Ein Nachruf auf Pfarrer i.R. Paul Gräb (17. Mai 1921 – 18. Februar 2019)
Gastlich gegenüber der modernen Kunst

Von: Andreas Mertin
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Vor zwanzig Jahren schrieb der Literaturwissenschaftler George Steiner über die elementare Bedeutung, die Kunst, Literatur und Musik im Leben eines Menschen und einer Gesellschaft haben könnten und sollten. Er wandte sich vehement gegen die vorschnelle Vereinnahmung der Gegenwartskultur und beharrte auf dem Eigensinn der Künste. Man müsse diesen offen begegnen, ganz so wie man Fremden begegne, die man als Gäste aufnähme: »Wo Freiheiten einander begegnen, wo die integrale Freiheit der Schenkung oder Verweigerung des Kunstwerkes auf unsere eigene Freiheit der Rezeption oder der Verweigerung trifft, ist cortesia, ist das, was ich Herzenstakt genannt habe, von Essenz. [...] Von Angesicht zu Angesicht im Gegenüber zur Gegenwart gebotener Bedeutung, die wir einen Text nennen (oder ein Gemälde oder eine Symphonie), streben wir danach, seine Sprache zu hören. Wie wir auch die des auserwählten Fremden hören wollen, der zu uns kommt«.1

Der im Februar 2019 verstorbene badische Pfarrer Paul Gräb war eine geradezu exemplarische Verkörperung der cortesia, die George Steiner vorschwebte. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, dass Paul Gräb und seine vielen ehrenamtlichen Mitstreiter in der Gemeinde Wehr-Öflingen eine Wunde geheilt haben, die die evangelische Kirche in der ersten Hälfte des 20. Jh. der Bildenden Kunst zugefügt hatte. Für zahlreiche deutsche Künstler seit dem Expressionismus war dieser Gemeindepfarrer ein Beispiel dafür, dass ihnen die evangelische Kirche offen gegenübertreten kann und sich – ohne sie vereinnahmen zu wollen – ganz konkret für ihre Arbeit interessiert und sie zu gemeinsamen Projekten einlädt.


Spenden in Form von Kunstwerken

Biographisch hatte für den jungen Paul Gräb alles begonnen mit der nationalsozialistischen Schandausstellung »Entartete Kunst«, nur dass sie bei dem jugendlichen Besucher auf höchstes Interesse stieß, weil ihm die gezeigte Kunst etwas zu sagen hatte. Nach dem Krieg begann Paul Gräb, Graphik zu sammeln, und suchte die Verbindung zu den Künstlern der Moderne. So entstanden Kontakte zu Erich Heckel, Otto Dix, HAP Grieshaber, Fritz Winter, später mit deren Schülern wie etwa Horst Antes und Walter Stöhrer. Er schloss mit ihnen Freundschaften, so wie er es zusammen mit seiner Frau Hanna das ganze Leben lang auf eine einzigartige Weise gemacht hat.2

Die Nachkriegsjahre waren eine Zeit, in der die zeitgenössische, sich nun autonom nennende Kunst es schwer in der deutschen Gesellschaft hatte, der Nationalsozialismus mit seiner Abwertung der Künste wirkte nach. Und auch in der Kirche selbst bedurfte es einiger Überzeugungsarbeit, bis die »Autonome Kunst im Raum der Kirche«3 (Horst Schwebel) ihren Platz finden konnte.

Für die Gemeinde von Paul Gräb relevant wurde dies, als man Geld für eine Orgel brauchte und er auf die Idee kam, seine Künstlerfreunde um eine Spende in Form von Kunstwerken zu bitten, die dann zugunsten der Orgel verkauft werden sollten. Entgegen allen Erwartungen war diese erste Auktion zeitgenössischer Kunst zugunsten eines Gemeindeprojektes Anfang der 60er Jahre so erfolgreich, dass man daran weiterarbeiten wollte. Man suchte zusammen mit den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern ein gemeinsames Ziel, gründete einen Verein und veranstaltete nun Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, auf denen Gemeindeglieder, aber auch Besucher aus ganz Deutschland zeitgenössische Kunst erwerben konnten. Und das machte das Projekt nicht nur in Künstlerkreisen, sondern auch bei kunstinteressierten Kirchenmitgliedern populär.


»Hymnus auf die Schönheit«

Als dann am 29. Juni 1984 der Grundstein zum Diakoniezentrum Wehr-Öflingen gelegt werden konnte, wurde neben den für solche Festakte üblichen Urkunden auch eine Liste mit den Namen von über 250 regional, national und international bekannten Künstlerinnen und Künstlern sowie zahlreichen nationalen und internationalen Galerien eingemauert.4 Sie alle hatten zusammen mit dem Diakonieverein Wehr-Öflingen dafür gesorgt, dass dieses Projekt eines großen Heims für behinderte Menschen gelingen konnte. Weltweit dürfte dies für die damalige Zeit einzigartig gewesen sein. Um 1980 wurden 1500 Vereinsmitglieder gezählt, die so ihr Interesse an zeitgenössischer Kunst mit diakonisch-sozialem Engagement verbinden.

Paul Gräb schilderte einmal den damit verbundenen Lernprozess im Gespräch mit dem Verfasser so: »Bei der Ausstellung 1965 führte ich die Kirchengemeinderäte vor der Eröffnung in den Gemeindesaal, um ihnen die neuen Bilder zu zeigen. Zum ersten Mal sahen sie Werke von Max Ackermann. Meine Freunde haben laut gelacht und gemeint, diese Arbeiten würden wir nie verkaufen. Tatsache aber war, dass gerade die Bilder von Max Ackermann zuerst verkauft wurden. Und jene Kirchengemeinderäte, die bei der ersten Begegnung mit Werken von Max Ackermann lachten, hatten alle ein paar Jahre später Arbeiten von Max Ackermann in ihren Wohnungen hängen. Das häufige Sehen der Bilder hat ihre Haltung zu dieser Kunst geändert. Max Ackermann, einer der ungegenständlichen Maler, hatte den Wunsch, Musik in Farbkompositionen umzusetzen. Ich weiß nicht, ob meine Freunde auf einmal die Musik zu hören vermochten wie einen Hymnus auf die Schönheit. Auch das kann sein, dass in ihnen die Freude wach wurde über ein gelungenes ­Zusammenspiel von Farben oder die überraschende Aufteilung der Fläche.«

Und er fügte hinzu: »Wir lernten so, dass ein Bild sich nicht auf irgendeine Weise als im besonderen Sinne christlich oder religiös ausweisen muss, um einen Auftrag der Kirche am Menschen wahrnehmen zu können. Wir lernten, dass, insofern uns im Bild Kunst begegnet, wir zu einer Auseinandersetzung herausgefordert werden, die alle Versuche überspielt, eine christliche Kunst gegen eine nichtchristliche Kunst auszuspielen.«


Unbändiges Interesse zu erfahren, was Künstler gegenwärtig umtreibt

Diese Offenheit gegenüber der gesamten Kunst, diese Gastlichkeit gegenüber den zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, diese Verbindung von Ästhetik und Ethik ist das, was das Modell Öflingen, vor allem aber auch Paul und Hanna Gräb auszeichnet und einmalig macht. Das geradezu unbändige Interesse daran, zu hören, zu sehen, zu erfahren, was Künstler gegenwärtig umtreibt, ist ein Charakteristikum aller Begegnungen in Wehr-Öflingen.

Die Arbeit der kleinen Gemeinde an der deutsch-schweizer Grenze hatte aber dadurch auch eine Signalwirkung weit über den regionalen Bereich hinaus. Wir alle, so hat der kunstengagierte Jesuitenpater Friedhelm Mennekes einmal gesagt, die wir uns heute mit dem Verhältnis von Kunst und Religion beschäftigen, stehen auf den Schultern von Paul Gräb. Nicht umsonst war Gräb Berater bei den »documenta«-Begleitausstellungen der evangelischen Kirche seit 1982 und organisierte selbst für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 1995 in Hamburg eine große Ausstellung mit einem Querschnitt durch die deutsche Gegenwartskunst. Begleitet waren Paul Gräbs Aktivitäten schon früh von seiner Freundschaft mit der Violinistin Anne-Sophie Mutter, die seine Arbeit und sein Engagement unermüdlich unterstützte. Sie schrieb in ihrem Nachruf: »Mit tiefer Bestürzung und Traurigkeit habe ich vom Tod Paul Gräbs erfahren. Paul war nicht nur wegen seiner Arbeit für behinderte Menschen ein Fixstern in meinem Leben. Seit meiner Taufe im Jahr 1968 war er mein Schutzengel, der mich an allen Weggabelungen des Lebens erwartete und begleitete – immer von einer tiefen Menschlichkeit beseelt und der ihm eigenen couragierten Wahrhaftigkeit.«

Andreas Mertin


Anmerkungen:

1 Steiner, George (1990): Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? München, 206.

2 Stiftung Hanna & Paul Gräb; Epting, Karl Chr.; Gräb, Paul; Mutter, Anne-Sophie (Hg.) (2012): Netze. Hanna & Paul Gräb – Ein Lebenswerk. Freiburg.

3 Vgl. Schwebel, Horst (1980): Öflinger Thesen zur Verteidigung der autonomen Kunst im Raum der Kirche. In: Paul Gräb (Hg.): Unbequeme Kunst – unbequeme Autonomie. Erster Bericht zum ›Modell Öflingen‹. Öflingen, 7-16.

4 Schmidt, Heinz-Ulrich (1988): Der Kunst verpflichtet. Kunst und Diakonie in Wehr-Öflingen. In: Andreas Mertin und Horst Schwebel (Hg.): Kirche und moderne Kunst. Eine aktuelle Dokumentation. Frankfurt/M., 30-40.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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