Erfurt wichtig sind:
– Was ist die Grundaufgabe der Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst, der Pfarrer*innen, der Gemeindepädagog*innen, der Kirchenmusiker*innen und Jugendmitarbeiter*innen?
– Wie gelingt die Kommunikation des Evangeliums in unseren Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen, in den Kindergärten, Jugendgruppen und Seelsorgegesprächen, in der Darstellung nach außen?
– Wo haben die einzelnen Gemeinden und Regionen ihre Arbeitsschwerpunkte?
– Was gelingt? Was läuft nicht gut?
– Welche Tendenzen gibt es im Blick auf die Gemeindegliederzahlen und auf die Finanzen?
– Wie stellen sich die einzelnen Bereiche im Verkündigungsdienst dar?
– Welche Schwerpunkte wollen wir in Zukunft setzen?
– Wie können wir die Kooperation mit den evangelischen Schulen in Erfurt intensivieren?
– Wo geht es mit der Diakonie hin?
– Wer ist bereit, ab 2019 in einem Gemeindekirchenrat mitzuarbeiten, Entscheidungen zu fällen und Verantwortung zu übernehmen?

Diese Fragen beschäftigen uns. Und wir stellen nicht nur Fragen, wir finden auch Antworten. Alle diese Fragen sind Zukunftsfragen.

Wenn es um die Zukunft geht, geht es um Grundsätzliches. Es geht um die Wahrnehmung unserer Situation als Christen, z.B. in der Region Erfurt. Es geht, darum, was den christlichen Glauben im Kern ausmacht, jetzt und in Zukunft. Und es geht um unser konkretes Tun.


1. Was kennzeichnet unsere Situation?

1.1 Wir leben in einem säkularen Umfeld

Viele Menschen können mit dem christlichen Glauben, können mit religiösen Lebensdeutungen und Ausdruckformen nichts anfangen. 14jährige, die sich konfirmieren lassen, erleben, dass sie allein sind in der Klasse. Ein Schulleiter einer Grundschule im Erfurter Wohngebiet Rieth legt seit Jahren fest, dass es in seiner Schule keine christlichen Kinder und Eltern gibt und deshalb auch keinen Religionsunterricht. Ein Verstoß gegen Recht und Gesetz. Christliche Eltern in dieser Schule haben nach großen Kämpfen durchgesetzt, dass ihre Kinder Religionsunterricht erhalten. Der Thüringer Bildungsplan fordert, dass Erzieherinnen und Erzieher in Kitas und Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen religionssensibel mit Kindern umgehen. Das gilt für Kinder aus christlichen, muslimischen, jüdischen und andersreligiösen Familien. Davon sind wir gesellschaftlich weit entfernt. Debatten um einen Moscheebau in Erfurt-Marbach zeigen u.a., wie wenig Verständnis manche Menschen für Religion überhaupt haben.

Diese Situation ist für die meisten von uns nicht neu. Aber sie ist immer wieder eine Herausforderung. Und die Unsicherheit im Umgang mit religiöser Sprache und Weltwahrnehmung reicht bis in unsere Gemeinden.


1.2 Wir sind eine Kirche in der Minderheit, eine Kirche in der Diaspora

Die Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in Europa (GEKE) hat die Lebens- und Glaubensbedingungen und das Selbstverständnis von Kirchen in der Diaspora in Europa intensiv untersucht.1 Da finde ich vieles wieder, was unseren Alltag bestimmt: die Erfahrung der Differenz zur Mehrheit in der Gesellschaft, die Erfahrung von Fremdheit, kleine Gottesdienstgemeinden in den Dörfern, Brüche in den Familien, das Gefühl, nicht verstanden zu werden und sich nicht verständlich machen zu können. Daneben aber auch die Suche nach Gemeinschaft, die Erfahrung von Wärme in der Gemeinde, die gute Vernetzung über große Distanzen hinweg und das hohe Engagement für den Glauben, für die Gemeinschaft und für die Gesellschaft.


1.3 Starke Ortsgemeinden als Schatz

Unsere Situation in Erfurt prägt, dass die Ortsgemeinden stark sind. Das gilt für die starken Innenstadtgemeinden, das gilt ganz anders auch für die kleinen Dorfgemeinschaften. Das ist ein großer Schatz und eine Ressource. Manchmal ist es auch eine Last und es verbaut Möglichkeiten.


1.4 Große Nachfragen und großes Engagement

Wir erleben eine große Nachfrage nach Plätzen in evangelischen Kindertagesstätten und in den evangelischen Schulen, auch von konfessionslosen Familien. Zugleich erleben wir aber auch, dass nur wenige Menschen bereit sind, Kirchenglieder zu werden und damit die Kirche finanziell zu tragen. Wir erleben ein großes Engagement in kirchennahen Vereinen und Stiftungen in unserem Kirchenkreis.


1.5 Wir sind als Christen und als Kirche willkommen

Und ein Letztes zur Situation: Ich nehme wahr, dass wir als Christen und als Kirche uns an vielen Stellen in der Gesellschaft engagieren können, dass wir willkommen und gefragt sind, sei es in der Diakonie, in der Bildung, auf kulturellem Gebiet, in der Dorfgemeinschaft oder im öffentlichen Leben. Allerdings geht das alles nicht von selbst. Kommunikation ist nötig, aufwändige und intensive Kommunikation. Und wir schaffen es kaum, alle diese Chancen und Möglichkeiten aufzugreifen und zu gestalten. An vielen Stellen könnten wir mehr machen, aber uns fehlen die Leute, die Kraft und die Zeit.


2. Was macht unseren Glauben im Kern aus?

Gott ist da in Christus – das ist das Zentrum unseres Glaubens. Für den Glauben ist wichtig, dass die Bedeutung dieser Aussage immer neu für mich selbst erschlossen wird: Gott ist da in Christus – das bedeutet für mich …

In Vorbereitung des Erfurter Kirchentages haben 25 Christinnen und Christen aus Erfurt diese Frage beantwortet. In ihrer Sprache, auf dem Hintergrund ihrer Lebenserfahrungen, mit ihren Bildern. So z.B. entsteht und so vollzieht sich die Kommunikation des Evangeliums. Elementar, persönlich, authentisch. Das ist, so glaube ich, unsere Hauptaufgabe, diese Kommunikation vielfältig zu gestalten. Es geht um die Ferne und die Nähe Gottes, es geht um Jesu Leben, Sterben und Auferstehen, um sein Eintreten für die Armen und Außenseiter, es geht um Nachfolge.


Drei Dimensionen, die für die Kommunikation des Evangeliums zentral wichtig sind

Erstens: Wir hören Gottes Wort in der Schrift und sinnen ihm nach. Wir beten. Wir feiern Gottesdienst. Dadurch wächst der Glaube und dadurch üben wir uns in einer spirituellen Praxis.

Zweitens: Wir erfahren Vergewisserung und neue Ausrichtung im Glauben durch die Gemeinschaft der Glaubenden. Lebendige, stärkende Gemeinschaft, das ist wichtig für den christlichen Glauben. Gute Gemeinschaft ist eine wichtige Quelle des Glaubens. Manchmal kann ich mir selbst das tröstende und hoffnungsmachende Wort Gottes nicht sagen, der/die Andere sagt es mir zu (nach Bonhoeffer). Manchmal ist mein Glaube schwach, aber der des anderen stark. Oft tut es gut, zusammen auf Gottes Wort in der Schrift zu hören, zusammen zu beten, zusammen Gott zu feiern. Gemeinschaft hat Zukunft und wir tun etwas für die Zukunft des christlichen Glaubens, wenn wir die Gemeinschaft der Glaubenden in guter Weise pflegen, stärken und entwickeln.

Drittens: Glaube geht nach außen, er bewegt Menschen dazu, sich dem Nächsten zuzuwenden, er bewegt dazu, Grenzen, auch die Grenzen der eigenen Gemeinschaft zu überschreiten, Verbündete unter den Nichtchristen zu suchen, öffentlich sichtbar zu werden.

Ich nehme fließende Grenzen wahr. Viele engagieren sich für Kirche, werden aber keine Kirchenglieder. Und dennoch, sie machen mit, sie finden Engagement in der Kirche und mit Kirche gut, sie bringen sich ein. Und manchmal entdecken wir bei diesen einen starken und tiefen Glauben. Wenn es um die Zukunft des Glaubens geht, dann sollten wir dies aufmerksam und hoffnungsvoll wahrnehmen. Zuweilen wirkt Gott im Verborgenen.

Und es geht um Grundlagen unseres Selbstverständnisses. Die Studie der GEKE spricht hier von der Herausforderung einer öffentlichen Theologie für eine Kirche in der Diaspora: Welche Relevanz, welche Geltung haben Positionen des christlichen Glaubens in der Öffentlichkeit? Können wir anderen unsere Positionen verständlich machen? Können wir sie begründen, sodass sie ein Mensch mit anderer Weltanschauung versteht? Welche Rolle spielt die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden in solchen Kommunikationsprozessen? Und das alles unter der Bedingung, dass wir als Christen, als Kirche eine gesellschaftliche Minderheit sind.

Ein Beispiel für eine aktive öffentliche Theologie ist das christliche Engagement in der Debatte um den Umgang mit Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen in unserer Gesellschaft – Stichwort Inklusion. Ein weiteres Beispiel ist unsere Haltung zur Bedeutung von religiöser Erziehung von Kindern in unserer Gesellschaft. Und die christliche Sicht zur Frage, inwiefern Religionen zur Versöhnung oder zur Entzweiung von Gesellschaften beitragen.

Wir sind als Minderheitskirche gerade in Ostdeutschland nicht mit einer offensiven Missionsstrategie im klassischen Sinn unterwegs. Wir sind als Gemeinschaft von Menschen unterwegs, die suchen, die Christus nachfolgen, und dabei mitunter unter dem Kreuz stehen und gehen. Wir erleben Gottes Wirken in der Welt, wir entdecken es und wir erzählen davon.

Der österreichische evangelische Theologe Wilhelm Dantine hat dieses Selbstverständnis von Kirche für die kleine protestantische Kirche in Österreich, eine Kirche in mehrfacher Diaspora, folgendermaßen beschrieben: »Diaspora meint eingestreut sein als Weizenkorn Gottes im zerpflügten Acker der Welt. Das Weizenkorn bringt viel Frucht, wenn es stirbt. Zukunftswillige Kirche wird sterbende Kirche. Sterbende Kirche ist hier wesentlich verstanden als jene Kirche, die sich um ihres Zeugnisses willen jeweils in den Tod begibt, weil sie nicht um ihrer selbst willen leben will. Kirche in der Nachfolge ihres Herrn ist nicht nur Kirche in der Welt, sondern Kirche für die Welt.«2


3. Die Zukunft der Kirche in Erfurt

Haben kirchliche Beerdigungen noch eine Zukunft in Erfurt? Eine spannende Frage. Wie steht es mit der Zukunft für den christlichen Glauben und mit derjenigen für evangelische Kirche in unserer Stadt?

Ich versuche, Entwicklungen an konkreten Projekten aufzuzeigen. Und ich beziehe mich auf die drei aufgezeigten Perspektiven: Kommunikation des Evangeliums, Gemeinschaft und verantwortliches Handeln und Sprechen in der Öffentlichkeit.


1. Konkrete Gestaltung der Kommunikation des Evangeliums

Dies geschieht an ganz verschiedenen Orten in unserer Stadt, u.a. in den evangelischen Kindergärten. Erzieherinnen und Erzieher, Familien, Kirchengemeinden und Verkündigungsmitarbeitende sind daran beteiligt, die Kommunikation des Evangeliums dort zu vollziehen. Wir engagieren uns dafür, dass Erzieherinnen dafür qualifiziert werden z.B. in der religionspädagogischen Fortbildung in Neudietendorf. Ca. 6-7 Erzieherinnen aus unseren Kitas nehmen solche Fortbildung im Jahr in Anspruch, das ist eine wichtige Investition in die Zukunft von Kirche.

Wir bemühen uns weiter darum, die Träger bei Geschäftsführungsaufgaben zu entlasten. Wir sollten als evangelische Kirche großes Interesse daran haben, Kitas, die demnächst neu in Erfurt entstehen, in die Trägerschaft zu übernehmen. Ich rege an, entsprechende Entwicklungen aufmerksam zu beobachten und die Frage offen zu bedenken.

Am 6. Dezember 2018 feierten wir 40 Jahre Ökumenisches Friedensgebet in der Lorenzkirche. Das ist eine große Sache. Und es gibt weitere Orte in unserer Stadt, wo sich Menschen regelmäßig zum Gebet versammeln: in der Augustinerkirche, in der Reglerkirche, in der Kaufmannskirche. Der Weltgebetstag der Frauen spielt eine große und wichtige Rolle in unseren Gemeinden. Die Allianzgebetswoche könnte mehr Unterstützung erfahren. Bei den regelmäßigen interreligiösen Dialogforen im Atrium der Erfurter Stadtwerke sprechen die Vertreter der verschiedenen Religionen Gebete. Wir beten mit unseren jüdischen Freunden Jahr für Jahr am 9. November auf dem jüdischen Friedhof. Ich glaube, wir tun etwas Wichtiges für die Zukunft des christlichen Glaubens, wenn wir das Beten üben, allein, in der Familie, in Gemeinschaft.

Wir werden als Christen auch in Zukunft Gottesdienste feiern, wir werden taufen, zum Abendmahl zusammenkommen, Menschen segnen, konfirmieren, gemeinsam Trauergottesdienste feiern. Gottesdienst feiern, das zieht viel nach sich:
– Es braucht eine Gemeinde, die sich versammelt.
– Es braucht Menschen, die für das Amt der öffentlichen Wortverkündigung qualifiziert sind.
– Es braucht angemessene Räume, sprich unsere schönen 55 Kirchen und ihre bauliche Erhaltung.
– Es braucht kompetente musikalische Gestaltung.

Gottesdienst baut und prägt Gemeinde, das wird deutlich, wenn wir das alles buchstabieren. Gottesdienst zu feiern, ist modern, lebendig und anziehend, das zeigen uns die Entwicklungen in den Freikirchen in Erfurt und beim CVJM. Gottesdienste verbinden uns mit unseren Partnern in der ganzen Welt. Und unsere Gottesdienste sind Veranstaltungen, die für alle Menschen offen, verständlich und ansprechend sein sollen.

Wir werden Gottesdienste auf der Bundesgartenschau 2021 feiern. Der Ort für die täglichen Andachten wird auf der Südseite der Peterskirche sein. Die Architekturstudenten der Erfurter Fachhochschule erarbeiten derzeit Gestaltungsvorschläge für den Andachtsort. Er wird offen einladend und spirituell konzentrierend sein. Es ist schön zu sehen, wie aufmerksam und interessiert die Studierenden diese Aufgabe annehmen. Der Glaube – mitten drin und nah bei den Menschen, der Glaube – anziehend und einladend, das Evangelium – den Blick weitend und das Herz wärmend.

Das gottesdienstliche Leben wandelt sich. Der normale Gottesdienst am Sonntag verliert Anziehungskraft, Gottesdienste zu besonderen Anlässen gewinnen Aufmerksamkeit. Sankt Martin, Heiligabend, Kirmes, Erntedank, Familiengottesdienste werden in großer Gemeinschaft gefeiert.


2. Gemeinschaft

»Ich habe meinen eigenen Glauben, ich brauche keine Kirche und keine Gemeinde für meinen Glauben«, so hört man heute immer wieder. Ich glaube, das stimmt nur bedingt. Ich erlebe, dass gute Gemeinschaft wichtig ist für den Glauben, dass sie Menschen anzieht, dass sie den Glauben stärkt. Ich nehme solche Gemeinschaft wahr in den 14 Kirchenchören im Kirchenkreis, in den 5 Posaunenchören, in den Konfi-Gruppen und Jungen Gemeinden, in den Gesprächs- und Seniorenkreisen, in den Projektgruppen und in den Gemeindekirchenräten, in den Gottesdienstgemeinden. Das wird sichtbar bei Freizeiten und Gemeindefahrten, in Bibel- und thematischen Gesprächskreisen. Wir als Kirche brauchen die Gemeinschaft von Menschen; der Glaube lebt von der Gemeinschaft. Gemeinschaft braucht ihrerseits Einsatz, Engagement und Energie. Gemeinde soll gastfreundlich und gemeinschaftsbildend sein. Dann hat sie Zukunft.

Und solche Gemeinschaft wird um des Evangeliums willen immer Grenzen überschreiten. Am 2. Februar 2019 haben wir als Kirchenkreis Vertreterinnen und Vertreter von 30 kirchennahen Vereinen und Stiftungen im Kirchenkreis Erfurt empfangen, ihnen gedankt, sie zum Austausch eingeladen und bewirtet. Es ist ermutigend zu sehen, dass es so viele Menschen im Dunstkreis von Kirche gibt, die sich im Bereich der Kirchenmusik, der Diakonie, der baulichen Erhaltung von Kirchen und Orgeln und für Kinder engagieren. Das ist ein wichtiges Zukunftsthema: Wo finden wir Partner, mit denen wir zusammen für bestimmte Themen und Projekte aktiv werden können?

Manchmal hat es solche Gemeinschaft auch schwer. Manche Kindergruppe, die sich während der Schulzeit unter der Woche trifft, ist klein geworden. Hier stellt sich die Frage, wie es mit unserer Arbeit für Kinder und Familien weitergeht. Geht es eher in Richtung Freizeit- und Projektangebote? Was passt für Kinder und Familien? Wie leben Kinder ihren Glauben und bringen ihn zum Ausdruck? Da werden wir uns weiterentwickeln, das Gute stärken und neue Wege gehen.

Gemeinschaft erleben wir auch in unserem ökumenischen Miteinander in der Stadt. Das Jahr 2017 hat da weiteres Vertrauen geschaffen und weitere gute Kooperationen ermöglicht. Sehr spannend ist die Gemeinschaft, die die Reglergemeinde und die Augustinermönche in Reglergemeindehaus und Reglerkirche miteinander erleben. Sie laden sich gegenseitig zur Abendmahlsfeier ein. Wir stehen alle etwas überrascht daneben und staunen, was da im Moment alles geht.

Und eine Gemeinschaft, an der wir unbedingt weiter arbeiten müssen, ist die in unserem diakonischen Handeln. Ich habe die Vision von einer Kultur des aufmerksamen Miteinanders zwischen Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen, von gemeindlicher und institutionell verfasster Diakonie. Da gibt es noch viel Entwicklungspotential, so mein Eindruck.


3. Kirche im öffentlichen Raum

Wir reden und handeln als Christen und als Kirche im öffentlichen Raum. Wir engagieren uns für die Belange, die aus unserer Sicht wichtig sind in unserem Gemeinwesen. Und wir bemühen uns, unsere Beweggründe öffentlich zu kommunizieren und verständlich und klar zu sein.

Ich nenne konkrete Beispiele:

– Unser Engagement für Ausländerinnen und Ausländer in Erfurt. Das beginnt bei der Unterstützung in Kitas, geht weiter über die Beratungsarbeit im Büro für ausländische Mitbürgerinnen, umfasst die Hilfsangebote in Gemeinden und reicht bis zum Kirchenasyl. Da gibt es viel zu tun und auch einiges zu erklären.

– Propst Stawenow hat etwas zu unserer Haltung als evangelischer Kirche zum Moscheebau in Marbach gesagt. Unsere Aufgabe als Kirche in Erfurt ist, mit Menschen anderen Glaubens in ein Gespräch einzutreten, sie zu verstehen, die Gemeinsamkeiten zu suchen, auch wenn wir in religiösen Dingen verschiedener Meinung sind. Und wo wir verschiedener Meinung sind, sagen wir das auch. Religionssensibel, das ist das gute Stichwort. Was wir nicht brauchen, sind geistige Kreuzzüge gegen Andersgläubige.

– Ein weiterer wichtiger öffentlicher Dienst ist die Seelsorge, die Laien und Hauptamtliche in vielfältiger Weise jeden Tag leisten. Es geht in der Familie, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, im Sportverein los und es geht weiter in Krankenhäusern, Schulen, in Notfallsituationen, mit den Gehörlosen, in der Telefonseelsorge, in die Bundeswehr hinein. Dieser Dienst gilt allen Menschen in Not. Hier geht es um Zuwendung, Hilfe und das gute, das tröstende Wort.


Es geht insgesamt um das evangelische Profil unserer Arbeit im Bereich der Bildung, der Kultur, der Diakonie, im Engagement für Demokratie, Freiheit und Sicherheit aus unserem Glauben heraus.

Die Redakteurin der TA hatte noch eine Frage gestellt. Sie lautete: Welche Angebote kann die Kirche kirchenfernen Menschen hier in Erfurt machen, die dennoch einen religiösen Aspekt in ihrer Trauerfeier wollen? Meine Antwort: Wir als Kirche freuen uns über Anfragen auch von Nichtkirchenmitgliedern zu kirchlichen Beerdigungen. Wir meinen, dass der christliche Glaube angesichts des Todes Trost und Halt gibt und erzählen davon gern. Wir sind offen für individuelle Wünsche der Familien. Erfurter Pfarrerinnen und Pfarrer sind dabei einfühlsam, zugänglich und kreativ. In einer Trauerfeier kann ein Abschnitt aus der Bibel gelesen werden, es kann geistliche Musik erklingen, wir laden ein zu einem Gebet, Lebenszusammenhänge können im Licht der christlichen Botschaft bedacht werden, die trauernde Familie kann den Segen empfangen. Und natürlich bieten wir die seelsorgliche Begleitung für Menschen in Trauer und Not an.

Haben der christliche Glaube und die evangelische Kirche in Erfurt eine Zukunft? Welche Zukunft haben sie? Sie haben eine Zukunft, auch wenn sich die Ausdrucksformen des Glaubens und die Gestalt von Kirche wandeln. Kommunikation des Evangeliums, Gemeinschaft und offensives Wirken nach außen – das ist unser Kern jetzt und auch in Zukunft: »Eingestreut als Weizenkorn Gottes im zerpflügten Acker der Welt.« Und: »Allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von uns Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in uns ist, und das mit Sanftmut und Ehrfurcht.«


Anmerkungen:

* Vortrag auf der 12. Tagung der Kreissynode des Evang. Kirchenkreises Erfurt am 17.11.2018.

1 Theologie der Diaspora: Studiendokument der GEKE zur Standortbestimmung der evangelischen Kirchen im pluralen Europa, 2018.

2 Zitiert nach der GEKE-Studie, 78.

 

Über die Autorin / den Autor:

Senior (Superintendent) Dr. Matthias Rein, Jahrgang 1964, 1985-1990 Studium der Evang. Theologie an der Universität Halle, 1990 Promotion und Vikariat, anschließend Gemeindepastor in Mecklenburg, danach Studienleiter und Rektor am Theol. Studienseminar der VELKD in Pullach, seit 2012 Senior (Superintendent) des Evang. Kirchenkreises Erfurt.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2019

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