Wie religiöse Sprache als Herrschaftsinstrument missbraucht wird
Fundamente des Glaubens?

Von: Jürgen Koch
1 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Der Kreuzerlass von Ministerpräsident Söder hat die Diskussion um die Bedeutung des Kreuzes neu angestoßen. Von verschiedenen Seiten war eingewandt worden, dass das Kreuzsymbol für politische Zwecke nicht eingesetzt werden könne. Auch als Zeichen christlicher Identität oder als Werteskala christlichen Glaubens sei das Kreuz nicht geeignet. Diese Einschätzung fand viel Zustimmung. Eine sachliche Begründung scheint mir bisher jedoch zu fehlen.

Das Kreuz weist auf den Tod Jesu hin. Im Kreuz selbst wird ein Weg zum Heil gesehen: Befreiung von Sünde, Tod und Teufel. Welch ein schreckliches Todeszeichen, das Kreuz! Kann es zugleich als Zeichen für Heil und Befreiung angesehen werden? Müsste nicht hier eine grundsätzliche Unterscheidung vorgenommen werden?


Trinitarische Machtkonstellation

Aus christlicher Tradition stammt die Bezeichnung Jesu als »Sohn Gottes«. Dieser Titel wird von dem innigen Vertrauensverhältnis Jesu zu Gott abgeleitet. Jesus hat dies Verhältnis einfach »Vater« genannt. Aus dieser Liebesbeziehung »Vater« wird nun in einer Art Rückschlussverfahren eine festgelegte, verfügbare Funktion gemacht: Vater – Sohn – Vater. Verstärkt wird die Funktion durch den Begriff »Heiliger Geist«. So entsteht ein dreifacher Zugriff auf Gott hin: Vater, Sohn, Geist, »Trinität« genannt.

Durch diese willkürliche Zusammenstellung entsteht eine Machtkonstellation ganz eigener Art. Wie oben bereits angeführt: der Tod Jesu als »Erlösung«; das Sohn-Gottes-Sein als »Erhöhung«; die Konstruktion Vater – Sohn – Geist als »Heilige Familie«. Diese Vorstellungen werden als die einzig in der Kirche gültige Wahrheit ausgewiesen. Sie sind ohne Wenn und Aber anzunehmen und verbindlich zu »glauben«. Der »so« Glaubende gerät in eine vollständige Abhängigkeit. Wer sich verweigert, wird als Ketzer gebrandmarkt, verfolgt und gegebenenfalls hingerichtet. Die Kirchengeschichte belegt vielfach diese Verfahrensweisen.

Heute ist es möglich, die kirchlichen Machenschaften ohne Risiko zu durchschauen und die »Geister zu prüfen« (vgl. 1. Joh. 4,1; Röm. 12,2). Mit einem alltäglichen Beispiel möchte ich eine Möglichkeit anbieten, die oben genannten Vorstellungen voneinander zu unterscheiden und zu prüfen: Jeder von uns hat Erfahrungen mit einer Fußgängerampel. Da steht vor uns eine Stange aus Eisen mit zwei Lichtern versehen, grün und rot. Wenn die Lichter leuchten, wird aus der Eisenstange etwas anderes. Das Material Eisenstange weist über sich hinaus in eine andere Richtung. Es wird zu einer Art Transportmittel, zu einem Zeichen, einem Hinweis: Bei Grün kannst du gehen, bei Rot solltest du stehenbleiben. Dieses Zeichen »grün/rot« wahrzunehmen kann darüber entscheiden, ob es mir im Straßenverkehr gut geht oder ob ich zu Schaden komme. Im entscheidenden Fall stehen Leben und Tod auf dem Spiel.

Nach obiger Methode ist das Kreuz als Hinweis auf den Tod Jesu einfach Material. Als solches hat es seinen Zweck erfüllt. Es kann für weitere Hinweisfunktionen nicht in Anspruch genommen werden. Aus Jesu liebevollem Verhältnis eine Bevorzugung als »Sohn Gottes« erschließen zu wollen, ist reine Spekulation. Gott bleibt auch für ihn ein geheimnisvolles, nicht fassbares Gegenüber (vgl. Mt. 27,46). Der Heiliger Geist »weht« bekanntlich, wo er will. Er ist stets tätig unterwegs und damit nicht verfügbar. Auch er ist nichts weiter als Material. Seine stete Aufgabe besteht darin, auf Gott hinzuweisen (vgl. 1. Mos. 1,2).


Verbale Instrumente der Abgrenzung und Aburteilung

Auferstehung: Wenn ich im NT das Wort Auferstehung lese, gewinne ich den Eindruck: Da wird von etwas Sicherem, Felsenfestem, einem Fundament des Glaubens gesprochen. Auch der Apostel Paulus sieht das so: »ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist ja unsere Predigt leer, leer auch euer Glaube« (1. Kor. 15,14). Auferstehung wird als Sachaussage, als ein erfassbares Geschehen, als Faktum überliefert. In christlicher Alltagssprache hört sich das heute oft so an: Glaubst du an die Auferstehung? Antwortest du darauf mit Ja, ist alles okay. Zögerst du mit der Antwort oder wagst es, Nein zu sagen, bist du kein Christ (mehr). Das Urteil ist gesprochen: »Auferstehung« als Instrument der Abgrenzung und Aburteilung?

Auch Auferstehung ist als Material zu verstehen, als Hinweis auf Jesus, den lebendigen Botschafter vom Reich Gottes und der Liebe zum Nächsten. Seine Botschaft ist auf Bewegung aus, weg vom Festgelegten, Eingegrenzten. Wenn ich mich als Hörer bzw. Leser des Evangeliums darauf einlasse, werde ich selbst etwas von der Bewegung »Auferstehung« erfahren. Voraussetzung nach den Worten Jesu ist allerdings die Bereitschaft, sich verändern zu lassen, wie es der Evangelist Matthäus mit den Worten »ändert euren Sinn« (Mt. 3,2) eindrücklich nahelegt.

Die Abendmahlsworte: Mit den Abendmahlsworten verhält es sich ähnlich wie mit dem Hinweis Auferstehung. Sie zielen auf ein Beziehungsgeschehen. Da geschieht etwas zwischen Jesus und den Glaubenden – genauer: etwas Wesentliches wird geschehen, nämlich die Wandlung. So meint Brot und Wein, als Material verstanden, die Gläubigen. Es geht um ihre Wandlung, ihre Veränderung. Wo die Glaubenden versammelt sind im Namen Jesu (vgl. Mt. 18,20), da bricht Kommunikation auf. Wo seiner gedacht wird (vgl. Lk. 22,19; 1. Kor.11,24.25), da geschieht Gemeinschaft, da ereignet sich das, was Jesus mit der Ankündigung meint: Das Reich Gottes ist nahe gekommen (vgl. Mk. 1,15; Lk. 10,9). Der Apostel Paulus umschreibt diese Bewegung mit den Worten: Zur Freiheit seid ihr berufen! (Röm. 8,21; Gal. 5,1.13). Welch eine Veränderung!


Jesus und das Leben

Auch Jesus weist mit seiner Predigt stets über sich, seine Person hinaus. Er ist weder auf die Gestalt »Erlöser« noch auf »Messias« (Christus) festzulegen, wie es die christliche Tradition überliefert. Man könnte ihn vielmehr einen wandernden Wegweiser nennen. Er geht mit uns, er begleitet uns mit seinem Wort in allen Lebenslagen. Stets gut für Überraschungen ist diese Begegnung: spannend, abenteuerlich, kritisch, vertrauensvoll, offen für Evolution, Zukunft und Vollendung. Sie ist stets frei von Beherrschung und Gewaltanwendung in jeder Form. Seine Botschaft hat etwas Fremdes an sich, nicht zu uns Gehöriges, nicht für uns Verfügbares. Sie ist uns deshalb stets voraus. Auf die Unergründlichkeit von Gottes Handeln verweisend ist sie kritischer Maßstab. Oft wird sie als Störfaktor empfunden. Sie beunruhigt Kirche und Politik – hoffentlich!

Selbst Kirche, eine Art Hilfskonstruktion, ist Material. Sie weist hin auf die Botschaft Jesu, bewahrt sie, lebt sie und gibt sie weiter. Sie sucht nach guten Wegen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Sie stellt sich den großen Fragen des Lebens. Sie sucht nach Sinn und nach Antwort. Sie schöpft aus dem Schatz ihrer Tradition – gleichermaßen Material. Das macht frei, eben nicht krampfhaft am Althergebrachten festhalten zu müssen. Neues ist zu entdecken gerade in der Vielfalt der christlichen Kirchen. Auch wenn das wahre Wesen von Kirche unsichtbar und unverfügbar ist, lebt Gott doch stets in unmittelbarer Gegenwart. Kirche sind Menschen, wir sind Kirche, qualifiziert als »Gemeinschaft der Heiligen«. Und das ist unser dreifacher »Quali«: dass wir angesprochen werden; das Hören des Wortes, das uns unmittelbar, »im Innersten« angeht; das Angestoßen- und Gewecktwerden durch das Evangelium von der Liebe und dem Wohlwollen Gottes. Daran hält der Glaube fest zum Trotz gegen alles Absurde und Böse. Widerstand, Trost und Halt werden zu glücklichen Erfahrungen. Sie stiften zum Handeln an. Die Hoffnung auf eine Vollendung des Lebens hält den Protest wach gegen die Dinge, wie sie sind.


Credo auf dem Rand eines Bierdeckels

Vor Jahren hat ein Politiker namens Merz gesagt, er könne sich vorstellen, den jährlichen Steuernachweis dem Finanzamt gegenüber so zu vereinfachen, dass er auf einem Bierdeckel Platz findet. Für meinen Hinweis auf den christlichen Glauben reicht schon der Rand eines Bierdeckels.

Zum einen ist die Botschaft Jesu derart klar, stimmig und vernünftig, dass sie von jedem Menschen verstanden werden kann. Es genügt bereits, über eines seiner Gleichnisse nachzudenken, etwa über jenes, das vom Wohlwollen des Vaters zu seinen beiden Söhnen spricht. Dieser wohlwollenden Botschaft zu trauen, zu vertrauen, zu glauben eröffnet zum andern einen Freiraum. Orientierung, Halt und Trost können sich entwickeln, dazu Widerständigkeit gegen jede Art von Herrschaft und Gewaltausübung. So entsteht Verantwortungsbewusstsein für Gerechtigkeit und Frieden. Ich kenne kein besseres Konzept!

Zugegeben: Das Bild der Ampel mag manchem zu technisch, zu kalt erscheinen. Stärker religiös vermittelnd gesprochen: In einer orthodoxen Ikone mit dem gemalten Heiligen oder Engel (Material) könnte ebenso das »Fenster zur Ewigkeit« (Hinweis) wahrgenommen werden.

Woher lebe ich – aus mir selbst? Mich sehen Menschen an. Sie sprechen mich an. Ich erlebe Ansprache und Ansehen ohne Gegenleistung, einfach so. Die besten Dinge im Leben werden mir geschenkt. Ich verdanke sie nicht mir selbst. Gott sei Dank!

Jürgen Koch 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2019

1 Kommentar zu diesem Artikel

02.06.2019
Ein Kommentar von Dr. sc. theol. Katharina Dang


Mir scheint, der Autor selbst hat Ausgrenzung erlebt, wenn ich lese, was er im 1. Absatz unter der Zwischenüberschrift "Verbale Instrumente der Abgrenzung und Aburteilung" über die Auferstehung schreibt. "In christlicher Alltagssprache hört sich das heute oft so an: Glaubst Du an die Auferstehung?...Zögerst du mit der Antwort oder wagst es, Nein zu sagen, bist Du kein Christ(mehr)." Mir ist, soweit ich mich erinnern kann, diese Frage nie gestellt worden, noch habe ich sie je als Grund für die Ausgrenzung eines anderen in der Gemeinde erlebt, wie auch die Zweifel an den anderen hier im Artikel genannten Lehren. Zweifel gehört zum Glauben, selbst einige Jünger zweifelten, als sie den Auferstandenen sahen, wie in Matth.28,1 erzählt. Zum Ausschließen und Abgrenzen von anderen in unseren Gemeinden werden nach meiner Erfahrung nicht solche theologischen Fragen benutzt. Da sind wir tolerant. Doch bin ich schon angezählt worden, weil ich als Frau Hosen trage oder wurde ich mit der Bibel in der Hand darauf hingewiesen, dass ich doch als Frau meinen Kopf zu bedecken habe. Da stehe es doch. Der Prediger einer baptistischen Gemeinde erzählte mir, dass bei ihnen das Tragen eines Schlipses als arrogant gelte. Erst dann fiel mir auf, dass die Männer dieser Gemeinde tatsächlich alle keinen Schlips tragen. Auch erzählte er mir, dass es zu einer Gemeindespaltung gekommen war, weil man sich nicht auf die Art der beim Abendmahl benutzen Kelche einigen konnte. Sicher, solche Gründe kommen eher im freikirchlichen Milieu vor, aber wie sieht es in unseren Gemeinden aus? Wer wird da warum ausgegrenzt? Es sind in der Regel lächerliche Kleinigkeiten, aber auch Konkurrenzgefühle, Überlastung, Neid und vieles mehr sehr Menschliche, was in allen Gruppen vorkommt, nur bei uns gefühlt häufiger und schmerzhafter, weil es zum Liebesgebot und Jesu Leben so gar nicht passt.

Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
»Skin in the Game«
Die Haut der Kirche zu Markte tragen
Artikel lesen
Problematischer Glaube an unendlichen Fortschritt
Warum technokratischer Optimismus theologisch zu hinterfragen ist
Artikel lesen
18. Sonntag nach Trinitatis
20. Oktober 2019, Jakobus 2,14-26
Artikel lesen
17. Sonntag nach Trinitatis
13. Oktober 2019, Josua 2,1-21
Artikel lesen
19. Sonntag nach Trinitatis
27. Oktober 2019, Johannes 5,1-16
Artikel lesen
Seismograph kirchlicher und gesellschaftlicher Entwicklung
Zwölf thesenartige ekklesiologische Perspektiven zur Evangelischen Studierendengemeinde (ESG)
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!