Abschied nehmen vom allmächtigen Gott und neu glauben lernen
»… das macht’s, dass wir in seinem Schoß gesessen«

Von: Jutta Koslowski
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Ausgehend von dem bekannten Paul-Gerhardt-Lied »Lobet den Herren, alle die ihn ehren« geht Jutta Koslowski der Frage nach, ob wir dieses Lied heute eigentlich noch singen können. Können wir seine Aussage theologisch und pastoral verantworten? Was bedeutet das für die Menschen, die von einem Unglück betroffen sind? Haben sie etwa nicht »in Gottes Schoß gesessen«? Brauchen wir nicht eine Antwort auf die Theodizeefrage, welche sich von der Allmacht Gottes verabschiedet? Und hat der Rückgang des Gottesdienstbesuchs auch mit den »kognitiven Dissonanzen« zu tun, wie sie u.a. in vielen unserer Gesangbuchlieder den Gläubigen zugemutet werden? Hätte es außer einer neuen Bibelübersetzung anlässlich des Reformationsgedenkens nicht auch einer radikalen Revision des Gesangbuchs bedurft – eine Reform, die sich nicht auf die Formen beschränkt, sondern sich an die Inhalte wagt?


1. »… das macht’s, dass wir in seinem Schoß gesessen«

Wenn der Frühling kommt, nehmen wir uns als Familie jedes Jahr an Christi Himmelfahrt ein paar Tage Zeit, um gemeinsam zu Fuß in der Natur unterwegs zu sein. »Pilgern« nennen wir es – nicht nur »Wandern« (obwohl auch das wunderschön ist), weil wir in allen Offenen Kirchen Halt machen und jeden Morgen mit einer kleinen Andacht beginnen, unterwegs immer wieder singen, einen Psalm oder ein Lied auswendig lernen und weil wir uns dabei bewusst Zeit nehmen, um uns über ein bestimmtes Thema auszutauschen.

Seit einer Weile schon sind wir auf dem Elisabeth-Pfad unterwegs, der uns von Frankfurt nach Marburg geführt hat und von dort weiter bis hin zur Wartburg leiten soll. In diesem Mai waren wir bis zu dem kleinen nordhessischen Ort Waldkappel gekommen, wo am Himmelfahrtstag morgens um 10.00 Uhr ein schöner Festgottesdienst zu Ehren der Freiwilligen Feuerwehr gefeiert wurde, die auf ihr 90jähriges Bestehen zurückblicken darf. Zu Beginn dieses Gottesdienstes wurde das bekannte Kirchenlied von Paul Gerhardt angestimmt »Lobet den Herren, alle die ihn ehren« (EG 447). Paul Gerhardt ist mir von allen Kirchenlieddichtern der liebste, und so habe ich fröhlich und aus voller Kehle mitgesungen (zumal ein anderes Paul Gerhardt-Lied, nämlich »Geh aus mein Herz und suche Freud« uns in den vergangenen herrlichen Frühlingstagen auf unserem Pilgerweg begleitet hatte; wir haben es in voller Länge miteinander auswendig gelernt). Doch als wir bei der vierten Strophe angekommen waren, blieb mir auf einmal der Text im Hals stecken. Dort heißt es:

Dass Feuerflammen uns nicht allzusammen
mit unsern Häusern unversehns gefressen,
das macht’s, dass wir in seinem Schoß gesessen.
Lobet den Herren!

Diese Worte waren zweifellos passend zum Anlass gewählt. Aber ist es auch wahr, was ich da gerade gesungen habe? Kann ich dazu stehen – nicht nur als gläubiges Gemeindeglied, sondern auch als Pfarrerin, wo ich besondere Verantwortung dafür trage, anderen Christen mit ihren Anfragen Rede und Antwort zu stehen und ihnen eine glaubwürdige Form des Christentums zu vermitteln? Das muss ich verneinen. Denn wir erfahren immer wieder beides: Dass Menschen vor Schaden bewahrt werden, geschieht ebenso, wie dass sie Hab und Gut, vielleicht sogar Leib und Leben verlieren (etwa bei einer Feuersbrunst). Gerade deshalb gibt es ja eine Einrichtung wie die Freiwillige Feuerwehr, weil Gefahren allgegenwärtig sind und zu unserer Lebenswirklichkeit gehören. Wenn es gut ausgeht (was man jedem nur wünschen kann), dann war es offensichtlich die Tatkraft von Menschen, die dazu beigetragen hat. Ob das auch etwas mit dem »lieben Gott« zu tun hat, ist die Frage – und immer mehr Menschen heutzutage sind geneigt, (anders als Paul Gerhardt, dessen Glaube im Übrigen wahrhaft leidgeprüft war) diese Frage zu verneinen.


2. Gott im Dilemma

Ich bin überzeugt: Das ist gut so. Denn für eine konsistente Weltanschauung muss es schließlich argumentative Kohärenz geben: Hat Gott bei Glücksfällen seine Hand im Spiel, ergibt sich notwendigerweise die Schlussfolgerung, dass dies umgekehrt auch für Unglücksfälle gilt – wenn nicht durch aktives Tun, dann zumindest in Form der Unterlassung (was für dieses Problem jedoch keinen grundsätzlichen Unterschied bedeutet). Wollte man eine subtile Unterscheidung zwischen der ethischen Verantwortung für das eigene Tun und Lassen treffen, bleibt es dennoch dabei, dass die »unterlassene Hilfeleistung« Gottes als ungerecht empfunden wird. (Sofern man überhaupt von Gottes »Willkür« sprechen kann; ein Gott ohne freien Willen aber wäre ein Demiurg – eine Gedankenspur, die ins Leere führt und der deshalb hier nicht weiter nachgegangen werden soll).

Aus diesem Dilemma kommt Gott, kommt der Glaube an ihn nicht heraus. Da nützt es auch nichts, diese Zusammenhänge als »Geheimnis« zu deklarieren, dessen Verstehen die Möglichkeiten des menschlichen Verstandes übersteigt. Denn ob es ein solches Geheimnis bei Gott überhaupt gibt – oder ob es einfach (einen vor manchen Feuersbrünsten bewahrenden) Gott nicht gibt, bleibt fraglich. Die theistische Grundoption hat ihre selbstverständliche Plausibilität in unserer Zeit verloren. Wendet man den Grundsatz des »Ockham’schen Rasiermessers« an, nämlich dass man für die Erklärung eines Phänomens auf so wenig unbewiesene (oder gar, wie in Bezug auf Gott, prinzipiell unbeweisbare) Hypothesen wie möglich zurückgreifen sollte, dann muss man zugeben: Die Behauptung, dass Gott einige Menschen vor Unglück bewahrt, anderen jedoch Leid widerfährt, und dass dies sowohl mit Gottes Liebe als auch mit seiner Allmacht und Gerechtigkeit vereinbar ist, es sich hierbei allerdings um ein Mysterium handelt, das trotz jahrtausende langer Bemühungen von Menschen nicht begriffen werden kann – dieses Bündel von Behauptungen ist weniger überzeugend als die schlichte Grundannahme des säkularen Menschen: dass es einen solchen Gott nicht gibt. Also: Die vor einer Feuersbrunst Bewahrten sitzen keineswegs in Gottes Schoß, sondern sie sitzen gemeinsam mit allen von einem Unglücksfall Betroffenen im gleichen Boot. Ungeschützt und mutig segeln sie auf das offene Meer ihres Schicksals hinaus, den vermeintlich sicheren Hafen des Glaubens und Irrglaubens hinter sich lassend, den Stürmen des Lebens ausgesetzt. Und dennoch suchen sie Orientierung am Himmel, bei den Sternen.


3. »Gibt es« Gott?

»… dass es einen solchen Gott nicht gibt«, heißt nicht, dass es Gott überhaupt nicht gibt. Ich jedenfalls bin nach wie vor überzeugt davon, dass es ihn gibt – immer tiefer und fester, aber auch immer gewagter und auf das Wesentliche reduziert ist mein Glaube im Lauf meines Lebens geworden. »Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht«,1 diese Überzeugung entrang sich Dietrich Bonhoeffer 1944 in seinen Briefen aus der Gefangenschaft, die unter dem Titel »Widerstand und Ergebung« postum weltberühmt geworden sind. Bei aller Hochschätzung für Bonhoeffer und die Bedeutung seiner Erkenntnis (die bisweilen missverstanden worden ist): Diese Art von konstruierten Paradoxien mag ich nicht; auch wenn sie bei uns Theologen weit verbreitet sind, erscheinen sie mir wie ein verbales »Hütchenspiel«, bei dem die Zuhörenden am Ende allenfalls von der Kunstfertigkeit des Redenden verblüfft sind. Vor dem gesunden Menschenverstand der Mehrheit, für die wir als Pfarrer verantwortlich sind, vermögen sie kaum zu bestehen. Aber man ahnt, was gemeint ist: einen Gott, den man definieren und instrumentalisieren kann, den gibt es nicht … Die Frage bleibt: Gibt es Gott? Und wenn ja: Wie können wir ihn heute denken und glaubwürdig von ihm sprechen?

Für den Rest jenes Himmelfahrtsgottesdienstes waren meine Gedanken abgeschweift und den grundsätzlichen Problemen nachgegangen, die sich daraus ergeben – während die Gemeinde unverdrossen weiter gesungen hat:

Dass Dieb und Räuber unser Gut und Leiber
nicht angetast’ und grausamlich verletzet,
dawider hat sein Engel sich gesetzet.
Lobe den Herren!


4. Das klassische Theodizeeproblem

Es geht hier nicht um eine theoretische oder gar spekulative Frage, sondern um etwas, was uns Menschen existenziell betrifft und womit Seelsorger in ihrem Alltag ständig zu tun haben: um die Frage nach dem Leid. Vieles ist dazu schon gesagt worden, etwas Neues lässt sich eigentlich nicht hinzufügen. Deshalb kann man sich an dieser Stelle kurz fassen. Das Theodizeeproblem, das sich hinter den hier aufgeworfenen Fragen verbirgt, gehört (wie ich glaube: wegen der in ihm implizierten Aporien) zu den in der Theologie am meisten diskutierten Themen. Uns Pfarrer*innen ist es bestens vertraut – nicht nur aus dem Studium, sondern auch durch unser pastorales Handeln, wo wir in immer neuen Formen damit konfrontiert werden. Längst hat wohl jede und jeder von uns seine/ihre eigene Art und Weise gefunden, damit umzugehen – die Möglichkeiten reichen vom teilnahmsvollen Schweigen, wie es die Freunde des Hiob praktiziert haben (vgl. Hiob 2,13), über das Bekenntnis des eigenen gläubigen Vertrauens angesichts der Unerklärlichkeit des Leides bis hin zum Hinweis auf den freien Willen des Menschen.

Dieser letzteren Gedankenspur, nämlich dem Zusammenhang zwischen der Theodizeefrage und der Willensfreiheit, soll hier weiter nachgegangen werden; und zwar aus zwei Gründen: Zum einen entspricht diese »Antwort« auf die Frage nach dem Leid (wenn man es denn so nennen kann) am ehesten der Richtung, in welche die Tradition der Bibel weist. Das beginnt schon beim programmatischen Bericht vom Sündenfall, wo die grundlegende Aussage gemacht wird, dass Gott den Menschen zwar ein Gebot gegeben hat (Gen. 2,15-17), dieser aber die Freiheit besitzt, es zu übertreten (wovon er auch Gebrauch macht; Gen. 3,1-6) – und dass es genau diese (fehlgeleitete) Willensfreiheit ist, welche für alles nachfolgende Leid verantwortlich ist (Gen. 3,7-24). Zum anderen ist der Versuch, die Theodizeefrage durch den Hinweis auf die Willensfreiheit zu beantworten, die einzige von den oben aufgezählten Optionen, bei welcher inhaltlich Position bezogen wird.

Das Theodizeeproblem lässt sich so beschreiben, dass es drei Grundaussagen des Glaubens gibt, die zueinander in unauflöslicher Spannung stehen:
1. Es gibt das Leid.
2. Gott ist gut.
3. Gott ist allmächtig.

Würde eine dieser Behauptungen bzw. Tatsachen wegfallen, wäre das Theodizeeproblem nicht mehr vorhanden – doch alle drei lassen sich nicht miteinander vereinbaren. Man könnte das Problem lösen, indem man den ersten dieser Sätze negiert und die Existenz des Leidens bestreitet. In manchen fernöstlichen Religionen gibt es Ansätze, die in diese Richtung weisen – aber sie erscheinen zynisch und sind mit dem diakonischen Grundimpuls des Christentums unvereinbar. Im Prinzip könnte man auch die zweite Aussage verneinen und Gott zu einer bösen oder zumindest willkürlichen und unberechenbaren Macht erklären; doch auch dieser Vorschlag ist mit dem christlichen Glauben nicht in Einklang zu bringen. Bleibt die dritte Behauptung: »Gott ist allmächtig«. Können wir auf sie verzichten und auf diese Weise das Theodizeeproblem einer plausiblen Erklärung zuführen? Ich meine: ja.


5. Abschied nehmen vom allmächtigen Gott

Zwar beginnt das Apostolische Glaubensbekenntnis, das in fast allen christlichen Konfessionen durch die gesamte Kirchengeschichte hinweg als maßgeblich gilt, mit den Worten: »Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde …«. Doch befinden wir uns im Zeitalter eines globalen Paradigmenwechsels, der alle Wissenschaften umfasst – und auch vor der Theologie nicht halt macht. Spätestens seit dem radikalen Umdenken, das in der »Theologie nach Auschwitz« zum Ausdruck kommt, wurde das Dogma von der Allmacht Gottes in Frage gestellt.2 Kein Zweifel: Hier geht es um Grundlegendes – doch anders als durch solche »notwendigen Abschiede«3 ist eine glaubwürdige4 Antwort auf die Theodizeefrage nicht zu gewinnen. Von Abschieden ist hier die Rede, weil wir nicht gleichzeitig Gottes Allmacht relativieren und an ihr festhalten können (das wäre schon wieder ein theologisches »Hütchenspiel«). Der Begriff Allmacht impliziert bereits, dass er keine Einschränkungen duldet. Und wenn wir Gott als »nicht allmächtig« bezeichnen, so erfordert dies, dass wir traditionelle theologische Entwürfe verneinen. Wobei es in der Tradition auch gewichtige Anknüpfungspunkte für die Vorstellung von Gottes Ohnmacht gibt – allen voran die gebundenen und ausgebreiteten Hände von Jesus am Kreuz. Allerdings muss der Abschied von der Allmacht Gottes ja nicht gleich ein Bekenntnis zu Gottes »Ohnmacht« bedeuten;5 zwischen diesen beiden Extremen gibt es noch viel Platz. Wie wäre es, wenn wir zur Quelle der biblischen Sprache zurückkehren und einfach von Gottes »Macht« sprechen? 6


6. Traditionsabbruch als Chance

Wenn wir das Gottesbild unserer Vorfahren im Glauben in einem bestimmten Aspekt für falsch erklären, dann ist das kein Vorwurf an sie. Es bedeutet ganz schlicht: Sie haben sich in diesem Punkt geirrt (wie wir heute glauben – und dabei wissen, dass auch unsere Überzeugungen sich in Zukunft als Irrtum herausstellen können). Das ist nicht schlimm: »irren ist menschlich«. Es geht auch nicht vor allem darum, die Vergangenheit zu bewerten, sondern vielmehr, ein überzeugendes Bekenntnis für die Gegenwart zu formulieren. Wenn wir dies anerkennen, geben wir gleichzeitig zu, dass die Theologie ein menschliches Unterfangen ist. Auch das ist ein notwendiger Abschied. Und welche Entlastung er bedeutet! Nein, wir haben es nicht mit »göttlicher Offenbarung« zu tun und nicht mit »Unfehlbarkeit« – sondern Theologie ist eine Wissenschaft, die teilhat am allgemeinen Streben nach Erkenntnisfortschritt. Dabei geht sie auf Irr- und Abwegen – und kommt dennoch voran. Die Behauptung »Früher hat man das so gesehen, aber heute glauben wir…« sollte nichts Anstößiges haben, sondern mit einer Mischung aus Selbstverständlichkeit und Stolz vorgetragen werden. So wie es für Softwareentwickler ganz normal ist, wenn das iPhone 8 unweigerlich vom iPhone 8s abgelöst wird. (Ja, natürlich: Gott ist etwas anderes und wichtiger als ein iPhone – aber es ist nur ein Beispiel; der Vergleichspunkt ist die positive Bewertung von neuen Entdeckungen). Ein anderes Beispiel: In der Medizin hat man vor 100 Jahren verschiedenste Krankheiten noch mit Quecksilber zu behandeln versucht und nichts über die Existenz von Bakterien gewusst. Welch ungeheurer Fortschritt hat sich da in den letzten Jahrzehnten vollzogen! Mediziner können stolz darauf sein, alle anderen Menschen dankbar – und sie sind es auch. Doch die Theologie? Sie nimmt den »Traditionsabbruch« vor allem als Problem wahr statt als Chance. Wir werden auf diese Chance noch zu sprechen kommen.


7. Die eingeschränkte Macht Gottes

Doch zunächst zurück zum Zusammenhang zwischen Theodizee, Allmacht und Willensfreiheit: Wenn Gott als »nicht allmächtig« gedacht wird, dann entlassen wir ihn aus der Verantwortung für die zahllosen Glücks- und Unglücksfälle des Lebens, die wir ihm aufgebürdet haben. Es entsteht sozusagen ein Machtvakuum. Wie wird es ausgefüllt? Es wäre möglich, dass ein Gegenspieler die Verantwortung trägt. Ein solches dualistisches Weltbild wurde in der Theologiegeschichte immer wieder vorgebracht, ohne jedoch überzeugen zu können. Denn die Frage bleibt: Wenn Gott als Schöpfer, als Urheber aller Dinge verstanden wird, wer hätte diesen Gegenspieler erschaffen? Eine andere Möglichkeit bestünde darin, dass das Vakuum erhalten bleibt und die Leere ausgehalten wird. Glücks- und Unglücksfälle wären dann tatsächlich nichts als Zufälle. Diese Variante wurde im Existenzialismus zu Ende gedacht – und auch der Preis dafür gezahlt: der Sinnlosigkeitsvorwurf. Doch dies ist keine religiöse Option. Die plausibelste Lösung des Problems besteht meiner Ansicht nach darin, die Einschränkung der Allmacht Gottes durch die Willensfreiheit des Menschen zu begründen.

Diese Erklärung hat einen breiten Ansatzpunkt in der Theologiegeschichte – nicht nur in der christlichen, sondern auch in der jüdischen, unserer Schwesterreligion. Dort spricht man vom Zimzum, was soviel bedeutet wie »sich zusammenziehen«. Gemeint ist damit, dass Gott, um die Welt überhaupt erschaffen zu können, sich sozusagen in sich selbst zusammengezogen hat, und zwar in einem irreversiblen Prozess. Das heißt, er hat seine grenzenlose Machtfülle freiwillig eingeschränkt, um Raum für seine Schöpfung zu machen. Nur wo der allmächtige Gott nicht ist, kann überhaupt etwas anderes sein. Und das widerständigste »Andere«, was es überhaupt gibt, ist der Mensch mit seinem freien Willen.

Durch dieses Konzept wird uns Menschen die Verantwortung für unser Geschick in fundamentaler Weise zugesprochen. Ein Vorzug dieses theologischen Entwurfes: Er befindet sich in Übereinstimmung mit der Intuition des modernen Menschen – ohne den Glauben an Gott aufgeben zu müssen. Im Gegenteil, er lässt sich gut damit verbinden: Es ist der liebende Wille Gottes, der sich nach Gemeinschaft, nach einem Gegenüber sehnt und dafür den Menschen geschaffen hat. (Auf die Vorstellung vom Mensch als »Krone der Schöpfung« können wir dabei übrigens getrost verzichten; auch Tiere können ein solches Gegenüber sein.7)

Weil Liebe nicht erzwungen werden kann, sondern der Freiwilligkeit bedarf, hat Gott den Menschen mit Willensfreiheit beschenkt und dafür seine eigene Allmacht begrenzt.8 Dies war ihm so wichtig, dass er dafür sogar den »Sündenfall«, also den Missbrauch der menschlichen Freiheit, samt allen Folgen in Gestalt von Leid und Schuld, in Kauf genommen hat (auch wenn er ihn wohl voraussehen konnte).9

Letztlich sind wir also wieder bei Leibniz und seiner These von der »besten aller möglichen Welten« angekommen.10 Wir hatten ja schon zu Beginn eingestanden: Es kann nichts Neues zur Theodizeefrage gesagt werden. Dies ist traditionelle Theologie. Neu ist allerdings die Feststellung, dass sie mit der ebenfalls traditionellen (Wunsch-)Vorstellung von Gottes Schutz vor Unheil nicht vereinbar ist.


8. Neu glauben lernen

Wir wollen uns nichts vormachen: Die Säkularisierung bedeutet für Pfarrer*innen eine ungeheure Herausforderung: leere Kirchen, Autoritätsverlust, Abschied von Vertrautem. Um noch einmal einen Vergleich aus der Welt der Software zu bemühen: Wenn wir die Menschen zu unseren Veranstaltungen einladen, wirken wir manchmal wie Vertreter für mechanische Schreibmaschinen: Unser Produkt ist im Zeitalter der digitalen Medien einfach kaum noch gefragt, wir haben einen schweren Stand. Doch auf der anderen Seite können wir auch froh darüber sein, dass wir diese Zeitenwende am Beginn des dritten Millenniums unmittelbar miterleben und sogar selbst gestalten können. Was immer man davon halten mag – es sind zweifellos spannende Zeiten. Es tut sich etwas, sogar in dem schwerfälligen Gedankengebäude der Theologie! Und da sind wir Theologen tatsächlich gefragt mit unserer ureigensten Kompetenz; da ist es nicht umsonst, dass wir alte Sprachen, Philosophie, Bibelwissenschaft und Dogmengeschichte studiert haben. Und vor allem werden wir als Glaubensvorbilder gebraucht – als Menschen, die liberal und fromm zugleich sind, die sich voll einlassen auf die Fragen unseres säkularen Zeitalters und Antworten aus dem Glauben darauf finden; einem Glauben, den sie auch selbst leben. »Tischgebet« und »historisch-kritische Exegese« sollten wir miteinander in Verbindung bringen.

Zwar kommen kaum noch Menschen in unsere Kirchen – aber einen Gottesdienst wahrhaftig zu gestalten ist vielleicht noch nie so spannend und interessant gewesen wie heute.11 Ich bin jedenfalls davon überzeugt: Der christliche Glaube hat Zukunft – dafür brauchen wir jedoch nicht nur neue Formen (Abendgottesdienst statt sonntags um zehn; Bandmusik statt Orgel usw.). Die brauchen wir auch – aber das ist nicht das Entscheidende, es ist nicht genug. Wir brauchen außer neuen Formen auch neue Inhalte:12 »neuen Wein in neue Schläuche« hat Jesus das genannt.13 Vielleicht finden wir ja jetzt, wo unsere Dienste von weniger Menschen in Anspruch genommen werden, etwas mehr Zeit dafür (trotz all der Herausforderungen und alltäglichen Überforderungen im Pfarramt). Tatsächlich braucht es sehr viel Zeit, einen glaub-würdigen Gottesdienst zu gestalten, denn es muss buchstäblich alles auf den Prüfstand und neu durchdacht werden, um jene »kognitiven Dissonanzen« zu vermeiden, die bei kirchlichen Vollzügen gang und gäbe sind. Sie erzeugen ein gewisses Grundrauschen, das so manchen, der den Raum betritt, sozusagen in den Schlafmodus versetzt. Dies ist wohl eine Art von Überlebensstrategie – denn bei wachem Verstand würde man an so vielem, was da gesagt wird, Anstoß nehmen, dass man sich bisweilen vor die schwierige Wahl gestellt sieht, entweder ein sacrificium intellectus zu vollziehen oder aber den christlichen Glauben selbst zu opfern. Nur wenn es »hier rein, da raus« geht, lässt es sich bisweilen ertragen! Das bekommen wir zu spüren – in meiner letzten Gemeinde waren es sogar im Adventsgottesdienst nur noch zwei Menschen, beide aus der Zielgruppe »Ü 80«, die sich mühsam mit Rollator hereingeschleppt hatten – mit ausgeschaltetem Hörgerät! Sei’s drum, da konnte ich wenigstens predigen, was ich wollte und mir selbst genau zuhören: Glaube ich auch, was ich da sage und singe?


9. »Nicht lügen auf der Kanzel«

Das ist eine riesige Aufgabe. Schließlich ist es ja auch eine riesige, zwei Jahrtausende alte Tradition, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Dabei klingt es eigentlich so einfach: »Nicht lügen auf der Kanzel«14 – das ist alles, was ich mir bei meiner Ordination vorgenommen habe. (»Nur auf der Kanzel?«, hat mein Mann mich geneckt …) Das scheint nicht zu viel verlangt. Aber: kleiner Vorsatz – große Wirkung, wenn ich mich wirklich daran halte. Die Texte der Bibelstellen sind ja durch den liturgischen Kalender vorgegeben, und ich möchte auch nicht vorschlagen, die Heilige Schrift umzuändern oder zu zensieren. Oder vielleicht doch? Manche Texte bringen wir bewusst nicht zu Gehör – wer möchte den wunderschönen Ps. 139 schon bis zu Ende vorlesen: »Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und sollte mir nicht ekeln vor denen, die gegen dich aufstehen? Mit äußerstem Hass hasse ich sie. Sie sind Feinde für mich.«15 Und wenn bei einer Lesung aus den Paulusbriefen die »Brüder« angesprochen werden, füge ich schon mal »Brüder und Schwestern« hinzu. Oder sogar »Schwestern und Brüder«. Immer öfter ersetze ich beim Vorlesen »Herr« durch »Gott«. Die Übersetzung der »Bibel in gerechter Sprache« eröffnet noch weitere Möglichkeiten der Korrektur am Text. Jedenfalls wähle ich aus verschiedenen Bibelübersetzungen aus, um Problemen entgegenzutreten.

Und schließlich gibt es ja die Predigt, wo wir zum Bibeltext Stellung nehmen können. In den letzten Jahren bin ich dabei immer freimütiger geworden. Zu einer Perikope wie Röm. 9,14-21 etwa sage ich heute ganz einfach: »Ich glaube nicht, was da steht. Ich denke, dass Paulus sich geirrt hat – irren ist menschlich. Der Theologe Pelagius beispielsweise hat dazu gemeint … Ich selbst glaube …« Und dann höre ich auf zu reden und lade die Zuhörenden ein, sich in kleinen Murmelgruppen auszutauschen, was sie dazu meinen. Die Gemeinde nimmt es mir nicht übel; im Gegenteil: Sie sind dankbar dafür (wenn doch mal Leute da sind, die ihr Hörgerät eingeschaltet haben – oder keines brauchen). Denn zum einen merken sie: Ich kann Zweifel an manchen Überlieferungen haben und trotzdem als gläubiger Christ leben. Und zum anderen können sie sich darauf verlassen, dass ich das, was ich sage, auch wirklich ernst meine. Und dass auch ihre Meinung gefragt ist und ernst genommen wird. Das ist viel wert.


10. Jedes Wort auf die Goldwaage legen

Das nächste Problem sind die Lieder. Da haben wir es schon leichter, sie sind schließlich kein heiliger Text. Hier tragen wir also die volle Verantwortung für die Auswahl. Und mit Verlaub gesagt: Wenn ich nach dem schlichten Kriterium »nicht lügen« vorgehe, dann gibt es fast keines der älteren Kirchenlieder im Evangelischen Gesangbuch, von dem ich alle Verse singen kann. Und damit meine ich nicht die altmodische Sprache (ich liebe sie!), sondern den Inhalt. Bei den meisten Liedern betrifft es nur einzelne Strophen oder Zeilen – aber die müsste man meiner Meinung nach neu dichten oder weglassen. Eine grundlegend überarbeitete Neuausgabe des Gesangbuchs – das wäre eine notwendige Festgabe zum 500. Reformationsjubiläum gewesen, viel mehr als eine (kaum) neue Bibelübersetzung.

Die Beispiele sind so zahlreich, dass hier nur wenige angeführt werden können: So ist etwa die Vorstellung von Gottes Allmacht, die hier zur Diskussion steht, in vielen Liedern ein Stolperstein (EG 324, 5-7.17; EG 443, 3; EG 316, 2.3; EG 365, 1.2; EG 361, 7; EG 369, 6 u.ö.). Und was ist mit dem Abendmahlslied EG Nr. 218? Oder mit dem Passionslied EG Nr. 83? Wer würde nicht »lügen«, wenn er das singt?

Etwas einfacher ist es bei den liturgischen Stücken, denn sie wiederholen sich in jedem Gottesdienst. Hier lohnt es sich also ganz besonders, jedes Wort »auf die Goldwaage zu legen«, und es lassen sich gute Alternativen zu den althergebrachten Texten finden – etwa beim Votum, beim Schuldbekenntnis oder beim Glaubensbekenntnis. Manchmal genügt es schon, ein paar wenige Buchstaben zu verändern, um »nicht zu lügen«. So habe ich mir etwa angewöhnt, am Ende des Gottesdienstes statt »Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott« zu sagen: »Es segne und behüte uns der mächtige und barmherzige Gott«. Vielen wird der Unterschied gar nicht auffallen. Und wer es merkt, fragt vielleicht einmal interessiert nach. In jedem Fall bedeutet es eine Entlastung für mich, dass ich »den Mund nicht zu voll nehme«, dass meine Worte nicht schwerer wiegen, als mein zweifelnder Glaube zu tragen vermag. Denn dass Gott »mächtig« ist, daran halte ich (mich) fest, auch wenn ich seine Allmacht bestreite.

Das schwerste, das aller-, allerschwerste aber sind die Fürbitten! Sie kann ich nur »mit Furcht und Zittern« hervorbringen, und ich arbeite lange daran – viel länger als an der Predigt. Immer wieder verändere ich die Formulierungen, wache manchmal sogar nachts dafür auf, überarbeite sie noch am Sonntagmorgen; bis nichts mehr davon übrig ist und ich von vorne beginnen muss … Wie sollen wir den nicht allmächtigen Gott um etwas bitten? Noch dazu für andere? »Gib, dass alle Menschen auf dieser Erde satt werden.« Das ist ein frommer Wunsch – aber ein unmögliches Gebet, angesichts der Tatsache, dass alle drei Sekunden ein Mensch verhungert, etwa 24.000 Menschen Tag für Tag. Wenn Gott das ändern könnte und er täte es nicht, müssten wir ihn durch unser Gebet etwa noch dazu auffordern? Sind wir denn mitleidiger als er? Ist es nicht umgekehrt so, dass er uns zuruft: »Horch! Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden her«?16 Also vielleicht besser: »Hilf, dass alle Menschen auf dieser Erde satt werden«? Oder »Hilf uns …« bzw. »Hilf uns, dass wir bereit werden, die Gaben dieser Erde gerecht zu teilen«? Aber auch das klingt verschroben und hohl. Würde ich ehrlich darum bitten, so wäre ich ja zum Teilen bereit; mein Gebet wäre also schon erhört und daher überflüssig. Sind solche Worte nur theological correctness, hinter denen ich mich in Wahrheit verstecke, um mein eigenes Gewissen zu beruhigen – »Worte statt Taten«? Also statt Fürbitten vielleicht eher ein Bekenntnis, etwa so: »Gott, wir wollen die Gaben der Erde miteinander teilen.« Aber das sind keine Fürbitten mehr – und so geht die Suche von vorne los …

Solches Fragen klingt anstrengend, und das ist es auch. Aber es ist der Dienst, den wir Theo-logen den Menschen erweisen können in dieser Zeit, wo sie (fast) nichts mehr von uns wissen wollen. Vielleicht können wir so den Glauben bewahren und erneuern für die Zukunft.


Anmerkungen:

1 Bonhoeffer, Dietrich: Widerstand und Ergebung (Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 8), Gütersloh 2015 [Erstveröffentlichung 1951], 514f.

2 Vgl. Jonas, Hans: Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme, Frankfurt 1987; Koslowski, Jutta: (Wie) waltet Gott? Über den Ort der Anwesenheit Gottes in der Welt. In: Verantwortung, Jg. 30, Nr. 57, 2016, 24-29.

3 Vgl. Jörns, Klaus-Peter: Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum, Gütersloh 62017.

4 Vgl. Jörns, Klaus-Peter: Glaubwürdig von Gott reden. Gründe für eine theologische Kritik der Bibel, Stuttgart 2009.

5 Vgl. Dölle, Dorothee: Stellvertretung: ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes, Stuttgart 1965, 171.

6 Vgl. Ps. 21,14; Ps. 62,12; Ps. 66,7 u.ö.

7 Vgl. Gen. 1,22: Gott segnet die Tiere, spricht mit ihnen und gibt ihnen das Ur-Gebot – genau wie bei den Menschen, aber noch vor ihnen.

8 Vgl. Kussin, Mirko/Hertewich, Ursula: ZweiSichten. Gedanken über Gott und die Welt, Asslar 2018, 148: »Seine [Gottes] Ferne ist ein schmerzhaftes Geschenk. Denn nur durch seine Ferne wird der Mensch frei.«

9 Beachte: Auch wenn wir vom allmächtigen Gott Abschied nehmen, können wir an den Attributen der Allwissenheit und der Allgegenwart festhalten; dies steht nicht in Widerspruch miteinander.

10 Vgl. Leibniz, Gottfried Wilhelm: Versuche in der Theodicée über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels. In: Philosophische Werke in vier Bänden, Bd. 4, Hg. Buchenau, Artur (Philosophische Bibliothek, Bd. 499), Hamburg 1996 [Erstveröffentlichung 1710]. Der gleiche Ansatz wird in der sogenannten Free-Will-Defence und in der Prozess-Theologie verfolgt. Als Beispiele für neuere Veröffentlichungen zum Thema seien genannt: Bauke-Ruegg, Jan: Die Allmacht Gottes. Systematisch-theologische Erwägungen zwischen Metaphysik, Postmoderne und Poesie (Theologische Bibliothek Töpelmann, Bd. 96), Berlin 1998; Dietrich, Walter/Link, Christian: Die dunklen Seiten Gottes, Bd. 2: Allmacht und Ohnmacht, Göttingen 42009; Van den Brink, Gijsbert: Almighty God? A Study of the Doctrine of Divine Omnipotence (Studies in Philosophical Theology, Bd. 7), Kampen 1993.

11 Zu den liturgischen Konsequenzen eines neuen Gottesverständnisses vgl. Koslowski, Jutta: Wie können wir heute von Gott verantwortlich reden? Plädoyer für ein progressives Gottesverständnis: In: Verantwortung, Jg. 30, Nr. 58, 2016, 30-33, hier 32f, und Dies.: »Schuldbekenntnis« und »Lobspruch« – Bericht über ein liturgisches Experiment, in: DPfBl, Jg. 114, 3, 2014, 137-142.

12 Hier sei noch einmal auf Klaus-Peter Jörns hingewiesen, der die »Gesellschaft für eine Glaubensreform« gegründet hat, weil er davon überzeugt ist, dass die ecclesia semper reformanda nicht eine endlose Reihe von Strukturreformen braucht, sondern eine Reformation der Glaubensinhalte.

13 Mk. 2,22.

14 Gemeint ist damit nicht nur die Predigt, sondern alles, was ich im Gottesdienst ausspreche. Und »nicht lügen« bedeutet für mich so viel wie: nur das sagen, was ich wirklich glaube (auch wenn ich nicht alles zum Besten geben muss, was ich für wahr halte). Vgl. dazu: Sölle, Dorothee: Loben ohne Lügen. Gedichte, Kleinmachnow 2000.

15 Ps. 139,21.22 (Elberfelder-Übersetzung).

16 Gen. 4,10.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Dr. Jutta Koslowski, Jahrgang 1968, Studium der Theologie, Philosophie und Judaistik in München, Tübingen und Oxford, evangelische Pfarrerin der Evang. Kirche in Hessen und Nassau und Lehrbeauftragte für Ökum. Theologie und Interreligiösen Dialog an der Päd. Hochschule in Ludwigsburg; sie lebt mit ihrer Familie im Kloster Gnadenthal.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2019

7 Kommentare zu diesem Artikel

21.06.2019
Ein Kommentar von Georg Schützler


Sehr verehrte Frau Dr. Koslowski, mit Ihrem Artikel „… das macht`s, dass wir in seinem Schoß gesessen“ im Deutschen Pfarrerblatt haben Sie mich in positivster Weise überrascht. Teilweise hatte ich das Gefühl, als wenn Sie irgendwann mal neben mir an meinem Pfarrerschreibtisch saßen und sich mit ganz ähnlichen Gedanken und Fragestellungen gequält haben. Wie viele Liedverse aus unserem Gesangbuch erschienen auch mir einfach nicht mehr singbar. Was habe ich an Gebetsvorlagen herumgedocktert, bis die Gebete dem entsprachen, was inhaltlich und menschlich zu verantworten ist. Seit längerem würde ich gern den felsenbockeligen Begriff „allmächtig“ durch das Wort „allliebend“ ersetzen. Ja, wir stehen wohl am Rand einer Epoche, wo wir unseren christlichen Glauben im Geiste unseres Menschenbruders aus Nazareth neu buchstabieren und füllen müssen. Danke für Ihren Beitrag. Es ist einfach wohltuend zu erfahren, dass es Kolleginnen und Kollegen gibt, die mit ganz ähnlichen Antrieben, Motiven und Nöten auf dem Wege sind. Georg Schützler, Ludwigsburg
14.06.2019
Ein Kommentar von Heinz Liberda


Sehr geehrte Frau Koslowsky, wie Sie sich mit den veralteten Texten auseinandersetzen, gefällt mir gut. Aber muss man Gottes Allmacht eingeschränkt denken, damit der Mensch einen freien Willen haben kann (mit dem dann das Leid in der Welt leichter verständlich erscheint) wie unter Punkt 7: „Nur wo der allmächtige Gott nicht ist, kann überhaupt etwas anderes sein.“ ? Mir ist es ein Anliegen, an Gott und seine Allmacht ohne Einschränkungen zu glauben: Nach dem Gottesbild des Pan-en-theismus ist Gott überall in seiner Schöpfung anwesend. Dazu eine physikalische Metapher: In jeder Materie ist in und zwischen den Atomkernen und den Elektronen sehr viel „Platz für Gott“, z.B. auch in unserer Gehirnsubstanz. Das Bewusstsein von „Gott in uns“ ist bei vielen Mystikern ein Thema, und ich meine, bei Jesus war es im höchstmöglichen Grad vorhanden. Man kann sich leichter vorstellen, dass Gott seine Allmacht nicht zugunsten des freien Willens des Menschen einschränkt, wenn man annimmt, glaubt, dass Gott über der Zeit steht. Wenn wir, wie die Autoren der Bibel, vom Kommen, Erscheinen, Wirken Gottes reden, tun wir das gebunden an unsere zeitliche Anschauung und Erfahrung. Das gilt auch für den freien Willen des Menschen, zwischen Möglichkeiten zu entscheiden. Die Zeit und die Naturgesetze sind aber Teil von Gottes Schöpfung. Gott ist in seiner Schöpfung anwesend, hat sich aber durch sie nicht eingeschränkt. Wenn Gott über der Zeit steht, gibt es für ihn keinen zeitlichen Rahmen mit „Vorher“ und „ Nachher“, keinen Anfang und kein Ende. Seine gesamte Schöpfung mit ihrer Vergangenheit, Evolution und Zukunft ist in ihm Gegenwart. Dann kann man annehmen, dass Gott auch schon jede zukünftige Entscheidung eines Menschen kennt, die der Betreffende noch gar nicht getroffen hat, sogar Entscheidungen von Menschen, die noch gar nicht geboren sind. In diesem Gottesbild, das Gottes Überzeitlichkeit und damit sein Vorherwissen beinhaltet, sehe ich seine Allmacht mit unserem freien Willen vereinbar. Ich meine, unsere Freiheit zwischen Möglichkeiten zu wählen, wird nicht eingeschränkt, wenn Gott das Ergebnis unserer Wahl immer schon gegenwärtig hat.
12.06.2019
Ein Kommentar von Christoph Lang


Liebe Kollegin! Auch ich danke Ihnen für Ihren Beitrag und die Überlegungen zu einem verantwortlichen Reden von Gott in unserer Zeit. Vor allem im Blick auf die Gebetssprache schließe ich mich Ihnen voll und ganz an: Oft genug ringe ich noch bis Sonntagfrüh um die "richtigen" Worte für die "Fürbitten" und wünsche mir insgesamt in meiner Kirche mehr Stilles Gebet und mehr wohldurchdachte Zurückhaltung an dieser Stelle. Ebenfalls unterstreichen möchte ich die Notwendigkeit, nicht nur an den Formen, sondern auch an den Inhalten unserer Verkündigung weiter zu arbeiten. Das schließt Predigt, Liturgie, Liedtexte und Gebete mit ein und braucht nach meiner Erfahrung das Gespräch in kleinen Gruppen, theologischen Gesprächskreisen, um nicht nur von der Kanzel, sondern auch aus der Mitte der Gemeinde den Wandel zu gestalten. Wir haben damit über viele Jahre sehr gute Erfahrungen gemacht, auch MIT den Menschen eben in der kleinen Gruppe, im Gespräch, genau das zu tun: Glaube und Verstand, Tradition und moderne Wissenschaft (nicht nur Natur-, auch Geisteswissenschaften) ins Gespräch zu bringen. Anders wird der Wandeln nicht zu gestalten sein als von der Basis her... Danke und herzliche Grüße, Christoph Lang, Pfr.
27.05.2019
Ein Kommentar von Hans-Jürgen Fischbeck


Sehr geehrte Frau Dr. Koslowski, Ihr Artikel berührt mich sehr. Mich als Physiker und Christ treibt die Frage nach Gott in der Gottesfinsternis unserer Zeit um. Eine wesentlichen Grund dafür, dass wir in der Kirche den modernen Menschen immer weniger erreichen, sehe ich wie Sie darin, dass wir bisher den Ausweg aus dem Trilemma, das Sie zum Anfang konstatieren, nicht gefunden haben. Zu dem Trilemma gehören zwei der unaufgebbaren Attribute Gottes, nämlich Allmacht und Güte. Sie führen unweigerlich, wie Sie schreiben, in den Theodizee-Widerspruch, jenen "Fels des Atheismus". Im 1. Artikel des Glaubensbekenntnisses werden mit Recht Schöpfertum und Allmacht Gottes in einem Atemzug genannt. Der Ausweg aus dem Trilemma besteht darin, die herkömmliche Allmachtsvorstellung im Lichte der ontologischen Revolution, die mit der Quantentheorie verbunden ist, zu revidieren. Ohne sie in wenigen Zeilen erklären zu können, besteht sie darin, dass die (Quanten-)Wirklichkeit m e h r ist als Realität, weil sie eine duale Struktur aus primärer Potentialität und Realität hat, so dass man sagen kann: Die Wirklichkeit Gottes ist die Omni-Potentialität des Guten. In dieser Sicht ist das Theodizee-Problem zumindest wesentlich entschärft. Ich bin gern bereit, diese Gedanken näher zu begründen und zu erläutern. Dr. H.J.Fischbeck
27.05.2019
Ein Kommentar von Jutta Koslowski


Lieber Pfarrer Schweitzer, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Für mich bedeutet "Abschied nehmen vom allmächtigen Gott" keineswegs, den Glauben überhaupt aufzugeben. Das wollte ich mit meinen Überlegungen deutlich machen, und so versteht es auch Hans Jonas (im Unterschied etwa zu Emil Fackenheim). Sie haben ganz recht, dass Gott sich uns nicht (allein) durch unser Denken erschließt. Aber andererseits gilt auch seit alters her der Grundsatz "fides quaerens intellectum"... In diesem Sinn herzliche Grüße von Jutta Koslowski
25.05.2019
Ein Kommentar von Michael Schweitzer


Sehr geehrte, liebe Frau Dr. Koslowski! Sie fragen: „Gibt es Gott? Und wenn ja: Wie können wir ihn heute denken und glaubwürdig von ihm sprechen?“ So, wie ich die Lehre Jesu verstehe, erschließt sich uns Gott nicht durch unser Denken. Jesus hat uns angeleitet, Gott zu schauen im stillen Kämmerlein unseres Herzens. „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,8) Gott schauen heißt für mich, ich kann ihn in meinem Herzen wahrnehmen und ich kann ihn dort auch erkennen. „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.“ (Joh 17,3) Jesus hat uns gelehrt, Gott zu erkennen. Vorbedingung dafür ist für mich, zunächst die Stille in meinem Herzen zu suchen. Sie schreiben: „Spätestens seit dem radikalen Umdenken, das in der »Theologie nach Auschwitz« zum Ausdruck kommt, wurde das Dogma von der Allmacht Gottes in Frage gestellt.“ Woher meinen wir zu wissen, dass KZ-Häftlinge in Auschwitz und all den anderen Lagern Gott nur als ohnmächtigen erfahren haben? Ein mir sehr nahe stehender Freund wurde auf brutalste Art gefoltert. Ihm war klar, das Ziel seiner Folterer war nicht nur, ihm unsägliche Schmerzen zuzufügen, sondern ihn auch zu töten. Viele Jahre später kam er zu einer Therapeutin, die ihm helfen konnte, sein Trauma aufzuarbeiten. Sein Wissen um die tiefe Gläubigkeit seiner Therapeutin gab ihm erst die Kraft, sich an die Aufarbeitung zu wagen. Vermittelt durch sie konnte auch er die himmlischen Kräfte spüren und sich von ihnen tragen lassen auf dem qualvollen Weg, noch einmal alles nachzuerleben, um es durch das Erkennen aufarbeiten zu können. Das war nur möglich, weil er selber trotz allem Schrecklichen, was er erlebt hatte, nicht den Glauben an Gott verloren hatte, an den Gott, dessen Frieden höher ist als all unsere menschliche Vernunft, an den Gott, der unsere Herzen und all das, was wir darin mit unseren Sinnen wahrnehmen können, bewahrt durch Jesus den Christus. Abschied nehmen vom allmächtigen Gott würde für mich bedeuten, Abschied zu nehmen von Gott überhaupt. Dieser Gedanke löst in mir eine große, nicht zu beschreibende Trauer aus, eine Leere, eine abgrundtiefe Ohnmacht. „Die gebundenen und ausgebreiteten Hände von Jesus am Kreuz“ sind für mich nicht ein Zeichen von Ohnmacht. Sie sind für mich ein Zeichen von unsäglicher Folter und Leid. Insbesondere durch Johannes wissen wir, Jesus ist eins mit Gott. Und Jesus war und ist immer auch eins mit uns Menschen, mit einem jeden. Mit der Klage des 22. Psalms Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? bringt er m.E. unsere Gottverlassenheit zum Ausdruck, nicht die vermeintlich seine. Er klagt Gott unser Leid. Sie schreiben: „Das schwerste, das aller-, allerschwerste aber sind die Fürbitten! Sie kann ich nur »mit Furcht und Zittern« hervorbringen, und ich arbeite lange daran – viel länger als an der Predigt.“ Ihre klaren und so ehrlichen Worte berühren mich zutiefst. Schon lange sind für mich Fürbitten schwer erträglich zu hören. Wir müssen Gott nicht um Frieden bitten, er gibt ihn uns unaufhörlich, jeden Tag. Wir müssen ihn nicht bitten, „dass alle Menschen auf dieser Erde satt werden.“ Er gibt uns in Fülle, wir müssen nur lernen, diese Gaben gerechter miteinander zu teilen. Am Ende des Gottesdienstes spreche ich keine Fürbitten mehr im traditionellen Stil. Ich bete etwa wie folgt: „Gott, vor dir stehend prüfe ich mich: will ich mich von deinem Frieden erfüllen lassen, um ihn anderen weiter zu geben?“ (Nach einer Stille fahre ich dann fort) „Dein Friede in mir und durch mich sei mit allen Menschen, mit denen ich zusammen lebe …“ (je nach den Umständen benenne ich dann die Familie, die Nachbarn, die Gemeinschaft in der Schulklasse o.ä.) Soweit in aller Kürze – mit lieben Grüßen von ganzem Herzen – Ihr Michael Schweitzer (Pfr. i. R.)
19.05.2019
Ein Kommentar von Ewald Steinert, Pfr. i. R.


Bitte als Leserbrief veröffentlichen! Ich finde den Artikel von Jutta Koslowski sehr gut, sehr wichtig und notwendig. Einige positive Erfahrungen habe ich auch schon gemacht: Gottesdienstbesucher bedankten sich, wenn ich eigene Zweifel oder Bedenken bei manchen biblischen Aussagen formulierte. Bei den Gesangbuchliedern bin ich durch ihren Artikel noch mehr sensibilisiert worden. Wir Pfarrers- leute sollten wirklich mutiger sein, Widersprüche anzusprechen. Deshalb wird unser und der Glaube der Gemeindeglieder nicht geschmälert - im Gegenteil. An Ostern oder Weihnachten lesen die Interessierten im Spiegel oder Stern die neuesten bibelwissenschaftlichen Erkenntnisse! Wir sehen alt aus, wenn wir dies ignorieren oder ihnen hinterherhinken. Nochmals herzlichen Dank,liebe Frau Koslowski. Sie haben einen Verkündigungs-Nerv getroffen! Ewald Steinert, Pfarrer i. R.

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