2. Juni 2019, Epheser 3,14-21
Exaudi

Von: Michael Rau
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Offen für eine andere Dimension

Worte wie ein Gewebe

Endlose Sätze im Epheserbrief. Ich bezweifle, dass die Adressaten den Sinn beim Zuhören erfassen konnten. Könnte das Absicht sein? V. 14-19 hat keine lineare Struktur. Die Worte bilden eher ein Netz, ein Gewebe, das sich vieldimensional ausspannt – vor und zurück, Breite, Länge, Höhe, Tiefe (V. 18). Als ob der Autor selbst in dieses Netz hineinverwoben wäre, und versucht, mit Worten zu fassen, was er spürt, erkennt. Dabei ist, was er wahrnimmt, ohne Anfang und Ende. Vielleicht deshalb kann er nicht anders als auch seine Worte fließen zu lassen: hierhin, dorthin ohne Zäsur – Vater, Christus, Welt, Menschen – vielfältig verwoben, ein dynamisches Ganzes.

Ich habe es anders gelernt. Gott und Schöpfung sind säuberlich getrennt, dazwischen klafft ein Graben. Wenn denn Glaube diesen Graben überspannt, besteht er aus rationalen Erwägungen, spinnwebdürr. Die Praxis besteht aus politischer Correctness in religiösem Mantel. Wie frei dagegen der Epheserapostel! Ihn kümmert keine Correctness, Logik, Verständlichkeit. Er webt sein Netz aus Worten. Dabei soll sich etwas zeigen. Es geht ihm um Erkennen (V. 19).


Der »inwendige Mensch«

Doch was zu erkennen ist, übersteigt die Erkenntnis: Liebe. Das abgenutzte Wort. Weil das Wort eher Projektionen transportiert als Erfahrung? Wortreich beschwören lässt sich Liebe jedenfalls nicht. Das versucht der Epheserapostel auch nicht. Sondern: »Ich beuge meine Knie vor dem Vater.« Er bittet Gott um ein mystisches Ereignis: »dass Christus durch Vertrauen in euren Herzen wohne, in Liebe eingewurzelt und gegründet.« Der Apostel bittet um Kraft – dynamis (V. 16) für die Christen, »damit ihr gestärkt werdet an dem inwendigen Menschen« (V. 16b).

Was ist, wenn der inwendige Mensch geschwächt ist? Klammert man sich dann zu sehr an das äußere, das Machbare – das rechte Verhalten? Der gestärkte inwendige Mensch hätte vielleicht den Mut, sich anderswohin zu öffnen. In eine Richtung, die nicht durch die drei Dimensionen der materialen Welt definiert ist.


»Allverbundenheit mit dem Kosmos«

Bei YouTube gibt es das Interview eines norddeutschen Pfarrers mit Sabine Mehne (YouTube: »Offen gesagt: Nahtod-Erfahrungen«). Für unseren Kontext besonders interessant und zugleich verwirrend: Vor ihrer Nahtoderfahrung war Frau Mehne in ihrer evangelischen Gemeinde sehr aktiv. Seither hat sie wohl keinen Gottesdienst mehr besucht. »Was ich erlebt habe«, sagt sie, »passte überhaupt nicht zu dem, was ich bislang glaubte« (ab Minute 23’55). »Ich möchte keine Predigt hören und erzählt bekommen, was ich zu tun und zu lassen habe. Meine Sehnsucht geht dahin, frei zu sein für diese Kraft, die aus dem Licht kommt« (28’05). Die Verbundenheit mit »dieser unglaublich schönen, heiligen Dimension« (24’30) erlebt sie im Wald. »Ich fühle diese Allverbundenheit mit dem ganzen Kosmos« (28’05).

Schade, dass sie für ihre Erfahrung in der Gemeinde anscheinend keine Resonanz gefunden hat. Dabei wurzelt unsere Kirche doch offenbar genau in solchen Erfahrungen. Im Epheserbrief scheinen sie durch. Und in der – aus binnenkirchlicher Wahrnehmung – »säkularen« Gesellschaft sind sie mittlerweile fast common sense. Wo es in einem Film ums Sterben geht, gibt es schon seit Jahren einen ikonografischen Kanon, der auf Nahtodberichten basiert. Höchste Zeit, dass wir in den Kirchen unsere eigene Quelle wiederentdecken. Vielleicht werden wir ja gestärkt am inwendigen Menschen, uns für die andere Dimension zu öffnen.


Michael Rau

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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