26. Mai 2019, Johannes 16,23b-28(29-32)33
Rogate

Von: Andrea Lassak
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Heidis Gebetstheologie

Die Perikope bringt ins Schwitzen

Das Gebet ist ein vielgestaltiges Phänomen unserer Glaubenspraxis: Es kann einzeln oder öffentlich vollzogen werden, laut oder in der Stille, mit hoher Bewusstheit oder litaneiartig, mit geliehenen Psalmworten oder frei. Klassische Aspekte des Gebets sind Dank, Lob, Klage und Bitte. In der Perikope für den Rogate-Sonntag wird das Gebet lediglich anhand eines dieser Aspekte thematisiert: der Gebetsbitte. Wie in Joh. 14,13f und Joh. 15,7 rückt in Joh. 16,23 ein Zusammenhang ins Zentrum, der aufhorchen lässt: »Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.« Diese Erhörungsverheißung lese ich auf dem Hintergrund dessen, was Jesus in der Bergpredigt formuliert: »Bittet, so wird euch gegeben« (Mt. 7,7).

Damit bringt die Perikope redliche Predigerinnen ins Schwitzen. Betende zu allen Zeiten wissen um die Frustration, dass sich nicht einfach einstellt, was man an Spielzeug, Ehemännern oder Lottogewinnen bei Gott – und sei es »im Namen Jesu« – erbeten hat. Entsprechend viel Religionskritik und -witze entzünden sich an diesem (vermeintlichen) Realitätscheck.


Wenn Gott Besseres weiß

Die Zürcher Autorin Johanna Spyri verhandelte in den 1880er Jahren diese Problematik in ihrem Heidi-Roman. Im zweiten Band findet sich ein gebetstheologischer Dialog zwischen Heidi und der mittlerweile geheilten Klara:

»Hast du nicht heut den ganzen Tag denken müssen, wie gut es doch ist, dass der liebe Gott nicht nachgibt, wenn wir noch so furchtbar stark beten um etwas, wenn er etwas viel Besseres weiss?«

»Warum sagst du das jetzt auf einmal, Heidi?«, fragte Klara.

»Weisst, weil ich in Frankfurt so stark gebetet habe, dass ich doch auf der Stelle heimgehen könne, und weil ich das immer nicht konnte, habe ich gedacht, der liebe Gott habe nicht zugehört. Aber weisst du, wenn ich so bald fortgelaufen wäre, so wärest du nie gekommen, und du wärest nicht gesund geworden auf der Alp.«

(Spyri, Heidi kann brauchen, was es gelernt hat, 131, Zürich 2013)

Spyri entscheidet sich damit für eine Lösung, die biblisch begründet ist. Denn Jesus fährt an der oben zitierten Stelle in Mt. 7,11 fort: »Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!« Das heißt: Gott gibt nicht bloß das, was wir Menschen erbeten, sondern Gott gibt in seiner Allwissenheit das, was wirklich gut für uns ist. »Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.« (Mt. 6,8)

Dieser Versuch, die Spannung zwischen Verheißung und Erfahrung aufzulösen, ist bewährt. Allerdings ist das Problem damit niemals vom Tisch. Bei jedem Lösungsversuch, den wir als Seelsorger oder Prediger anbieten, ergeben sich – wie so oft in der Theologie – neue Anschlussfragen und notwendige Folgeoperationen. Dies darf m.E. nicht kaschiert werden.


Klärung der eigenen Sehnsucht

Für die Predigt ist ferner der Kontext des Johannesevangeliums zu berücksichtigen. Jesus spricht hier kurz vor der eigentlichen Passionsgeschichte (Joh. 18-19) innerhalb der sog. Abschiedsreden (Joh. 14-16). So gesehen setzt er weniger zu einer Theologie des Bittgebets an, sondern konkretisiert anhand des Gebets seine Botschaft von der bleibenden Einheit zwischen dem Vater, ihm und seinen Jüngern.

Bei der Verkündigung scheint es mir notwendig, der Anfechtung ausbleibender Gebetsbitten explizit Raum zu geben. Sicherlich mit dem Ziel, das Gebet als etwas vorzustellen, das sich nicht von der unmittelbaren Erhörung einer Bitte her rechtfertigt. Eine mögliche Bedeutung des aufrichtigen Bittgebets liegt zum Beispiel in der Klärung der eigenen Sehnsucht.

Liturgisch könnte das Gebet »im Namen Jesu« durch entsprechende Gottesanreden oder Schlussformeln herausgestellt werden. Es sollte dabei angeregt werden, dass mit dem Beten »im Namen Jesu« aber mehr bzw. anderes gemeint sein muss, als einer Bitte lediglich diese Phrase anzuhängen.


Andrea Lassak

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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