16. Juni 2019, 2. Korinther 13,11-13
Trinitatis

Von: Herbert Dieckmann
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Erneuerte Freude am christlichen Gottesglauben


Gotteszeugnisse

»Ach, wussten Sie noch nicht, dass es gar keinen Gott gibt?«, soll einmal jemand den berühmten Evangelisten John Mott gefragt haben. »Das kann nicht sein«, habe der erwidert, »gerade eben noch habe ich mit Gott gesprochen!« Als Jugendlicher begeisterte mich Motts Schlagfertigkeit. Als kritischer Theologiestudent war mir so viel »unwissenschaftliche Naivität« peinlich. Als gealterter Prediger überzeugt mich heute, wie John Mott der modischen Gottesbestreitung geistesgegenwärtig seine persönliche Gotteserfahrung entgegensetzt: »Gott ist ein Gebet weit von uns entfernt« (Nelly Sachs).

Ein ähnliches Gotteszeugnis finde ich bei dem Astrophysiker Heino Falcke, Mitinitiator der erstmaligen Visualisierung eines »Schwarzen Lochs«. Gefragt, wie er als Wissenschaftler zugleich auch gläubiger Christ sein könne, antwortete Professor Falcke: »Es gibt zwischen Glaube und Wissenschaft mehr Parallelen, als man denken könnte. Beide suchen nach dem Grund von allem. Nur traut sich die Physik nicht, einen Schritt weiter zu gehen und die Frage nach Gott zu stellen. Ich glaube aber, dass der Mensch nicht nur aus Naturgesetzen besteht. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass da noch mehr ist. Wir haben Geist, Gefühl und Seele.« (s. SPIEGEL-Online vom 11.04.2019)


»Gott ist gegenwärtig«

Gerade das oft so wenig beachtete Trinitatisfest bekräftigt diesen »grundlegenden« Gottesglauben. Es ruft zentrale Erfahrungen mit Gott als Schöpfer, Erlöser und Heiliger allen Lebens auf und schenkt damit neue Freude am christlichen Gottesglauben wie unser Predigtwort aus 2. Kor. 13,11-13. Mit diesem sehr versöhnlichen Briefschluss beendet Paulus seine heftige Auseinandersetzung mit den Korinthern über die Bestreitung seines Apostelamts durch Paulusgegner. Dabei zeigen der Inhalt (der ganze Kern des christlichen Gottesglaubens) wie auch die besondere Struktur von 2. Kor. 13,11-13, wie leidenschaftlich der Apostel um eine Aussöhnung mit der Gemeinde ringt. Auf geschwisterlicher Augenhöhe (»Brüder« nur dreimal im 2. Kor. gegenüber 19mal im 1. Kor.) und mit dem Ziel, Freude zu wecken, ermahnt Paulus zu Erneuerung, Einigkeit und Frieden (V. 11a) und verheißt die Gegenwart des Gottes der Liebe und des Friedens in der Gemeinde als Grund und Garant ihrer Erneuerung (V. 11b).

Dabei soll die urchristliche Grußgeste des »heiligen Kusses« Einheit stiften und Frieden bewahren, was »alle Heiligen«, nämlich alle Christen, mit berührt, da in jeder Ortsgemeinde die ganze »Kirche Gottes« präsent ist (s. 1. Kor. 1,1; 2. Kor. 1,1) und insofern Streit und Versöhnung in Korinth von gesamtkirchlicher Bedeutung sind (v.12).

Seinen leidenschaftlichen Versöhnungsakt krönt Paulus mit V. 13, einem indikativischen Gnadenzuspruch, wie Thomas Schmeller betont (s. EKK VIII/2, 1. Aufl. 2015, 407): die versöhnende Gegenwart der drei göttlichen Segensgaben: Gnade Christi, Liebe Gottes und Gemeinschaft des Heiligen Geistes spricht Paulus als Apostel (1,1) und Botschafter (5,20) Christi der gesamten Gemeinde, also auch seinen Gegnern, jetzt wirksam zu.


Drei göttliche Segensgaben

In Teilhabe am apostolischen Verkündigungsamt und im festen Vertrauen auf die weiterhin wirkende Gegenwärtigkeit Gottes darf die Trinitatispredigt von 2019 aufzeigen:

– wie Christi Gnade auch heute noch zu einem Leben befreit, das Stärken und Schwächen, Lob und Tadel, Selbstanklagen und Selbstrechtfertigungen in Gottes gnädigen Händen weiß;

– wie Gottes Liebe auch heute noch uns in diese Welt und in seine Gemeinde ruft und gerade uns Namenlose, Unwichtige und Überflüssige ausdrücklich willkommen heißt;

– wie Gottes guter Geist auch heute noch gleichgültige Fremde, feindliche Konkurrenten, isolierte Vereinsamte in liebevolle Geschwister verwandelt, die nun herzlich aneinander Anteil nehmen.

Dass dabei V. 13 wirklich alles enthält, was Christen zum getrosten Leben und zum getrösteten Sterben brauchen, kann die heutige Predigt noch einmal von Helmuth James Graf von Moltke lernen: Kurz vor seiner Hinrichtung beendet er den bewegenden Abschiedsbrief an seine Frau mit diesem Gnadenzuspruch (Zitat in der sehr lesenswerten Predigt zu 2. Kor. 13,11-13 am 15.6.2014 von Wolfgang Vögele: https://predigten.evangelisch.de).


Herbert Dieckmann

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2019

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