Sechs Diskussionsthesen für Christen und Muslime
Religiöse Toleranz

Von: Klaus Baschang
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Religiöse Toleranz ist gefragt. Dringend sogar. Die Gesellschaft zerbricht in Kleingruppen, die nur eigenen Interessen nachgehen. Das sagen Sozialwissenschaftler und Politiker. Nachdenkliche Bürgerinnen und Bürger erleben es sogar unmittelbar. Darum sollen wenigstens die Religionen mithelfen, gemeinsame Werte zu etablieren, Werte, die die Egoismen überwölben und die für freiheitliche Gemeinsamkeiten sorgen.

An der Spitze der Werteskala steht die religiöse Toleranz. Um sie zu erreichen und zu pflegen, müssen interreligiöse Gespräche geführt werden. Das fordern nicht nur religiöse Menschen, sondern auch a-religiöse. Manche denken an gute Erfahrungen bei der Erstaufnahme von Flüchtenden. Religion hatte dabei keine Rolle gespielt. Inzwischen geht es darüber hinaus um Integration. Unser Staat, zivilgesellschaftliche Verbände und sehr viele einzelne besorgte Bürgerinnen und Bürger suchen Wege zur Integration. Kirchenleute und Kirchenorgane sehen sich in der Pflicht und reden öffentlich über interreligiöse Gespräche, über Wege zu einer allgemein anerkannten Toleranz. Dabei spielen Gespräche zwischen Muslimen und Christen eine hervorgehobene Rolle. Denn dieses sind die beiden Religionsgemeinschaften mit den meisten Anhängern in Deutschland.

Die nachfolgenden sechs Diskussionsthesen sollen helfen, in die ­nötigen interreligiösen Gespräche Struktur zu bringen.


1. Die Diakonie der Kirche darf keine politischen und religiösen Grenzen kennen.

Beispiel: Sofort nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben christliche Gruppen und Gemeinden in den USA begonnen, Hilfspakete mit Lebensmitteln und Kleidern nach Deutschland zu schicken. Hilfe der Sieger für die Besiegten, die den Krieg angezettelt hatten, dem auch viele, viele Menschen aus den USA zum Opfer fielen. Den Grund ihres Engagements haben sie auf Flugblättern bekannt gegeben, die obenauf in den Paketen lagen: »In the name of Jesus«. Das ist Diakonie. Glaubensbekenntnis durch die Tat.


2. Das Vaterunser kennt keine Grenzen.

Das Vaterunser ist das Gebet, das die Welt umspannt. Darum freuen sich Christen, wenn auch andere, Zweifelnde, Suchende, Nichtchristen, dieses Gebet Jesu mit ihnen zusammen beten. Jesus hat sein Gebet seinen Leuten gegeben, damit sie mit diesem Gebet zur Gewissheit des Glaubens kommen. Daran dürfen und sollen auch Muslime teilhaben. Bei Bestattungen ohne kirchlichen Beistand unter Leitung freier Redner kommt es immer wieder vor, dass am Ende plötzlich von vielen noch das Vaterunser gebetet wird. Warum nicht auch von Muslimen im Stuhlkreis am Ende eines Glaubensgesprächs oder bei einer gemeinsamen Mahlzeit. Was aber nicht geht, ist die Veränderung des Gebets, damit es andere leichter mitbeten können. Durch solche Veränderung würden die Muslime und andere Nichtchristen belogen und betrogen.


3. Jesus darf nicht in Grenzen eingesperrt werden.

Mit Achtung nehmen Christen wahr, dass Jesus von Nazareth auch im Koran einen Platz gefunden hat. Aber der koranische Jesus ist ein reduzierter Jesus. Er ist Prophet und moralischer Lehrmeister, aber nicht Gottes Sohn. Über ihm steht Mohammed der der letzte Prophet ist. Auf dem reduzierten Jesus kann kein Glaube gründen, der unser Leben von der Geburt bis zum Tode umfängt und trägt. Wir brauchen den vollen Jesus der Bibel, wenn wir glauben wollen, »dass ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin« (Heidelberger Katechismus Antwort zur Frage 1). Der Jesus des Korans verdient gewiss die Achtung der Menschen, der Jesus der Bibel erwartet unsere Anbetung. So und nur so bekommen wir Glaubensgewissheit. Wenn wir Muslimen begegnen, darf das nicht verschwiegen werden. Sonst verschweigen wir, was der tragende Grund unserer Existenz ist.


4. Der Christenglaube erfährt seine Vollendung durch Gott selbst und nur durch Gott selbst.

Die Glaubensgewissheit bleibt in diesem Leben immer auch angefochten. Geradezu klassisch ruft der Vater eines kranken Sohnes zu Jesus »Ich glaube; hilf meinem Unglauben« (Mk. 9,24). Zugespitzt kann man sagen: Nur der Glaube öffnet den Blick für den Unglauben. Paulus: »Jetzt erkenne ich (nur) stückweise; dann (in der Ewigkeit bei Gott) werde ich (vollkommen) erkennen, gleich wie ich (von Gott) erkannt bin« (1. Kor. 13,12). Gott selbst sorgt also dafür, dass unser Glaube dereinst ohne Mangel ist.

Es ist die Idee aufgekommen, Christen sollten Mängel oder Unklarheiten ihres Glaubens aus dem Koran zu beheben versuchen. Das ist Anstiftung zur Gotteslästerung und zur Religionsvermischung. Suchenden Menschen wird mit Religionsvermischung gerade nicht geholfen. Ihre Unsicherheit wird noch größer, weil sie sich mit einem weiteren Typ von Religion auseinandersetzen müssen. Die Christenheit hat (wie vor ihr schon das Judentum) jede Religionsvermischung abgewehrt und dieses auch in Zeiten schlimmster Verfolgung. Religionsvermischung stärkt den Glauben nicht, sondern schwächt ihn. Im Gespräch mit Muslimen muss bei ihnen also um Verständnis dafür geworben werden, dass Christen zu Religionsvermischungen nicht bereit sind.


5. Das Zusammenleben mit Muslimen ist für Christen eine Aufgabe, die ihnen Gott gestellt hat.

Christlicher Glaube versucht, geschichtliche Vorgänge von Gott her zu deuten. Das ist nicht immer leicht. Häufig erschließt sich erst im Rückblick Gottes Wirken in der Weltgeschichte. Der Glaube gibt sich damit nicht zufrieden, im Ablauf der Geschichte nur Zufälle zu sehen. Er sucht nach Sinn, nach einer Platzanweisung Gottes für ihn. Insofern ist die Begegnung von Christen mit Muslimen für die Christen eine Aufgabe, die ihnen Gott selbst gestellt hat. Das ist mehr als eine nur politische Herausforderung. Der Auftrag Gottes an die Kirche ist kein Geheimnis: »Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk« (Barmer Theologische Erklärung von 1934, Ziffer 6).

Auch in der Begegnung mit Muslimen kann die Kirche nicht tun und lassen was sie will oder was andere von ihr erwarten oder mit Beifall bedacht würde. Die Kirche begegnet nur dann authentisch den muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, wenn sie ihren von Gott gegebenen Auftrag sorgfältig beachtet. Wenn sie ihren missionarischen Auftrag nicht wahrnimmt, ist sie nicht mehr die Kirche Jesu Christi, können sie Menschen aus dem Islam nicht als Zeugen Jesu Christi ernst nehmen.


6. Die Glaubensfreiheit nach Artikel 4 GG sichert die freiheitliche Atmosphäre der Bundesrepublik Deutschland.

Art. 4 GG sagt: »Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich« (Satz 1). »Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet« (Satz 2). Diese Sätze stützen die Menschenwürde und die Menschenrechte, von denen Art. 1 des GG redet. Sie sind der Rechtsgrund für die meisten Bürgerrechte. Daran haben auch Menschen teil, die nur vorübergehend in Deutschland leben. Darauf sind die Menschen verpflichtet, die dauerhaft in Deutschland leben ­wollen.

In diesen Bestimmungen der deutschen Verfassung ist das Ergebnis einer langen abendländischen Geschichte festgehalten: Man muss unterscheiden zwischen staatlicher Autorität und religiösen Autoritäten. Der Staat darf nicht die Gewissen seiner Bürgerinnen und Bürger bestimmen wollen. Die Religionen dürfen aber keine Vorrechte vor dem demokratischen Staat beanspruchen. Die Unterscheidung erlaubt Zusammenarbeit, z.B. im Schulwesen, in sozialen Aktionen, in der Diskussionen über die Werte, die unsere Gesellschaft tragen. Wer deutsche Politik verstehen und mitgestalten will, muss diese Prinzipien kennen. Aus ihnen folgt auch, dass im Gefüge unseres Staates Platz für Minderheiten sein muss, dass sich der Staat aber nicht nach den Forderungen von Minderheiten umgestalten darf. Es ist darum dringend wünschenswert, dass die dem Islam verpflichteten Vereinigungen in Deutschland ihr Verhältnis zu Art. 4 GG erläutern.


Das Ziel interreligiöser Gespräche zwischen Muslimen und Christen ist einfach zu beschreiben: »Klarheit und gute Nachbarschaft«. Diese Formel hat die EKD schon 2006 entwickelt und begründet. Es geht darum, eine gute Nachbarschaft zu den Menschen zu entwickeln, die aus anderen religiösen und kulturellen Zusammenhängen nach Deutschland kommen. Dazu ist notwendig, dass auf beiden Seiten klar ist, worauf die Menschen ihr Leben stützen, welcher Religion sie vertrauen, welche Regeln sie für ihr Zusammenleben mit ihren Glaubensgenossen pflegen. Wenn diese Klarheit verweigert wird, dann bestimmt Misstrauen die gegenseitige Beziehung, dann kann es keine gute Nachbarschaft geben.


Klaus Baschang


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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