30. Juni 2019, Jesaja 55,1-5
2. Sonntag nach Trinitatis

Von: Susanne Kreuser
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Hunger der Übersättigten


Ich schlage eine Eingrenzung des Predigttextes auf V. 1-3a vor. Dies ermöglicht, sich auf die starke und auch heute noch ansprechende Bildwelt des Textabschnittes zu konzentrieren.


Gottes Werbung

Hier drängt sich uns mit zahlreichen (acht!) Imperativen das Bild von Gott als Marktschreier auf, der sich nicht zu schade ist, seine »Ware« lautstark und in Konkurrenz zu anderen anzupreisen. Es bietet sich an, in der Predigt diese Sprechform rhetorisch aufzugreifen. Dies ist durch Nachahmen eines tatsächlichen Marktschreiers oder – in Zeiten boomenden Online-Handels – durch das Beschreiben eines verblüffenden »Pop-Up-Fensters« möglich. Verblüffend ist das Angebot nicht zuletzt, weil es die Ware der skeptischen Verbraucherin umsonst anbietet. Falls im Gottesdienst auch Abendmahl gefeiert wird, könnte der Aspekt in der Liturgie aufgenommen und christologisch aufgefangen werden: Gott setzt sich unserer Welt aus, damit wir etwas von ihm erfahren können.


Mangel trotz Überfluss

Dem Marktschreier stehen in der Szene die Passant*innen auf dem Markt gegenüber. Unter ihnen werden die ohne Geld (V. 1) und die, die sich mit selbst verdientem Geld am Handel beteiligen (V. 2), gleichermaßen angesprochen. Allen wird ein Mangel unterstellt, der eben auch durch den Konsum nicht aufgehoben wird. Wenn das Gekaufte die Bedürfnisse nicht stillen kann, wird auch die Erwerbsarbeit zum sinnlosen Abrackern. Hier gilt es herauszuarbeiten, worin der Mangel in der kapitalistischen, individualistischen und digitalen Welt besteht. Aus der folgenden Liedzeile aus »Keine Parolen« des Rappers Dendemann spricht ein dumpfes Misstrauen gegenüber dem Lebenskonstrukt, das auf Wohlstand und Rückzug ins Private basiert:
Ich bin satt geboren, mein Glas war extra voll
Keine Wünsche offen, sowas gibt’s ja wohl
Ich hab mich dem Leben ergeben und ich find mein Schicksal toll.

Gegen den Mangel, der unter der Oberfläche schwelt, stellt der Jesaja-Text lauthals die Verheißung auf wahrhaft erfülltes Leben. Gott bietet uns Erfrischung, Belebung und Genuss an. Hier überlagert sich das Wortfeld aus der Welt des Essens und Trinkens (Wasser, Wein, Milch, Köstliches) mit dem des Wortes Gottes (»neigt eure Ohren«, »höret«). Das Leben, in dem wir wirklich – real und geistig – satt sind, wird nicht für eine ferne Zukunft angekündigt. Vielmehr macht der Text mit den vielen Imperativen deutlich, dass »dieses Zukunftsbild jetzt, sofort anbrechen soll, sobald die Angesprochenen den Aufforderungen folgen, die Einladung annehmen.«1


Zur Sehnsucht eingeladen

Entgegen der These vieler Exeget*innen, dass mit dem Text das Volk Israel aus dem babylonischen Exil nach Israel heimgelockt werden soll, wird er in neueren Beiträgen meist später datiert. Der Ruf träfe dann das nachexilische Volk Israel, das sich als Provinz des persischen Großreiches zwar am alten Ort, aber unter veränderten Bedingungen neu konstituieren muss.2 In dem Fall möchte das Zukunftsbild Menschen erinnern, sich im Prozess der Erneuerung auf Altbekanntes zu besinnen. Dabei geht es aber nicht um ein lähmendes »schon immer so« – vielmehr ruft das eindringliche Angebot aus Bequemlichkeit und Phantasielosigkeit heraus.

Woran hängt es nun, ob Gottes Angebot auch angenommen wird? Zur Klärung dieser Frage könnte die Predigt der Lebenshaltung nachspüren, in der ein Mensch sich Gott gegenüber als bedürftig und angewiesen sieht. Dieser bei sich selbst empfundene Mangel entlastet vom Druck, sich ohne Sendepausen selbst zu erfinden, zu optimieren und zu vermarkten. Und er wird zu einer Sehnsucht, sich von etwas Größerem bewegen zu lassen. Dahinter steht die Annahme, dass eine wahrhaft empfundene Sehnsucht schon der Vorgeschmack auf ihr Gestillt-Werden ist. Die Vision, dass aus Gott, der Quelle des Lebens alle satt werden, bewahrt vor einem Zynismus der Übersättigten (vgl. das Zitat des Street-Art-Künstlers Banksy: »Sometimes I feel so sick at the state of the world I can’t even finish my second apple pie«). Denn das positive Gegenbild zur erlebten Welt, das Jes. uns im Namen Gottes anbietet, setzt uns in solidarische Bewegung mit allen, die einen Mangel empfinden.


Lieder

»Da wohnt ein Sehnen tief in uns« (Neue Lieder plus (Württ.) Nr. 116)
(falls Abendmahl gefeiert wird) EG 587 (Württ.) »Ich bin das Brot, lade euch ein«


Anmerkungen:

1 Uta Schmidt, Zukunftsvorstellungen in Jesaja 49-55. Eine textpragmatische Untersuchung von Kommunikation und Bildwelt, (WMANT 138) 2013, 293.

2 Vgl. z.B. Ulrich Berges/Willem Beuken, Jesaja. Eine Einführung, Göttingen 2016, 191-195.


Susanne Kreuser

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2019

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