4. August 2019, Johannes 6,30-35
7. Sonntag nach Trinitatis

Von: Klaus Schnabel
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Brot des Lebens

Der Geheime Medizinalrat Breitenbach ist gestorben. Seine Söhne ordnen den Nachlass und finden in einer Vitrine einen völlig vertrockneten harten Klumpen Brot. Die alte Haushälterin weiß noch die Geschichte dazu. In den Hungerjahren nach dem Krieg war der alte Herr todkrank, da schickte ihm ein Freund dieses halbe Brot. Doch der alte Herr dachte an die kranke Tochter des Lehrers nebenan und dass sie es nötiger brauchte als er und schickte ihr das Brot. Die Lehrersfrau gab das Brot einer alten Witwe, die im Dachgeschoss in einem Zimmer hauste. Die Witwe gab das Brot aber ihrer Tochter, die mit zwei kleinen Kindern unten im Keller wohnte. Diese junge Frau aber erinnerte sich an den alten Medizinalrat. Er hatte ihre Kinder immer wieder kostenlos behandelt, und nun lag er todkrank da oben. Das war für sie die Gelegenheit, ihm zu danken. »Wir haben es gleich wiedererkannt«, erzählte die frühere Haushälterin, »dass es das Brot war, was wir weggegeben hatten. Wir erkannten es an der Marke und an den bunten Bildchen auf dem Boden.« Tief erschüttert nimmt der Medizinalrat das Brot wieder an und legt es in die Vitrine. Zur Erinnerung, als Zeichen gegen Hoffnungslosigkeit. Das Brot hatte viele satt gemacht, ohne gegessen zu werden. Es hatte vielen Hoffnung gegeben und Vertrauen geschenkt.


Brot ist mehr

Es geht um Brot, um das Grundnahrungsmittel, um das tägliche Brot. Zugleich geht es um viel mehr. Es geht um Korn, Weizen, um das Produkt bäuerlicher Arbeit, und es geht zugleich um Leben und Heil. Das Brot, das wir brechen, ist beides: Ergebnis der Arbeit des Bäckers und zugleich Zeichen der Gegenwart Christi im Abendmahl und seiner Gemeinschaft mit uns. Ein Lebensmittel im wahrsten Sinn des Wortes und zugleich Symbol des Heils. Auch in Lebensbereichen, die nicht christlich geprägt sind, ist das nicht vergessen: Es gibt das bittere Brot der Verbannung, das Brot, das in der Fremde so schmeckt wie zu Hause und doch ganz anders. Es heißt, Kunst geht nach Brot, und darum gibt es eine brotlose Kunst, die nicht leben kann und die das Brot zum Zeichen dafür braucht, dass sie akzeptiert und angenommen ist. Wo Menschen das Brot verweigern, da verweigern sie das Leben. Darum meint Brot für die Welt auch Leben im umfassenden Sinn: Gerechtigkeit, Bildung, Frieden und eigene Entfaltung.


Jesus – Brot des Lebens

»Ich bin das Brot des Lebens.« – Der Akzent kann auf dem ersten Wort liegen. Dann sagt Jesus: »Ihr sucht viele Wege, das Leben zu genießen und satt zu werden, Anbieter gibt es genug, die euch häppchenweise oder im Überfluss sättigen wollen. Sie geben euch Brot in vielfältiger Form, sie machen auch satt. Aber sie sind wie das Manna in der Wüste: ihr braucht jeden Morgen neu davon, und das Manna von gestern ist heute verdorben.«

Der Akzent kann auch auf dem zweiten Teil dieses Satzes liegen: »Lebensbrot bin ich. Das Lebensmittel, das ihr braucht. Ich bin kein Guru, kein Betrüger, ich bin eure Lebensnahrung. Ich bringe euch keine Götterspeise, sondern mich selbst als Erfüllung eures Hungers nach Leben. Mit mir und meiner Botschaft ist Gott unter euch gegenwärtig.«


Nicht vom Brot allein

Dem Predigttext am nächsten ist jenes Wort aus der Versuchungsgeschichte (Mt. 4,4): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« Brot ist unser tägliches Lebensmittel, das man mit Blick auf Luthers Auslegung der Vater-Unser-Bitte »unser tägliches Brot gib uns heute« im Kleinen Katechismus weit über Backwaren hinaus ausweiten kann: beispielsweise eine gute Regierung und Frieden, Gesundheit und guter Rat, gutes Wetter, Ehre, gute Freunde und gute Nachbarn. Brot aber als Inhalt und Ziel unseres Lebens, als Grund unseres Glaubens und Hoffens ist Jesus selbst. Leib und Seele brauchen Liebe und Vertrauen gegen Hass und Misstrauen, Ruhe und Gelassenheit in Gottes Gegenwart. Das Lebensbrot, das Jesus selbst ist, begegnet uns immer wieder in der biblischen Botschaft.


Klaus Schnabel

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2019

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