Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Es war der 1. Oktober 1920, als Berlin über Nacht zur drittgrößten Stadt der Erde mit fast vier Millionen Einwohnern wurde – nach London und New York. Wer weiß, wie sich die Alliierten 1945 verhalten hätten, wäre es nur um das kleine Alt-Berlin gegangen. Ob sie den Aufwand des Vier-Mächte-Status für wert gehalten hätten und es nicht wie seine westlichen Vororte komplett an die sowjetische Zone gefallen wäre?

Damals verschmolz Berlin mit umliegenden Städten und Gemeinden, es formte sich die Metropole, wie wir sie heute kennen. Der 100. Geburtstag wird deshalb 2020 groß gefeiert: Ausstellungen sind geplant, Sonderbriefmarken und Festakte wird es geben – nur einer wird nicht geehrt, wie es der »Tagesspiegel« am 17.1.2019 vermutet: Adolf Wermuth. Er liegt vergessen auf einem Friedhof in Buch, versteckt hinter der Schlosskirche steht ein schlichter schwarzer Grabstein mit Kreuz. »Seid fröhlich in Hoffnung« lautet der Bibelspruch. Pfarrerin Cornelia Reuter erklärt, dass zwei Anträge auf ein Ehrengrab abgelehnt wurden, weil Wermuth kaum öffentlich bekannt ist. Nur ein kleiner Weg in der Gropiusstadt trägt seinen Namen. Die Kirchengemeinde will 2020 eine Informationstele aufbauen und Pfarrerin Reuter stellt einen neuen Antrag auf ein Ehrengrab.

Adolf Wermuth war 1855 in Hannover geboren und starb 1927. Im Reichsschatzamt war er einer der wichtigsten Staatssekretäre Preußens und warf 1912 sein Amt im Streit um die Erhöhung der Erbschaftssteuer hin – und machte eine Wanderung durch den Harz. Unterwegs erreichte ihn ein Brief von einem Berliner Stadtverordneten: Ob er Nachfolger des amtsmüden OB Martin Kirscher werden wolle? Wermuth willigte ein und wurde am 12. Mai 1912 als parteiloser Beamter von der sozialdemokratischen Mehrheit gewählt.

In seinen letzten Lebensjahren begann er unter »Zwangsvorstellungen« zu leiden, hieß es 1927 in einem Artikel: »Er fürchtete zu verhungern«. Damit hatte er eine Verbindung zu seiner Großtat unterschwellig hergestellt: Er lud Vertreter von etwa 50 Gemeinden und Gutbezirken in das Rathaus und führte 1915 die Brotkarte ein. Das war in der Zeit des Ersten Weltkriegs der entscheidende Schritt, um eine gerechte Nahrungsversorgung aufzubauen im Raum von »Groß-Berlin«, der Metropole. Es folgten dann Karten für Fleisch, Eier, Gemüse und weitere Lebensmittel, dazu für Seife und Kohle. Bei der entscheidenden dritten Abstimmung im Jahr 1920 verzichtete Wermuth auf das »Groß« im Namen und gewann. Das Gesetz trat zum 1.10.1920 in Kraft.

Frühere Versuche waren gescheitert. Neben den bürgerlichen Vororten wie Wilmersdorf und vor allem Charlottenburg – der reichsten Stadt Preußens – wehrte sich vor allem das Königreich Preußen gegen eine Expansion seiner Hauptstadt. Es fürchtete einen »Staat im Staate« und erlaubte nur den losen »Zweckverband Groß-Berlin«, der kurz vor Wermuths Amtsantritt 1912 gebildet worden war. Dieser sprach sich bei Verkehr, Bebauungsplänen und Freiflächen ab – mehr war nicht erwünscht. Der Hunger aber schweißt die Stadt zusammen.

»Nirgends hat die Zerstückelung Berlins sich hemmender erwiesen als in der Kriegszwietracht«, schrieb Wermuth später. »Unter der Arbeiterschaft gab es in einer Sonnabendsitzung nach der anderen Sturm, wenn wieder einmal festgestellt wurde, daß Tegel sein Fleisch anders und lässiger verteilte als die übrigen Gemeinden, oder daß in Zeiten der Not Neuköllns Bewohner nur drei Pfund Kartoffeln erhielten, die von Schöneberg aber fünf.« Berlin trotzte Preußens Veto und versammelte die widerstrebenden Gemeinden hinter der Idee der Einführung von Lebensmittelkarten, die im Großraum gültig waren. »Jetzt, wenn ja, mußte die innere Zusammengehörigkeit Groß-Berlins zur Geltung kommen«, befand er. »Das sahen die Vororte sämtlich und ohne Besinnen ein.«

Wermuth wurde 1920 als Oberbürgermeister wieder gewählt, trat aber im November 1920 zurück und die Ausgestaltung des modernen Berlins übernahm sein Nachfolger Gustav Böß.

Möge 2020 seiner würdig gedacht werden!


Siegfried Sunnus

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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