Fridays for Future

Von: Peter Haigis
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Ein Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Ilg, Ludwigsburg, über Jugendproteste, Klimaschutz und die Verantwortung der Kirchen.


Herr Prof. Ilg, haben Sie Verständnis für die Bewegung »Fridays for Future«?

Die heutigen Erwachsenen leben in ökologischer Hinsicht auf Kosten der zukünftigen Generationen. Dagegen regt sich – endlich! – Widerstand von denen, die aufgrund unserer Trägheit leiden werden. Ich halte die Anliegen von »Fridays for Future« für berechtigt und dringlich.

Ich hätte Verständnis, wenn den Jugendlichen das Verständnis dafür fehlt, dass wir selbst als Schüler nicht in Sachen Umweltzerstörung auf der Straße waren. Greta Thunberg ist genau 30 Jahre jünger als ich – aber die meisten Probleme, auf die sie hinweist, waren auch zu meiner Schulzeit schon bekannt.


Sollten die Jugendlichen nicht besser außerhalb der Unterrichtszeit demonstrieren?

Doch, das wäre natürlich sehr viel eleganter. Allerdings würden dann wahrscheinlich weder das Deutsche Pfarrerblatt noch andere Medien diese Aktion zur Kenntnis nehmen. Der bewusste Verstoß gegen die Schulpflicht signalisiert: Hier geht es nicht um Kosmetik, hier geht es um unsere Zukunft. Radikale Veränderungen stößt man nur durch deutliche Signale an. Sinnvoll ist, dass die Kampagne auch Aktionen in den Ferien durchführt und sich damit vom Verdacht distanziert, es gehe hier um Schuleschwänzen mit ökologischem Anstrich.

Man könnte ja einen Deal vorschlagen: Die Schüler gehen wieder ihrer Schulpflicht nach – und die Erwachsenen ihren Verpflichtungen, die sie bei der UN-Klimakonferenz in Paris feierlich versprochen (und seither zunehmend ignoriert) haben.


Es gibt Leute, die sagen, guter Unterricht in Naturwissenschaft und Technik mit kreativer Beteiligung Jugendlicher nach dem Modell »Jugend forscht« wäre die bessere Alternative zu den Demonstrationen …

Eine ziemlich bevormundende Sicht nach dem Motto: »Hier dürft ihr euch austoben, aber haltet euch bitte aus der Politik raus«. Wir haben es bei »Fridays for Future« nicht mit einer Bildungsinitiative von oben zu tun, sondern mit dem berechtigten Unmut derjenigen, gegen deren Zukunftsinteressen unsere Politik verstößt.

Ich wünschte mir, dass die Schulen die Thematik stärker auch im Unterricht aufgreifen. Die Klimafrage auf ihre wissenschaftlichen Grundlagen und mögliche Konsequenzen hin zu untersuchen – das wäre doch ein hervorragendes Thema für Naturwissenschaften, Gemeinschaftskunde und natürlich den Religionsunterricht!


Andere sagen, dass es unchristlich sei, mit der Angst vor der Zukunft Panik zu schüren wie Greta Thunberg das tut …

Wenn ein Lotse davor warnt, dass sich ein Schiff auf Kollisionskurs befindet, kann man ihm entweder Panikmache vorwerfen – oder prüfen, ob er Recht hat. Der Konsens der Wissenschaftler spricht ja eindeutig dafür, dass die Sorgen von Greta Thunberg berechtigt sind. Entspricht es nicht guter biblischer Einsicht, dass prophetische Worte zwar unangenehm, aber notwendig sind, damit sich etwas ändert?


Sind die Demonstrationen auch ein Zeichen dafür, dass mit unserer Demokratie etwas nicht stimmt, weil Entscheidungen von jahrzehntelanger Tragweite von denen getroffen werden, die deren Konsequenzen selbst nicht mehr auszutragen haben?

Die Demonstrationen zeigen jedenfalls, dass die Debatten über das Wahlrecht junger Menschen weitergeführt werden müssen. Demokratie darf nicht heißen, dass eine Mehrheit auf Kosten derjenigen lebt, die sich (noch) nicht in den Dialog einbringen können. Politik im Sinne Jesu muss der Maxime folgen: »Du sollst deine nächste Generation lieben wie deine eigene«.


Inwiefern kann die Kirche hier auch ganz praktisch eine Vorbildfunktion einnehmen?

Ich ärgere mich darüber, wenn ökologisches Bewusstsein in kirchlichen Kreisen zuweilen als eine Art Modethema verstanden wird. Wenn 30 Pfarrer in 25 Autos zum Pfarrkonvent anreisen, halte ich das für ein Zeichen mangelnder Alltagsethik und ein problematisches Signal an die Gesellschaft. Wir Pfarrer haben auch im Blick auf unser ökologisches Alltagsverhalten eine Vorbildfunktion.


Kann die Bewegung »Fridays for Future« zu einer Verstärkung des politischen Bewusstseins Jugendlicher beitragen?

Ja, und das wäre eine gute Nebenwirkung! Schließlich bewegen sich die Proteste der Jugendlichen nicht im Bereich illusionärer Forderungen, sondern verweisen auf das, was das Grundgesetz in Artikel 20a vorgibt: »Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen«.

Nach meiner Erfahrung sind für Jugendliche »die Politiker« sehr weit weg. Gut sind daher alle Formen, bei denen junge Menschen Selbstwirksamkeit spüren. Mit meinen Studierenden war ich im letzten halben Jahr zweimal im Landtag. Wenn man auf den Stühlen der Abgeordneten sitzt, spürt man, dass Politik von »ganz normalen Menschen« gestaltet wird – und dass man durchaus Einfluss auf diese Politik nehmen kann.


Welche Rolle sollte hierbei die kirchliche Jugendarbeit spielen?

Der christliche Glaube erinnert an die Verantwortung, die der Schöpfer uns für seine Welt zumutet. Dieses Wertegerüst kann man in der kirchlichen Jugendarbeit erfahren. Wenn man gleichzeitig im Kleinen merkt, dass man selbst etwas verändern kann, wird Selbstwirksamkeit erlebbar – und der Same für eine politische Grundhaltung gelegt. Ich wünsche mir, dass die kirchliche Jugendarbeit sich wieder stärker ins politische Geschäft einbringt. Und zugleich freue ich mich, auf wie viele Politiker ich treffe, die berichten, dass sie wesentliche Grundlagen ihres Handelns in der kirchlichen Jugendarbeit erlernt haben. So wie es ein Politiker (und ehemaliger Jungscharleiter) einmal gesagt hat: »Wer eine Jungschar leiten kann, kann auch ein Ministerium führen.«


Das Interview führte Peter Haigis.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Ilg, Studium der Evang. Theologie und der Psychologie, Pfarrer der Württ. Landeskirche, Professor für Jugendarbeit/Gemeindepädagogik an der Evang. Hochschule Ludwigsburg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2019

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