Zu einem Marginaltext in der Ordnung der Predigttexte
Mit Goethes Osterspaziergang in den johanneischen Ostermorgen

Von: Roland Bergmeier
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Goethes Dr. Faust hatte zum »Christ ist erstanden!« des Chorgesangs der Engel sinniert: »Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.« Das klingt, als sollten wir von Goethe nicht erwarten, dass er uns auf dem Weg in den johanneischen Ostermorgen eine Hilfe sein könnte. Aber erwartungsvoll machen sie uns schon, die Verse aus Fausts Osterspaziergang:

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück; …
Der grünenden Flur fehlt es noch an bunten Blumen,
sie nimmt zum Festtag herausgeputzte Menschen dafür,
die zum Osterspaziergang ausschwärmen:
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn;
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

So anders das klingt als die johanneische Geschichte vom Ostermorgen, ist es in Joh. 20 doch auch so, dass da vom »Hoffnungsglück« eines Menschen erzählt wird, der als einer, der »selber auferstanden« ist, zum Glauben an »die Auferstehung des Herrn« findet. Die Rede ist von »dem Jünger, dem Jesus in Freundschaft verbunden war« (V. 2).


Der »Lieblingsjünger« Jesu

Der vierte Evangelist unternimmt nicht viel, »das geheimnisvolle Pseudonym dieses Einen als des Jüngers, den Jesus liebte«,1 herkömmlich der Lieblingsjünger genannt, zu erklären.2 Die Geschichte dieses Jüngers, den Jesus liebte (ὃν ἠγάπα Ἰησοῦς, 13,23; 19,26; 21,7.20), beginnt als erzählte Figur erst mit dem (zu Tisch) Liegenden (ἀνακείμενος) von Joh. 13,23, der literarisch schon auf Lazarus als einen von denen, die mit Jesus zu Tisch lagen (εἷς ἦν ἐκ τῶν ἀνακειμένων σὺν αὐτῷ, Joh. 12,2), Bezug zu nehmen scheint. Deutlicher noch erinnert »der andere Jünger, dem Jesus in Freundschaft verbunden war« (ὃν ἐφίλει Ἰησοῦς, 20,2), an Lazarus, dem Jesus ebenfalls »in Freundschaft verbunden war« (ὃν φιλεῖς, 11,3 und πῶς ἐφίλει αὐτόν, V. 11).3

Wer nun die johanneische Ostergeschichte liest, kann sich angesichts der Erzählung von Joh. 20,3-8 wundern, »wie die Tatsache, dass das Schweißtuch zusammengebunden neben den Leinenbinden Jesu lag, zum Osterglauben führen konnte.«4 Lesehilfe leistet da die Rede vom Schweißtuch, das Jesu Kopf bedeckt hatte (V. 8). Es erinnert an das Schweißtuch, mit dem das Gesicht des Lazarus sogar noch verhüllt gewesen war, als er aus der Grabhöhle kam (11,44). Wenn also ein solches σπÔυδ¿ριÔν separat zusammengelegt dalag, muss der Tote, ihm, Lazarus vergleichbar, als Lebender das Grab verlassen haben. »Selber auferstanden«, sah er deshalb und glaubte (V. 8) »die Auferstehung des Herrn«.

Wer bekennt: »Allein mir fehlt der Glaube«, soll durch die Ostergeschichte nicht so für den Glauben gewonnen werden, dass ihm jemand einen Beweis oder ein überwältigendes Argument für den Glauben liefert. Petrus sieht das Gleiche wie »der Jünger, dem Jesus in Freundschaft verbunden war«. Aber von ihm wird nicht erzählt, dass er an jenem Ostermorgen zum Glauben gefunden hätte. Die Stunde des Petrus war noch nicht gekommen. Darauf weist auch der merkwürdig nachklappende V. 9 hin: »Es ist ja so, dass sie [die aus dem Zwölferkreis der Jünger] noch nicht verstanden hatten, dass [in der Heiligen] Schrift bestimmt war, dass er von den Toten auferstehen sollte« (vgl. 1. Kor. 15,4 nach Hos. 6,2; Jon. 2,1). Im Umgang mit der johanneischen Ostererzählung sollte man sich hüten, Beweise oder starke Argumente, die es in historischen Berichten geben mag, finden zu wollen.


Glaube kommt aus der Erweckung

In der Sprache der Erweckungsbewegung des 18. und 19. Jh. waren noch nicht Erweckte einst »Schläfer«, wie Lazarus einer gewesen war (Joh. 11,11-13). Diese Sprachlehre lehnte sich an Eph. 5,14 an: »Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dir Christus erscheinen.« In dieser Sprache könnte man den auferstandenen Lazarus von Joh. 11 einen Erweckten nennen. Er wird zu einem Modell dafür, was es heißt: »Du wirst noch Größeres als das sehen« (Joh. 1,50). So kommt denn Glaube aus der Erweckung und ist ein Wunder vor unseren Augen (vgl. Mk. 12,11).

In einer Predigt über Joh. 20,1-10 könnte Faustens Osterspaziergang nachempfunden werden. Die Osterbotschaft »Christ ist erstanden« steht nicht im Buch der Geschichte, darauf weisen im NT all die Stellen hin, die Engel die Botschaft sagen lassen. Das hat Goethe mit Glockenklang und »Chor der Engel« gut nachempfunden. Und viele Zeitgenossen werden es gerne mit Faust halten: »Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.« Die erste Reaktion, die der Osterspaziergang von Joh. 20 erzählt, lautet denn auch nur: »Man hat den Herrn weggenommen, und wir wissen nicht, wo man ihn hingebracht hat« (V. 2). Das ist es ja auch, was einem Menschen immer, wenn er weinend am Grab steht, vor Augen liegt: Der Verstorbene ist uns weggenommen. Denn dem Glauben nur erschließt sich »der Frühlingsfeier freies Glück«: »Deine Toten werden leben« (Jes. 26,19), »und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit« (1. Thess. 4,18).

Zunächst also findet Magdalena nur, was vor Augen liegt: »Man hat den Herrn weggenommen« (V. 2). Mit dieser Vorgabe eilen dann auch Simon Petrus und »der andere Jünger, mit dem Jesus in Freundschaft verbunden gewesen war« (V. 2), zum Grab, schon kein Osterspaziergang mehr, sondern »unter ihren Füßen wird der Weg zum Grab zu einem förmlichen Wettlauf«.5


»Und sah und glaubte«

»Der andere Jünger, mit dem Jesus in Freundschaft verbunden gewesen war«, kommt als erster ans Ziel und sieht, was zu sehen ist, geht aber nicht hinein in die Grabhöhle. Was genau und im Einzelnen zu sehen ist, erzählt der Evangelist so, dass er es Simon Petrus sehen lässt, nachdem er in die Grabhöhle hineingegangen ist. Aber nicht alles, was wir sehen, löst in uns das Gleiche aus; für Petrus hat, was er sieht, nichts zu sagen, denn mit allen anderen Jüngern hatte er das Zeugnis der Heiligen Schrift von der Auferstehung des Herrn noch nicht verstanden. Jetzt, da wir Lesenden wissen, was im Einzelnen zu sehen ist, lässt der Erzähler auch »den andern Jünger« in die Grabhöhle hineingehen und schließt überraschend kurz: »Und sah und glaubte.« Mehr kann da ja auch nicht gesagt werden, es sei denn mit Goethes »Glockenklang und Chorgesang«:

Euch ist der Meister nah,
Euch ist er da!

Mit der Bibelsprache von Eph. 5,14 können wir nun auch sagen: »Der andere Jünger« war erwacht und von den Toten auferstanden, darum konnte ihm, wo die anderen nichts sahen, Christus erscheinen; er »sah und glaubte«. Denn »Auferstehung« heißt: Aufwachen dem Licht entgegen. Wie in der Lazarus- hat auch in der Ostergeschichte das Grabtuch seine Dienste getan – vergleichbar dem Stein vor der Grabhöhle, der weggerückt war. Es ist separat beiseitegelegt. Die Ostergeschichte sieht nicht vor, dass es für die Glaubenden noch eine Rolle spielen soll.

Eine berührende Fortsetzung dieser Geschichte »schrieb« Papst Franziskus bei seinem Besuch 2015 in Turin. Andreas Englisch schreibt dazu: »Es gibt keine andere Stadt in Italien, in der die Chance für den Papst, das Katholische zu verteidigen, so groß ist wie in Turin. Denn der Papst kommt nicht aus irgendeinem Grund, sondern zu einem unerhört katholischen Anlass: einer außerordentlichen Zurschaustellung (Ostension) des Turiner Leichentuchs.«6 Der Besuch in Turin gerät aber nicht, wie der langjährige Vatikan-Korrespondent Englisch ausführt, zu einem Kniefall des Papstes vor den Traditionen der Kirche, sondern zu einem Aufbruch. Papst Franziskus hält sich nicht damit auf, die Echtheit des Turiner Grabtuchs zu beschwören, sondern erklärt, dass er die Reliquie des Leichentuchs auf eine Weise sehe, die auch zahlreiche Protestanten unterschreiben würden: »In der Reliquie des Leichentuches sehe man die Leiden der Menschen auf der Erde.«7

Daher konnte er wohl in aller Stille vor dem Leichentuch beten, die Leiden der Menschen sehend, wandte sich aber im Glauben an den Lebenden zuvor und am folgenden Tag den in Turin lebenden Menschen zu: vor dem Gebet den Arbeitern der Stadt und den arbeitslosen Jugendlichen, am Folgetag in ihrer Kirche den Waldensern. Dort bringt er »die bewegende und erschütternde Bitte um Vergebung vor, für die Schuld der katholischen Kirche«.8 Die Schuld der Massenmorde an den als Ketzern verurteilten Waldensern betraf nun nicht mehr nur einzelne innerhalb der Kirche, sondern die katholische Kirche als solche. In ihrem Namen daher bat Papst Franziskus die Waldenser um Vergebung.9

Wenden wir uns noch einmal zurück zum johanneischen Ostermorgen und dem dort noch ganz ungleichen Jüngerpaar, war nun im Blick auf das separat beiseitegelegte Grabtuch, metaphorisch gesprochen, auch für den, der sich als Nachfolger jenes Petrus von Joh. 20,6f versteht, seine Stunde gekommen: »Und er sah und glaubte.« Darin zeigt sich ja Glaube, dass er, der auferstandenen Macht der Vergebung vertrauend, nicht nur selber vergeben, sondern auch um Vergebung bitten kann.


Roland Bergmeier


Anmerkungen:

1 H. Thyen, Das Johannesevangelium (HNT 6), Tübingen 2005, 597.

2 R. Bergmeier, Vier johanneische Fragen, BZ 61 (2017), 104-128, hier: 118-126.

3 Nach Joh. 11,5 liebt (äγ¿πα) Jesus zwar Martha und ihre Schwester und auch Lazarus, aber nur im Blick auf Lazarus gebraucht der Erzähler die Vokabel ÊιλεÖν.

4 J. Beutler, Das Johannesevangelium. Kommentar, Freiburg i.Br. u.a. 2013, 518.

5 Thyen, Johannesevangelium, 758.

6 A. Englisch, Der Kämpfer im Vatikan. Papst Franziskus und sein mutiger Weg, München 2017, 200.

7 Englisch, Der Kämpfer, 206.

8 Englisch, Der Kämpfer, 209. Dem röm.-kath. Zungenschlag der romanischen Sprachen folgt auch Englisch, indem er ebd. im Blick auf die Turiner Chiesa Valdese erzählt: »Papst Franziskus steht im Tempel der Waldenser.«

9 Englisch, Der Kämpfer, 213.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. theol. Roland Bergmeier, Jahrgang 1941, Religionslehrer im Ruhestand; Schwerpunkte der fachwissenschaftlichen Arbeit: Essener, Qumran und Gnosis, Johannesevangelium und Apokalypse, Paulus und das Gesetz.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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