Johann Sebastian Bachs »Himmelfahrtsoratorium«
Grandiose Festmusik für die Frühsommerzeit

Von: Sönke Remmert
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Hört man den Begriff »Oratorium« im Zusammenhang mit Johann Sebastian Bach, so denkt man zunächst an das glanzvolle Weihnachtsoratorium, ohne das die winterliche Festzeit in unserem Kulturkreis kaum denkbar ist. Doch Bach hat auch noch andere ­Oratorien komponiert oder zumindest konzipiert. Wenig bekannt ist etwa sein »Himmelfahrtsoratorium«, das Sönke Remmert hier vorstellt.


Denkt man an den Begriff »Oratorium« im Zusammenhang mit Johann Sebastian Bach, so fällt einem zu allererst das berühmte glanzvolle Weihnachtsoratorium ein, ohne das die winterliche Festzeit in unserem Kulturkreis kaum denkbar ist. Die Passionen nach Matthäus und Johannes, die einem diesbezüglich auch einfallen können, hat Bach nicht mit dem Terminus »Oratorium« versehen. Zwar gibt es ferner ein Osteroratorium des Thomaskantors (BWV 249). Dieses steht jedoch wohl u.a. aufgrund seines Textes, der keine originalen Bibel-Rezitative und keine populären Choräle enthält, im Schatten des berühmten weihnachtlichen Schwesterwerks. Für den Festtag am 40. Tage der österlichen Freudenzeit, für Christi Himmelfahrt, hat Bach jedoch ein Werk komponiert, das absolut mit dem populären Großwerk zum Christfest vergleichbar ist: »Lobet Gott in seinen Reichen« (BWV 11), das der Komponist ausdrücklich als »Himmelfahrtsoratorium« bezeichnete. Es enthält originären Bibeltext aus den Evangelien und aus der Apostelgeschichte sowie zwei großartige Choralsätze. Bach komponierte dieses Meisterwerk im Kirchenjahr 1734/35, zu jener Zeit also, in der auch das populäre Weihnachtsoratorium entstand. Somit gilt, wie beim Weihnachtsoratorium, Christian Friedrich Henrici, der sich Picander nannte, als wahrscheinlicher Textdichter und -kompilator der Komposition. Er hatte in den 1720er-Jahren ja auch den Text der Matthäuspassion zusammengestellt.


Ein Oratorium für jedes christliche Fest

Bach wollte damals offenbar jedes der christlichen Feste mit einer oratorischen Komposition bedenken, nachdem sich die Tradition der Passion auch in anderen Regionen des protestantischen Mittel- und Norddeutschland durchgesetzt hatte. Dies lässt die Vermutung zu, dass in jener Zeit auch ein Pfingstoratorium entstanden sein könnte, das allerdings nicht erhalten ist.

Bachs Himmelfahrtsoratorium wurde früher den Kantaten zugeordnet, die der Thomaskantor für die Sonn- und Feiertage des Kirchenjahres in Leipzig zu komponieren hatte. Seine Aufführung dauert etwa eine halbe Stunde. Damit ist das Himmelfahrtsoratorium tatsächlich in etwa so lang wie eine normale Bach-Kantate und entspricht somit nach heutiger Hörerfahrung nicht den Dimensionen eines abendfüllenden Oratoriums. Allerdings entstammt auch das Weihnachtsoratorium der üblichen Kantatentradition des Leipziger Thomaskantorats. Dass es wirklich abendfüllend ist, beruht darauf, dass es nicht aus einer einzelnen, sondern aus zahlreichen Kantaten besteht, was der Tatsache geschuldet ist, dass es ursprünglich für alle Sonn- und Feiertage der Zeit zwischen Weihnachten 1734 und dem Epiphaniastag 1735 komponiert war. So dauert schon die übliche Aufführung der ersten drei Kantaten, welche die Weihnachtsgeschichte nach Lukas repräsentieren, in etwa so lang wie etwa Beethovens »Missa Solemnis« oder Brittens »War Requiem«. Eine Gesamtdarbietung aller sechs Teile des Weihnachtsoratoriums erreicht vollständig die Länge von Händels »Messias«, ja, fast die Dimensionen der Bachschen Matthäuspassion.


Im Himmel und auf der Erde zuhause

Bei Christi Himmelfahrt handelt es sich um einen einzelnen Feiertag, für den Bach mit BWV 11 ein Werk komponierte, das in seiner Dimension, seiner Anlage und seiner Meisterschaft einem einzelnen Teil des Bachschen Weihnachtsoratoriums entspricht. Dabei weist es die übliche Zweiteilung auf, derzufolge nach dem ersten Choral in Leipzig die Predigt stattfand, nach welcher der zweite Teil erklang.

Christi Himmelfahrt ist nicht eines der drei christlichen Hauptfeste, aber ein wichtiger Festtag. Er steht zwischen der Auferstehung an Ostern und der Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten. Der auferstandene Jesus Christus fährt in den Himmel auf, bevor er seinen Geist über der Gemeinde ausgießen wird. Somit schuf Bach für diesen Feiertag ein Werk, das den festlichen Auferstehungsjubel aufnimmt, den Schmerz über den Abschied von Jesus thematisiert, aber auch schon auf den Pfingstjubel und auf die Wiederkunft Christi vorausweist.

Wie in Kantaten für die ersten Tage der christlichen Hochfeste üblich, ist das Orchester mit strahlenden Trompeten und Pauken besetzt. So erinnert der Eingangschor »Lobet Gott in seinen Reichen« mit seinem festlichen Glanz auch stark an das »Jauchzet, Frohlocket« am Beginn des Weihnachtsoratoriums. Aber auch der Gedanke an die schnellen Tanzsätze in den Orchestersuiten Nr. 2 und Nr. 3 ist gewiss nicht abwegig. Der Chor wird in weiten Strecken polyphon geführt. Der Text orientiert sich an hymnischen Psalmen. Man möchte beispielsweise an den allerletzten, den 150. Psalm mit seinem großartigen Jubel denken. Wenn am Himmelfahrtstag von den »Reichen« Gottes im Plural die Rede ist, so ist wohl gemeint, dass Gott sowohl im Himmel als auch auf der Erde zu Hause ist.


Kein Abschied ohne Tränen

Das folgende Evangeliums-Rezitativ (Lk. 24,50-51) berichtet von der eigentlichen Himmelfahrt Jesu Christi und von der Segnung der Jünger. Das sich hieran anschließende Bass-Rezitativ, das sich in einer melancholischen fis-Moll/a-Moll-Sphäre bewegt, zeigt deutlich den Abschiedsschmerz. Auch wenn Christi Himmelfahrt in erster Linie ein fröhlicher Festtag ist, der heutzutage vielfach nur noch als »Vatertag« gesehen wird, so war er für die Jünger Jesu, die wenige Wochen zuvor die Auferstehung bejubelten, gewiss kein Abschied ohne Tränen. Dies greift Bach auf und komponiert ein Rezitativ, in dem zwei klagende Flöten die fast resignative Stimmung noch unterstreichen.


Wie so oft in Bachs Passionen und im Weihnachtsoratorium folgt eine Arie, die den Stimmungsgehalt des vorangegangenen Rezitativs bestätigt, ja, verstärkt und auswalzt. Die Alt-Arie »Ach bleibe doch, mein liebstes Leben« steht in a-Moll und ist eine empfindsame Reflexion des Abschiedsschmerzes über den in den Himmel fahrenden Jesus. Die Melodie entnahm Bach einer früheren weltlichen Kantate. Ein solches »Parodie-Verfahren« wandte Bach, wie viele Barockkomponisten, häufig an. Berühmt sind gerade die zahlreichen Übernahmen von Vorlagen aus weltlichen Kantaten in dem wenige Monate vor BWV 11 entstandenen Weihnachtsoratorium.

Bedeutsamer aber für die theologische Arbeit des Thomaskantors ist, dass er die gleiche Melodie etwa fünfzehn Jahre später in einem seiner wichtigsten geistlichen Werke erneut verwendete. In seiner h-Moll-Messe benutzte Bach die gleichen Melodietöne, die im Himmelfahrtsoratorium für den Abschiedsschmerz der Jünger von Jesus stehen, für das »Agnus Dei«, und hier speziell für die Textzeile »Qui tollis peccata mundi« (der du trägst die Sünden der Welt). Hier wie dort haben wir es mit einer flehenden Bitte an Jesus zu tun: Im Himmelfahrtsoratorium bittet die Seele der urchristlichen Gemeinde Jesus, auf der Erde zu bleiben und noch nicht in den Himmel aufzufahren. In der h-Moll-Messe, die man guten Gewissens als Summe des gesamten geistlichen Schaffens Bachs betrachten kann, steht die gleiche Melodie für die Bitte an Jesus Christus, der die Sünde der gesamten Welt trägt, sich der Menschen zu erbarmen. Bach hat offensichtlich gerade bei dieser Melodie an flehentliche Bitten an Jesus gedacht.


Zusammenhang zwischen der Geburt und der Himmelfahrt Jesu

Der anschließende schlichte Choralsatz »Nun lieget alles unter dir« schließt den ersten Teil des Himmelfahrtsoratoriums ab. Textlich zeigt sich hier: Die ganze Welt ist nun Jesus untertan. Von der Choralmelodie her zeigt sich erneut eine Beziehung zum weihnachtlichen Schwesterwerk: Im Weihnachtsoratorium wurde zur gleichen Choralmelodie »Brich an du schönes Morgenlicht« gesungen. Es besteht nicht nur ein theologischer, sondern auch ein musikalischer Zusammenhang zwischen der Geburt und der Himmelfahrt Jesu Christi.

Nach dem Choral fand bei der Leipziger Uraufführung am 19. Mai 1735 die Predigt statt, in welcher wohl der Abschiedsschmerz der Jünger reflektiert wurde. Dass es sich bei diesem Abschiedsschmerz um eine vorübergehende Stimmungslage handelte, wird bei Beginn des zweiten Oratoriumsteils, der sich an die Predigt in Leipzig anschloss, deutlich: Im Bericht aus Apg. 1,12 und Mk. 16,10 wird die Wiederkunft Jesu Christi angekündigt. Die Botschaft ist zunächst ähnlich abstrakt wie diejenige von der Auferstehung am Ostermorgen.

So ist es verständlich, dass zunächst in einem Alt-Rezitativ mit ein wenig Zweifel um die baldige Wiederkunft Christi gefleht wird. Der wehmütige Ton der zwei Flöten erinnert an das Rezitativ des ersten Kantatenteils, in welchem der Abschiedsschmerz so eindringlich geschildert wurde. Doch hier bleibt kein weiterer Raum mehr für ein Verharren im Abschiedsschmerz. Schon der nächste Satz, das letzte Evangeliums-Rezitativ des Oratoriums, berichtet von der Hoffnung und Freude, mit der sich die Jünger zurückwenden nach Jerusalem. Es zitiert Lk. 24,52 und schließt damit, was die biblische Quelle anbelangt, den Kreis des Werkanfangs, an dem ja Lk. 24,50-51 zitiert wurde. Musikalisch wird die Hinwendung zur freudigen Feststimmung dadurch symbolisiert, dass die festliche Trompeten-Tonart D-Dur berührt wird.


Am Ende Christus ins Auge blicken

Die freudige Stimmung nimmt die folgende tänzerische G-Dur-Arie »Jesu, deine Gnadenblicke« auf. Textzeilen wie »Deine Liebe bleibt zurücke« beschwören schon den Gedanken an die wenige Tage später bevorstehende pfingstliche Ausgießung des Heiligen Geistes. Musikalisch möchte man an den Rhythmus der fröhlichen Gigue denken, welche sich in vielen Suiten der Bach-Zeit findet, etwa im Schlusssatz der Orchestersuite Nr. 3 BWV 1068 (dem Werk, das vor allem durch die berühmte Air eine außerordentliche Popularität erntete). Hier zeigt sich: Dieser Abschied Jesu löst im Gegensatz zum Leiden und Sterben am Kreuz keine nachhaltige Trauerstimmung mehr aus. Die Jünger wissen nun: Die Auferstehungsversprechungen Jesu haben sich erfüllt, und so wird Jesus auch gewiss wiederkommen. Neben der bevorstehenden Ausgießung des Heiligen Geistes möchte man auch daran denken, dass alljährlich an Weihnachten die Wiederkunft Christi auf die Erde erneut gefeiert wird.

Der Schlusschoral »Wenn soll es doch geschehen« ist, im Gegensatz zu den Finalsätzen der meisten Bach-Kantaten, kein ganz schlichter, geringstimmig instrumentierter Choralsatz. Bach greift hier vielmehr auf den strahlenden Trompeten- und Paukenbeginn des Werks zurück und schreibt einen Satz voll kunstvoller Orchesterbehandlung und Polyphonie. Man fühlt sich hier durchaus an den Schlusssatz des Weihnachtsoratoriums erinnert.

Somit wissen wir erneut: Wir haben es bei »Lobet Gott in seinen Reichen« nicht mit einer ganz normalen Sonntagskantate zu tun, die eben an Christi Himmelfahrt erklingt, sondern mit einem, wenn auch auf einen einzelnen Feiertag ausgerichteten und damit relativ kurzen Oratorium, das den Vergleich mit Bachs weihnachtlichem Meisterwerk nicht zu scheuen braucht. Textlich kann dieser Hymnus mit der Frage, wann man Jesus selbst sehen wird, auf unterschiedliche Zeiten vorausblicken: auf das bevorstehende Pfingstfest mit der Ausgießung des Heiligen Geistes, auf das Weihnachtsfest, aber auch auf den Tod des Beters, Sängers, Musikanten und des einfachen Gemeindegliedes. Jeder gläubige Mensch wird Christus nach der Auferstehung ins Auge blicken.

Unabhängig von der Frage, wie fest die Menschen selbst im Glauben verwurzelt sind, hat Bach mit dem Himmelfahrtsoratorium ein Meisterwerk komponiert, das als festliches Oratorium für die Frühsommerzeit dem winterlichen Weihnachtsoratorium kompositorisch und textlich völlig an die Seite zu stellen ist.

 

Über die Autorin / den Autor:

Sönke Remmert, Jahrgang 1963, Studium der Evang. Theologie in Marburg, Mitarbeiter in der Bibliothek der Evang. Hochschule für Kirchenmusik Bayreuth und im Evang. Dekanat Bayreuth; zahlreiche Konzertkritiken.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2019

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