30. Mai 2019, 1. Könige 8,22-24.26-28
Christi Himmelfahrt

Von: Martin Ost
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Gott in der profanen Welt

Himmel wie Erde scheinen gottleer

Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen?, fällt Salomo sich in seinem Gebet zur Tempelweihe ins Wort – so der Text, egal, ob der Einschub eine Glosse ist. Die Frage vieler Menschen an Himmelfahrt ist, in welchem Himmel Gott wohnen, wohin Jesus »aufgefahren« sein soll. Salomo fragt, wie Gott zur Welt kommen, Menschen heute, wo im Himmel er sein soll: Himmel wie Erde scheinen gottleer. Das ist das Problem, nicht, in »welchen Himmel« Jesus aufgefahren ist.


»Können« wir Theologie »locker«?

Himmelfahrt ist ein Tag für Freiluftgottesdienste (Ende Mai sowieso), die eine eher »lockere« Art des Redens brauchen: »Können« wir Theologie »locker«? Der blaue Himmel über den Menschen macht die Herzen weit, der Blick geht in die Landschaft, die Enge des Alltags drückt weniger als sonst. Glaubwürdige Predigt nutzt diese Stimmung der Hörenden nicht aus mit billiger Theologie, die die oft gefühlte Enge und die Frage nach Gott übergeht, weil sie im ­Moment nicht dringlich scheint.


Von Salomos Tempelweihgebet zur Himmelfahrt Jesu

Vielleicht gelingt unserer Predigt ein Übersprung von Salomo zu Himmelfahrt: Der von Menschen gebaute Tempel als Ort, da Gott sich ansprechen und »fassen« lässt, die Erde, die zum Himmel wird, wenn wir jenen Gott in ihr finden, von dem Jesus redete. Das ist das Erlebnis der Jüngerinnen und Jünger Jesu: dass sie in einem Menschen Gott entdeckt haben. Himmelfahrt redet davon, wie das Bild des großen Gottes mit dem des menschgewordenen verschmilzt: Gott will nicht fern von uns sein, unbehelligt von unseren Fragen, macht sich die Hände nass beim Abwischen der Tränen, macht sich einen Kopf über unsere Schmerzen, weint mit den Weinenden und sich freut mit den Lachenden. Himmelfahrt als Identifikation des fernen Gottes mit dem Gott, der in Jesus Mensch wurde, der nicht ohne die Erde und seine Geschöpfe sein will und ihnen nahe ist – auf der Erde, die so manchmal zum Himmel wird.

So endet die Geschichte Jesu nicht mit seinem Tod, die Hoffnung auf ihn nicht mit den mit der Zeit verblassenden Begegnungen mit ihm danach, sie setzt sich fort in Erfahrungen, die Menschen machen: Entlastung und Ermutigung. Unter dem weiten Himmel spüren wir etwas von Gott, der die Füße auf weiten Raum stellt und größer ist als unser Herz. Spüren wir etwas, was wir nicht selbst machen, uns geben können oder schaffen müssen: Aufatmen in allem, was wir schaffen oder nicht schaffen.


Gottes Häuser sind nötig für uns

Als das Tempelweihegebet geschrieben wurde, war der Tempel verloren; die Frage vieler Frommen, wo Gott zu finden sei. Die Welt ohne Tempel war nur noch profan, den Menschen ausgeliefert. Auch die Nachfolger des David verbürgen die Anwesenheit Gottes nicht – das »wenn« in (dem ausgelassenen) V. 25 kommt aus Zeiten, die den Gang der Geschichte auch als Versagen der ­Könige und des Volkes gedeutet haben.

Die Frage nach Gott in der profanen Welt finden Menschen heute wieder, wenn Schreckliches passiert, das nach Gott fragen lässt. Ausgerechnet da aber ist sie am schwersten zu beantworten. Wir halten uns daran, dass Gott ist, wie Jesus von ihm redete: nahe den Menschen, der Erde. Im Tempel, unseren Kirchen, unserem Leben: Gott will nicht ohne die Welt sein, so sehr die Welt manchmal ohne Gott sein möchte.

Alle Häuser und Orte, an denen wir Gott loben und zu ihm rufen, sind nötig nicht für ihn, sondern für uns. Manchmal, wenn wir nichts in der Hand haben, wenn der Himmel und die Erde und unser Leben gottverlassen ist, brauchen wir den Ort, die Stille einer Kirche, eines heiligen Raumes, um ihn wieder zu ahnen, zaghaft Glauben zu fassen, er sei doch da und der Himmel nicht fern von uns, sondern mitten in diesem ­Leben und auf dieser Erde.


Lieder


EG 561 (Bayern) »Wir feiern deine Himmelfahrt« (D. Block)
EG 562 (Bayern ) »Der Himmel geht über allen auf«
EG 123 »Jesus Christus herrscht als König«


Martin Ost

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

»Was für ein Vertrauen«

Artikel lesen
7. Sonntag nach Trinitatis
4. August 2019, Johannes 6,30-35
Artikel lesen
4. Sonntag nach Trinitatis
14. Juli 2019, Lukas 6,36-42
Artikel lesen
Wirtschaftsordnung mit humanem Gesicht
Zur ethischen Fundierung des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft in Vergangenheit und Zukunft
Artikel lesen
Kirchliche Lebensordnungen
Rechtliche Grundlagen und aktuelle Probleme
Artikel lesen
5. Sonntag nach Trinitatis
21. Juli 2019, Matthäus 9,35-10,1(2-4)5-10
Artikel lesen
Kirche im Kapitalismus
Die Faszination des Wirtschaftsliberalismus und die Evangelische Kirche in Deutschland
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!