Theodor Fontanes Pastoren (V)
Christsein der Gesinnung

Von: Reiner Strunk
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Ende des Jahres wird Theodor Fontanes 200. Geburtstag gefeiert. In präziser und feinsinniger Weise hat der Dichter die gesellschaftlichen und milieubezogenen Verhältnisse seiner Zeit beschrieben. Dabei richtete er sein Augenmerk auch auf Kirche und Pfarrpersönlichkeiten. Reiner Strunk präsentierte in einer Reihe im »Deutschen Pfarrerblatt« Fontanes Pastoren quer durch dessen literarisches Œuvre – zum Abschluss sein Roman »Der Stechlin«.


Beinahe so berühmt wie der Roman selbst wurde Fontanes eigene Zusammen-fassung des Erzählstoffs: »Zum Schluss stirbt ein Alter, und zwei Junge heiraten sich« (420). Der Rest – und damit die Hauptsache – ist Konversation, menschliche Begegnung, Meinungsaustausch und geistreiche, oft auch witzige Plauderei. Ein Roman als fortdauerndes Gespräch, und in den Gesprächen offenbaren sich die Personen und lichtet sich die besprochene Zeit.

Waren in den bisherigen Erzählungen und Romanen die Pastoren eher Nebenfiguren, wenn auch solche von Bedeutung, so steigt im Stechlin der Pastor Lorenzen zu einer Hauptfigur auf, die mit dem Patronatsherrn, dem Major a.D. Dubslav von Stechlin, durchaus auf Augenhöhe verkehrt.1 Er bewährt sich, obwohl von Dubslav als »Schweiger« apostrophiert (250), bei Gesprächen in unterschiedlichen Konstellationen, teils mit dem Patron persönlich, teils auch mit Freunden seines Hauses, die mit dem vorherrschenden Zeitgeist und mit aktuellen Entwicklungen in Gesellschaft und Politik beschäftigt sind.


Angestrengter Blick nach oben

Außer Lorenzen tritt ein zweiter Theologe auf, aber einer von ziemlich anderem Zuschnitt: Superintendent Koseleger. Der ist, was von Lorenzen jedenfalls nicht gesagt werden kann, ein ausgemachter, wenn auch reichlich missvergnügter Kirchenmann. Er spielt seine Rolle als religiöser Funktionsträger, und zu dieser Rolle gehört, dass er den Blick angestrengt nach oben richtet. Nicht ganz nach oben, ins transzendent Himmlische, sondern aufwärts in Richtung einer Karriereleiter. Die ist ihm Trost und schöne Utopie in den niedrigen und dunklen Lebensverhältnissen, in die er sich amtlich geworfen sieht: Quaden-Hennersdorf heißt der Sitz seiner Superintendentur, ein trauriges, weltabgelegenes Nest, jedenfalls für einen vom geistigen Format und vom kulturellen Niveau eines Koseleger, der dort nur verkümmern kann: »aufgesteifte Leute, geschwollen und hartherzig, und natürlich so trocken und trivial, wie die Leute hier alle sind«, urteilt der Superintendent (175).

Natürlich hat er seinen »Ehrgeiz«, und der durfte sich früher befriedigt sehen, als er den Posten eines Vertrauten der Großfürstin Wera bekleidete und zusammen mit ihr zum Beispiel Kunstausstellungen in Antwerpen besuchte. Doch das ist alles dahin, das Weltläufige und das Kunstsinnige, das in Städten wie Amsterdam oder Gent oder Brügge zu erleben war, nur der »Ehrgeiz« ist geblieben, der immer »höher hinauf will« (174) – und danach »dürstet einen. Und nun kommt der Becher, der diesen Durst stillen soll. Und dieser Becher heißt Quaden-Hennersdorf« (175).


Selbstverliebte Überheblichkeit

Es ist eine köstliche Parodie auf das, was im Spektrum pastoraler Wirklichkeiten nun auch zum Vorschein kommen kann: eine Art selbstverliebter Überheblichkeit, die gar nicht merkt, wie verächtlich sie auf das sogenannte Kirchenvolk herabsieht, das ihr anvertraut wurde. Dubslav bescheinigt ihm »Eitelkeit und Größenwahn« und rechnet mit einer Entwicklung, an deren Ende ein »Scheiter-haufenmann comme il faut« herauskommen könnte (182). Und noch einmal Originalton Dubslav: Koseleger »ist wie ’ne Baisertorte, süß, aber ungesund« (181).

Dieser Superintendent und Pastor Lorenzen bilden ein Kontrastprogramm in der kirchlichen Amtsausübung. Von geistlicher Eitelkeit und Karrierestreben hat Lorenzen gar nichts an sich, im Gegenteil: Dubslav, der ihn schätzt und ihm sogar von Herzen zugetan ist, kann gelegentlich konstatieren, dass »Lorenzen eigentlich gar kein richtiger Pastor« sei (365). Und das bezieht sich auf die maßgeblichen Qualitäten von Glaubensernst und Glaubensstrenge, die der märkische Patron bei seinem Pastor vermisst. Genauer besehen vermisst er sie jedoch nicht wirklich, weil ihm der Mensch wichtiger und näher ist als die Amtsperson. Und so stellt er zwar fest, dass der Pastor »nicht von Erlösung und auch nicht von Unsterblichkeit« rede (365), schiebt aber gleich eine plausible Erklärung nach, weshalb Lorenzen sich in dieser Hinsicht so zurückhaltend zeige. Denn einerseits habe er den Eindruck gewonnen, »als ob ihm so was für alltags wie zu schade sei«. Und andererseits verhalte sich’s ähnlich wie bei den »Doktors«. Da seien ihm auch nicht die am liebsten, die von ihren Diagnosen vollkommen überzeugt sind, sondern die anderen, »die einem ehrlich sagen: ›Hören Sie, wir wissen es auch nicht, wir müssen es abwarten‹« (ebd.). Mehr als einen angeblich glaubensfesten achtet Dubslav den ehrlichen Pastor, der mit seiner Person einsteht für das, was er vertritt, und der sich nicht scheut, Fragezeichen zuzulassen an Stellen, wo Ausrufezeichen womöglich erwünscht, aber nicht ohne weiteres am Platze sind.


Ein Pastor, der nicht ins Schema passt

Und so kann Dubslav mit seinem gewohnten Schuss Ironie sich selber das Zeugnis ausstellen, »eigentlich kirchlich, wenigstens kirchlicher als mein guter Pastor (es wird immer schlimmer mit ihm)« zu sein (23), auch wenn ihm Kernstücke des Apostolicums nicht leicht von den Lippen gehen. Lorenzen passt also nicht ins Schema des professionellen Kirchenmannes, und genau das ist es, was seinem Patronatsherrn Eindruck macht. Nach Auskunft der etwas geheimnis-vollen Gräfin Melusine darf Lorenzen sogar als ein »Ausnahmemensch« gelten (154).

Überhaupt fügt sich das Charakterbild dieses Pastors weniger aus dem zusammen, was er redet und tut, als aus dem, was andere über ihn zu berichten wissen. Die Konturen und Farben seines Bildes werden von Menschen beigesteuert, die ihm begegnen oder lange schon mit ihm bekannt sind. So entspricht es der Methode des Dichters, wichtige Personen im Spiegel der Wahrnehmungen durch andere zu porträtieren, um in diesen Spiegelungen auch allerlei Differentes und sogar Widersprüchliches einzufangen2. Es hat jedoch auch einen sachlichen Grund: Personale Identität bedeutet nicht unbedingt das, was man sich selber zuschreibt. Profunder und exakter erscheint das, was andere wahrnehmen und über eine Person feststellen können.

Einer der aufrichtigen Verehrer des Pastors ist Woldemar, Dubslavs Sohn, der von Lorenzen erzogen wurde. Er bezeichnet ihn uneingeschränkt als seinen »Lehrer« und »Freund«, sogar als einen, den er »über alles liebe«, weil er »reinen Herzens« sei (153). Solche Superlative sagen natürlich nicht nur etwas über Lorenzen, sondern auch über Woldemar und seine Beziehung zum Heimatpastor aus. Eine tief gehende persönliche Verbundenheit ist da im Spiel, die erzeugt, was im Roman insgesamt und namentlich im Zusammenhang mit der Figur des Pastors von Bedeutung ist: ein Vorbild. Woldemar findet sein menschliches Vorbild in Pastor Lorenzen, aber dieser Pastor orientiert sich in den Grundzügen seines Lebens und in den Maximen seines Verhaltens ebenfalls an Vorbildern. In der Reihenfolge ihres Gewichts sind das namentlich drei: ein süddeutscher Katholik, ein portugiesischer Lyriker und Pädagoge sowie der biblische Bergprediger.


Seelsorgerliche Menschenbegleitung

Im Gespräch mit Assessor von Rex, einem Freund Woldemars, lüftet Lorenzen ein wenig die Decke über seinem innersten Bekenntnis. Und dabei taucht als Vorbild die Person des »Wörishofener Pfarrers«, also Sebastian Kneipps auf. – Rex hatte das Gespräch auf Adolf Stoecker und seine christlich-soziale Bewegung in Berlin gebracht und die Vermutung geäußert, dass Lorenzen dieser Richtung nahestehen dürfte. Lorenzen selbst verneint das nicht rundheraus, legt aber doch Wert darauf, sich von Stoecker zu unterscheiden. Wobei der Hauptunterscheid in der Erscheinung des »großen Agitators« in Berlin und seiner eigenen »stillen Weise« liege (30). Stoecker suche von sich aus die Welt und die Menschen, während er – Lorenzen – es entschieden vorziehe, wenn die Menschen sich aufmachten, um ihn zu suchen, geradeso wie beim Pfarrer Kneipp: »wenn sie kommen, so heilt er sie, heilt sie mit dem Einfachsten und Natürlichsten. Übertragen Sie das vom Äußern aufs Innere, so haben Sie mein Ideal. Einen Brunnen graben just an der Stelle, wo man gerade ruht. Innere Mission in nächster Nähe, sei’s mit dem Alten, sei’s mit etwas Neuem« (31). M.a.W.: Lorenzens Passion ist nicht die politische Aktivität, so sehr er seine politische Meinung hat und auch vertritt; sie liegt vielmehr in der seelsorgerlichen Menschenbegleitung.

Für die Armen gelebt, nicht für sich

Ausführlicher als das Vorbild Sebastian Kneipp kommt der portugiesische Dichter Joao de Deus in Betracht. Er war damals in Deutschland so gut wie unbekannt und ist heute vollständig vergessen. Für Pastor Lorenzen aber (und für Theodor Fontane nicht minder) gewinnt dieser Portugiese den Rang eines berührenden Vorbildes. Woldemar erinnert sich, bei ihrer letzten Begegnung den Pastor Lorenzen »in ersichtlich großer Erregung« (157) angetroffen zu haben, die, wie sich bald herausstellte, der Lektüre eines »Büchelchens« entsprang, das er in Händen hielt. Bei diesem »Büchelchen« geht es um einen Text, den Fontane in der Zeitschrift »Das Magazin für Literatur« vom Februar 1896 gelesen hatte und der zu Joaos Tod eine Würdigung des Dichters brachte (414, 474). Fontane hat diesen Artikel in Auszügen seinem Roman einverleibt, so dass er jetzt Lorenzen zitieren lässt, was er selbst dem »Magazin« entnommen hatte.

Die entsprechende Passage in Fontanes Roman verdient es, im Zusammenhang wiedergegeben zu werden, weil sie einen Schlüssel zum Verständnis des Pastors darstellt. Woldemar erzählt:

»‚Dieser Joao de Deus‘, so etwa waren seine (sc. Lorenzens) Worte, ‚war genau das, was ich wohl sein möchte, wonach ich suche, seit ich zu leben, wirklich zu leben angefangen, und wovon es beständig draußen in der Welt heißt, es gäbe dergleichen nicht mehr. Aber es gibt dergleichen noch, es muss dergleichen geben oder doch wieder geben. Unsre ganze Gesellschaft (und nun gar erst das, was sich im besonderen so nennt) ist aufgebaut auf dem Ich. Das ist ihr Fluch, und daran muss sie zugrunde gehen. Die Zehn Gebote, das war der Alte Bund; der Neue Bund aber hat ein andres, ein einziges Gebot, und das klingt aus in: ›Und du hättest der Liebe nicht …‹

›Ja, so sprach Lorenzen‹, fuhr Woldemar nach einer Pause fort, ‚und sprach auch noch andres, bis ich ihn unterbrach und ihm zurief: ›Aber Lorenzen, das sind ja bloß Allgemeinheiten. Sie wollten mir Persönliches von Joao de Deus erzählen. Was ist mit ihm? Wer war er? Lebt er? Oder ist er tot?‹

›Er ist tot, aber seit kurzem erst, und von seinem Tode spricht das kleine Heft hier. Höre.‹ Und nun begann er zu lesen. Das aber, was er las, das lautete etwa so: … ›Und als er nun tot war, der Joao de Deus, da gab es eine Landestrauer, und alle Schulen in der Hauptstadt waren geschlossen, und die Minister und die Leute vom Hof und die Gelehrten und die Handwerker, alles folgte dem Sarge dicht gedrängt, und die Fabrikarbeiterinnen hoben schluchzend ihre Kinder in die Höh’ und zeigten auf den Toten und sagten: Un Santo, un Santo. Und sie taten so und sagten so, weil er für die Armen gelebt hatte und nicht für sich.‹

›Das ist schön‹, sagte Melusine.

›Ja, das ist schön‹, wiederholte Woldemar, ›und ich darf hinzusetzen, in dieser Geschichte haben Sie nicht bloß den Joao de Deus, sondern auch meinen Freund Lorenzen‹« (158).


Der Bergprediger als Vorbild

Entscheidend für das Vorbildliche an diesem portugiesischen Dichter ist bei Pastor Lorenzen sicher die unmissverständliche Haltung eines Menschen, der allem gesellschaftlichen Egoismus zum Trotz »für die Armen gelebt hatte und nicht für sich«. Maßgeblich wird aber außerdem, dass dieser Joao alles andere als ein politischer Propagandist war. Er gründete nicht wie Adolf Stoecker eine christlich-soziale Partei, um selber publikumswirksam an deren Spitze zu rücken. Stattdessen wirkte er still und völlig frei von Ambitionen, mit einer neuen Partei Reformen auf den Weg zu bringen oder ihr beizutreten. In sich ruhend und aus sich selber schöpfend stand er über den Parteien und transzendierte sie. So wurde er ungeteilt von allen geliebt, und die Trauer nach seinem Tod vereinigte die Menschen aller Bevölkerungsgruppen.

Entscheidendes und grundlegendes Vorbild für Pastor Lorenzen ist freilich der Bergprediger selbst. Das wird im Roman nicht breit entfaltet, aber in biblischen Zitatverweisen, wie der Dichter sie gern einstreut, deutlich vermittelt. So nennt Woldemar seinen Pastor Lorenzen einen Mann »reinen Herzens« und grenzt dessen Modell von »Heldentum« gegen plakative Renommiersucht ab, weil es sich »stumm, einsam, weltabgewandt« vollziehe (341).

Vor allem aber offenbart Lorenzen in seiner Grabrede für den verstorbenen Stechlin seine ganze Bergpredigtgesinnung, die er, mehr oder wenig unauffällig, auch bei seinem Patronatsherrn angetroffen hatte: »Alles, was einst unser Herr und Heiland gepredigt und gerühmt, und an das er seine Segensverheißung geknüpft hat, – all das war sein: Friedfertigkeit, Barmherzigkeit, und die Lauterkeit des Herzens« (378). Christlichkeit, so möchte Fontane im Unterschied zu allen Erscheinungen eines äußerlich aufpolierten oder auch verlotterten und innerlich verlogenen Christentums unterstreichen, bewährt sich in der persönlichen Nachfolge Jesu. Pastor Lorenzen ist einer, der diesem Anspruch zu genügen versucht. Und Dubslav Stechlin auf seine Weise ebenfalls.


Beinahe ein Sozialdemokrat

Hier liegt auch die tiefere Ursache dafür, dass Zuschreibungen von anderer Seite, die Pastor Lorenzen gelten, zwar nicht völlig danebengehen, aber auch nicht wirklich zutreffen. Mit Stoecker wird er mehrfach in Verbindung gebracht. Doch der Berliner Hofprediger ist anders als Lorenzen und betreibt auch etwas Anderes. Er ist ein Mann der Öffentlichkeit und sucht die Öffentlichkeit zur Durchsetzung seines Programms. Lorenzen zeigt Sympathien für Stoeckers Ziele, erkennt jedoch ebenfalls seinen »tiefen Unterschied« zum »großen Agitator« (30), der in seiner Umgebung ebenso Zustimmung wie Widerstand erfährt. Nach Golo Mann war Adolf Stoecker sogar ein »intriganter Mann und beträchtlicher Demagoge«3, der, so würde man heute sagen, in populistischer Manier unzufriedene Stimmungen im Volk wahrzunehmen und für seine Zwecke zu nutzen verstand. Dafür waren ihm auch antisemitische Hetzereien nicht zu widerwärtig. Er machte das Judentum verantwortlich für den verhassten Liberalismus und den Liberalismus verantwortlich für die angebliche Zersetzung des deutschen Volkskörpers. Dass er sich für die Armen und die Rechte der armutsbedrohten Arbeiterschaft einsetzte, blieb Episode. Er ließ sie fallen, sobald sie seinen Parteizwecken mehr zu schaden als zu nutzen drohten.

Woldemar äußert sich einmal dahingehend, dass Lorenzen »beinah Sozialdemokrat« sei (135). Das zielt auf dessen Option für die Schwachen und Rechtlosen, ebenfalls auf seine Hoffnung bezüglich notwendiger gesellschaftlicher Umbruchsprozesse, aber nicht auf seine Parteilichkeit. Wenn dieser Lorenzen überhaupt in Kategorien des Revolutionären dachte, dann eher, mit Hölderlin zu reden, zustimmend hinsichtlich einer »Revolution der Gesinnungen«4. Nicht von ungefähr sieht Lorenzen in seinem Patronatsherrn keinen »Programmedelmann«, sondern einen »Edelmann nach jenem alles Beste umschließenden Etwas, das Gesinnung heißt« (377). Und der Gräfin Melusine gegenüber bekennt er: »Demütig sein heißt christlich sein, christlich in meinem … Sinne. Demut erschrickt vor dem zweierlei Maß. Wer demütig ist, der ist duldsam, weil er weiß, wie sehr er selbst der Duldsamkeit bedarf; wer demütig ist, der sieht die Scheidewände fallen und erblickt den Menschen im Menschen« (270).


Eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft

Das ist Pastor Lorenzen, und so ist seine Gesinnung. Sie lässt ihn frei und vor allem in dem, was er Demut nennt, selbstbewusst erscheinen. Gewiss möchte er nach außen wirken, doch ohne seine Wirksamkeit strategisch zu planen und politisch zu organisieren. Ein Parteigänger ist er nicht, so sehr er weiß, was sich ändern muss und was im Kommen ist. Sehr kritisch beurteilt er deswegen die politischen Restaurationsversuche der Konservativen, die festhalten möchten, was sich überlebt hat: »Eine rückläufige Bewegung ist da, längst Abgestorbenes … soll neu erblühn. Es tut es nicht … Unsre alten Familien kranken durchgängig an der Vorstellung, ›dass es ohne sie nicht gehe‹, was aber weit gefehlt ist, denn es geht sicher auch ohne sie; – sie sind nicht mehr die Säule, die das Ganze trägt … Eine neue Zeit bricht an. Ich glaube, eine bessere und eine glücklichere. Aber wenn auch nicht eine glücklichere, so doch mindestens eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in der wir besser atmen können« (273f).

Man mag das politisch nennen und auch wieder nicht. Es ist politisch, sofern dieser Pastor keineswegs weltabgewandt lebt, sondern sich bewusst mitten in den Turbulenzen seiner gesellschaftlichen Gegenwart befindet. Aber es ist auch unpolitisch insofern, als er den Schritt in die Öffentlichkeit konsequent vermeidet, um die Klarheit seiner »Gesinnung« zu bewahren. Wie Christoph Blumhardt aus christlicher Überzeugung und mit gesellschaftlichem Gestaltungswillen in die sozialdemokratische Partei einzutreten, wäre einem Lorenzen nie eingefallen. So betrachtet verstand er sich als Pastor mit seiner Kernaufgabe in der Seelsorge und wollte überhaupt nicht anders sein und nichts anderes tun als dies.


Aristokratischer Protestantismus

Lorenzen und mit Abstrichen auch Dubslav Stechlin leben ihr Christsein der Gesinnung und denken nicht daran, andere missionarisch zu bedrängen. Der Dichter betont das, indem er sie mit Figuren umgibt, die von dieser moderaten Linie unangenehm abweichen. Da ist »Tante« Adelheid, Dubslavs ältere Schwester und Domina im Kloster Wutz, die einen aristokratischen Protestantismus pflegt, der in seiner Substanz nicht viel mehr ist als pure Überheblichkeit. Fontane attestiert ihr eine »tiefe Prosa ihrer Natur« und generelles »Misstrauen gegen alles, was die Welt der Schönheit oder gar der Freiheit auch nur streifte« (82). Natürlich ist sie strikt antikatholisch und schmiedet ihre Abneigung zu griffigen Formeln: »Das aber muss ich aussprechen, der Unglaube wächst, und das Katholische wächst auch. Und das Katholische, das ist das Schlimmere. Götzendienst ist schlimmer als Unglaube«. Wobei Fontane sich an dieser Stelle die Chance nicht entgehen lässt, das kürzlich (1871) beim Vatikanischen Konzil erlassene Unfehlbarkeitsdogma des Papstes mit einem Seitenhieb zu bedenken: »Und nun gar der Papst in Rom, der ein Obergott sein will und unfehlbar« (83).

Außerdem ist da noch Ermyntrud, die hochadlige Frau eines Försters, die ihren sozialen Abstieg durch offensive Frömmigkeit kompensiert. Ihr Credo: »Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht« (178). Ausgerechnet mit Superintendent Koseleger zusammen, der ihr, wie Dubslav grimmig kommentiert, »den Trost (gab), dessen er selber bedürftig ist« (330), unternimmt sie private Bekehrungsversuche, sogar beim Herrn auf Schloss Stechlin. Der weiß sich allerdings zu wehren und »seinen märkischen Dickkopf« aufzusetzen. Und als er Engelke, seinen Bediensteten, der sich halb als persönlicher Vertrauter und halb als Faktotum durch den Roman bewegt, vom Rollstuhl aus zu sich bestellt, erklärt er ihm kurz und bündig:
»›Denk dir, Engelke, sie wollen mich bekehren!‹
›Aber, gnäd’ger Herr, das is ja doch das Beste.‹
›Gott, nu fängt der auch noch an.‹« (331)

Vielfarbig und mit sehr unterschiedlichen Profilen stellt sich die Riege der Pastoren in Fontanes Erzählwerk dar. Und immer bilden sie einen eigenständigen Farbtupfer, gelegentlich auch einen kräftigen Klecks in dem Gesellschaftsgemälde, das der Dichter in zeitgenössischer und zeitkritischer Absicht erstellt5. Daraus resultiert neben allem Sonstigen, was Fontane zu entwickeln vermag, nicht zuletzt eine schöne Sammlung erzählter Pastoraltheologie.


Anmerkungen:

1 »Die besondere Sozialstruktur des Patronatswesens war für den evangelischen Pfarrer dank der Stellung, die er in ihr einnahm, zugleich die wesentliche Basis und Bedingung seiner universalen Kommunikations- und Wirkungsmöglichkeiten« (Volker Drehsen: Pfarrersfiguren und Gesinnungsfigurationen. Zur Bedeutung des Pfarrers in Theodor Fontanes Romanen, in: »Der ganze Mensch«, hrsg. von V. Drehsen u.a., 1997, 43).

2 »Je älter Fontane aber wurde, desto mehr wurde die Lust an der Paradoxie und an der Polyperspektive zu einem Teil der künstlerischen Willensbildung« (Helmuth Nürnberger: Theodor Fontane, 28. Aufl. 2013, 13).

3 Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, 1958, 465.

4 Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. II, 1992, 643.

5 »Fontane zufolge muss der Pfarrer profilierter Vertreter der Institution Kirche und zugleich offener und verständnisvoller Gesprächspartner sein und so dafür sorgen, dass die Kirche als Institution plural und tradierfähig bleibt« (Eckart Beutel: Fontane und die Religion, 2003, 228).

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. Reiner Strunk, Jahrgang 1941, Assistent für Syst. Theologie bei Jürgen Moltmann in Bonn und Tübingen, 1970 Promotion, 1977-1986 Studienleiter am Württ. Pfarrseminar, 1997-2003 Leiter der Fortbildungsstätte Denkendorf.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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