9. Juni 2019, Johannes 14,15-19.(20-23a)23b-27
Pfingstsonntag

Von: Christiane Borchers
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Verschreckt im Haus


I

Da soll einer keine Angst kriegen: Jesus ist tot, das Leben ist sinnlos geworden. Alles, wofür Susanna, Salome und Johanna gelebt haben, ist in den wenigen Tagen, die sie in Jerusalem verbracht haben, zerstört. Jesus sollte verherrlicht und erhöht werden, sie wussten nicht genau, was sie sich darunter vorstellen sollten, aber sie hatten Verherrlichung und Erhöhung mit etwas Schönem verbunden. Jesus hatte ihnen gesagt, dass er zu seinem Vater im Himmel zurückkehren würde. Er hatte sie darauf vorbereitet, dass er nicht mehr lange bei ihnen sein würde. Dass es so schnell gehen und das Ende so schlimm sein würde, damit hatten die Frauen nicht gerechnet.

Der Empfang in Jerusalem ist beglückend und überwältigend gewesen. Der Jubel klingt ihnen noch nach, aber das fürchterliche Geschrei, das nur wenige Tage später folgte, übertönt den Jubelgesang und gellt ihnen bis heute in den Ohren. Das Ende ist grausam gewesen, so schrecklich, dass sie davon nicht sprechen können. Abgeschnitten von der Welt haben Susanna, Johanna und Salome wie in Trance die Salben am Ostermorgen angerührt. In der Frühe sind sie zum Grab geschlichen, auf der Hut, unerkannt zu bleiben. Es ist gefährlich, einen Gekreuzigten zu salben. »Verflucht ist, wer am Holz hängt«, diese Worte haben alle drei Frauen genau im Ohr. Wer am Holz hängt, ist der Verdammnis preisgegeben. Wer sich einem Gekreuzigten naht, muss mit schweren Strafen rechnen und geht ein hohes ­Risiko ein.


II

Maria Magdalena hat ein sonderbares Erlebnis im Garten gehabt. Sie hat den drei Frauen davon erzählt. Maria Magdalena ist sich sicher gewesen, dass es Jesus war, der ihr begegnet ist. Er hat sich verändert, war anders als zu seinen Lebzeiten. Aber ihr war klar, dass es Jesus war, der zu ihr sprach. Sie konnte ihn hören, spüren und in gewisser Weise auch sehen, aber sie konnte ihn nicht anfassen. Salome, Susanna und Johanna sind verwirrt gewesen, als sie das hörten. Was wäre, wenn das wahr wäre? Im Grab haben sie ihn jedenfalls nicht gefunden. Die Salben haben sie am Ostermorgen unverrichteter Dinge wieder mitgenommen.

Jetzt sind es schon 50 Tage, seitdem Jesus auferstanden sein soll; die Frauen können es nicht glauben. Ihre Furcht sind sie nicht losgeworden, sie sind nach wie vor erschüttert. Seitdem sie vom Grab glücklicherweise ohne Zwischenfälle zurückgekehrt sind, haben sie das Haus nicht mehr verlassen. Johanna und Salome sind mit zu Susanna gegangen. Keine von ihnen möchte jetzt allein sein. Sie trauen sie sich nicht mehr vor die Tür. Die Frauen sind schreckhaft geworden. Tagsüber horchen sie, ob Gefahr droht. In der Nacht schrecken sie vom kleinsten ­Geräusch hoch. Sie haben Angst vor den Soldaten.


III

»Glaubst du, dass Jesus auferstanden ist«, fragt Salome ihre beiden Freundinnen. Ein leiser Zweifel in ihrer Stimme ist nicht zu überhören. »Ich weiß es nicht«, antwortet Johanna, »ich kann mir das nicht vorstellen, wie soll das denn gehen?« »Jesus hat uns zu seinen Lebzeiten gesagt, dass er zum Vater geht«, wirft Susanna ein. »Er hat uns doch nicht belogen.« »Nein, natürlich nicht«, beschwichtigt Salome und wendet das Fladenbrot in der Asche. Die Frauen backen gemeinsam Brot, obwohl ihnen nicht nach Essen zu Mute ist. Sie sind schmal und dünnhäutig geworden, die Erlebnisse der letzten Wochen zehren an ihren Kräften.

Angst, Trauer, Wut, Verzweiflung, die Gefühle schleudern sie hin und her, sie zerreißen ihnen das Herz. Die Furcht sitzt tief, die Ungewissheit zermürbt. Was soll werden? Sie fühlen sich ohnmächtig und ausgeliefert. Was gibt Kraft? Wo ist Trost? Salome blickt in die Asche, leise erinnert sie sich: »Jesus hat doch mal gesagt: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.« »Ja, das hat er gesagt«, nickt Johanna und hebt nachdenklich den Kopf in den Himmel. Wie sehr sie Jesus liebt, Salome und Susanna ergeht es genauso. Sie haben darüber gesprochen. »Ich will gern Jesu Gebote gehalten«, schluchzt Salome, Tränen laufen ihr über die Wangen, »so sind wir Jesus nahe und leben in seinem Geist.« »Jesus hat gesagt, dass er uns nicht als Waisen zurücklassen will. Wie meint er das denn?« fragt Johanna zaghaft, »ich fühle mich eher wie eine Waise.« »Er will uns seinen Geist schicken, der soll uns trösten und unser Beistand sein, er soll uns aber auch lehren und an Jesus erinnern«, weiß Susanna, »ich erinnere mich so gern an ihn, wie er war und was er gesagt hat.« »Wenn ich mit euch über Jesus rede, hilft mir das«, sagt Salome zu ihren Freundinnen. »Das geht mir auch so. Wenn ich euch nicht hätte, wüsste ich nicht, was ich machen sollte«, ist Susanna überzeugt, »ich würde untergehen.« »Ein Glück, dass wir drei uns haben«, lächelt Johanna und nimmt die beiden in den Arm.


Lieder

EG 136 »O komm, du Geist der Wahrheit«
EG 263 »Sonne der Gerechtigkeit«
EG 395 »Vertraut den neuen Wegen«


Christiane Borchers

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

20. Sonntag nach Trinitatis
3. November 2019, 1. Mose 8,18-22; 9,12-17
Artikel lesen
»Skin in the Game«
Die Haut der Kirche zu Markte tragen
Artikel lesen
Influencer
Die neuen Vorbilder der Social-Web-Generation
Artikel lesen
19. Sonntag nach Trinitatis
27. Oktober 2019, Johannes 5,1-16
Artikel lesen
Problematischer Glaube an unendlichen Fortschritt
Warum technokratischer Optimismus theologisch zu hinterfragen ist
Artikel lesen
Reformationstag
31. Oktober 2019, 5. Mose 6,4-9
Artikel lesen
Rudolf Otto als Vordenker heutiger Theologie
Eine Würdigung zu seinem 150. Geburtstag
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!