Von Paris nach Weimar und Dessau – und zurück

Von: Peter Haigis
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Ursprünglich sollte dieses Editorial dem Thema »100 Jahre Bauhaus« gewidmet sein und der Frage, was wir im »Design« unserer Kirchen und Gottesdienste ästhetisch von einem solchen Jubiläum erfahren und lernen könnten. Doch dann erzwang das brennende Kirchenschiff von Notre Dame am Beginn der Passionswoche meine Aufmerksamkeit und eine Änderung des thematischen Fahrplans. Doch wer weiß, vielleicht kommen wir hier auf dem Umweg über Paris nach Weimar oder Dessau?

Dass die symbolträchtige Kirche von Notre Dame in Paris kurz vor Ostern lichterloh in Flammen aufging, löste einen regelrechten Schock aus, nicht nur in Paris oder Frankreich, sondern weltweit. Und entsprechend groß war die Betroffenheit in den Tagen danach, wie sie sich dann beispielsweise auch in einer rekordverdächtigen Spendenbereitschaft für den Wiederaufbau ausdrückte. Zunächst besorgt, ja regelrecht beängstigt im Blick auf die Frage der Brandursache (ein Terrorakt? Paris erneut als Zielscheibe eines islamistischen Fundamentalismus?), wandte sich die Aufmerksamkeit rasch der Bedeutung dieses Bauwerks für die nationale Identität Frankreichs zu, und die Öffentlichkeit erging sich in Ritualen der Beteuerung eben dieses Symbolwerts.

All das zeigt, wie fragil, ja verletzlich die Beziehung von Religion und Gesellschaft, von Religion und Öffentlichkeit in Mitteleuropa geworden ist. Frankreich wird für sein laizistisches System bisweilen hoch gerühmt, bisweilen auch stark gescholten – je nach dem, auf welche Seite man blickt. Dass nun aber ausgerechnet ein Land, das sich die konsequente Trennung von Staat und Religion auf die Fahnen geschrieben hat, die nationale Identität und ihre Verwundung am Bauwerk einer Kirche festmacht, lässt doch nachfragen. Gewiss, Notre Dame ist in staatlicher Hand und es ist ein einzigartiger Magnet des Paris-Tourismus. Aber an diesen Punkten stehen zu bleiben, bedeutete doch, nur die Oberfläche sehen zu wollen.

Die öffentlichen Reaktionen auf die Bilder der brennenden und ausgebrannten Kirche Notre Dame in Paris offenbaren die Mehrdeutigkeit kultureller Zeichen in unserer plural ausdifferenzierten Gesellschaft. Zwar hat sich die Politik in modernen Gemeinwesen an einen gewissen Funktionalismus gewöhnt, und zweifellos hat der weltanschaulich neutrale säkulare Staat, der sich auf das Regulieren gesellschaftlicher Prozesse beschränkt, seine Leistungsfähigkeit. Ob er jedoch in der Lage dazu ist, die Vielschichtigkeit des Gemeinwesens, dem er dient, abzubilden, ist sehr die Frage.

Muss er das überhaupt? Er muss es nicht, wenn er genügend Freiraum dafür bietet, dass sich diese Vielschichtigkeit ausdrücken und ausagieren kann. Dafür scheint allerdings der Laizismus nicht das geeignete Instrument zu sein, denn ein moderner Staat, der solchen Freiraum bieten will, muss auf die Kooperation setzen – mit den Trägern von Religion ebenso wie mit den Trägern von Kultur, eine Unterscheidung, die aus politischer Perspektive ohnehin nur begrenzt Sinn macht.

Das Prinzip »form follows function« hat ein gewisses Recht – nicht nur in der Architektur oder im Design, sondern auch in der Politik –, doch ein reiner Funktionalismus führt »in the long run« zur Entleerung kultureller Zeichen. Deren Funktion ist eben nur ein Aspekt ihrer Erschließung, und an der Bedeutungsebene, der Semantik kultureller Zeichen führt kein Weg vorbei.

Es mag historische Situationen geben, in denen der Funktionalismus hart durchgreifen muss, vor allem, wenn er – wie im Bauhaus – mit einem Angriff auf bloß verspielte und gehaltlose Ornamentik und selbstzweckhaften Traditionalismus einhergeht. Diese Lektion erteilen in der Geschichte auch immer wieder revolutionäre Umprogrammierungen der Gesellschaftsordnung. In aller Regel vergessen diese jedoch die inhaltlichen Voraussetzungen, aus denen sie sich speisen, immunisieren sich gegenüber Kritik und gebärden sich totalitär – und zwar in dem Zeittakt, in dem sie sich selbst konfektionieren und konventionell werden.

Eine Kirche wie Notre Dame ist eben mehr als ein populäres Bauwerk. Und ihre Bedeutung ermisst sich nicht nur an den touristischen Einnahmen, die sie generiert. Sie ist aufgeladen mit historischen Bezügen und stiftet über ihre Herkunft aus der Geschichte Identität. Doch auch darin erschöpft sich ihre Bedeutung keineswegs. Sie ist und bleibt ein religiöses Symbol und damit ein Verweis auf jene Transzendenz, die der Selbstbetrachtung des Menschen eignet – und bei alledem haben wir nur vom Menschen und seiner Welt und noch nicht einmal von »Gott« gesprochen.

Herzlich grüßt Sie Ihr


Peter Haigis.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2019

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