Zum 250. Todestag Gerhard Tersteegens
Protestantischer Lehrer der Achtsamkeit

Von: Joachim Schnürle
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Achtsamkeit hat in der Lebensberatung und Therapie einen festen Platz eingenommen. In der Psychotherapie hat sich die Nutzung achtsamkeitsbasierter Methoden bewährt. Auch in der christlichen Spiritualität spielt Achtsamkeit immer wieder eine bedeutsame Rolle. Der Liederdichter und Mystiker Gerhard Tersteegen kann geradezu als ein protestantischer Lehrer der Achtsamkeit verstanden werden. Joachim Schnürle würdigt ihn anlässlich seines 250. Todestags.


»Es ist unter allen gottseligen Uebungen keine allgemeiner, einfältiger, süsser, nützlicher, und welche mehr die gantze Summa der Christlichen Pflichten in ein glückseliges Eines verfasset, als die Uebung der liebreichen Gegenwart Gottes; nach dem Geständniß aller Heiligen.«*


Achtsamkeit in Therapie und Meditation

Als Stressbewältigung werden die Nutzung von Entspannungsverfahren neben einem Ausdauertraining und einem Hinterfragen von stressfördernden Einstellungen empfohlen. Diese Maßnahmen können in Form von Seminaren, Volkshochschulkursen oder auch einem privaten Coaching erlernt und umgesetzt werden. Dabei wird immer häufiger das Prinzip der Achtsamkeit genannt, welches bei der Suche nach Stressbewältigung im Internet unter den häufigsten Treffern landet. Achtsamkeit hat in der Lebensberatung und Therapie einen festen Platz eingenommen. In der Psychotherapie hat sich die Nutzung achtsamkeitsbasierter Methoden bewährt. So in der Verhaltenstherapie und auch in der tiefenpsychologisch fundierten Traumatherapie.1 Es lässt sich eine »Verwandtschaft« zwischen der freischwebenden Aufmerksamkeit des Therapeuten bzw. Analytikers mit dem Prinzip des Nichturteilens in der Achtsamkeit feststellen.2

Achtsamkeit wird heute verstanden als »ein Prozess, bei dem die Aufmerksamkeit nicht-wertend auf den gegenwärtigen Augenblick gerichtet ist. Sie nimmt wahr, was ist, und nicht, was sein soll. Das heißt: Sie ist einerseits nüchtern, real, desillusionierend, andererseits annehmend, integrierend, und vielleicht sogar auf mütterliche Weise liebevoll. Achtsamkeit ist aber noch mehr: Sie ist ein Instrument, um unsere affektiven, geistlichen oder körperlichen Regungen in status nascendi zu beobachten, und sie vermittelt den Kontakt mit der Gegenwart, die, wenn sie nicht explizit in den Blick genommen wird, häufig nicht wirklich erlebt wird.«3

Aus philosophischer Sicht kann sie auch folgendermaßen umrissen werden unter dem Hintergrundwissen und der Erfahrung einer buddhistischen Meditationserfahrung: »Achtsamkeit ist hier die gelenkte, ruhig gespannte Aufmerksamkeit auf Etwas oder (im weiteren Verlauf) auf kein Etwas (gegenstandsfreie Meditation). Am Ende soll aus ›achtsam auf‹ ein ›achtsam ohne auf‹ werden … auf bescheidenerer Meditationsstufe begnügt man sich mit der wertungsfreien achtsamen Wahrnehmung all dessen, was an äußeren (Sinnes-) Reizen oder inneren: Schmerzen, Gefühlen und Gedanken, vor das Auge der Aufmerksamkeit tritt.«4


Achtsamkeit in christlicher Tradition

Zum Thema Achtsamkeit aus christlich-theologischer Sicht fand Ende 2014 ein Kongress in Marburg statt unter dem Titel: »Achtsamkeiten – Eine interdisziplinäre Erkundung aus theologischer, psychotherapeutischer und neurowissenschaftlicher Perspektive«5. Auch in der christlichen Tradition ist das Prinzip der Achtsamkeit tief verankert. Schon in vielen biblischen Bezügen lässt sich das Prinzip auffinden In der Geschichte der Kirchen gab es immer wieder eine »neue« Entdeckung von Achtsamkeit. Im Protestantismus des 18. Jh. war der Laientheologe Gerhard Tersteegen ein Propagator des Gedankens von Achtsamkeit. Er kann geradezu als protestantischer Lehrer der Achtsamkeit angesehen werden. Er hat zwar nirgends gelehrt, als Hochschullehrer oder in einer weitreichenden Kindererziehung – doch hat er durch seine erbaulichen Schriften und seine Lieder eine weite Wirkung erreicht, weit über seine regional gebundene Wirkung in Erbauungsstunden, in denen er predigte.

Der 250. Todestag von Gerhard Tersteegen soll Anlass sein, seine Anschauungen zur Achtsamkeit zu überblicken und bleibende Erträge auch für das 21. Jh. in die aktuellen Diskussionen einzubinden.


Wer war Gerhard Tersteegen?

Gerhard Tersteegen – ein Laie, der keine theologische Ausbildung genossen hat, selbst den Handwerkerstand wählte, um in »Verborgenheit« zu arbeiten und Gott zu dienen – wurde am 25. November 1697 in Moers am Niederrhein geboren und in der reformierten Kirche getauft. Zeitlebens hatte er keine enge Beziehung zur reformierten Kirche, zu der er gehörte. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in Mühlheim an der Ruhr wo er am 3. April 1769 auch starb. Gerne hätte er Theologie studiert, doch fehlten der Mutter die finanziellen Möglichkeiten. So wurde Gerhard 1713 zu einem Schwager nach Mühlheim gegeben, um Kaufmann zu werden. Nach Abschluss der Lehre im Jahr 1717 gründete er ein eigenes Geschäft.

1719 zog er sich wieder aus dem Beruf zurück, da er nach einem Erweckungserlebnis das Bedürfnis nach mehr Ruhe und Sammlung auch während der Arbeitsstunden entwickelte. Er wählte ein stilleres Handwerk und verdingte sich als Seidenbandweber. So wählte er ein eremitisches Leben für sich mit einer stillen Handarbeit. Die Abendstunden nutze er zum Gebet und Lesen geistlicher Werke. Aus diesen hat er Übersetzungen und Kompilationen erstellt, und auch seine eigenen Dichtungen und theologischen Aufsätze sind so entstanden. Später trat er als Seelsorger und Laienprediger hervor.6


Die Übung der Gegenwart Gottes als Achtsamkeitsübung

Schon im Lebenslauf des Laientheologen ist eine Neigung zur Zurückgezogenheit zu bemerken. Hat er doch seine Lebensführung an einem eremitisch-monastischen Ideal orientiert. Der Wunsch nach Gottesbegegnung prägt sein Denken und wirkt sich auf die Wahl seiner Lebensweise aus. Die frühen Tendenzen zum Einsiedler hat er später gelockert und hat einen Mitbewohner in sein Haus aufgenommen, dann auch einen regen Kontakt in seinem ausgedehnten seelsorgerlichen Briefverkehr und in regelmäßigen Besuchen seines Freundeskreises in Holland bewiesen.

Tersteegen hat eine Aufsatzsammlung mit verschiedenen Abhandlungen herausgegeben, die er im Laufe seines Lebens mehrmals überarbeitete und erweiterte. Diese ist erstmals 1735 veröffentlicht worden; die letzte Auflage, die zu seinen Lebzeiten erschien, wurde im Jahr 1768 gedruckt unter dem Titel: Weg/ Der/ Wahrheit,/ Die da ist/ Nach der Gottseligkeit;/ Bestehend/ Aus Zwölf/ Bey verschiedenen Gelegenheiten/ Aufgesetzten/ Stücken und Tractätlein,/ Nebst zwey Zugaben./ Vormals eintzeln gedruckt// Jetzt aber zusammen herausgegeben/ Von/ G. T. St./ Vierte und vermehrte Edition./ Mit königl. Preuß. allergnäd. Freyheit./ Solingen, bey Joh. Schmitz, Buchbind. 1768.

Darin hat er eine kleine Abhandlung veröffentlicht, die zum Thema Achtsamkeit und Achtsamkeitsübung von Belang ist. Er legt dort seine Ansichten über die »Übung der Gegenwart Gottes« dar: »Es ist unter allen gottseligen Uebungen keine allgemeiner, einfältiger, süsser, nützlicher, und welche mehr die gantze Summa der Christlichen Pflichten in ein glückseliges Eines verfasset, als die Uebung der liebreichen Gegenwart Gottes; nach dem Geständniß aller Heiligen.«7

Tersteegen sieht sich darin in einer langen christlichen Tradition, »nach dem Geständniß aller Heiligen«. Ob unter der identischen Bezeichnung oder auch anders genannt – das, was er unter Übung der Gegenwart Gottes versteht, ist Proprium des Christentums, aller Heiligen. Auch etwas allgemeiner drückt er sein Empfinden aus: »und bis dato bezeugens alle Frommen, es sey ihnen gut, daß sie sich nahe bey GOtt halten«.8

Die Nähe Gottes suchen, sich dort »halten«, das versteht der Laienseelsorger unter der Übung der Gegenwart Gottes. Das Grundanliegen aller christlichen Erweckungsbewegungen wie auch des Pietismus ist es, dass das Leben in der Nähe Gottes, nach seinen Maßstäben und in Verbindung mit ihm geführt wird. Die Übung der Gegenwart Gottes kann phänomenologisch bis in die frühe Christenheit hinein zurückverfolgt werden.


Stumme Unterredung mit Gott im Alltagsgeschäft

Tersteegen versucht diese Übung weiter zu beschreiben: »Es besteht aber diese Uebung kürtzlich darin: Daß wir einfältig und andächtig glauben, daß GOtt überall, und auch in unserm Hertzen, gegenwärtig sey. Daß Er zu dem Ende bey uns und in uns gegenwärtig sey, damit wir Ihn daselbst anbäten, lieben und Ihm dienen sollen; gleichwie Er sich uns daselbst gern mittheilen, u. seine Lust in uns haben will. Daß wir uns demnach dieser Wahrheit des Glaubens, öfters auf eine hertzliche Weise erinnern, u. uns als bey GOtt, vor GOtt, und in seiner Gegenwart ansehen. Daß wir diesen unsern gegenwärtigen Gott, mit unserm Hertzen anbäten, verherrlichen, lieben und uns ihm gantz übergeben. Daß wir alles trachten zu thun, zu verläugnen und zu leiden, in einem sanften und stillen Geist, als in seiner Gesellschaft, nach seinem liebsten Willen, Ihm zu Lieb und Ehren. Daß wir uns auf eine liebreiche und stumme Weise, mit GOtt unterreden in unserem Hertzen, und uns mit Ihm gemeinsam machen, als mit unserm liebsten und besten Freunde, und zwar zu aller Zeit, und bey allem, was uns inwendig oder auswendig vorkommt, es sey Gutes oder Böses. Daß wir auch zu dem Ende, unter unsern Geschäfften, bisweilen einen Augenblick stille halten, um durch einen andächtigen Liebes-Blick auf GOtt, uns zu stärcken, oder zu erneuern in dieser Uebung«.9

Hier tauchen verschiedene Gedanken auf, die aus den Liedern Tersteegens bekannt sind und daher vertraut wirken. Auch fällt auf, dass Tersteegen nicht den Rückzug in die Untätigkeit sucht. Seine Übung ist alltagstauglich, von ihm in der Handarbeit erprobt und als solche von ihm auch propagiert: »unter unsern Geschäfften, bisweilen einen Augenblick stille halten, um durch einen andächtigen Liebes-Blick auf Gott, uns zu stärcken«. Die Übung der Gegenwart Gottes, seine Achtsamkeitsübung versetzt aus dem alleinigen Denken an das Hier und Jetzt unter Weiterführung der Arbeit und der anstehenden Aufgaben in einen gedanklichen Raum des Abstandes, der wertungsfreien Tätigkeit, des Aufblicks auf Gott. Diese stumme Unterredung mit Gott soll im Alltag ihren Platz haben und hebt doch über das Alltägliche hinaus – hinein in Gottes Welt – in die Gottesgemeinschaft.


Achtsamkeit nach Tersteegens Lied »Gott ist gegenwärtig«

Das Bleiben vor Gottes Angesicht, die so verstandene »Übung der Gegenwart Gottes«, war ein Thema, das Gerhard Tersteegen immer wieder formulierte und aus der Tradition übernommen hatte. Bei ihm hat es aber eine Akzentuierung erfahren, die sein ganzes Leben bestimmte. Das Denken von Tersteegen war so intensiv von diesem Gedanken geprägt, dass Hansgünter Ludewig eine Darstellung der Theologie Tersteegens unter diesem Gedankenaufriss subsummiert. Ludewig zeigt dabei auch die Tradition dieses Gedankens seit der frühen Christenheit über die Mystiker des Mittelalters auf.10 Albert Löschhorn hat diese Thematik in einem kleinen Buch »Gott ist gegenwärtig« in Bezugnahme auf Gerhard Tersteegens bekanntestes Lied weiter ausgeführt.11

Zu einem der bekanntesten Lieder des rheinischen Liederdichters gehört »Gott ist gegenwärtig«. Es ist in viele Gesang- und Liederbücher aufgenommen und sowohl im »Evangelischen Gesangbuch« (EG 165) wie auch im »Gotteslob« (GL 387) vorhanden. In diesem Lied werden nochmals verdichtet die Ansichten des Seins in der Gegenwart Gottes, die in der Übung theoretisch erläutert werden, bekenntnishaft ausgeführt. Hier ist somit nochmals die christliche Achtsamkeitsübung in protestantischer Tradition für den gesungenen »Hausgebrauch« festgeschrieben, geeignet zur Verinnerlichung durch den Gesang oder das Auswendiglernen der Übung.12

Gott ist gegenwärtig;
lasset uns anbeten,
Und in Ehrfurcht vor ihn treten!
Gott ist in der Mitte;
alles in uns schweige
Und sich innigst vor ihm beuge!
Wer ihn kennt, Wer ihn nennt,
Schlagt die Augen nieder;
Kommt, ergebt euch wieder!

Gott ist gegenwärtig,
dem die Cherubinen
Tag und Nacht gebücket dienen;
»Heilig, heilig!« singen alle Engelchören,

Wenn sie dieses Wesen ehren.
Herr, vernimm Unsre Stimm’,
Da auch wir Geringen
Unser Opfer bringen!

Wir entsagen willig
allen Eitelkeiten,
Aller Erdenlust und Freuden;
Da liegt unser Wille,
Seele, Leib und Leben
Dir zum Eigentum ergeben.
Du allein Sollst es sein,
Unser Gott und Herre,
Dir gebührt die Ehre.

Die Strophen 1-3 stellen das Gotteslob der Gemeinde dar. Dabei wird ein Blick in die himmlische Welt mit der Leiturgia der Engelwelt, der Cherubinen, gewagt. Gerhard Kaiser sieht in diesem ersten Teil des Liedes einen Nachhall von Luthers: »Jesaja dem Propheten das geschah …« aus der Deutschen Messe von 1526. Luther stellt sich in die Offenbarungsvision des Gotteslobes von Jes. 6. Luther hat dabei die Szene in den Chorraum der christlichen Kirche als Ort der Anbetung umgestaltet. Damit hat er die Szene aus dem AT und das Gottesbild christologisch umgeformt.13 Kaiser sieht die Szene aus Jes. 6 auch grundlegend für Ter­steegens Lied.


»Alles in uns schweige«

Die gemeinschaftliche Hinwendung zu Gott im Gottesdienst, in Gemeinschaft mit der Engelschar, die vom gemeinsamen »Herr vernimm unsre Stimm« geprägt ist, wird später verengt zu einer sehr persönlichen Zuwendung des Einzelnen zu Gott. Noch gemeinschaftlich werden Wille, Seele, Leib und Leben Gott übergeben. Die ganze Gemeinde gibt sich als Opfer Gott hin. Schon hier, in der Gemeinschaft, ist das innige Beugen, das Niederschlagen der Augen die geeignete Haltung der Gottesbegegnung, entsprechend dem gebückten Dienen der Engelscharen. Hier wird Achtsamkeit geübt im Blick auf den Allmächtigen, den alles Übersteigenden, der die irdischen Bezüge klein und unwichtig erscheinen lässt. Die Haltung der Achtsamkeit entsteht hier im Kollektiv, wenn »alles in uns schweige«. Darin ist ein Prozess zu verstehen, der nicht auf Knopfdruck produziert werden kann, aber in der Übung der Gegenwart Gottes persönlich vorbereitet wird und dann im gemeinsamen Vor-Gott-Treten zum Gottesdienst wird.

»Alles in uns schweige«, ist der Aufruf, im Hinblick auf Gott, im Andenken an seine Gegenwart, die Aufmerksamkeit wegzulenken von den eigenen Gedanken, Sorgen oder Grübeleien. Wie bei der Audienz vor einem König die eigene Befindlichkeit hinter die geforderte Etikette zurücktreten muss und selbstverständlich alles Tun und Reden an den vorgeschriebenen Gepflogenheiten gemessen und ausgerichtet wird. Das »innigst vor ihm Beugen« ist ein Tun der Achtsamkeit. Es wird das große Gegenüber wahrgenommen, in Blick genommen – Eigenes verschwindet aus dem Gesichtsfeld, in der ganzen Zuwendung zum Gegenüber. Weit entfernt von einer »Unendlichkeitsmystik«, wird der personale Gott zum geliebten Objekt.

»Wer ihn kennt, wer ihn nennt«: Im gemeinsamen vor Gott treten, derer die ihn kennen und nennen, entsteht ein Wir, das dem absoluten Du begegnet. »Du allein sollst es sein« ein freiwilliger Entschluss, ein Wunsch nach Hinwendung zu dem Absoluten klingt hier an. Da ist kein Zwang, kein Zurückhalten der eigenen Person, keine Angst, Eigenes zu verlieren. In der liebenden Zuwendung zu Gott entsteht eine innere Ruhe, ein angenehmes Schweigen, eine göttliche Achtsamkeit. Da fällt es leicht, den eigenen Willen außen vor zu lassen, diesen als Opfer niederzulegen. Wen diese Lebenshaltung prägt, der ist mit Gott auf Du und Du.


Persönliche Begegnung mit Gott

Dann schreitet das Individuum heraus aus aller menschlichen Gemeinschaft und begegnet dem majestätisch Wesen – möchte preisen und dienen und so verharren:

Majestätisch Wesen,
möchte’ ich recht dich preisen
Und im Geist dir Dienst erweisen!
Möchte’ ich wie die Engel
immer vor dir stehen
und dich gegenwärtig sehen!
Lass mich dir Für und für
Trachten zu gefallen,
Liebster Gott, in allen!

Luft, die alles füllet,
drin wir immer schweben,
Aller Dinge Grund und Leben,
Meer ohn’ Grund und Ende,
Wunder aller Wunder,
Ich senk’ mich in dich hinunter.
Ich in dir, Du in mir,
Lass mich ganz verschwinden,
Dich nur sehn und finden.

Du durchdringest alles;
lass dein schönstes Lichte,
Herr, berühren mein Gesichte!
Wie die zarten Blumen
willig sich entfalten
Und der Sonne stille halten.
Lass mich so still und froh
Deine Strahlen fassen
Und dich wirken lassen!

Mache mich einfältig,
innig, abgeschieden,
Sanfte und im stillen Frieden,
Mach mich reines Herzens,
dass ich deine Klarheit
Schauen mag im Geist und Wahrheit!
Lass mein Herz Überwärts
Wie ein Adler schweben
Und in dir nur leben!

Herr, komm in mir wohnen,
lass mein’n Geist auf Erden
Dir ein Heiligtum noch werden;
Komm, du nahes Wesen,
dich in mir verkläre,
Dass ich dich stets lieb’ und ehre!
Wo ich geh’, sitz’ und steh’,
Lass mich dich erblicken
Und vor dir mich bücken.

Im zweiten Teil des Liedes wird dann ganz persönlich der Wunsch der Gottesbegegnung formuliert: »möcht’ ich«. Der Beter hat den Wunsch, sich bei der Engelschar einzureihen und dort zu bleiben (»immer vor dir stehen«), diese Haltung der Anbetung, dieses Erleben der Gegenwart Gottes festzuhalten und darin zu verharren. Der Wunsch des Petrus in Lk. 9,32 wird hier erneut laut: »Sprach Petrus zu Jesus: Meister, hier ist für uns gut sein! Lasst uns drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.« Die Wahrnehmung wird auch hier ganz persönlich auf den Unfassbaren gerichtet, der alles durchdringt, der nur in Metaphern ansatzweise beschrieben werden kann: »Meer ohn’ Grund, Wunder aller Wunder«. In diese Gegenwart möchte der Beter eintauchen. »Dich nur sehn und finden« – auch hier bleibt Gott das personale Gegenüber, dem die Begegnung gilt.


Durch das Sein in Gottes Gegenwart geschieht Veränderung

Achtsamkeit – im Hier und Jetzt ihm begegnen, wie die Sonne das Gesicht bescheint, wie die Blumen der Sonne stillhalten – das ist das Ziel der Übung im Gebet. Durch dieses Sein in Gottes Gegenwart geschieht Veränderung: »dich in mir verkläre«. Sanfter stiller Friede kehrt ein und ordnet die Affekte: »dass ich dich stets lieb’ und ehre«. Die Übung der Gegenwart Gottes hat eine Wirkung, die dann auch wieder nach außen geht in der Ehre Gottes und im Lob Gottes. Die achtsame Übung der Gegenwart Gottes nicht nur für den Beter selbst, sondern dann auch wieder mündend in den gemeinschaftlichen Gottesdienst, das Gotteslob.

Die Übung der Gegenwart Gottes nach Ter­steegens Anleitung kann auch im 21. Jh. eine Hilfe sein, in unserer schnelllebigen Zeit mit ihrer Vielzahl von Anforderungen innezuhalten. Gott neu zu begegnen und ihn als den Unfassbaren und Unbeschreibbaren neu wahrzunehmen. Und das ganz alltagstauglich als eine Haltung, die nicht der Klosterzelle bedarf sondern im Arbeitsalltag ­geübt werden soll.

In solcher Einkehr, einem solchen Aufblick werden auch stressfördernde Einstellungen hinterfragt, zumindest auch mit Abstand betrachtet und in Anbetracht des gegenwärtigen »Majestätisch’ Wesen« relativiert.


Anmerkungen:

* Gerhard Tersteegen, Weg der Wahrheit […], 1768, 399.

1 Vgl. den Band von Ulrike Anderssen-Reuster (Hrsg.), Achtsamkeit in Psychotherapie und Psychosomatik – Haltung und Methode, Stuttgart 2007. Luise Reddemann, Achtsamkeit in der tiefenpsychologisch fundierten Traumatherapie, PiD 3, 2006, 297-301.

2 So die Aussage von Luise Reddemann, vgl. Anm. 1.

3 Ulrike Anderssen-Reuster, Was ist Achtsamkeit? In: Achtsamkeit in Psychotherapie und Psychosomatik (wie Anm. 1), 1.

4 Thomas Reuster, Achtsamkeit aus philosophischer Sicht. In: Achtsamkeit in Psychotherapie und Psychosomatik (wie Anm. 1), 7.

5 Henning Freund, Michael Utsch (Hrsg.), Achtsamkeit aus psychologischer und theologischer Sicht (EZW Texte Nr. 235), Berlin 2015 (www.ezw-berlin.de/html/119.php).

6 Pieter Cornelis van Andel, Gerhard Tersteegen Leben und Werk – sein Platz in der Kirchengeschichte, Neukirchen-Vluyn/Düsseldorf 1973.

7 Gerhard Tersteegen, Weg der Wahrheit […], 1768, 399.

8 Ebd.

9 Gerhard Tersteegen, Weg der Wahrheit […], 1768, 399f.

10 Hansgünter Ludewig, Gebet und Gotteserfahrung bei Gerhard Tersteegen, Göttingen 1986, 77-98.

11 Albert Löschhorn, Gott ist gegenwärtig, Basel 1959, 4. Aufl. Bad Wildbad 2009.

12 Das Zitat nach Gerhard Tersteegen, Geistliches Blumengärtlein […], Stuttgart 1956, 340-342.

13 Gerhard Kaiser, »Gott ist gegenwärtig« – ein Lied von Gerhard Tersteegen. In: Albert Raffelt/Barbara Nichtweiss (Hrsg.), Weg und Weite. Festschrift für Karl Lehmann, Freiburg 2001, 221-229, hier 222.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. Joachim Schnürle, Jahrgang 1970, Mediziner, tätig in der Altmühlseeklinik Hensoltshöhe in der Rehabilitation von onkologischen und psychosomatischen Patienten; Interessenschwerpunkt: Psychotherapie und Seelsorge unter Rückgriff auf das Glaubensgut in Kirchenliedern und Erbauungsliteratur; Veröffentlichungen zum seelsorgerlichen Gebrauch von Schriften Gerhard Ter­steegens, Philipp Friedrich Hillers und ­Thomas von Kempens.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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