21. Juli 2019, Matthäus 9,35-10,1(2-4)5-10
5. Sonntag nach Trinitatis

Von: Lars Hillebold
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Die Lebenspraxis der leeren Hände

hervorkommen lassen

»Unser Text gehört zu den am stärksten verdrängten der Evangelien.« (U. Luz, EKK 1990) Er ist »Provokation, Inspiration und Irritation.« (Vahrenhorst, GPM 2019) Diese Perikope bzw. die eigen-sinnige Zusammenstellung – auch das Weglassen der Jüngernamen – birgt seine eigene Herausforderung und weitet den Blick auf die, die heute noch heilen, aufwecken, reinigen. Ob die Predigerin dem in der Predigtperikope gedachten Dreischritt »Bitte um Sendung – Berufung – Aussendung« folgt oder eines davon besonders auswählt? Auffällig bleibt auf jeden Fall, dass hier schon mit »Lehren – Predigen – Heilen« (V. 9,35; 10,1; 10,7f) drei der gegenwärtigen Perspektiven kirchlichen Handelns in den Blick kommen.

Wer hinschaut, sieht, dass die »Nachfolger« mit dem »Vorläufer« im Lebensstil identisch sind; und wir sind das eben auch nicht. Man mag, wie es die Auslegungsgeschichte anbietet, die Handlungen und Sendungsgebote »symbolisch« deuten oder »evangelisch-freiheitlicher«, so als müssten wir nicht, und doch bleibt wohl die Spannung zwischen Verdrängung und Provokation, weil wir uns eingerichtet haben. Vielleicht weht der Geist ja gerade und bewusst in allen Kürzungsprozessen und Strukturveränderungen, gerade damit wir nicht das versuchen aufrecht zu halten was ist, sondern neu lernen und lehren, gegenwärtig zu predigen und zum Leben helfen?


eingeben

Dass Gott in Christus und konkretes Alltagsleben so nah beieinanderliegen, machte das frühe Christentum attraktiv: die Einheit von Bildung und Verkündigung und diakonischem Handeln. Wissen und Können und Wollen: Wir gehen hin. Wir bringen nahe, was da ist. Da kommt ein Bild von »Gemeinde« – nicht nur bei Mt. – in den Blick, das sich in konzentrischen Kreisen nicht um ein Gebäude, sondern um eine Botschaft herum sammelt. Es kommt eine »ökonomische« Sichtweise in den Blick, die kirchliches Handeln als theologische Dienstleistung versteht, in Verkündigung und Seelsorge, die »umsonst« gibt, was sie empfangen hat. Da trägt einer statt engen Gürteln weites Vertrauen. Er bringt nicht Regelungen mit, sondern Worte und Gesten und ein Vertrauen, dass das, was er tut, wirken wird – in the long run. Es wird sich erweisen: Der »theologische Dienstleistender« ist seine Speise wert und die Menschen werden sich ihm, seiner Botschaft und vielleicht auch seiner Kirche wieder, neu, anders zugehörig fühlen.


bewegen

Für den jungen Franziskus aus Assisi war der Predigttext ein wörtlicher Auftrag: Gewaltverzicht, Konsumverzicht, Gemeinsinn. Giotto und Cimabue malten ihn, Caravaggio und El Greco. Hermann Hesse und Luise Rinser schrieben Franziskus-Romane, der Katholik Olivier Messiaen widmete ihm seine einzige Oper. Politologen publizierten schon vor Jahren ein Buch über alternative Lebensformen in der Krise unter dem Titel: »Franz von Assisi. Zeitgenosse für eine andere Politik«. Und der gegenwärtige italienische Franziskus? Auch ihm wird, wie allen, die für »Kirche« stehen, aus unterschiedlichsten Motiven heraus die Frage gestellt werden: Welche Weisheiten tragt ihr in Taschen, die ihr nicht im Herzen tragen könnt? Wer die Schuhe nicht auszieht, der wird sie nicht gewaschen bekommen? Kurzum: Wer mit nichts kommt, gibt den anderen die Chance zu geben und zu wirken. Diese Lebensform Jesu geht für Mt. auf seine Nachfolger über. Jüngerleben ist Jesusleben: prophetisches Zeichen, politische Botschaft, seelsorgliche Wirkmacht. Es mag eine Form der Stellvertretung sein, dass einzelne für die ganze Kirche Zeichen radikaler Heimatlosigkeit, Gewaltlosigkeit, Armut und ganzheitlicher Verkündigung setzen. Mit all dem, was das an Demut und Unsicherheit bei uns auslöst, die wir genau das nicht tun. Ist also die Lebensform der meisten, die am Sonntag predigen werden, ein Widerspruch in sich selbst? »Wir sind Bettler« – Ist das wahr?, frage ich mich nach diesem Text einmal mehr.

Für mich bleibt es eine offene Frage. Doch sehr klar steht mir vor Augen: Eine kirchliche Lebenspraxis der leeren Hände. Ist sie die Chance, dem anderen die Möglichkeit zu lassen, mich zu beschenken? Ist sie die Geste die Hände zu reichen, ohne Bedingungen zu stellen? Ist sie kirchliches Engagement, das aus sich selbst heraus handelt für die Menschen, die zerstreut sind und in keiner Mitgliederdatei auftauchen? Sie ist für mich eine Glaubenspraxis voller Vertrauen, dass der Wert bestimmter, profilierter und transparenter Arbeit sichtbar und anderen wertvoll wird. Wie das geschehen soll? Da ist die Predigt wieder am Anfang der Perikope: umherziehen, lehren, predigen, heilen. So wird Kirche. Da bildet sich Gemeinde, in dem Moment, wo Bitte – Berufung – Sendung geschieht.


Lars Hillebold

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2019

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