Vom notwendigen Wandel und der Schwerfälligkeit der menschlichen Natur
Klimakrise, Psyche und Glaube

Von: Reinhold Gestrich
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Die Bilanzen des Weltklimas werden von Jahr zu Jahr düsterer – und mit ihnen schwinden die Chancen auf eine Bewältigung der Probleme, vor denen die Menschheit steht. Für die Schwerfälligkeit der menschlichen Psyche, angemessen zu reagieren und zu handeln, gibt es Erklärungen. Die Frage ist aber für Reinhold Gestrich, ob das Umdenken nicht schon zu spät kommt.


Das Thema ist oben

In den letzten 12 Monaten rückte der »Klimawandel« zum wichtigsten unter den Themen auf, die die Bevölkerung bewegen. In wenigen Wochen wurde die Anregerin der Schüler-Protest-Bewegung ›Fridays for Future‹, Greta Thunberg, weltbekannt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gibt es in 150 Ländern synchrone Demonstrationen auf Grund einer gemeinsam empfundenen Bedrohung.

Über 30 Jahre gelang es dem Thema nicht, aus der Nische herauszutreten, in welche es von der allgemeinen Gleichgültigkeit und Unwissenheit verbannt war. Warum schafft es das Thema jetzt zum drängendsten zu werden? Warum sind die früher so unbesorgten Menschen wegen der Temperaturentwicklung plötzlich so beunruhigt? Wahrscheinlich aus diesen Gründen: Ein akutes Bewusstsein von der Bedrohung durch Klimawandel entstand! Die Erkenntnis »sickerte ein«, dass die weltweite Verbrennung fossiler Brennstoffe, an der wir alle beteiligt sind, dafür verantwortlich ist, dass es jedes Jahr wärmer wird. Die Menschen fühlen: Die Trockenheit des Sommers 2018 wird wahrscheinlich von der noch größeren Trockenheit des Sommers 2019 abgelöst – mit allen Folgen für die Ernten in Deutschland. Man weiß: In Kalifornien wüteten im letzten Jahr die schlimmsten Feuer aller Zeiten. Man konnte lesen: Durch Stürme, Starkregen, Hitze und Dürre entstand 2018 weltweit ein Schaden von 375 Mrd. US-$. Die Bewohner aller Länder sind dabei, zu begreifen: Der Klimawandel ist im Gang und das Leben auf der Erde in großer Gefahr.


Informationen aus der Wissenschaft

Die Forschungen der Fachleute führten zu übereinstimmenden Ergebnissen und unabweisbaren Erkenntnissen. In unserer Zeit hat sich so viel CO2 in der Erdatmosphäre angehäuft wie zum letzten Mal im Pliozän vor 3 Mio. Jahren. Damals herrschten um 3–4° wärmere Temperaturen, der Meeresspiegel war 15m höher; in Europa spazierten Giraffen herum, in der Arktis wuchsen Pflanzen. Bis 2019, stiegen die Temperaturen gegenüber der vorindustriellen Zeit (seit 1888) um 1,25°. Gemäß dem bekannten Paris-Ziel sollten die Temperaturwerte im Ganzen bis zum Jahr 2100 höchstens um 2° steigen – viel besser nur um 1,5°. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Erde die Marge von 1,5° Erwärmung schon im Jahr 2050 erreicht haben wird.

Um solches zu vermeiden, müssten die Staaten der Welt es schaffen – sagt der Weltklimarat –, bis 2030 45% weniger CO2 in die Luft zu blasen als heute, und im Jahr 2050 müsste es soweit sein: überhaupt keine CO2-Emissionen mehr! Die Forscher sagen: Wenn wir die Begrenzung auf 1,5° nicht einhalten, erhöht sich das Ausmaß der Wetter-Katastrophen mit jedem Zehntel Grad. Bei 2° Erwärmung leiden doppelt so viele Menschen unter Dürre, Hunger, Ausfall von Fischfang wie bei 1,5°.

An der jetzt sich vollziehenden Entwicklung kann man ablesen, dass unsere Erde die Erwärmung um 2° höchstwahrscheinlich leider schon 2070 erreichen wird, noch zu Lebzeiten von Greta Thunberg. Zu dieser Zeit werden auch die gefährlichen Kippeffekte wirksam sein, durch welche der Planet dann im Jahr 2100 wahrscheinlich bei 4° zusätzlicher Wärme landen wird. Ziemlich sicher weiß man bereits heute, dass 2050 im mittleren Westen der USA kein Getreide mehr angebaut werden kann, ebenso wenig wie in Zentralafrika südlich der ­Sahara.

Im Moment steigen die Temperaturen alle 10 Jahre um 0,2°, ebenso der Meeresspiegel um 2mm. Das ist nicht viel, denkt man. Trotzdem hat die Welt begonnen, die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren – man erlebt mit, wie die Wetterphänomene Jahr für Jahr extremer werden: an den Polkappen, wo die Temperatur-Zunahme das Doppelte beträgt, schmelzen die Eis-Massen ab. Der Klimaberater der Bundesregierung, H.J. Schellnhuber, sagt: Haben wir 1,5° Erwärmung überschritten, dann beginnt auch das riesige Grönlandeis immer schneller abzutauen. Im Laufe dieses Prozesses wird der Meeresspiegel um 7–8m steigen. Der andere Beschleunigungs-Effekt kommt bekanntlich von der Entwicklung im Perma-Frostboden, der 1/6 der Erde bedeckt. Taut er auf – das beginnt ebenfalls bei 1,5° plus –, tritt eine ungeheure zusätzliche Menge CO2 in die Atmosphäre, dazu das noch gefährlichere Methan. Heute – im Jahr 2019 – steigen die globalen CO2-Emissionen, anstatt zu fallen!


Was geschehen müsste

Man sagt: Für die weltweit nötigen Transformationsentscheidungen sind die Jahre 2020-2030 die wichtigsten. In dieser Dekade müssten in allen Ländern tiefgreifende Veränderungen vorbereitet werden. In den energierelevanten Bereichen Kraftwerke, Verkehr, Hauswärme, Industrie, Landwirtschaft müssten radikale Umstellungen eingeleitet werden. Nur so würde es der Welt möglich, wenigstens die sich für 2050 abzeichnende Erwärmung von 1,5° nicht zu überschreiten. Die schon vor längerer Zeit angestoßene Energiewende müsste jetzt also sehr schnell Fahrt aufnehmen!

Bereits 34% des Stroms wird in Deutschland regenerativ erzeugt (weltweit erst 12%). Nebenher verbrennen wir aber noch massenhaft Braunkohle, Steinkohle, Öl und Gas, wodurch der Anteil unseres grün erzeugten Stromes in der Gesamtenergieverbrauchsbilanz erst 17% beträgt. Auch wir sind also noch nicht besonders weit gekommen! Viel mehr Strom aus Offshore-Windkraft müsste in schnell gebauten Trassen von Nord- nach Süddeutschland fließen, alle Dächer in allen Orten müssten mit Sonnenpaneelen bestückt werden. Ladenetze für E-Autos müssten flächendeckend aufgestellt werden, die PKW-Flotten von Automobilfirmen gewaltig geringere CO2-Emissionswerte vorweisen, die Wärmeversorgungsbestimmungen für Neubauten schärfer werden, die Vorschriften für energetische Sanierung von Altbauten verbindlicher. Im Agrarbereich – riesiger Verursacher von CO2-Emissionen – würde nur eine sofortige totale Rückbesinnung und Umstellung auf biologischen Anbau helfen. Europa- oder weltweit müsste eine CO2-Besteuerung kommen, die unbedingt auch den Flugverkehr einbezieht.

Im Einklang mit den Klimazielen der EU hat sich die Bundesregierung vorgenommen: Bis 2020 (gegenüber 1990) 40% weniger CO2-Emissionen, bis 2030 55% weniger, bis 2050 95% weniger. Die erste Absicht kann die Bundesrepublik nicht mehr verwirklichen. Nun arbeitet man daran, die für die Zeit um 2030 ins Auge gefasste größere Reduktion vorzubereiten. Noch dieses Jahr will das Berliner »Klimakabinett« festlegen, wie die Regierung ihr Ziel zu erreichen gedenkt. Man fragt sich aber: Wie soll das möglich sein, wenn man heute schon weiß, dass die erneuerbaren Energien im Jahr 2030 in Bezug auf den gesamten Energiemix erst bei einem Anteil von 30% angekommen sein werden? Und wie soll es der Regierung gelingen, die fossilen Energien so schnell zurückzudrängen, wenn doch z.B. die Kohlekraftwerke noch bis 2038 laufen und auch Gas und Öl weiter eine Riesenrolle spielen werden? Jede Woche erscheint irgendwo eine neue Idee, ein frischer Plan, wie man es bewerkstelligen könnte, das formulierte Schutzvorhaben für das Klima zu erfüllen. Man spürt, dass es die Regierung ernst meint. Sehr viel Mühe und Arbeit liegen vor den deutschen Ministerien und vor der EU-Kommission! Denn es ist Zeit!


Wie es trotz guter Absichten mit dem Klima aussieht

Demokratien haben es schwer. Frankreichs Plan einer CO2-Steuer auf Benzin wurde zurückgenommen – der Plan löste die Gelbwesten-Bewegung aus. Populistenregierungen wollen dem Volk nicht wehtun und verlangen ihm nichts ab – im Energiebereich bleibt dann alles, wie es ist. Diktatoren sind oft mit den Mächtigen der Energie- oder Agrarbranche verbündet, solche Länder tun viel für den Schutz des Exports von Öl, von Soja und Erdnüssen, wenig zum Schutz der Wälder und des Klimas.

Es gibt Staaten, die ihre Kohlekraftwerke nicht schließen, sondern forciert ausbauen: Australien, Südafrika, Indien, Polen. Die ölreichen Emirate haben den weltweit höchsten pro-Kopf-Energieverbrauch. Mit Vorliebe wählen deutsche Autokäufer SUVs, die 12l Benzin verheizen. Die USA sind auf ihr Öl aus Fracking-Quellen stolz, Benzin wird von der Regierung immer noch fast ohne Steuer verkauft und fließt und fließt … Allein zur Kühlung ihrer Häuser und Büros, Universitäten und Shopping-Malls verbrauchen 200 Mio. US-Amerikaner im Jahr so viel Strom wie 800 Mio. Afrikaner für sämtliche Zwecke des Strom-Einsatzes zusammen!

In Afrika kocht die ländliche Bevölkerung bis heute meist auf Erd-Feuerstellen, die sinnlos viel Holz verschwenden, anstatt mit Herden oder Öfen; so verbrennt die explosionsartig wachsende Bevölkerung im Eiltempo die eigenen Wälder. Durch Abholzung des Regenwalds verringerte sich die klimarettende CO2-Senke 2018 weltweit um eine Hektarfläche von der Größe Englands.

Wie soll die CO2-Belastung weniger werden, wenn der Welt-Flugverkehr jedes Jahr um 10% zunimmt? Wer zwingt die Landwirte, auf ökologischen Landbau umzustellen und die Massentierhaltung zu beenden? Wer bringt die Verbraucher dazu, kein Fleisch mehr zu essen? Wer beendet die Flugzeugtransporte von Frühgemüse und Blumen aus Afrika nach Europa? Wer nötigt die Hausbesitzer zur optimalen Isolierung ihrer Immobilien?

Gegen geplante Klimaschutzgesetze gibt es überall konservative Bremser und mächtige Lobbyisten. Entscheidungen werden vom Bedürfnis beeinflusst, dass kurzzeitig keine zu großen Belastungen entstehen. Die katastrophalen Belastungen, die sich auf diese Weise langfristig aufhäufen, werden ausgeblendet. Und häufig entstehen Gesetze, die der Forderung nicht genügen, die Weichen zwischen 2020 und 2030 weltweit radikal auf »Klimarettung« umzustellen.


Handeln, »als ob es ginge« – aber geht es eigentlich noch?

Ein nüchterner Blick auf die die energie- und klimapolitische Lage der Weltregionen führt wohl zu der Erkenntnis: Wir schaffen das gar nicht mehr! Theoretisch ginge es vielleicht noch, aber nur, wenn plötzlich eine Art Weltregierung alle Länder zu größten Anstrengungen verpflichten würde. Die Schritte, die nötig wären, wären so einschneidend, dass Politik und Energiewirtschaft, Industrie, Landwirtschaft und Privatverbraucher davon höchstwahrscheinlich überfordert wären, und es zu Unruhen käme. In der tatsächlichen Wirklichkeit scheint – bis jetzt jedenfalls – nichts den wachsenden CO2-Ausstoß bremsen zu können. Auf die Frage »Geht es noch?« lautet deshalb die Antwort: »Allem Anschein nach ›geht es‹ nicht mehr!«

Klimapolitik geschieht mit redlichem Bemühen, sie wird aber vielleicht zu einer letztlich vergeblichen »als ginge es noch«-Politik. Von den Verantwortlichen in Politik und Parteien räumt niemand ein, dass wir das Ruder im Strudel der Entwicklung höchstwahrscheinlich nicht mehr herumreißen können. Stattdessen bleibt man bei seiner Agenda und arbeitet an Reformschritten, »als ob es noch ginge«. Kann man nur so »bei Verstand« bleiben, dass man sich redlich bemüht – in der Annahme, die menschheitsrettenden Ziele seien noch zu erreichen?


Klimawandel – Angst, Hoffnung, Zweifel, Gleichgültigkeit

In verschiedener Hinsicht macht es der Klimawandel der Menschheit schwer, sich ihm zu stellen. Durch seine Unsichtbarkeit und Geruchlosigkeit konnte sich das Gas CO2, das ja in bestimmten Mengen unschädlich ist und von den Pflanzen dringend gebraucht wird, in der Atmosphäre friedlich ansammeln und seine Gefährlichkeit sehr viele Jahre lang vor dem menschlichen Bewusstsein verbergen. Durch sein nur ganz langsames Vorwärtsschreiten konnten die Menschen den Klimawandel lange Zeit gar nicht wahrnehmen bzw. sich damit beruhigen, dass das Wetter bekanntlich immer Kapriolen macht. Tausende Medienberichte konnten nichts daran ändern, dass dem Phänomen Erderwärmung und seinen Ursachen nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Kaum die Hälfte der Bevölkerung nahm vom Klimakiller CO2 Notiz, nur wenige bemühten sich um Wissen und Erkenntnis.

So konnte die Politik – von Demonstranten nicht bedrängt – weiter in gemächlichen Schritten vorwärtsgehen. Dennoch hat sich »wie auf einen Schlag« etwas geändert: 90% haben heute plötzlich Kenntnis von dem, was man meint, wenn man sagt »Treibhausgase«. Und 90% können bestätigen, dass die Menschheit die fatale Klimaveränderung durch ihre CO2-Emissionen verursacht und selbst die Wettergefahren bewirkt. Seit diesem Jahr gibt es wirklich ein deutlich wacheres und wachsendes Bewusstsein vom vorwärtsschreitenden Klimawandel. Es geht deshalb – jedenfalls in Deutschland – jetzt nicht mehr darum, die traurige Verdrängung oder Ignorierung zu bekämpfen, unter der das Thema so viele Jahre gelitten hat – bis es beinahe zu spät war. Heute geht es wohl um etwas Neues: Es gilt, die traurige Verdrängung oder Ignorierung der Tatsache zu bekämpfen, dass es die Menschheit nach allen Anzeichen wohl nicht mehr schafft, sich der Klimakatastrophe entgegenzustellen, weil es bereits zu spät ist!

Wie reagieren heute Menschen, die diese zweite Art der Verdrängung und Ignorierung verkörpern, indem sie nicht realisieren, dass es wahrscheinlich zu spät ist? Die Leute sagen z.B. oft: »Kein Alarmismus! Es ist ja alles noch nicht sicher, was da prognostiziert wird!« Oder: »Die Technik schreitet ganz schnell voran, und in wenigen Jahren werden wir Öl und Gas und Kohle nicht mehr brauchen!« Oder: »Es ist nicht schlimm, wenn die Sommer wärmer werden. Der Mensch ist anpassungsfähig, man gewöhnt sich daran!« Oder: »Bis jetzt hat man immer noch genug Wasser; die Lebensmittel sind kaum teurer geworden; die ganze Erde deckt unseren Tisch!«

Man lebt von dem Gefühl: Es geht wohl immer alles so weiter wie bisher. Man verharrt bei seinen Konsumgewohnheiten und wartet in Sachen Klimaschutz auf die Vorgaben des Staates, fängt nicht bei sich an. Als Wesen, das nicht weitsichtig, großräumig oder menschheitlich denkt, sondern kurzfristig, kleinräumig und familiär, fragt sich der Mensch: Wie reicht das Geld diesen Monat? Wohin fliegen wir im Sommer? Wie geht es den Kindern, den Enkeln? Höchst selten fragt man: Wie geht es der Erde in 30 Jahren? Was werden die Kinder und Enkel durch den Klimawandel erleiden, den wir selbst verursachten?

Jede/r von uns kann sich selbst beobachten und prüfen. Und jede/r wird bestätigen: Der Ernst der Lage ergreift uns für Momente, dann lässt er uns wieder los. Die einzelnen Übel, die durch die Klimaerwärmung auftreten können, erschrecken uns zwar, aber sie sind – noch – zu weit weg, um uns in tiefer Seele zu beunruhigen. Weil wir uns die Zukunft nicht vorstellen können, setzen wir heute – wie gewöhnlich – unseren Alltag fort.

Natürlich machen wir uns Sorgen in Bezug auf das Schicksal der Erde. Doch Hoffnung haben wir gleichzeitig auch: Es könnte noch einmal gut ausgehen! Irgendwie schafft es die Menschheit immer! Ist »Hoffnung« in uns manchmal eine Opportunistin, die uns einredet, die Augen zu verschließen, um die Zukunft nicht fürchten zu müssen? Müssten wir eigentlich nicht viel realistischer fühlen und denken? Was bedeutet es – um ein Beispiel für künftige Realität zu nennen – für uns, dass man heute schon weiß: bis 2050 halbiert sich die anbaubare, fruchtbare Fläche in Afrika, während sich die dortige Bevölkerung gleichzeitig verdoppelt haben wird?


Klimawandel – Theologie, Glaube, Kirche

Es ist davon auszugehen: Unser aller Leben und auch unsere Kirche werden sich in baldiger Zeit verändern. Schon in 30 Jahren wird vielleicht ökologisch ganz viel nicht mehr so sein, wie es einmal war. (Es heißt z.B.: Bis dahin könnten bis zu 1 Mio. Arten im Tier- und Pflanzenreich verschwunden sein, bis dahin sehr viel mehr Ackerfläche degradiert, weitere Ökosysteme in Meer und Land zerstört, noch mehr Trinkwasser verseucht sein, gegen noch mehr antibiotika-resistente Infektionen sei der Mensch dann wehrlos …). Es könnte bis 2050 zu großen Armutskrisen und zu vermehrten Fluchtbewegungen kommen. Im Jahr 2100 könnte es so unerträglich heiß sein, dass menschliches Leben auf der Erde nur noch unter extremen Schutzvorkehrungen möglich ist.

Jahrelang waren die Kirchen an erster Stelle dabei, erhoben ihre Stimme und engagierten sich für Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung. Beim Thema Klimawandel scheinen die Kirchen im Moment eigenartig verstummt. Vielleicht deshalb, weil ethische Appelle schal klingen, wenn doch niemand weiß, wie man dem Kreislauf bis zum Kollaps noch entrinnt? Was sollen die Kirchen sagen? Mit welcher Vollmacht können sie politisch-ökologische Forderungen erheben?

Wenn »es aber nicht mehr geht«, wie werden wir eines Tages reagieren?

Wir als Theologen werden vielleicht fragen: Warum hat Gott unsere Menschennatur so gemacht, dass sie die Schöpfungsnatur nicht begreift und bewahrt, sondern ausraubt und zerstört? Warum hat er uns so viel Freiheit gegeben, dass wir am Ende hilflos bleiben, wenn es gilt, unsere Lebensgrundlagen zu schützen? Wenn Gott die Herrschaft über die Welt hat, was ist jetzt sein Plan für die erschöpfte Welt? Sinnfragen, Theodizeefragen, Schuldfragen – wie bringen wir sie vor Gott?

Wir als Nachfolger Christi, des Erlösers werden uns vielleicht fragen: Will uns Christus in der Welt und für die Welt erretten, in welcher das Reich Gottes anbrechen will, oder will er uns aus der (vergehenden) Welt erlösen? Jesus erwartete von uns Taten der Nächstenliebe. Was möchte er wohl, dass wir jetzt tun, wenn es zu seiner Zeit so etwas wie Umwelt- und Naturliebe gar nicht gab?

Wir als Bibelleser: Sollten wir sprechen: »Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden« (Ps. 91)? Welches kluge Handeln wäre heute nötig? Meint »klug« im Sinne der atl. Weisheit das Akzeptieren der eigenen Vergänglichkeit? Sehen wir die apokalyptischen Reiter am Horizont?

Wir als Gottesdienstbesucher: Wie reagieren wir? Können wir noch singen: »Was Gott tut, das ist wohlgetan«, wenn es doch der Mensch ist, der das Klima verändert, nicht Gott? Fliehen wir mit der Haltung »Alles IHM überlassen« in einen Gottesschoß, welcher uns am Ende doch nicht beschützen kann?

Wir als Beter: Wie können wir die Sorgen um den Klimawandel Gott vorlegen? Sollen wir bitten, dass die Völker wachgerüttelt werden? Dass Gott uns ertüchtigt, jetzt schnell das Richtige und Gute zu tun? Ihn anflehen, dass die Erde für unsere Kinder und Enkel doch noch bewahrt wird?

Wir als Kirchen: Werden wir Ängstliche in unseren Mauern versammeln? Zur Buße aufrufen, wenn die Naturphänomene bedrohlich werden? Trösten, wenn die Lebensverhältnisse in Stress geraten? Hilfswerke organisieren für Flüchtlinge und Flutopfer?

Wir wissen es heute noch nicht, was vielleicht schon in 30 Jahren von uns verlangt wird. Gott helfe uns, wenn die Zeit kommt!

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. Reinhold Gestrich, von 1967 bis 2007 Pfarrer der württ. Landeskirche, Verfasser einer Reihe von Büchern zu Themen der Seelsorge und der Pastoralpsychologie.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2019

1 Kommentar zu diesem Artikel

26.06.2019
Ein Kommentar von Thomas Zeitler


Ich würde als Kommentar gerne auf einen Beitrag von mir verweisen, der in der Zeitschrift der Evangelischen Jugend Nürnberg erschienen ist (S.4+5). Wir werden unsere Theologie SUBSTANTIELL umbauen müssen, wenn wir als Kirchen noch einen sinnvollen Beitrag zum 'Rettungshandeln' liefern wollen. Ich selbst bin in der Klimabewegung 'Extinction Rebellion' aktiv. Dort wird sehr viel nach den spirituellen und seelsorglichen Dimensionen der Klimakrise gefragt. Von der Kirche erhofft sich dort (derzeit) kaum einer was.... Glaubenswandel durch Klimawandel? Wie die ökologischen Herausforderungen auf die Theologie zurückschlagen von Thomas Zeitler, Pfarrer im Lorenzer Laden und der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) Um das massenhafte Artensterben zu stoppen und die menschengemachte Erderwärmung so zu begrenzen, dass die Kipp-Punkte für das Klima und das Leben auf der Erde vermieden werden, müssen wir radikal anders leben und wirtschaften. Das ist offensichtlich. Aber müssen wir auch anders glauben? Wenn christliche Glaubensvorstellungen mit zu den unheilvollen Entwicklungen beigetragen haben, oder sie zumindest nicht wirksam zu verhindern wussten, müssen wir sie dann verabschieden? Und welche Kraftquellen und Visionen des Christentums sind vielleicht wichtig und hilfreich für die großen Veränderungen, die wir in den nächsten 12 Jahren ins Werk setzen müssen? Ich möchte diese Fragen an drei Themen stellen, die für den Glauben wichtig sind: Verbundenheit – Hoffnung – Handeln. 1. Verbundenheit: Eins mit der Natur? Der gefühllose Raubbau an den natürlichen Ressourcen und die kurzsichtige Gefährdung des ökologischen Gleichgewichts der Erde zeigen: der Mensch neigt dazu, so zu handeln, als stünde er außerhalb oder über der Natur. Dabei ist er Teil von ihr und in sie eingebettet und von ihr abhängig. Die biblische Schöpfungstradition spricht zwar davon, dass der Mensch Geschöpf unter Geschöpfen ist. Aber sie gibt ihm eine Sonderstellung als ‚König‘, der die anderen Geschöpfe zu seinem Wohle nutzen darf, aber auch den Auftrag hat, sie zu schützen und zu bewahren. Vergisst er den Fürsorgebefehl und überhört er das Seufzen der Kreatur, kommt es zur Spirale der Ausbeutung und Vernichtung. Und seine Sonderrolle verführt ihn, sich für etwas Abgetrenntes zu halten. Im Neuen Testament gibt es eine sehr eigenartige mythologische Vorstellung, die an dieser Stelle weiterhelfen kann: Dort heißt es, dass der ganze Kosmos, von Anbeginn der Welt, von Christus durchdrungen ist. Wie ein einziger großer Organismus, dessen Teil wir sind. In diesem Bild werden die Verbundenheit und Abhängigkeit voneinander viel stärker betont. Verletzungen der Erde sind dann immer auch Verletzungen Gottes selbst, der im kosmischen Christus in allem Leben und aller Natur gegenwärtig ist und uns fragt: Was habt ihr mir getan? Eingebettet in einen solchen Christus müsste unser Handeln automatisch achtsamer und einfühlsamer werden. 2. Hoffnung: Neues Leben im hier und jetzt? Wer die Prognosen der Klimaforschung liest, dem kann es Angst und Bange werden. Denn die Dynamik, die wir in den letzten 200 Jahren in Gang gesetzt haben, scheint nur durch eine radikale Umkehr in einem relativ kurzen Zeitfester möglich zu sein. Das kann in Verzweiflung und Depression führen. Greta Thunberg sagte in Davos: Ich will nicht Eure Hoffnung, ich will Eure Panik, damit Ihr endlich handelt. ‚Hoffnung machen‘ steht dann für falschen Trost, dass am Ende schon alles gut ausgehen wird. Für ein untätiges Warten auf ein rettendes Eingreifen Gottes oder auf ein Jenseits, das einer heillos verlorenen Welt als Reich des Friedens und der Gerechtigkeit gegenübergestellt wird. Im Christentum hat diese Vorstellung von einer vertröstenden Hoffnung leider eine starke Tradition. Auch deshalb, weil wir die Auferstehung Jesu nach seiner Ermordung am Kreuz zu eng mit einer Auferstehung der Toten NACH diesem Leben ins ewige Leben verbunden haben. In Zeiten der Überlebenskrise haben wir Christ_innen aber mit dem Auferstehungsglauben ein echtes Kraftpaket an Hoffnung. Im hier und jetzt. Denn dieser Glaube überlässt den Todes- und Zerstörungsmächten nicht das letzte Wort. Sie sind besiegbar. Und ein neues, anderes Leben ist jederzeit möglich. Die Auferstehung ist damit der Motor jeder echten Veränderung. Und wie erscheint Jesus als Auferstandener zuerst? Als Gärtner! 3. Handeln: Brauchen wir mystische Aktivist_innen? Mit ‚Fridays for Future‘ und ‚Extinction Rebellion‘ sind fast über Nacht soziale Bewegungen entstanden, die ein schnelles und wirksames Handeln der Politik einfordern. Und viele der Aktivist_innen achten auch auf einen eigenen nachhaltigen Lebensstil mit einem geringen ökologischen Fußabdruck. Manche fragen schon, ob aus so viel (An-)Forderung nicht schnell Überforderung werden kann, der die Puste ausgeht. Und gerade in der lutherischen Theologie wird sehr skeptisch auf solche ‚guten Werke‘ geschaut, weil sie der Geruch der versuchten Selbsterlösung umweht, die nicht auf Gottes rettendes Handeln vertraut. Aber wie kommen Glauben und Handeln in eine sinnvolle Balance? Und muss ich das alleine leisten, oder finde ich Unterstützung in Gemeinschaft? Der US-amerikanische Schöpfungstheologe Matthew Fox hat vorgeschlagen, einen neuen Orden zu gründen, einen ‚Order of the Sacred Earth‘. Das Gelübde lautet: „Ich gelobe, die Erde zu lieben und zu verteidigen, soweit es in meinen Möglichkeiten ist.“ Für mich ist das eine geniale Mischung aus mystischer Verankerung in der Beziehung zu Gottes guter Schöpfung und der Ermutigung, alles, was in meiner Macht steht, zu tun, ohne meine Kräfte zu überfordern. Wäre ein solcher Orden unser Beitrag zu einer neuen Klimabewegung, die rebelliert und kämpft und zugleich aus einer tiefen Spiritualität ihre Kraft zieht?

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