Anmerkungen zum philosophischen Hauptwerk Miguel de Unamunos
»Das tragische Lebensgefühl«

Von: Dieter Koch
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Miguel de Unamunos Werk »Das tragische Lebensgefühl in den Menschen wie in den ­Völkern« (1913), ursprünglich unter dem Titel »Traktat über die Liebe Gottes« konzipiert, entstand in einem rund zehn Jahre währenden Nachdenken über den unabwendbaren Konflikt zwischen Vernunft und Gefühl, Wissenschaft und Religion, Philosophie und ­Theologie. Dieter Koch stellt es hier in Grundzügen vor.*


»Ohne Dich, Jesus, werden wir nur geboren, um zu sterben;
mit Dir sterben wir, um geboren zu werden, so hast du uns erzeugt«
(aus: »Der Christus des Velásquez« [III/XXIV])


I. »Gott offenbart sich leidend uns Leidenden«

Miguel de Unamunos Werk »Das tragische Lebensgefühl in den Menschen wie in den Völkern«, ursprünglich unter dem Titel »Traktat über die Liebe Gottes« konzipiert und abgeschlossen 1912, erschien erstmals 1913 in Spanien; 1925 erfolgte eine deutsche Übersetzung. Das Werk wird oft beiläufig in gelehrten Abhandlungen zum Thema erwähnt, aber außerhalb Spaniens selten näher behandelt, geschweige denn wirklich gewürdigt.

Eine seiner leitenden Grundüberzeugungen lautet: »Vernunft und Glaube sind Feinde, von denen sich keiner ohne den anderen erhalten kann … Sie müssen sich einer auf den anderen stützen und sich miteinander verbinden. Dies aber im Kampfe« (144). Ihr korreliert die zweite Grundthese, nach der das menschliche Leben als bewusstes Leben von einem grundlegenden Widerspruch bestimmt wird, zum einen von der dem rationalen Nachsinnen unausweichlich scheinenden totalen Negation des Lebens, der umfassenden Zerstörung des Individuums im Tod, und zum andern von dem ihr fundamental entgegenstehenden Verlangen nach persönlicher Dauer, nach ewiger Fortexistenz, nach Unsterblichkeit. Das Herz verlangt danach, Ja zu sagen, der Kopf aber sagt Nein – ein nicht aufzulösender Widerspruch, weshalb gilt: »Das Leben ist eine Tragödie, und die Tragödie ist ein ständiger Kampf ohne Sieg, ohne Hoffnung auf einen Sieg, eben ein Widerspruch« (19).

Doch ist damit nicht alles gesagt, vielmehr stellt sich dieser Großessay, der seinerseits als durchdachte Fügung von Einzelessays lesbar ist, als dichterisch-denkerisches Werk dar, das inmitten des unauflösbaren Widerspruchs von Verstand und Gefühl um die Geburt eines Trostes weiß, der nicht rational demonstrierbar ist, aber existentielle Tiefen ins Wort bringt, die sich für Unamuno entscheidend verbinden mit einer Theologie, in dessen Zentrum Christus in seinem Leiden steht. »Denn Gott offenbart sich leidend uns Leidenden. Als Leidender fordert er unser Mitleid, und dem Leidenden gewährt er das seine. Er bedeckt jeden Schmerz mit seinem Schmerz der Unermeßlichkeit, der kein Ende nimmt … diese Wahrheit vom leidenden Gott … ist die innerste Offenbarung des Kosmos und seines Geheimnisses« (253f).

Diese These ist herausfordernd, beklemmend, löst einen Schauder abgrundtiefer Traurigkeit aus und doch lässt Unamuno nicht nach, uns genau durch dieses Tränental zu führen, um für das Entscheidende vorbereitet zu werden: die Geburt der Liebe. »Nur im Leid gibt es wahre Liebe« (255) – nur in der Hingabe Leben (349). »Liebe ist Mitleiden, und wie die Körper die Lust, so eint die Seelen das Leid« (172). Die Liebe entspringt dem Schmerz, dem Gefühl des Mitleids. »Geistig lieben heißt Mitleid fühlen, und wer am stärksten Mitleid fühlt, der liebt am stärksten« (173).


II. Eine kurze Orientierung über Miguel de Unamuno und sein Werk

Miguel de Unamuno, 1864 in Bilbao geboren, 1936 in Salamanca gestorben, gilt bis heute als eine der größten intellektuellen Persönlichkeiten Spaniens. Er dürfte neben José Ortega y Gasset derjenige spanische Denker sein, der noch am weitesten über Spanien hinaus in der geistigen Welt wahrgenommen wurde. Von Beruf Professor des Griechischen und Rektor der Universität Salamanca legte er als Kritiker, Lyriker, Erzähler, Dramatiker ein weitgespanntes Oeuvre vor, das sich aber nach seiner Selbstaussage als eine einzige großangelegte Beichte liest. Das Haupt der 98er-Generation teilt mit seinen Weggefährten das Streben nach einer geistigen Neugeburt des durch den Verlust der letzten Kolonialbesitzungen und nach einer jahrhundertelangen Abschottung geistig verarmten und nun traumatisierten Landes. Doch während viele seiner Generation sich sehnsüchtig nach Europa ausstrecken, sucht Unamuno nach dem bleibend Spanischen, der hispanidad.

Einer allzu oberflächlichen Selbstauslieferung an die durch Aufklärung und Wissenschaft stark positivistisch ausgerichtete Denkwelt stellt er die Unersetzbarkeit echten Glaubens gegenüber. Die spanische Mystik ist ihm dabei eine große Stütze. Dem Adelante (Vorwärts!) der Modernisten ruft er sein Adentro (Nach innen!) entgegen. Dabei aber geht er, selbst stark durch den Konflikt zwischen Ratio und religiösem Gefühl herausgefordert, neue Denkwege. Er seziert seine eigenen Strebungen, Gefühle, Überzeugungen und erkennt in der Prägung des theistischen Denkens durch Dogma und Metaphysik eine den Glauben abwürgende Fessel. Religion statt Theologie – wird zur Devise. Den Glauben als Vertrauensmacht wiederzugewinnen gegen seine Auslieferung an die Unterwerfung fordernden Denkformen, wird zur Leidenschaft. Unamuno seziert und provoziert. Er sieht sich als Laienprediger, geradezu getrieben, alle Illusionen des Denkens aufzudecken und die Pseudogestalten, wenn nicht Götzenbilder, die in Wissenschaft oder Kirche die Wahrheit niederzuhalten suchen, zu entlarven. Damit macht man sich selten Freunde. Dazu treten persönlich durchlittene Qualen, sich immer neu zwischen Skepsis, Verzweiflung und Glauben hin- und hergeworfen zu erleben. Eine tiefe Unruhe durchzieht alle seine Beiträge.

Vieles, was aus seiner Feder fließt, ist durchstimmt von Traurigkeit und Einsamkeit (soledad)und zugleich von einem nie endenden Durst nach Gott. Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben! (Mk. 9,24) – dieser Herzensschrei einer gequälten Vaterseele, aus der evangelischen Geschichte um einen mondsüchtigen Knaben, wird zum zentralen Referenztext.

Meisterhaft gelingt es ihm, dies erzählerisch in der späten, aus dem Jahr 1932 stammenden Erzählung »San Manuel Bueno, mártir« zu gestalten – der Höhepunkt seines Schaffens. Sie zeichnet einen hingebungsvollen Priester, der alles gibt, um die ihm anvertraute Pfarrgemeinde aus allen verfügbaren Quellen der Kirche zu trösten, sich selber aber aus dem Glauben hinausgeworfen erfährt – und dabei doch, so scheint es, aus Tiefenquellen lebt, aus einem gottgeschenkten Vertrauen, das sich aber für sich selbst nicht mehr in den überlieferten Gestalten wiederfinden kann und dabei doch Gott so nahe ist – jenseits des Dogmas, jenseits des Ritus, in einem Schweigen über Schweigen, jenseits aller Worte, aller Mythen. Immer wenn die Gemeinde beim Credo zum Bekenntnis der Auferstehung kommt, verstummt er. Nur noch die Gemeinde spricht und betet für ihn. Er lässt sich tragen. Er lebt im Glauben.

In dieser Erzählung gibt Unamuno ein herausragendes Portrait seiner Gottsuche zwischen Glaubensverlust und Glaubenswiederkehr. In seinem philosophischen Hauptwerk »Das tragische Lebensgefühl« suchte er seinen existentiellen Suchbewegungen eine rationale Ausdrucksform zu geben. Er dekonstruiert die neuscholastisch geprägte Metaphysik seiner Zeit und zielt dabei zugleich argumentativ auf die geistige Entfesselung der Offenbarung, die einen Namen hat: Jesus Christus. »Ein einziger Name befriedigt uns, und dieser Name ist Christus, Erlöser. Gott ist die erlösende Liebe« (231). Das hat die katholische Kirche nicht abgehalten, diese Schrift und ihre Wiederaufnahme in dem Werk »Die Agonie des Christentums« aus dem Jahr 1925 ausdrücklich auf den Index der verbotenen Bücher zu setzen und Unamuno als Zerstörer des katholischen Glaubens zu brandmarken.


III. Der Konflikt zwischen Ratio und Gefühl

Unamunos zentrales Werk ist in 12, bis auf das Schlusskapitel in etwa gleichlange, Kapitel eingeteilt. Die ersten 6 Kapitel decken die unabwendbare Tragik des menschlichen Lebens auf, den unlösbaren Konflikt zwischen Vernunft und Gefühl. Der zweite Teil wird zur Einweisung in die geistige Liebe. Unamuno legt eine dichterische Mystagogie in die Quellen der geistigen Tröstung vor, wie sie sich für ihn in der Meditation des leidenden Christus erschließen.

Unamuno will nicht darlegen, er will reizen, wider den Stachel löcken, um Seelen aus dem Todesschlaf zu erwecken, zu dem Wissenschaftsglauben oder Kirchenglauben verlocken. Seine Denkversuche charakterisiert er selbst am Ende dieser Schrift als »Improvisation, aus jahrelang gesammelten Aufzeichnungen« hervorgegangen, »voll innerer Widersprüche« und »mit fremden Zitaten überladen« (369), spricht von »Träumen, den Grillen eines Mystikers« (376). Er nennt seinen Großessay selbst »ungeordnet« (199), einen Zickzacklauf wirrer Träume, »wahre Todessprünge des Gedankens« (161).

Beeindruckend sind seine geistigen Gesprächspartner. Unamunos Belesenheit ist sensationell, zugleich aber ist es leicht, ihm vorzuhalten, wie er rücksichtlos einzelne Gedanken der großen Denker vermischt mit Zitaten aus der Welt der Poesie. Unter allen Autoren kommt Kierkegaard eine Vorzugstellung zu, ihm fühlt er sich sehr verwandt. Kant und Spinoza sind allen anderen voraus seine philosophischen Gewährsmänner, in der Dichtung insbesondere Leopardi. William James ist sein Begleiter. Dessen pragmatische Philosophie und die mit ihr verbundene Selbstbeschränkung der Vernunft wie seine Schrift »Der Wille zum Glauben« formulieren Leitgedanken, wenn auch in gänzlich anderem Stil, die für Unamuno sehr wichtig sind.

Im ersten Kapitel, betitelt »Der Mensch aus Fleisch und Blut« stellt er das abstrakte Denken dem konkreten Fühlen und Sinnen gegenüber. Mag die Abstraktion Welten zeichnen, so verlangt der konkrete Mensch nach Leben, nach lebendigem Vollzug, nach vollgültigem Werden seiner Persönlichkeit und verlangt nach seiner Fortdauer. Spinozas Ethik entnimmt er die philosophische Gestaltung dieses existentiellen Verlangens: »Ein jedes Ding strebt, insofern es auf sich selbst beruht, auch in diesem Sein zu beharren« (9/EthII/6). Die Kraft, mit der ein jedes Ding sein eigenes Sein zu bewahren sucht, ist nichts anderes als eben die tätige Wesenheit dieses Dinges« (9/EthII/7). Und schließlich der allerentscheidendste Satz Spinozas für Unamuno: »Conatus, quo unaqueque res in suo esse perserverare conatur, nullum tempus finitum, sed infinitum involvit« (EthII/8): »›Die Kraft, mit der ein jegliches Ding auf seinem Sein zu beharren trachtet, ist nicht zeitlich begrenzt, sie ist unbegrenzt‹. Gemeint ist, daß du, ich und Spinoza, wir alle niemals sterben wollen, daß dieser Instinkt der Unsterblichkeit auch unsere lebendige gegenwärtige Kraft ist« (9f).

Was aber, wenn nun doch unabweisbar ist, dass wir sterben, dass wir alle in die Grube fahren müssen, dass der Leib sich zersetzt, all das Fühlen, Denken, Tun und Lassen sich in Nichts auflöst, eine Generation der nächsten folgt auf dem Weg in die undurchdringliche Dunkelheit. Der Lebenswille widersetzt sich dem Tod. Die kalte Logik der Wissenschaft, ihr materialistisch gebundenes Denken dient dem Tod, bestreitet den unersetzbaren Wert meiner Individualität. Sie reduziert die Seele, ihrer Methodik konsequent folgend, zu einem Epiphänomen physikalisch-chemischer Prozesse. Doch wie Unamuno zum Abschluss dieses ersten Teils höchst subjektiv formuliert: »Ob nun mit oder gegen die Vernunft – ich habe keine Lust zum Sterben« (166); vielmehr ist in mir – und damit komme ich wieder auf das Eingangskapitel zurück – ein unersättlicher Hunger nach Sein, ja ein absoluter Hunger nach Gott.

Sollte dies eine Täuschung sein, eine stete Selbsttäuschung des Bewusstseins? Was ist das Fundament dieses heftigen Lebenstriebs, dieses Hungers nach persönlicher Fortdauer? Woher kommt der Durst nach Unsterblichkeit? Unamuno versucht sich allen Reduktionsbewegungen des Menschlichen auf eine bloße Variation tierischer Existenz zu widersetzen. Er sieht sie als radikalen Angriff auf unsere konstitutive geistige Bestimmtheit: »Eternity! Ewigkeit! Dieses ist unser Streben; der Durst nach Ewigkeit ist es, den die Menschen unter sich Liebe nennen. Wer liebt, der will sich in dem andern verewigen« (50f). »O Sein, immer Sein, Sein ohne je aufzuhören! Durst nach Sein, Durst nach mehr Sein! Immer zu sein! Gott zu sein!« (52). Es ist zuerst nur ein Schrei. »Aus dem Abgrund des Gefühls unserer Sterblichkeit steigen wir, (nur diese Stimme!) an das Licht eines neuen Himmels« (54). Das Herz kann sich nicht beruhigen: »Nein, nicht in das große All, in die unendliche Materie oder das unendliche Kraftfeld der Ewigkeit wünsche ich aufzugehen und auch nicht in Gott« (59). Die Seele verlangt nach einem Bürgen ihrer Unsterblichkeit.

Der Ratio aber erscheint all dies als leeres, sinnloses Stöhnen. Der Konflikt zwischen Vernunft und Gefühl ist unaufhebbar. Das Herz weiß Gründe, die der Verstand nicht kennt. Was aber, wenn diese Gründe des Herzens sich als rationale Psychologie ausgeben, als Metaphysik? Eine durch und durch trügerische Lösung! Denn eine selbstreflexive Vernunft erkennt die tiefe Bruchstückhaftigkeit ihrer Erkenntnisse, sieht sich konfrontiert mit der unaufhebbaren Endlichkeit all ihrer Wahrheiten. Das Substanzdenken löst sich konsequent unter den Bedingungen der Moderne auf. »Die Wissenschaft kann wohl unsere wachsenden Bedürfnisse nach geistiger Verarbeitung der Welt, nach Erkenntnis befriedigen, was sie auch in steigendem Maße tut. Unbefriedigt von ihr müssen aber alle die Bedürfnisse unseres Herzens und unseres Wollens bleiben, denen sie entgegentritt. Rationale Erkenntnis und Leben bilden einen Gegensatz … Die rationale Auflösung löst zuletzt die Ratio, die Vernunft selber, in einen völligen Skeptizismus auf« (134f). Wie dann leben? Durch Glauben – Glaubenwollen! Wo findet der Aufstand des Herzens seinen Hoffnungsgrund?


IV. Die Geburt der Liebe

Inmitten des ewigen Pendelschlags, inmitten des unaufhaltbaren »Zusammenstoß(es) von Vernunft und Willen … entspringt die heilige, süße, rettende Ungewißheit, die unser höchster Trost ist« (152). Als Denkakt, Bewusstseinsvollzug kann sich das Ich nicht selbst gründen, kann sich auch nicht in Gott gründen. Ungewissheit, und mit ihr der Zweifel ist die bleibende Signatur des Glaubens. Der Glaube aber gründet im Ereignis der Liebe, im Zukommen einer absoluten Güte. Er lebt im Empfangen. Die Liebe ist der »Trost in der Verzweiflung, sie ist das einzige Mittel gegen den Tod, da sie mit ihm verschwistert ist. ›Fratelli, a un tempo stesso, Amore e Morte/ Ingeneró la sorte‹, singt Leopardi« (168), also: Geschwister sind Liebe und Tod, vom Schicksal erschaffen zur gleichen Zeit. So beginnt der zweite Teil dieses Großessays.

Doch während die erotische Liebe noch tief eingebunden ist in den Kampf, Leben zeugt und Tod sät, ist die tiefe Liebe, die geistige Liebe, dem Mitleid entsprungen. Sie reicht gütigen Schutz. Sie strebt, den Kummer zu stillen. Ihr Symbol und ihre höchste irdische Wirklichkeit ist die Mutterliebe. Ihr kommt eine geradezu priesterliche Würde zu. Eine paradox anmutende jungfräuliche Reinheit liegt der Mutterliebe inne. Welch Idealisierung!

Immer und immer wieder erhebt sich seine Gedankenflut zu marianischen Höhenflügen. Ein beeindruckendes wie irritierendes Symbol dieser Einstellung zeichnet er mit seiner Deutung der Abisag von Sunem nach 1. Kön. 1, um einmal einen Seitenblick in die »Agonie des Christentums« zu werfen: »Abisag, die Jungfrau, die von David nicht erkannt worden war – auch sie hatte David nur in ihren Wünschen erkannt –, war die letzte Mutter des großen Königs … Die liebende Seele bemüht sich, ihn während seiner Agonie, während der Agonie seines Alters, mit der Liebesglut ihrer Küsse und Umarmungen zu erwärmen, und da sie den Geliebten nicht erkennen kann und – was das Schrecklichste ist, da er, der Geliebte, sie nicht mehr zu erkennen vermag, – verzweifelt sie vor Liebe« (59) und bleibt doch ganz die in Hingebung Liebende, Tröstende. Wie David einen Typos Christi darstellt, so wird Abisag von Sunem zu einem Typos der Maria als Urbild der Kirche. (Man vergleiche, wie er mit San Manuel Bueno die priesterliche Hingabe in ihrer höchsten Vollendung zeichnet: »Wie er die Seinen liebte! Er lebte nur dafür, zerrüttete Ehen wieder zusammenzubringen, widerspenstige Kinder mit ihren Eltern und Eltern mit ihren Kindern zu versöhnen, hauptsächlich aber um Verbitterte und Lebensmüde zu trösten und allen beizustehen, damit sie ruhig sterben konnten« (11)).

Kehren wir zur Schrift »Das tragische Lebensgefühl« zurück. Unamuno führt, wir sind im 7.Kapitel, aus: »Geistig lieben heißt Mitleid fühlen, und wer am stärksten Mitleid fühlt, der liebt am stärksten. Wenn Menschen in heißem Mitgefühl für den Nächsten entbrannt sind, so kommt dies daher, daß sie auf den Grund ihres eigenen Elends getaucht sind, daß sie ihre eigene Scheinhaftigkeit und Nichtigkeit erkannt haben. Dann aber halten sie ihr so geöffnetes Auge ihren Mitmenschen zugewandt, die sie gleich elend, scheinhaft nichtig befunden haben, die sie bemitleiden und lieben« (173). »Denn alles Bewußtsein ist zugleich Bewußtsein von Untergang und Schmerz. Bewußtsein, ›conscientia‹ ist ›Mitwissen‹, Mitfühlen. Und Mitfühlen ist Mitleiden« (177).

Nur die Liebe erweckt die Person. Nur die Liebe öffnet das Herz, weitet die Erde für den Himmel, transzendiert die Natur. Es ist die Liebe, die alles in das Ganze einer umfassenden Liebe erhebt, um im Schmerz nicht unterzugehen, um dem Sieg des Lebens einen Grund zu versprechen, den die Vernunft nie erreichen kann, der nur zu glauben ist, aber auch nur im Schmerz entstehen kann. Die Allliebe – also Gott! »Und so bemitleidet die Seele Gott und fühlt sich von Ihm bemitleidet, liebt Ihn und fühlt sich von Ihm geliebt … Der Schmerz ist der Weg des Bewußtseins (und) »das einzige wahrhaft geheimnisvolle Geheimnis ist das Geheimnis des Leids« (178) – Gottes Geheimnis!

Aus solcher Liebe keimt Glaube, keimt Hoffnung. Glauben ist Vertrauen. Das erinnert mich an Zeilen von Hilde Domin, ohne dass es irgendeinen Bezug zu Unamuno gäbe: »Vertrauen, dieses schwerste ABC. Ich mache ein kleines Zeichen in die Luft, unsichtbar, wo die neue Stadt beginnt, Jerusalem, die goldene, aus Nichts« (aus »Lieder zur Ermutigung«). Glaube lässt sich nicht rational demonstrieren, und lässt sich auch nicht als Zustimmung, wenn nicht gar Unterwerfung unter eine Ansammlung von Satzwahrheiten verstehen. Der Glaube ist verbürgte Hoffnung und darob persönliches Vertrauen. »Wir glauben nicht etwas, vielmehr jemandem. Wir glauben an ein Versprechen und an eine Versicherung. Auch Gott schenken wir Glauben nur, insofern wir ihn als Person, als die Persönlichkeit im Weltall vorstellen« (236). Gott »schafft sich aber in uns durch das Werkzeug des Mitleids und der Liebe. Man glaubt an Gott, wenn man ihn liebt, auch wenn man ihn liebend fürchtet, und man muß ihn zuvor lieben, um ihn zu erkennen, um ihn in Allem zu entdecken. Durch diese Liebe vollendet sich Gott in uns« (241).


V. Unamunos christuszentriertes Gottdenken

Unamunos Gott ist nicht der selig in seiner Vollendung ruhende unbewegte Beweger der griechischen Spekulation. Der Vernunftgott ist erledigt. Der Gott Unamunos ist auch nicht der thronende Weltenschöpfer und Weltenrichter der Bibel, obgleich »der alte weißhaarige und weißbärtige Himmelsvater mit der Weltkugel in der Hand (noch allemal) lebendiger ist und darum weit echter als das ens realissimum der Theodizee« (228). Wir brauchen Gott nicht als principium mundi. Wir brauchen ihn »weder um durch ihn die Wahrheit der Dinge zu verstehen, noch ihre Schönheit, und ebensowenig zur Stütze der Moral durch Lohn und Strafe. Wir brauchen Gott als Erretter, der uns nicht ganz umkommen lässt« (398).

Der Gott der Metaphysik, der Gott der Logiker, kennt weder Liebe noch Hass. Er ist ein Gott ohne Kummer und ohne Herrlichkeit. Wir aber suchen den lebendigen Gott, einen Bürgen unseres Glaubens an die persönliche Unsterblichkeit, die persönliche Erlösung (cf. 82). Zum lebendigen Gott gelangt man nur auf den Spuren seiner historischen Offenbarung, nicht durch die Vernunft. Zum lebendigen Gott findet man nur im Verlangen der Liebe. »Liebe ist widersinnig, wenn es keinen Gott gibt« (198).

Der Glaube entspringt aus der Liebe, die ihn sucht. Da ist immer dieses Gefühl des Hungers nach Gott, des Gottmangels, des appetitus divinitatis (cf. 13, mit Johannes vom Kreuz). »Wir glauben, daß er sei, weil wir wünschen, daß er sei« – um sogleich anzufügen, vielmehr entspringt der Glaube an Gott »aus Gottes eigener Liebe zu uns« (192). Es ist dieser für Unamuno so zentrale Gedanke, daß an Gott glauben heißt ihn schaffen, (spanisch noch enger durch das Wortspiel von creer zu crear), den er aber zugleich wendet, wenn er fortfährt: Ihn schaffen, »der uns vordem geschaffen hat«. Ihn schaffen? – »Er selbst schafft sich immer wieder selbst in uns« (198). Als grundlegende theologische These gefasst, heißt dies in den Worten Unamunos: »Gott und der Mensch schaffen sich gegenseitig. Gott erzeugt oder offenbart sich dem Menschen und der Mensch bildet sich in Gott« (216). Was könnte nicht alles in dieser These stecken?

Wenn die heutige Theologie in der Spur Karl Rahners die Offenbarung als Selbstmitteilung denkt und sich dem Diktat der Satzwahrheiten zu entziehen sucht, wenn Karl Rahner grundlegend formuliert: »Wenn Gott Nicht-Gott sein will, entsteht der Mensch« (GK, 223), wenn er den Menschen definiert als »das Ereignis der freien, ungeschuldeten und vergebenden, absoluten Selbstmitteilung Gottes« (GK, 122), wenn er ausführt: »Dieser Mensch ist genau als Mensch die Selbstäußerung Gottes in ihrer Selbstentäußerung, weil Gott gerade sich äußert, wenn er sich entäußert, sich selbst als die Liebe kundmacht, wenn er die Majestät dieser Liebe verbirgt und sich zeigt als die Gewöhnlichkeit des Menschen« (GK, 222) – dann ist der eine oder andere Gedankensplitter Unamunos das eine oder andere, was ihn in seinen Intuitionen plagte, unabhängig von Unamuno, konzise und befreiend durchdacht.

Der Mensch ist nach Karl Rahner zu definieren als das, was entsteht, wenn die Selbstaussage Gottes, sein Wort, in das Leere des gott-losen Nichts liebend hinausgesagt wird« (ebd.). Dann aber ist der Mensch gerade auch und ganz Mensch, wo er seinerseits sich in das Leere des gott-losen Nichts liebend hinaussagt, liebend sterbend, sich hingebend, der Auferstehung entgegen harrt– im andern, in Gott. In den Worten Unamunos: »Dieser Gott, der Lebendige, dein und unser Gott, er lebt in dir und in uns. Und wir leben und regen uns und sind wiederum in ihm. Seine Daseinsform ist unser Durst und unsere Begierde nach ihm« (227).

Gott, »der die Liebe und der Vater der Liebe ist, ist in uns das Kind der Liebe« (216). Das Kind der Liebe verlangt im Jubel und im Schmerz nach dem Glanz des Höchsten, dass ER sich spiegele in seinen Augen. Wer ist das Kind der Liebe? Wer, wenn nicht Christus, in uns und für uns? Wer, wenn nicht ER, der Heiland, der Bürge unserer Hoffnung noch im Schmerz, weil er ganz im Schmerz stand und ganz in Gott? Der Gott Unamunos ist »der leidende, der werdende, sich im Menschen erzeugende und doch ihn transzendierende Gott, den wir glauben (creer) und zugleich erschaffen (crear) und der sich uns offenbart durch seine Geburt in uns« (E.R. Curtius in seiner Einleitung zur Schrift »Das tragische Lebensgefühl«, XI). »Wenn du also an Gott glaubst, so glaubt Gott an dich, und indem er an dich glaubt, schafft er dich beständig immer neu« (230).

Der Gott aber, »nach dem wir Verlangen tragen, ist der Gott, zu dem wir beten, der Gott des Vaterunsers, der Gott, von dem wir, vor allem und insbesondere, bewußt oder unbewußt, den Glauben an ihn selbst erbitten, daß Er in uns sich erschaffen möge … Wir bitten Gott um seinen Namen, um mit dieser Kraft die menschliche Seele, den menschlichen Sinn des Universums zu retten. Wir begnügen uns nicht mehr mit der bloßen Auskunft, daß er der Seiende, das höchste Wesen ist, wir schließen uns an keine metaphysische Bezeichnung an, wir wissen, eine jede solche Bezeichnung ist ein X. … Ein einziger Name befriedigt uns, und dieser Name ist Christus, Erlöser. Gott ist die erlösende Liebe« (229f).

Das Kind der Liebe – das Lamm Gottes: Christus war »der Mensch, der aus der größten Fülle des Herzens und Reinheit der Lippen seinen und unsern Vater den Vater nannte« (250). Das christliche Gottesgefühl gründet in Jesu Glaube. Dank ihm, in ihm, mit ihm wagen wir Abba zu sagen, ER, der »die Ängste des Blutes erleidet und die Zerreißung des Herzens, der mit betrübter Seele den Tod erwartet, den Schmerz, der tötet und wieder erstehen läßt« (254).


VI. Hoffnung aus dem Abgrund göttlicher Liebe

Es sind provozierende Gedanken, die Unamuno ausbreitet. Eine stete Unruhe ist in seinen Ausführungen. Vieles auch muss hier unausgeführt bleiben, allem voran seine Bezüge auf Don Quijote, den Quijotismus als Existenzform. Ein Anreger ist er zweifellos. Er wagt Gedanken, aus Intuitionen geboren, die nicht durchgängig im hellen Licht bestehen mögen, die aber allemal dazu zwingen, ehrlich darüber nachzudenken, ob unsere Hoffnung nur leeres Gerede ist oder ob nicht der Abgrund der göttlichen Liebe allein der Hoffnung Grund gibt, Hoffnungsgrund inmitten der Schmerzen des Lebens, der Leiden der Liebe, der Leere des Geistes, des Dunkels der Gottheit. Die »Wesen sind durch eine schmerzliche Leidensströmung gegeneinander geworfen. Sie suchen sich und lieben und trachten danach, einander zu ergänzen, ein jedes zugleich es selbst und die andern zu sein. In Gott aber lebt alles und leidet alles und in ihm lieben wir alle Geschöpfe, sowie mitleidvoll, in allen Geschöpfen auch ihn« (260).

Seine Schrift »Das tragische Lebensgefühl« ist so gut wie vergessen – nicht ohne Grund. Viele seiner Gedankensplitter sind andernorts präziser, klarer, ergreifender ausgeführt worden. Ich denke an Heideggers Analysen in »Sein und Zeit«, an Camus »Mythos von Sisyphos«, an Karl Rahner, an die Prozesstheologie. Liest man seine Zeitgenossen William James und Henri Bergson, so begegnet man auch bei ihnen Ausführungen, die zu Recht eine höhere Rezeption erfahren haben. Insofern braucht man Unamuno nicht wieder aufzunehmen. Aber eines bleibt: Hier ist vieles miteinander verbunden, ineinandergeflochten, was in anderen Darstellungen oft je für sich anregender ausgeführt ist, aber unverbunden bleibt. Wo schon wagt man so hemmungslos Philosopheme, Strophen der Dichtung, mystische Visionen, kritischen Zeitgeist, Meditationen der heiligen Schrift und anderes mehr ineinander zu fügen, oder für die Kritik: hemmungslos, sinnlos zu vermischen.

Folgen wir ein letztes Mal seinen Gedanken: Ich will nicht sterben. Sollte ich nicht ein Gedanke Gottes sein und auf ewig in seinem Gedächtnis bleiben, Er auf ewig werden in mir, Er reicher werden durch mich (cf. 197)? Ich will nicht sterben. »Die Seele, meine persönliche Seele mindestens begehrt anderes. Sie will keine Aufsaugung, keine Ruhe, keine Beruhigung, sondern nur ein unaufhörliches Nähern, ein unerfüllbares Streben mit einer Hoffnung, die sich ewig erneuert … Unser Leben ist nichts als Hoffnung, die sich immer wieder in Erinnerung wandelt und neue Hoffnung hervorruft« (319).

In einem geradezu bekenntnishaft klingenden Abschnitt seines Großessays über das tragische Lebensgefühl schreibt Unamuno: »Ich glaube nämlich an Gott, nicht anders als ich an meine Freunde glaube; darum, weil ich den Hauch seiner Liebe verspüre und seine unsichtbare Hand, die ich zwar nicht fassen kann, die mich aber zu sich zieht … Zu wiederholten Malen in meinem Leben habe ich mich am Rande eines Abgrunds gesehen oder mich an einem Scheideweg befunden … und mitunter in solchen Augenblicken fühlte ich mich von einer liebevollen und unwiderstehlichen, bewußten Kraft … angetrieben. Und unvermittelt erblickte ich dort den Weg des Herrn« (243).

Großer Tod und großes Leben: »Sterben und entsterben, – das heißt geboren werden. Das ist die Dialektik der Agonie« (Agonie, 24). »Ohne Dich, Jesus, werden wir nur geboren, um zu sterben; mit Dir sterben wir, um geboren zu werden, so hast du uns erzeugt« (aus Unamunos Großgedicht »Der Christus des Velásquez« (III/XXIV), zit. nach Schürr, 152). »Das Christsein (ist) Vorbereitung auf den Tod, und auf die Auferstehung, auf das ewige Leben.« (Agonie, 30). Dieses aber ist ein reines Geschenk Gottes, ein Werk seiner Gnade. »Und sollte doch das Nichts unser Los sein, so wollen wir also handeln, daß es zur Ungerechtigkeit an uns wird« (328). Mal sehen, was uns noch erwartet.


Literatur

Miguel de Unamuno: Gesammelte Werke in 4 Bänden, Band 4: Philosophische Werke, enthaltend: Das tragische Lebensgefühl und Agonie des Christentums, Wien/Leipzig 1933

Miguel de Unamuno, San Manuel Bueno, mártir, span/dt. Stuttgart 1987

Karl Rahner, Grundkurs des Glaubens, Freiburg i.Br. 1976

Einen noch immer sehr guten Überblick über das Gesamtwerk Unamunos bietet:

Friedrich Schürr, Miguel de Unamuno. Der Dichterphilosoph des tragischen Lebensgefühls, Bern 1962.


Anmerkung:

* Vortrag am 1.11.2018 auf der Tagung »Gott und das tragische Denken« in Triest.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Dieter Koch, Jahrgang 1958, Pfarrer der Evang. Landeskirche Württemberg, derzeit auf einer Gemeindepfarrstelle in Korb bei Stuttgart.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Problematischer Glaube an unendlichen Fortschritt
Warum technokratischer Optimismus theologisch zu hinterfragen ist
Artikel lesen
17. Sonntag nach Trinitatis
13. Oktober 2019, Josua 2,1-21
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
19. Sonntag nach Trinitatis
27. Oktober 2019, Johannes 5,1-16
Artikel lesen
Das erste Ich

Artikel lesen
Rudolf Otto als Vordenker heutiger Theologie
Eine Würdigung zu seinem 150. Geburtstag
Artikel lesen
Reformationstag
31. Oktober 2019, 5. Mose 6,4-9
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!