7. Juli 2019, 1. Timotheus 1,12-17
3. Sonntag nach Trinitatis

Von: Peter Haigis
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Die Gebrochenheit menschlicher Existenz


Bekehrungsbiografien

Ein beliebtes Genre – vor allem in neupietistischen und evangelikalen Kreisen – sind Bekehrungsbiografien: der ehemalige Rocker der »Hells Angels«, die einstmals heroinabhängige Prostituierte, der entlassene Knastbruder, die Ex-Punkerin, der frühere Neonazi – sie alle berichten von ihrem »lästerlichen« Leben, als noch der »alte Adam«, die »alte Eva« in ihnen lebendig war, und von der Umkehr im Namen Jesu.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich bewerte das nicht. Solche Lebensläufe gibt es. Oftmals aber eignet ihnen etwas Radikales und die extreme Einstellung von einst scheint sich im Lebenswandel nach der Bekehrung widerzuspiegeln. Darin ähneln sie Paulus – aber eignen sie sich als Musterbeispiel, als Vorbild?


Selbstbespiegelungspraxis

Der ältere Pietismus hat – wenn man einmal von dem in vielerlei Hinsich genialen und seiner Zeit weit vorauseilenden Augustinus absieht – etwas Neues in die Theologie eingebracht: die theologische Gewissenserforschung. Nach der trockenen lutherischen Orthodoxie war dies auch bitter nötig: das einzelne Subjekt in seiner biografischen Erfahrung als Gegenstand theologischer Befragung zu entdecken.

Die entscheidende Frage ist aber, welche Kriterien dabei angelegt werden. Wird ein christlich-frommer Musterlebenslauf zugrunde gelegt, so stellt sich schnell eine neue Gesetzlichkeit ein und aus dem angestrebten Heiligungsprozess wird ein geistlicher Hürdenlauf.

Demgegenüber strebt Jesus eine offene und sehr individuelle Betrachtungs- und Begegnungsperspektive im Licht der Liebe und Gnade Gottes an (vgl. die Zachäuserzählung in Lk. 19).


Negative Anthropologie

Auch der Predigttext aus 1. Tim. 1 ist von Schwarz-Weiß-Überzeichnungen nicht frei: das finstere Vorher und das helle Nachher, das menschliche Minus und das göttliche Plus. Kann man erstere Differenzierung noch biografisch relativieren, so schleicht sich in der letzteren schnell ein negatives Menschenbild ein, das dogmatisch überhöht werden kann: Gott ist gut, der Mensch ist schlecht.

Ohne auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen, aber heutige Zeitgenossen sind auf ein allzu übermächtig pessimistisches Menschenbild nicht mehr ansprechbar. Zu Recht! Das macht Differenzierungen nötig: Schuld, Versagen, »Gottlosigkeit« sind umso schwerer zu benennen, wenn sie sich mit Rechtschaffenheit, konsequentem Lebensstil und alltäglicher Gottvergessenheit oder gar aufrichtigem Glauben mischen.


Sündenbekenntnisse auf der Kanzel?

Der 1. Tim. ist eine andere Gattung als die Predigt auf der Kanzel. Selbst wenn wir die literarkritische Verfasserfrage außer acht lassen und den Brief – zumindest in Auszügen – für ein authentisches Paulusdokument halten, bleibt die Frage, ob die Aufgabe der öffentlichen Evangeliumsverkündigung im Gottesdienst mit persönlichen Sündenbekenntnissen kokettieren sollte. Diese Frage zu stellen heißt, sie mit »Nein« zu beantworten. Es mag einzelne gute Beispiele für »Umkehrerfahrungen« geben, die es auch wert sind, in einer Predigt mit den Gottesdienstbesuchern geteilt zu werden. Allerdings ist auch die Peinlichkeitsschwelle schnell erreicht …


»… die Sünder selig zu machen«

Das Evangelium für diesen Sonntag steht (in der Lutherbibel fett gedruckt) in V. 15. Bei seiner Entfaltung in der Predigt kann es helfen, den »Sündenbegriff« weit zu fassen und die Gebrochenheit menschlichen Lebens insgesamt in den Blick zu nehmen: Schuld ist nur ein Aspekt, Zweifel oder Ängste sind weitere (vgl. Paul Tillich). Auch Einsamkeit oder Orientierungslosigkeit, Langeweile, Überdruss oder Oberflächlichkeit können Signaturen einer in und durch die Sünde verkrümmten und verkümmerten Existenz sein. Hier sind Heilungsperspektiven aufzuzeigen – gemäß dem Selbstbild Jesu: »die Kranken bedürfen des Arztes«.


Lieder

EG 320 »Nun laßt uns Gott den Herren« (bes. Str. 4: »Ein Arzt ist uns gegeben«)
»Gott, der da groß ist, gibt am liebsten große Gaben« (Kanon)


Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2019

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