Eine Relecture der neutestamentlichen Auferstehungsbotschaft
Ostern – Jesus in neuem Licht

Von: Ernst Vielhaber
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Dass Jesus von den Toten auferstanden ist und sich darin als der Christus, ja Gottes Sohn, erweist, gilt als das zentrale christliche Bekenntnis. Mit ihm steht und fällt der christliche Glaube und alles, was ihn ausmacht – wie schon der Apostel Paulus bemerkte. Doch wie soll diese Botschaft verstanden werden. Was bedeutet die in jeder Hinsicht analogielose Formel von der Auferstehung Jesu. Ernst Vielhaber ordnet das biblische Quellenmaterial und bietet eine Interpretation an, die auch einem neuzeitlichen Wirklichkeitsverständnis zu entsprechen vermag.


Den Jüngern geht auf, was Jesus für sie bedeutet

Der Verbrechertod Jesu stürzte seine Anhänger zunächst in eine tiefe Krise. Er hatte, so lange er mit ihnen zusammen war, ihr Leben von Grund auf verwandelt. Er hatte einige so in seinen Bann geschlagen, dass sie ihren Beruf aufgaben und ihre Familie verließen, um den Wanderprediger monate- oder jahrelang zu begleiten. Er hatte ihnen Mut gemacht, nicht mehr angstvoll auf die komplizierten Kultgesetze zu starren und sich nicht wegen aller möglichen Übertretungen mit Schuldgefühlen zu plagen. Sie hatten von ihm gelernt, dass sie sich vor Gott nicht grundsätzlich zu fürchten brauchten, sondern sich ihm anvertrauen konnten, dass er für sie sorgte wie ein liebevoller Vater für seine Kinder.

Das alles schien durch die schmähliche Hinrichtung des Meisters außer Kraft gesetzt zu sein. War er widerlegt? Konnte eine Stimme, die sich so endgültig zum Schweigen bringen ließ, wirklich die Stimme der Wahrheit gewesen sein? Die Jünger waren verzweifelt.

Aber ziemlich bald nach der Kreuzigung erlebten einige der Jünger einen radikalen Umschwung. Sie sahen ihren »Meister« in einem neuen Licht. Sein Tod hatte die Erfahrungen des Lebens, die er ihnen eröffnet hatte, nicht auslöschen können. Seine Worte waren nicht folgenlos verhallt, seine Taten nicht verweht.

Den Jüngern ging auf, dass Jesus am Kreuz nicht gescheitert war, sondern Recht behalten hatte. Im Rückblick kamen sie zu der Überzeugung, dass er nicht nur Gottes Willen neu erklärt, sondern dass er als Bevollmächtigter Gottes gehandelt und damit Gott selbst verkörpert hatte. Dass diese Überzeugung bei einigen seiner Anhänger nun schlagartig zum Durchbruch kam, ist das eigentliche Osterwunder. Für sie war Jesus gerade nicht erledigt, sondern auf neue Weise lebendig geworden.

Ihre neue Sicht des Meisters brachten die Anhänger mit alten Hoffnungsworten zum Ausdruck, die vor Ostern wohl eher von Außenstehenden auf ihn angewandt worden waren. Sie übertrugen auf Jesus nun ständig die Titel, mit denen die Juden die seit Jahrhunderten ersehnten Erlösergestalten bezeichneten. Seit Ostern nannten sie ihn durchweg »König (Christus)« und »Gottes Sohn«, einige Zeit später auch »Menschensohn« (obwohl Jesu Verbrechertod allen Messiaserwartungen widersprach und er selbst wahrscheinlich keinen dieser Titel je für sich in Anspruch genommen hat). Und um die besondere Vollmacht Jesu hervorzuheben, von der sie seit Ostern endgültig überzeugt waren, bezeichneten sie ihn nun ständig als »unsern Herrn«.


Osterbekenntnisse

Der Durchbruch der neuen Sicht der Jünger auf ihren Meister schlug sich nicht nur in den alten Würdenamen nieder, sondern in einem neuen Bekenntnis. War die wichtigste Tat, auf die sich Gott bei früheren Erscheinungen1 berufen hatte, die Befreiung des Volkes aus Ägypten gewesen2, so war Gott für die Christen nun der, »der unsern Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten«3. Diese Formel wurde ein feststehender Teil des Gotteslobs in den Gebeten der frühen Gemeinde. Wenn die Gemeinde daneben das Bekenntnis formulierte, Jesus sei »auferstanden«, hob sie die schöpferische Aktivität Gottes, die sie in Jesu Auferweckung am Werke sah, nicht eigens hervor, wollte aber sachlich keinen Unterschied zwischen Auferweckung und Auferstehung zum Ausdruck bringen.


Ostererlebnisse

Wie die Gemeinde zum Auferweckungs- bzw. Auferstehungsbekenntnis kam, das überliefert als Erster der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief. Er zitiert dort einen bekenntnisartigen Merksatz, der nur etwa zehn Jahre nach Ostern entstanden ist:

»Als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.« (1. Kor. 15,3-7)4

Der Merksatz nennt im zweiten Teil mehrere Jünger, die Jesus nach seinem Tod »gesehen« haben: als ersten Petrus, dann die Zwölf, dann mehr als fünfhundert Brüder, dann Jakobus, den Bruder Jesu, dann alle Apostel. Vielleicht waren die Allerersten, die nach der Hinrichtung Jesu solche Erlebnisse hatten, gar nicht die hier genannten Jünger, sondern einige Frauen, die zur Begleitung Jesu gehört hatten; so schildern es die später entstandenen Ostererzählungen von Matthäus und Johannes, in denen alte Erinnerungen stecken können.5 Jedenfalls haben die in 1. Kor. 15 genannten Osterzeugen davon, dass sie Jesus »gesehen« haben, so überzeugend erzählt, dass die frühe Gemeinde die Erinnerung an ihre Namen bewahrte.


»Gesehen« mit den Augen des Glaubens

Was bedeutet es, dass Jesus »gesehen wurde (ὤφθη)«? Das im Merksatz verwendete Wort spielt eine besondere Rolle in der griechischen Fassung des Alten Testaments. Dort kommt es wiederholt in Zusammenhängen vor, wo vom Erscheinen Gottes die Rede ist6: »Da erschien (ὤφθη) der HERR dem Abram und sprach« (1. Mos. 12,7a; vgl. 17,1; 18,1; 26,2.24; 35,9f; 2. Mos. 3,16; 6,2f).

Möglicherweise deutet also die Formulierung des Merksatzes an, dass die Ostererscheinungen an die Gottesoffenbarungen erinnerten, die in den Erzväter- und Mosegeschichten überliefert wurden.

In der ntl. Verklärungsgeschichte beschreiben Mk. und Mt. übereinstimmend, dass den Jüngern Elias mit Moses »ὤφθη«.7 Mit demselben Wort wird im NT auch von Engelerscheinungen erzählt.8

Wie lässt sich das österliche Sehen heute verstehen? Wir können es am besten als Vision9 ansprechen, solange wir damit nicht Halluzination10 meinen und so ausschließen würden, dass Jesus selbst das Sehen hervorgerufen hat. Nach meiner Überzeugung hat das, was die Apostel mit Jesus erlebt hatten, sie auch nach dem Golgatha-Schock nicht ruhen lassen. Es hat in ihnen gearbeitet, sie umgetrieben, bis ihnen – spät, aber doch – die Augen dafür aufgingen, wer er wirklich war.

Die Augen, die Jesus zu Ostern »sahen«, waren Augen des Glaubens. Es fällt ja auf, dass als Erscheinungszeuge kein Außenstehender, kein neutraler Beobachter genannt wird. Alle, die Jesus nach seinem Tod gesehen haben, gehörten zur Gemeinde. Ihr Bekenntnis, dass Gott Jesus auferweckt habe, formulierte in visionärer Sprache dieselbe Glaubensüberzeugung, die mit den Würdetiteln in messianischer Sprache zum Ausdruck gebracht werden sollte: In Jesus hatten und haben wir es mit Gott selbst zu tun.


Deutung der Erscheinungen mit Hilfe der Auferweckungsvorstellung

Die visionäre Sprache griff zurück auf frühjüdische Vorstellungen. Gestützt auf verschiedene Psalmen- und Prophetenworte, erwarteten damals viele Juden, dass Gott in der Endzeit alle Frommen zu einem neuen irdischen Leben auferwecken wird. Als nun einige Anhänger Jesu ihren Herrn nach dem Kreuzestod wie lebendig vor sich sahen, wurde die frühjüdische Auferweckungserwartung zum Deutungshorizont, in den sie die erlebten Erscheinungen einordnen konnten.11 Sie kamen zu der Überzeugung, eine Auferweckung, wie sie u.a. vom Propheten Hosea (6,2) angekündigt worden sei, habe Gott an Jesus bereits jetzt vollzogen. Sie formulierten das Bekenntnis, Jesus sei »am dritten Tage auferstanden von den Toten«, und sie rückten damit den Beginn der Ostererscheinungen auf den ersten Tag des Passafestes, unseren heutigen Ostersonntag.


Glaube als Fürwahrhalten

Der Apostel Paulus beschreibt die Überzeugung der Jesusgläubigen so: »Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.« (Röm. 10,9)12

Noch kompakter wird diese Überzeugung zusammengefasst in missionssprachlichen Wendungen wie »Glauben an (πιστεύειν εἰς) Jesus Christus«13 oder einfach »Glauben an Jesus«14, »an ihn«15.

In all solchen Wendungen taucht das Wort πιστεύειν (Luther: »glauben«) auf. Es hat wie das hebräische hä’ämin (vgl. Amen) die Grundbedeutung »vertrauen, sich verlassen«, nämlich auf Gott16 und seine Beauftragten17. Das Sichverlassen schließt zweierlei ein: Gehorsam18 gegen Gottes Gebote sowie Hoffnung19 auf das versprochene Heil.

Die Formulierung des Paulus geht aber über diese erweiterte Bedeutung noch hinaus. Mit dem Satz »wenn du … glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat« bezeichnet Paulus – parallel zum Herrsein Jesu – den als Neuschöpfung verstandenen Vorgang der Auferweckung Jesu als Inhalt des Glaubens an Jesus. Sätze wie dieser, die sich vielfach im NT20 und z.T. ja auch im Apostolikum finden, bringen nicht nur mit Würdetiteln zum Ausdruck, dass Menschen ihr ganzes Vertrauen auf Jesus setzen. Mit solchen Sätzen wird der Glaube vielmehr zu einem Fürwahrhalten von Vorgängen, die der Mensch nicht selbst erlebt hat, die ihm aber in der missionarischen Verkündigung überliefert oder angekündigt wurden.


Glaube als Vorstufe des Schauens

Wiederholt wird das Glauben im NT als Vorstufe des im Himmel erwarteten Schauens verstanden: »Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.« (2. Kor. 5,6b.7; vgl. Röm. 8,24f; 1. Kor. 13,12) »Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« (Hebr. 11,1; vgl. Joh. 20,29; 1. Petr. 1,8)

Mit Vertrauen hat dieses Glaubensverständnis noch insofern zu tun, als der Mensch, um solche Inhalte »glauben« zu können, den Aposteln und ihrer Botschaft vertrauen muss.21 Aber unter der Hand werden hier Vorstellungen und Ausdrucksformen des Glaubens, die einem antiken Weltbild entstammen, zu Inhalten oder Gegenständen des Glaubens aufgewertet, ja verfälscht. Glaube wird zur Basis von »Erkennen« oder »Wissen«.22 So entartet schon in dieser frühen nachösterlichen Zeit der Glaube zu einer Art Erkenntnisorgan für vergangene oder künftige historische Vorgänge (Geburt oder Wiederkunft Jesu) oder für eine behauptete zweite Wirklichkeit, die entweder jetzt schon unsichtbar besteht (Jesus als Auferstandener im Himmel) oder nach dem Zusammenbruch der gegenwärtigen Welt von Gott geschaffen wird.


Weissagungen als Grundlage der Auferweckungsvorstellung

Die älteste ntl. Tradition, die Gründe für das Auferstehungsbekenntnis nennt, beruft sich nicht auf Erlebnisse, sondern auf das AT: »nach der Schrift«23. Während es also für die österlichen Erscheinungen mehrere Zeugen gibt, denen sie persönlich widerfahren sind, gibt es für eine Auferstehung Jesu keinen einzigen Zeugen.24 Kein Jünger hat eine Auferstehung Jesu miterlebt. Es zeigt sich: Die Auferstehung ist kein erlebter, sondern ein erschlossener Vorgang, erschlossen aus Sätzen der Jüdischen Bibel, die als Weissagungen verstanden wurden.

Die älteren dieser Weissagungen drückten ursprünglich nur eine Hoffnung innerhalb des aktuellen Daseinshorizonts aus: Gott werde einem vom Tode Bedrohten noch ein langes irdisches Leben gewähren25 oder Betern, die sich in einer üblen Lage an ihn wenden, wieder, salopp gesagt, aus der Patsche helfen26, er werde dem Volk, das zerschlagen am Boden liegt, wieder neue Lebenskraft verleihen27.


Apokalyptische Umformung der Auferweckungserwartung

Erst einige jüngere Worte im AT28 sind von der Auferweckungserwartung der Apokalyptik geprägt. Die Apokalyptik rechnete mit einer Rückkehr29 in ein von Tod und Leid befreites irdisches Leben.30 Nach und nach geriet auch die Deutung der älteren Worte, in denen bildhaft-poetisch von neuer Lebendigkeit die Rede war, in den Sog dieser realistischen Auferweckungshoffnung. Im zweiten Segensspruch des frühjüdischen »Achtzehngebets« wird unter Bezug auf Jes. 26,19 und Hes. 37,1 Gott dafür gepriesen, dass er »die Toten lebendig macht«31. Damit fand der Übersprung vom bildhaften zu einem realen Verständnis von Auferweckung einen vorläufigen Abschluss. Aus einem ursprünglich symbolischen Gebrauch der Wörter »lebendig machen«32 oder »aus Gräbern heraufholen«33, die eine Hilfe und Kräftigung im bisherigen Leben ankündigten, war die Vorstellung der Auferweckung in ein neues Leben auf einer erneuerten Erde geworden. Unter hellenistischem Einfluss setzte sich dann seit dem ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Teilen des Judentums34 die Auffassung durch, die Auferweckung werde ein Übergang in eine ganz andere, jenseitige Wirklichkeit sein; diese Auffassung steht hinter den Vorstellungen von der Himmelfahrt und der himmlischen Herrschaft Jesu.


Der Osterglaube sieht die erwartete Auferstehung für Jesus verwirklicht

Stand die Auferstehung nach jüdischer Auffassung erst noch bevor, so sahen die Jesusgläubigen sie im Ostergeschehen bereits verwirklicht. Ihre Überzeugung »Der Herr ist wahrhaftig auferstanden«35 beruhte aber nach der ältesten ntl. Tradition, die Gründe für das Auferstehungsbekenntnis anführt, nicht auf persönlich erlebter und bezeugter Wahrnehmung des Auferstehungsvorgangs, sondern auf einem Rückschluss. Aus den erlebten Erscheinungen folgerten die Osterzeugen: Gott, »der die Toten lebendig macht«36, hat unseren Meister auferweckt.

Eine solche Deutung der Ostererlebnisse, ein solcher Rückschluss, den Texte aus der Jüdischen Bibel ihnen nahe legten, war für die damaligen Gläubigen plausibel. Er kann jedoch für unser heutiges Wirklichkeitsverständnis eine Realaussage über die Auferstehung Jesu nicht tragen. Nicht weil die älteste Auferstehungstradition des NT dem »Dogma eines säkularistischen Wirklichkeitsverständnisses« widerspricht37, sondern weil ihr – im Unterschied zur Tradition der Erscheinungen Jesu – die Bezeugung fehlt, müssen wir mit Gerhard Ebeling feststellen: »Die Auferstehung Jesu von den Toten ist nicht ein raum-zeitlicher Akt.«38 Wir können die Auferstehung nicht als wirkliches Geschehen ansehen, sondern als zeitgebundene Veranschaulichung für die Bedeutung und das Weiterwirken Jesu. Und wir müssen die Worte, die das NT als Sätze des auferstandenen Herrn überliefert, als Formulierungen der frühen nachösterlichen Gemeinde verstehen.


Vorstellungen vom Auferstehungsleib

Kehren wir zurück zur ntl. Vorstellungswelt. Menschliches Leben konnten sich Juden weder in dieser noch in der jenseitigen Welt als rein seelischen Vorgang denken. So müssen auch die Apostel, als sie aus den Ostererlebnissen die Auferstehung Jesu erschlossen, sich den ihnen erschienenen Herrn in leib-seelischer Ganzheit vorgestellt haben. Wie aber sollte nach damaliger Anschauung der Leib des Auferstandenen beschaffen sein? Darüber ist im Zusammenhang mit den ältesten vorpaulinischen Osterformeln und -bekenntnissen39 nirgends Näheres ausgeführt, auch nicht über das Grab Jesu. Reflektionen über den Auferstehungsleib finden wir erst bei Paulus, der seine Briefe zwischen 50 und 60 n. Chr. schrieb.

Auch Paulus beantwortet die Zweifel der Korinther an der Auferstehung40 nicht mit dem Hinweis auf das Grab Jesu. Für ihn steht zwar fest, dass Jesus begraben wurde, also nicht nur scheintot war.41 Aber er macht nirgends geltend, Jesu Grab sei leer gefunden worden. Er sieht in der Auferweckung nicht eine Wiederbelebung des Leichnams, sondern die Schaffung eines neuen, andersartigen Körpers42: »Es gibt himmlische Körper und irdische Körper; aber eine andere Herrlichkeit haben die himmlischen und eine andere die irdischen. … Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib« (1. Kor. 15,40.44). »Ein Haus, nicht mit Händen gemacht« (2. Kor. 5,1). »Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe« (Phil. 3,20f; vgl. 2. Kor. 3,18).


Die Legende von der Grabfindung

Erst Markus43, der sein Evangelium noch einmal zehn Jahre später aufgeschrieben hat, überliefert die Geschichte von der Auffindung des leeren Grabes Jesu, lässt also die Vorstellung erkennen, der Auferstehungsleib gehöre eng zusammen mit dem irdischen Leib. Enthält seine Geschichte wenigstens im Kern Angaben, die nach den Maßstäben heutiger Geschichtswissenschaft als zuverlässig angesehen werden können und deshalb auch uns Aufschluss über die Auferstehung Jesu geben? An dieser Frage scheiden sich die Geister.


Das leere Grab in der Sicht Wolfhart Pannenbergs

Wolfhart Pannenberg (1928-2014) hat – gestützt auf Hans von Campenhausen44 (1903-1989) – eine ausführliche Analyse der Grabfindungstradition vorgelegt. Sie führt ihn zu der Annahme, »daß das Grab Jesu tatsächlich leer war.«45 Er sieht zwar, wie das NT selbst, in der Grabfindungsgeschichte keinen Beweis, aber doch eine Bestätigung für die Auferstehung: »Da die Auffindung des leeren Grabes Jesu … nicht als ein Produkt des Osterglaubens erklärt werden kann, sondern sich unabhängig von den Erscheinungen ereignet haben dürfte …, so muß dieser Nachricht auch die Funktion einer Bestätigung der Identifikation der in den Erscheinungen begegnenden Wirklichkeit Jesu als Aufer­stehung von den Toten zuerkannt werden.«46 Denn Pannenberg ist unabhängig vom leeren Grab überzeugt davon, dass die Auferstehung Jesu ein historisches »Ereignis«47 oder »Faktum«48 ist. Für ihn spielt die Tatsache, dass das NT nur für die Erscheinungen Jesu, nicht aber für seine Auferweckung Zeugen nennt, keine Rolle. Es genügt ihm, dass die »Auferweckung Jesu von den Toten … seinen Jüngern, aber auch ihrem Verfolger Saulus, durch die Erscheinungen des Auferstandenen zur Gewissheit wurde«49. So stellt er zusammenfassend fest: »Die Auferstehung Jesu wird von der christlichen Osterbotschaft zwar als ein Ereignis des Übergangs von dieser irdischen Welt in ein neues und unvergängliches Leben bei Gott behauptet, aber doch so, daß dieses Ereignis selbst sich in dieser Welt vollzogen hat, nämlich im Grabe Jesu bei Jerusalem vor dem Besuch der Frauen am Sonntagmorgen nach seinem Tode.«50


Einwände gegen Pannenberg

Pannenbergs Urteil über die Grabfindungstradition überzeugt mich nicht. Die ganze Erzählung Mk. 16,1-851 enthält viele Ungereimtheiten und einige typische Elemente, die auch in anderen Geschichten vorkommen. Unwahrscheinlich ist nicht nur, dass die Frauen, die doch nach Mk. 15,47 bei der Grablegung zugeschaut hatten, erst unterwegs überlegen, wer ihnen wohl den Verschlussstein beiseite rollt (V. 3), und dass offenbar der einzelne Jüngling übermenschliche Kräfte hatte, den Stein zu bewegen. Unwahrscheinlich ist auch, dass die Jünger, die doch schon bei Jesu Verhaftung geflohen waren52, noch in Jerusalem sein sollen (V. 7) und dass die Frauen den Auftrag des Engels nicht befolgen (V. 8). Offenbar soll das Versäumnis der Frauen, Helfer für den Rollstein mitzunehmen, das Wunder (V. 4) vorbereiten. V. 7 dient dazu, die Jerusalemer Tradition von der Grabfindung mit der galiläischen Tradition von den ersten Erscheinungen53 zu vereinbaren. Und das Schweigen der Frauen (V. 8) soll zeigen, dass der Osterglaube nicht durch Frauenworte, sondern erst durch eigene Erfahrungen der Apostel ausgelöst wurde.

Wiederkehrende Elemente sind der erklärende Engel (V. 6f), der auch in den Geschichten von Weihnachten und von der Himmelfahrt auftritt54, ferner das Entsetzen angesichts des Gottesboten (V. 5.8) und die Beruhigungsworte »Entsetzt euch nicht!« (V. 6) – alles typische Stilmerkmale von Erscheinungslegenden.

Die vielen Ungereimtheiten und die typischen Legendenelemente zeigen: die Geschichte ist – wie auch die von der Grablegung und die Matthäusüberlieferung von den Grabwächtern – erst sehr spät entstanden. Ihr Ziel ist es, die erzählerische Lücke zwischen dem Tod Jesu und den Ostererscheinungen zu schließen, und wohl auch, Einwände gegen die Auferstehungsbotschaft abzuwehren. Dass es Frauen waren, denen die Entdeckung des leeren Grabs zugeschrieben wurde, ist plausibel55, weil die männlichen Jünger ja alle untergetaucht waren und sich aus Jerusalem nach Galiläa abgesetzt hatten. Auch das Motiv der Frauen legte sich nahe: Sie wollen dem Herrn mit der Salbung ein letztes Zeichen ihrer Liebe und Anhänglichkeit geben.


Die Grabfindung – ein spätes Konstrukt

Die literar- und traditionskritische Analyse führt zu dem Ergebnis: Auch die Kernstücke der Grabfindungsgeschichte sind viel wahrscheinlicher ein Konstrukt der zweiten Gemeindegeneration als ein Niederschlag von Erlebnissen einiger Jüngerinnen Jesu. Dass die Lage des Grabes Jesu der Urgemeinde bekannt war und dass es zwei Tage nach der Beisetzung Jesu leer aufgefunden wurde, lässt sich mit dieser Erzählung nicht belegen.56 Wir müssen annehmen, dass Jesus von den Besatzern an einer unbekannten Stelle begraben wurde. So wird das Schweigen der ältesten Ostertradition (s. oben) über Jesu Grab verständlich. Damit wird auch klar, warum erst Matthäus57 von Grabwächtern erzählt und von dem Gerücht, die Jünger hätten Jesu Leichnam gestohlen: Das Diebstahlsgerücht ist nicht schon zu Ostern durch das wirklich entdeckte leere Grab ausgelöst worden, sondern erst durch die späte Findungsgeschichte des Markus.

Ebenfalls erst in den Jahrzehnten nach Markus ist die Annahme entstanden, der Auferstandene lebe neu in dem Sinne, dass er direkt auf irdische Menschen einwirkt. In dieser Zeit haben die Gemeinden die Ostererscheinungen, von denen es in den ältesten Bekenntnissen nur knapp hieß »Er wurde gesehen«, zu anschaulichen Begegnungen ausgestaltet. Einige Szenen der Evangelien zeigen, wie dabei die Körperlichkeit des österlich Erschienenen immer drastischer herausgestellt wurde: Er spricht, lässt sich berühren58, isst mit den Jüngern59.


Die Auferstehungsvorstellung fußt auf einem speziellen Weltbild

Die Auferstehungsvorstellung des Paulus und der Evangelien ist also mit dem jüdisch-frühchristlichen Welt- und Menschenbild verknüpft. Sie fußt auf einem Wirklichkeitsverständnis, das schon damals von Einigen bestritten wurde. Als Paulus in Korinth predigte, Jesus sei auferstanden, schlug ihm Skepsis entgegen (s.o. Anm. Fehler: Verweis nicht gefunden). Die Evangelien überliefern, dass schon die Ostererscheinungen selber nicht von allen Jüngern in gleicher Klarheit erlebt wurden60 und dass auch die ersten Berichte über österliche Begegnungen mit Jesus Zweifel auslösten61. Lukas sieht sich genötigt, diesen Zweifeln durch die Beteuerung der Elf zu begegnen, Jesus sei »wirklich« auferstanden (ὄντως, Lk. 24,34).

In den seither vergangenen 2000 Jahren hat sich das Wirklichkeitsverständnis der westlichen Welt weit vom jüdisch-frühchristlichen Denken entfernt. Sinnvoll kann heute in unserem Kulturbereich nur das als Ereignis oder als wirklich bezeichnet werden, was Menschen übereinstimmend wahrgenommen haben oder wahrnehmen können, sei es unmittelbar mit ihren fünf Sinnen, sei es vermittelt durch Mess- und Beobachtungsgeräte, durch Dokumente, durch archäologische Funde usw.62

Wer das vielgestaltige Osterzeugnis des NT kritisch liest, kann und muss zwar die Erscheinungen Jesu als wirkliche Ereignisse bezeichnen, weil Paulus dafür mehrere damals befragbare Zeugen anführt. Jesus ist »wirklich« dem Petrus, den Zwölf, den 500 erschienen. Er ist Jahre später auch »wirklich« von Paulus »gesehen« worden.63 Er ist aber nach dem heutigen Sprachgebrauch, den auch gläubige Christen respektieren sollten, nicht »wirklich« so, wie es Paulus für alle Gläubigen erwartet, und schon gar nicht so, wie es die Grabfindungsgeschichte nahe legt, auferstanden.

Ich kann also die Auferstehung Jesu nicht, wie es Josef Ratzinger und andere Ausleger64 tun, als »Ereignis« oder als »Geschehen« ansehen. Ich kann deshalb auch nicht der Deutung Wilfried Härles folgen, der die Auferstehung Jesu als »Verwandlung und Verherrlichung seiner irdisch-geschichtlichen Existenzform« versteht und meint, »der erhöhte Christus hat teil an der Allmacht und Allwirksamkeit, an der Allwissenheit, Ewigkeit und Allgegenwart Gottes.«65

Damit sage ich nicht, dass für ihn selbst mit dem Tode alles aus war. Nach der Überlieferung des Lukas66 hat er am Kreuz mit Ps. 31,6 gebetet: »In deine Hände befehle ich mein Leben« (gr.: mein πνεῦμα; hebr.: meine ruach; Luther: meinen Geist). Wir dürfen glauben, dass er ebenso in Ewigkeit aufgehoben ist, wie wir es für uns erhoffen.


Wie lassen sich die damaligen Ostererfahrungen heute deuten?

Wenn Menschen des 21. Jh. aus den Ostererfahrungen der Apostel nicht den Schluss ziehen können, Jesus führe nun ein neues, jenseitiges Leben, ist damit nicht gesagt, dass das Auferstehungsbekenntnis unsinnig oder bedeutungslos sei. Gesagt ist nur, dass es eine Deutung67 ist. Mit diesem Bekenntnis veranschaulichten die Osterzeugen die Erfahrung, die sie damals machten: dass das Wirken Jesu auf eine neue Weise weiterging, ja dass seine Lebensbotschaft erst jetzt nach und nach ihre Geltung und ihre Tragweite entfaltete.

Menschen, die nicht mehr mit apokalyptischen Vorstellungen oder mit dem Weltbild der antiken Griechen leben, dürfen, ja müssen die Ostererfahrungen der Apostel im Rahmen ihres aktuellen Verständnishorizonts neu deuten. Sie können z.B. sagen: Jesus ist keine lebende Person mehr, zu der wir beten könnten. Aber er bleibt für uns in dem Sinne lebendig und gegenwärtig, dass er – vermittelt durch die christliche Tradition – jeden Einzelnen und jede Generation jeweils neu erfasst. Er »ersteht auf« in jede Gegenwart hinein, indem er immer aufs Neue Menschen fasziniert, erschüttert, tröstet und stärkt. Was er in seinem irdischen Leben getan und erlitten hat, das wirkt weiter durch alle, die in seinem Sinne handeln und leiden. Was er in seiner Sprache und in seinem Weltverständnis gesagt hat, das wird immer neu lebendig und schafft neues Leben dadurch, dass es ins jeweils aktuelle Weltbild, in die jeweilige Sprache und in die jeweils gegenwärtige Lebenssituation hinein gesagt wird.


Anmerkungen:

1 So Samuel Vollenweider, Ein radikaler Mutationssprung? Annäherungen an das Auferstehungsgeheimnis im zweiten Band des Jesusbuches von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. (in: Thomas Söding [Hg.], Tod und Auferstehung Jesu. Theologische Antworten auf das Buch des Papstes, Freiburg 2011, 115ff); vgl. Paul-Gerhard Klumbies, Von der Hinrichtung zur Himmelfahrt. Der Schluss der Jesuserzählung nach Markus und Lukas, Neukirchen 2010, 106-113; J. Becker, Die Auferstehung Jesu Christi nach dem Neuen Testament. Ostererfahrung und Osterverständnis im Urchristentum, Tübingen 2007, 94ff.

2 2. Mos. 6,7f; 20,2; 3. Mos. 11,45; 19,36; 4. Mos. 15,41; 5. Mos. 5,6; Jer. 23,7 u.ö.

3 Röm. 4,24b; vgl. 8,11; 10,9; 1. Kor. 6,14; 15,15; 2. Kor. 4,14; Gal. 1,1 u.ö. Dazu Jürgen Becker, Auferstehung, 95; Ulrich B. Müller, Die Entstehung des Glaubens an die Auferstehung Jesu. Historische Aspekte und Bedingungen, Stuttgart 1998, 12ff; Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi in biblischer, fundamentaltheologischer und systematischer Sicht, Düsseldorf 1985, 110ff; Hans-Joachim Eckstein, Die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu. Lukas 24,34 als Beispiel früher formelhafter Zeugnisse, in: Hans-Joachim Eckstein und Michael Welker (Hg.), Die Wirklichkeit der Auferstehung (Vorträge zweier Kolloquien von Doktorand/innen und Postdocs), Neukirchen 2002, 26-30; Franz Zeilinger, Der biblische Auferstehungsglaube. Religionsgeschichtliche Entstehung – heilsgeschichtliche Entfaltung, Stuttgart 2008, 97-100; Helmut Fischer, Der Auferstehungsglaube. Herkunft, Ausdrucksformen, Lebenswirklichkeit, Zürich 2012, 35f.

4 Dazu Wolfgang Schrage, Der erste Brief an die Korinther (EKK VII), Teilband 4, Düsseldorf 2001 z. St.; Ulrich Wilckens, Theologie des Neuen Testaments, Bd. I,2, Neukirchen 2003, 124-138; Detlef Häusser, Christusbekenntnis und Jesusüberlieferung bei Paulus, Tübingen 2006, 51-158; Franz Zeilinger, Auferstehungsglaube, 114-129

5 Skeptisch: Dietrich-Alex Koch, Geschichte des Urchristentums. Ein Lehrbuch, Göttingen 2013, 341-345.

6 Wilhelm Michaelis, ThWNT V, 331ff; Hans Kessler, Sucht den Lebenden, 150f; Hans-Joachim Eckstein, Die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu, 14ff.

7 Mk. 9,4; Mt. 17,3; vgl. Lk. 9,31.

8 Lk. 1,11; 22,43; Apg. 7,30.35.

9 David Friedrich Strauss bezeichnet die Ostererfahrungen, die im NT von Frauen überliefert werden, als »Visionen« (Das Leben Jesu kritisch bearbeitet, Bd. II, Tübingen 21837, 666, vgl. 662). Von Visionen spricht auch Gerhard Ebeling, Dogmatik des christlichen Glaubens, Tübingen (1979) 21982 Bd. II, 299.

10 Gegen diesen Begriff verwahrt sich Pannenberg, Systematische Theologie Bd. II, 402, und Ders., Die Auferstehung Jesu – Historie und Theologie (Vortrag Göttingen 1994), wieder in: Ders., Philosophie, Religion, Offenbarung. Beiträge zur Systematischen Theologie Bd. 1, Göttingen 1996, 317, mit Recht; vgl. auch Auferstehung, 311: »rein innerpsychische Mechanismen«, 313: »seelische Projektionen«.

11 Ich halte also die Erweckungsvorstellung nicht für eine »Wahrnehmungskategorie« (gegen Peter Lampe, Die Wirklichkeit als Bild. Das Neue Testament als ein Grunddokument abendländischer Kultur im Lichte konstruktivistischer Epistemologie und Wissenssoziologie, Neukirchen 2006, 106f), sondern für eine Deutungskategorie.

12 vgl. Phil. 2,11; Apg. 8,37; 1. Thess. 4,14; 1. Joh. 5,1.5.

13 Gal. 2,16; vgl. Joh. 20,31; 1. Petr. 1,7f; »an den Herrn« Apg. 14,23; 16,31; »an den Sohn Gottes« 1. Joh. 5,10; vgl. Joh. 3,16.18.36; »an den Menschensohn« Joh. 9,35.

14 Apg. 19,4; Joh. 12,11.

15 Apg. 10,43; 13,39; Joh. 2,11; 4,39 u.ö.; vgl. Röm. 10,14.

16 »Abram glaubte dem Herrn« 1. Mos. 15,6; vgl. 2. Mos. 14,31; Jes. 7,9; 28,16; Hab. 2,4; Röm. 4,3.9; Gal. 3,6.

17 2. Mos. 4,1.8; Ps. 116,10; Jes. 53,1; Jer. 4,32; Mt. 21,32; Mk. 5,34.36; 9,23f; 11,31; Lk. 24,25; Joh. 2,22; 5,46f; 8,45f; Apg. 24,14; 26,27.

18 5. Mos. 9,23; Ps. 119,66; Röm. 1,5; 10,16f; 16,26; Hebr. 11,4ff.8.27f.30f.33.

19 1. Mos. 15,6; Mt. 8,8.10; Röm. 4,18f; 1. Thess. 1,3; 1. Petr. 1,21; Hebr. 11 passim.

20 S.o. Anm. Fehler: Verweis nicht gefunden; ferner 1. Tim. 3,16.

21 Röm. 10,17; 1. Kor. 15,11; Gal. 3,2.5; 1. Thess. 2,13.

22 Joh. 10,38: γνῶτε; Röm. 6,9 und 2. Kor. 4,14: εἰδότες.

23 1. Kor. 15,4.

24 Diese Unterscheidung zwischen Erscheinungen und Auferstehung vermisse ich bei Michael Welker, Gottes Offenbarung. Christologie, Neukirchen 2012. Laut Welker gibt es von der Auferstehung Jesu »Zeugnisse« (107-111; 118f), Berichte (108), Erscheinungen (114; 117) und Visionen (109).

25 Ps. 16,10f.; vgl. 49,16.

26 Hos. 5,15; 6,1f; 13,14.

27 Hes. 37.

28 Ps. 22,18-20; Jes. 25,8; 26,19; Dan. 12,2; 2. Makk. 7,9ff.

29 Eine solche Rückkehr kündigten auch der äthiopische Henoch (5,9; 10,17; dazu Alexander Achilles Fischer, Tod und Jenseits im Alten Orient und im Alten Testament, Neukirchen 2005, 192) oder die Weisheit Salomos (3,1-9) an.

30 Ernst-Joachim Waschke, Art. Auferstehung. Altes Testament, 4RGG I, Sp. 915f; Alexander Achilles Fischer, Tod und Jenseits, 206; Jürgen Becker, Auferstehung, 283.

31 Hermann L. Strack und Paul Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, München 21926, Bd. IV, 211; dazu Michael Press, Jesus und der Geist. Grundlagen einer Geist-Christologie, Neukirchen 2001, 113, unter Hinweis auf D. Müller, Geisterfahrung und Totenauferweckung (Diss. masch. Kiel 1980), 25ff; 249ff.

32 Hos. 6,2.

33 Hes. 37,12f.

34 Mt. 22,23; Apg. 4,1f; 23,8f.

35 Lk. 24,34.

36 Röm. 4,17; vgl. 2. Kor. 1,9; Hebr. 11,19.

37 Dieses Vorurteil sieht Wolfhart Pannenberg als wichtigstes Motiv von Auferstehungsskeptikern (Auferstehung, 313).

38 Gerhard Ebeling, Dogmatik II, 294f; ähnlich auch Otto Hermann Pesch, Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung, Ostfildern 2008ff, Bd. I/1, 173.

39 Vgl. Ernst Vielhaber, »Alten Wein in neue Schläuche! Biblische Sprachbilder für heute erklärt«, Gütersloh 2010, 44-47.

40 1. Kor. 15,12: »Es gibt keine Auferstehung der Toten!«

41 1. Kor. 15,4.

42 Nach 1. Kor. 15,51f erhalten allerdings diejenigen Christen, die beim Weltuntergang und Anbruch der Ewigkeit noch am Leben sind, keinen völlig neuen Leib, sondern sie werden zur Unsterblichkeit »verwandelt« werden (ἀλλαγησόμεθα).

43 Mk. 16,1-8.

44 Hans von Campenhausen, Der Ablauf der Osterereignisse und das leere Grab (1952) 31966.

45 Wolfhart Pannenberg, Syst. Theol. II, 401; vgl. »Tatsache«, 400, 402.

46 A.a.O., 402.

47 Wolfhart Pannenberg, Das Glaubensbekenntnis, ausgelegt und verantwortet vor den Fragen der Gegenwart, (1972) Gütersloh 51990, 104f, 121; Ders., Auferstehung, 309, vgl. 313: »reale Auferweckung«; Ders., Syst. Theol. II, 323, 393; 402: »Beweis für dieses Ereignis sind bei Paulus die Erscheinungen des Auferstandenen, nicht das leere Grab.«

48 Syst. Theol. II, 386, vgl. 325, 395, 403; vgl. W. Pannenberg, Jesu Geschichte und unsere Geschichte (1960), wieder in: Ders., Glaube und Wirklichkeit. Kleine Beiträge zum christlichen Denken, München 1975, 97f: »Tatsache«.

49 Wolfhart Pannenberg, Syst. Theol. II, 385.

50 A.a.O., 402; vgl. die Ausführungen zur »Historizität« oder »Tatsächlichkeit« der Auferstehung Jesu, 403ff.

51 Zum Folgenden Rudolf Bultmann, Die Geschichte der synoptischen Tradition, Göttingen 31957, 308ff; Hans Grass, Ostergeschehen und Osterberichte, Göttingen 1956, 15-23; 181-186; Wolfhart Pannenberg, Syst. Theol. II, 398-405; Ders., Auferstehung, 313ff; Jens Schröter, Jesus von Nazareth. Jude aus Galiläa – Retter der Welt, Leipzig 2006, 301-310.

52 Mk. 14,50; vgl. 14,27f; 15,40.

53 Hans Grass, Ostergeschehen, 113-127.

54 Mt. 1,20ff; Lk. 2,9-12; vgl. 1,11ff.26ff; Apg. 1,10.

55 Gegen Pannenberg, Auferstehung, 314.

56 Anders Hans v. Campenhausen, Osterereignisse, W. Pannenberg, Auferstehung (er stützt sich auf v. Campenhausen), und Udo Schnelle, Theologie des NT, Göttingen 2007, 148f.

57 Mt. 27,62-66; 28,11-15; vgl. Joh. 20,2.13.15.

58 Joh. 20,27.

59 Joh. 21,12; vgl. Lk. 24,30.

60 »Einige aber zweifelten«, Mt. 28,17; vgl. Lk. 24,36-41.

61 Mk. 16,11.13f; Joh. 20,25.

62 Vgl. meinen Aufsatz »Was heißt ›Wirklichkeit‹?« im DPfBl 12/2016, 676-681.

63 1. Kor. 9,1; 15,8.

64 Josef Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth II: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung, Freiburg 2011, 269, 272f, 283f, 299, 301; vgl. Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung. Untersuchungen zur Begründung und zu den Konsequenzen einer christlichen Eschatologie, München (1964) 61966, 174, 275; ähnlich 202: »Geschehen«, 277: »Vorgang«; Markus Mühling, Grundinformation Eschatologie. Systematische Theologie aus der Perspektive der Hoffnung, UTB 2918, Göttingen 2007, 62, 64; Klaus Wengst, Der wirkliche Jesus? Eine Streitschrift über die historisch wenig ergiebige und theologisch sinnlose Suche nach dem »historischen« Jesus, Stuttgart 2013, 46; Udo Schnelle, Theologie des NT, 215ff.

65 Wilfried Härle, Dogmatik, Berlin/New York 22000, 346; vgl. Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes. Christliche Eschatologie, Gütersloh 1995, 95: »Was an und mit dem toten Christus geschehen ist, ist eine Transformation und Transfiguration durch Sterben und Tod hindurch, eine Verklärung seiner leiblichen Gestalt (Phil 3,21), eine Metamorphose aus der Gestalt der Niedrigkeit in die Gestalt der Herrlichkeit (Phil 2,6-11).«

66 Lk. 23,46.

67 Vgl. z.B. Jörg Lauster, Christologie als Religionshermeneutik, in: Christian Danz und Michael Murrmann-Kahl (Hg.), Zwischen historischem Jesus und dogmatischem Christus. Zum Stand der Christologie im 21. Jahrhundert, Tübingen 2010, 239-257, hier 247 und 254f.

 

Über die Autorin / den Autor:

Superintendent i.R. Dr. Ernst Vielhaber, Jahrgang 1934, nach Studium und Promotion zum Dr. theol. von 1963-1970 in der Militärseelsorge tätig, danach Pfarrer in einer Neubaugemeinde in Hannover, 1979-1998 Superintendent des Kirchenkreises Hittfeld bei Hamburg, 15 Jahre lang Mitglied der Landessynode der Evang.-luth. Kirche Hannovers.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

2 Kommentare zu diesem Artikel

01.05.2019
Ein Kommentar von Leo Petersmann


Gedanken zu Ernst Vielhaber: Ostern – Jesus in neuem Licht (Dt. Pfarrerblatt - Heft: 4/2019) Ostern bzw. Jesus in neuem Licht, das hat mich neugierig gemacht. Zunächst zum Sprachgebrauch im Artikel: Er redet oft von „auferstehen“, ein kirchlicher, aber nicht biblischer Sprachgebrauch. Bei Paulus ist Jesus, abgesehen von wenigen Ausnahmen, nie aufgestanden, sondern aufgeweckt, ebenso in allen Ostererzählungen. Aufstehen ist ein aktiver körperlicher Vorgang, der wird nirgendwo erzählt. Aufgeweckt werden ist ein passiver mentaler Vorgang: Der Geist Jesu ist wach bei den Menschen in seiner Nähe. Was gemeint ist, kann man schön in Mk.6,14 sehen: Jesus war Nachfolger des Johannes. Als von Jesus und seinen Jüngern Heilungen bekannt werden, sagen die Leute: Johannes der Täufer ist von den Toten auferweckt worden, und darum wirken solche Kräfte in ihm (Jesus). Der Geist des Getöteten ist in den Nachfolgern lebendig. Die lateinische Bibelübersetzung macht seit 1600 Jahren aus der energetischen Anwesenheit Jesu eine körperliche Wieder-Auferstehung (resurrexit). Seit 1000 Jahren steigt Jesus auf Altarbildern aus dem Grab. Entsprechend läßt auch Luther Jesus durchweg auferstehen (auch in Mk.6,14; wenigstens dort hat es die neue Bibelausgabe revidiert). Dasselbe gilt für die Erscheinungen. Luther übersetzt (1.Kor.15,5): Er ist gesehen worden von Petrus. Das klingt nach einer Feststellung von körperlicher Anwesenheit, das ist aber nicht gemeint. Vielmehr wird mit einem Wort aus der hebräischen Bibel eine Begegnung benannt, die einem Menschen (im Dativ) gewährt wird, die vager, energetischer und beteiligter ist als die Feststellung eines Sachverhalts durch einen Beobachter. Wer also sagt, Jesus sei auferstanden und gesehen worden, der entspricht nicht dem Bibeltext und redet irreführend. Die Grabgeschichte ist natürlich für die kritische Theologie ein Hammer. Man muss sie entweder als Beweis für die Auferstehung nehmen oder zur Legende erklären, dann ist man sie los. Das führt zu phantastischen Erklärungen: „Wir müssen annehmen, dass Jesus von den Besatzern an einer unbekannten Stelle begraben wurde.“ Und: „Das Diebstahlsgerücht ist nicht schon zu Ostern durch das wirklich entdeckte leere Grab ausgelöst worden, sondern erst durch die späte Findungsgeschichte des Markus.“ Das Diebstahlsgerücht in Judäa (Mt. 28, 13-15) soll also seinen Grund haben in einem Text, der etwa 40 Jahre nach dem Tod Jesu entstanden und der kein judäischer, sondern ein hellenistischer Text ist? Das leuchtet mir nicht ein. Das Diebstahlsgerücht, das Matthäus kennt, besagt vielmehr: Es gab ein Grab, es war leer, es gab Wächter der Gegenseite am Grab, die Leiche wurde weggetragen. Wer kam dafür in Frage? Natürlich, die zur Tatzeit am Tatort waren. Das ist peinlich für alle, die an die körperliche Auferstehung glauben wollen. Für alle anderen nicht. Peinlich ist ausserdem, dass diese verrückte Erfahrung und Überzeugung von der Auferweckung, die erst möglich wurde durch den Eingriff der Wächter, zuerst von Frauen kam, deren Wort als Zeugen nicht zählt. Und sie haben eine himmlische Vision gehabt? Ein Jüngling? Ein Menschensohn? Sitzend zur Rechten? Von wem, von Gott? Das kann man doch gar nicht sagen! Das kann man doch gar nicht glauben! Ja, die Frauen! Das wollte die Gemeinde nicht in ihr Grundgesetz schreiben. Und es wundert mich darum nicht, dass Paulus sich dafür nicht interessiert, wo er sich auch nicht für den irdischen Jesus interessiert. Warum sollte er das tun, wenn er doch dem Lebendigen selbst begegnet ist. Für mich ist klar, dass für Paulus das Grab Jesu leer war. Er macht an verschiedenen Stellen deutlich, dass nach seiner Überzeugung wie bei Jesus so bei uns der irdische Leib verwandelt bzw. überkleidet wird (Ph.3,21; 1.Kor.15,51-53). Er wird also einbezogen in das neue Leben. Nach meiner Vorstellung sitzt Jesus nicht zur Rechten Gottes, sondern er ist mit uns weiter unterwegs für sein Reich des Lebens und der Liebe, wenn wir uns von ihm bewegen lassen. Leo Petersmann
17.04.2019
Ein Kommentar von Dr.sc. theol. Katharina Dang


In seinem Aufsatz „Was heißt Wirklichkeit?“, hier erschienen im Heft 12/2016, S. 676ff hat Ernst Vielhaber sein Wirklichkeitsverständnis dargelegt, das seinem hiesigen Aufsatz über Ostern zugrunde liegt und er im vorletzten Abschnitt so beschreibt. „Sinnvoll kann heute in unserem Kulturbereich nur das als Ereignis oder als wirklich bezeichnet werden, was Menschen übereinstimmend wahrgenommen haben oder wahrnehmen können, sei es unmittelbar mit ihren fünf Sinnen, sei es vermittelt durch Mess- und Beobachtungsgeräte, durch Dokumente, durch archäologische Funde usw.“ Unser Verständnis heute habe sich weit entfernt von dem Wirklichkeitsverständnis zur Zeit Jesu. Vielhaber nennt drei Stufen zum Erfassen der Wirklichkeit: die eigene Wahrnehmung, die eigene Überprüfung dieser Wahrnehmung und das Gespräch mit anderen darüber. Wir sprechen jedoch immer noch vom Sonnenaufgang, obwohl seit der Antike diskutiert wird, ob die Erde stattdessen um die Sonne kreist, und seit Newton die genaue Umlaufbahn bekannt ist und berechnet werden kann. Wir nehmen es mit unseren Augen jeden Morgen wahr: Die Sonne geht am Horizont auf. Wir reden miteinander darüber, obwohl wir doch wissen, dass es nicht stimmt, dass in Wirklichkeit wir uns mit der Erde um die Sonne drehen. Trotzdem hat meines Wissens sich bisher keiner daran gestört und versucht, uns zu einem anderen Sprachgebrauch zu drängen. Sicher verfügen wir Menschen heute über sehr viel mehr Wissen und eine Vielzahl von Möglichkeiten, um unsere Wahrnehmungen zu überprüfen, wenn uns dies wichtig ist und wir die Zeit dafür haben. Aber gerade an der Zeit dafür fehlt es uns oft und darum müssen wir anderen Menschen vertrauen / glauben, dass sie uns nicht übers Ohr hauen wollen, z.B. wenn wir einen Vertrag abschließen. Wir können uns unmöglich in alle nur denkbaren Richtungen absichern, zumal wenn unser Gegenüber merkt, dass wir ihm nicht vertrauen, er auch misstrauisch wird, ob uns zu trauen sei. Ohne Vertrauen in die Verlässlichkeit von anderen Menschen läuft bekanntlich gar nichts, selbst wenn wir immer mal wieder auch Enttäuschungen erleben. Kinder werden mit so einem Grundvertrauen geboren und es ist schlimm, wenn es zerstört wird. Im Osten Deutschlands aufgewachsen, bin ich mit dem Misstrauen gegen alles Religiöse und speziell das Christentum und Kirche von Kindheit an konfrontiert gewesen. Ich hatte die Chance, die Vorwürfe gegen uns wissenschaftlich anhand der Predigten der Berliner Hof- und Domprediger von 1539/40 bis 1848/49 zu untersuchen. Dafür wählte ich ausschließlich Predigten zu Themen des Tods und der Auferstehung Jesu aus, also diejenigen die das Zentrum des christlichen Glaubens auslegten.i Ursprünglich beschrieb ich die konkreten ethischen Aufforderungen für jeden Zeitabschnitt in einem extra Kapitel, stellte dann aber fest, dass ich diese Kapitel zusammenfassen konnte. Sie entsprachen einander, obwohl die Weltbilder/Weltanschauungen in den behandelten Zeiten extrem unterschiedlich waren und von tiefem Pessimismus bis zum Überschwang des Optimismus in der Aufklärungszeit reichten. Prägend für die Aussagen der Predigten waren die biblischen Texte und der Wunsch des Predigers, dass seine Hörer durch tägliches Gebet, durch das Lesen der Heiligen Schrift, den Besuch der Gottesdienste u.ä. ihrer Seele Nahrung geben, um so in Konfliktsituationen gestärkt zu sein bzw. Konflikte erst gar nicht entstehen zu lassen.ii Auch stellte ich fest, dass weltanschauliche und erst recht ideologische Aussagen, Orientierungen im Blick auf das Fühlen, Denken und Handeln der Menschen implizit enthalten. Ebenso ist es auch mit allen anderen Aussagen, die wir Menschen machen, da wir nachdem bekannten Kommunikationsmodell von Schulz von Thuniii mit vier Ohren hören, und – ich möchte hinzufügen - auch lesen, und so auch die neutestamentliche Texte. Warum wurden die ersten vier Schriften Evangelien genannt? Doch, weil sie eine frohe, gute Nachricht enthalten. Wie wir alle wissen, ging es den Autoren nie darum, eine Biographie Jesu zu schreiben und auch das 1. Konzil im Jahr 325 hatte nicht vor, eine widerspruchsfreie Lebensschilderung Jesu zu legitimieren, sondern die Schriften als heilig zu bezeichnen, die durch den Geist Christi miteinander verbunden sind. Diese Einheit der ganzen Bibel konnte durch den Hamburger Pfarrer Christoph Römhild und den amerikanische Computerfachmann Chris Harrison sogar durch digitalen Nachweis der gedanklichen Verbindungen der einzelnen Texte untereinander sichtbar gemacht werden. Es entstand ein beeindruckendes Bild.iv Im Blick auf das nach Ansicht von Vielhaber angeblich heute nicht mehr vorstellbare Wirklichkeitsverständnis zur Zeit Jesu möchte ich die Viele-Welten-Interpretation der Quantenphysik ins Gespräch bringen. Im Artikel darüber bei Wikipdia ist zu lesen, dass Werner Heisenberg dazu schrieb: „Man muss hier daran denken, dass die menschliche Sprache ganz allgemein erlaubt, Sätze zu bilden, aus denen keine Konsequenzen gezogen werden können, die also eigentlich völlig inhaltsleer sind, obwohl sie eine Art von anschaulicher Vorstellung vermitteln. So führt z.B. die Behauptung, dass es neben unserer Welt noch eine zweite gebe, mit der jedoch prinzipiell keinerlei Verbindung möglich sei, zu gar keiner Folgerung; trotzdem entsteht in unserer Phantasie bei dieser Behauptung eine Art von Bild." v Auch wenn für einen Physiker heute die Existenz vieler Welten denkbar ist, wird ein Christ dabei nicht an die vielen anderen denken, die möglicherweise auch existieren, sondern sich darin bestätigt fühlen, dass man auch heute wie in der Bibel die Existenz einer für uns unsichtbaren Wirklichkeit / Welt / Dimension annehmen kann, auch wenn es von uns aus keinerlei Möglichkeit gibt, mittels der sonst der Naturwissenschaft zur Verfügung stehenden Verfahren mit ihr Kontakt aufzunehmen. Die Frage nach den Orientierungen für Fühlen, Denken und Handeln der Leser fehlt mir im vorliegenden Aufsatz und das Nachdenken über unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit. Alles, was wir sehen, riechen, schmecken, fühlen, hören bewirkt etwas in uns. Wenn es unangenehm ist, können wir versuchen, uns dem zu entziehen. Wenn es uns gut tut, werden wir es zu wiederholen suchen. Warum wird die Bibel bis heute von so vielen Menschen auf der ganzen Welt gelesen? Warum ist sie für so manche das einzige Buch neben dem Gesangbuch, dass sie überhaupt interessiert? Weil wir bis heute unsere Lebenswirklichkeit dort wiederfinden mit entsprechenden Orientierungen, damit umzugehen. „In der Bibel steht alles schon drin,“ soll Gregor Gysi vor etlichen Jahren mal gesagt haben. Ja, was einem so im Leben alles passieren kann, davon findet man auf jeden Fall sehr viel in der Bibel erzählt, schon wenn wir nur die Passionsgeschichte Jesu lesen. Wenn ich erfahre, dass es selbst Jesu nicht besser erging als mir, dann weiß ich ihn an meiner Seite. Oder einen Paulus, einen Petrus, Abraham, Elia, eine Maria, eine Martha...Ich bin nicht mehr allein mit meinem Schicksal, andere haben das auch schon durchgemacht. Ich habe in einem Bibelkreis die Geschichten aus dem Richterbuch erzählt, die doch für uns heute auf den ersten Blick sehr seltsam sind und auch zur Bibel, wie sie nach unserem Verständnis zu sein hätte, nicht zu passen scheinen. Wir waren bei jeder Geschichte ganz schnell in der Gegenwart und heute Erlebtes und Erfahrenes wurde erzählt. In meinem Erwachsenenunterricht habe ich immer auf die Toleranz der Bibel und derer, die sie zusammenstellten und überlieferten, aufmerksam gemacht, wie sie schon auf den ersten Seiten deutlich wird: Zwei so unterschiedliche Schöpfungsgeschichten nebeneinander, im Blick auf die Erzählweise und den Inhalt, aber nicht im Blick auf die Botschaft. Da sind sie eins. Nur darum konnte in der Noah-Geschichte sogar zwei so unterschiedliche Sintflut-Geschichten ineinander verwoben werden. Eine dritte Geschichte erzählen wir, die Leser, dann unseren Kindern wie auch bei den Geburtsgeschichten Jesu im Krippenspiel am Heiligen Abend. Ich habe einmal den reinen Matthäustext spielen lassen. Niemand hat die Hirten vermisst. Im nächsten Jahr wurde Lukas aufgeführt, da wurden die fehlenden Weisen/Könige nicht bemängelt. Die Menschen sind in der Lage, auch heute die Botschaft der Texte zu hören. Sie bewegen auch in unserer Zeit noch dazu, das eigene Leben zu überdenken, das eigene Verhalten zu korrigieren und den Wunsch zu haben, Jesus nachzufolgen. In meiner Jugend, in den 70er und 80er Jahren habe ich viel gezweifelt, wenn ich die Wundergeschichten der Bibel las. Auch Gottes Vorhersehung konnte ich mir nicht vorstellen, nicht ein Außerkraftsetzen der Naturgesetze, die ich in der Schule gelernt hatte. Im Pfarrdienst 1992 angelangt, stellte ich fest, dass dies für die meisten kein Problem war. Wir hatten das Wunder der Maueröffnung erlebt, das Wunder des Zusammenbruchs eines Weltsystems und dies sogar friedlich, dazu die „kleinen“ täglichen Wunder, die wir nun verstärkt beachteten. Parallel zu diesen Erfahrungen mussten wir uns mit den Computern und der Digitalisierung anfreunden. Was ich beim ersten Erzählen von so manchem technisch nicht für möglich hielt, konnte ich nach und nach selbst erleben. Wenn wir als Menschen in nur 20 bis 50 Jahren das alles können, na dann kann Gott das doch schon lange, sagte ich mir. Wenn uns Logarithmen und Wahrscheinlichkeitsrechnung ziemlich genau Zukunftsvorhersagen machen lassen, wenn man mittels von Helmen und Drähten in unser Gehirn schauen und seine Aktivitäten sichtbar machen kann, dann ist es für Gott doch gar kein Problem, meine geheimsten Gedanken zu kennen, er, der diese Möglichkeiten in seine Schöpfung hineingelegt hat, sonst gäbe es sie ja nicht. Wir sind ja erst am Anfang dessen, was in wenigen Jahren vermutlich noch alles möglich sein wird. Aber das macht mir auch Angst, denn die Möglichkeiten der Manipulation und der Entfernung der Menschen von der Wirklichkeit und die Flucht vor der Wirklichkeit in fantastische, selbstgemachte „Welten“ wird ja immer einfacher, mit fatalen Folgen für die psychische Gesundheit der Einzelnen und für den Zusammenhalt und den Frieden in der Gesellschaft. Alles, was wir bisher erreicht und aufgebaut haben, erscheint mir extrem zerbrechlich, erst recht das, was noch alles geplant ist, wenn es denn verwirklicht werden sollte. Vor allem führt es uns davon weg, die entscheidenden Schritte zu tun, um unsere heutigen massiven Probleme zu lösen. Welch enorme Ressourcen in jeder Hinsicht werden durch diese Phantasien gebunden und den heute Notleidenden vorenthalten, und auch wenn es nur die Zeit ist, die wir durch die Beschäftigung mit dem allen nicht für Kinder haben! Wenn Raymund Kurzweilvi nicht sterben möchte, und darum in die medizinische Forschung investiert, dann zeigt dies, dass er seinen Körper für wesentlich hält. Das war nicht immer so. In der Zeit der Aufklärung wurde der Mensch als so einzigartiges geistiges Wesen mit so großartigen Fähigkeiten verstanden, dass es für viele Gebildete gar nicht denkbar war, dass ihr Geist/ ihre Seele sterbe und ein Ende habe. Etwas anderes als ein Weiterleben nach dem Tode war gar nicht vorstellbar, denn in der Zeit auf dieser Erde würden sie ja nicht die Zeit haben, all ihre Fähigkeiten zu nutzen, so ergab es meine Analyse der Predigten der Berliner Hof- und Domprediger für die Zeit von 1740 bis etwa 1817.vii Nun zu Ostern, zur Auferstehungsbotschaft: Der seltsame Schluss des Markusevangeliums „sie erzählten niemandem davon“ provozierte zum nochmaligen Erzählen der Geschichte und dies sicher nicht nur Lukas und Matthäus. Das fehlende, den Leser nicht zufriedenstellende Ende bei Markus führte schließlich zum Anhängen eines neuen Endes, das spätere Geschichten über die Auferstehung summarisch aufzählt. Diese seltsame Geschichte des ältesten Evangeliums, die nur von den Frauen am Grab Jesu erzählt, während die Männer feige davon gelaufen wären, ermutigt bis heute uns Frauen, eben nicht zu schweigen, sondern die Botschaft weiterzusagen, so wie bei Matthäus und Lukas zu lesen. Wenn wir uns heute die Auferstehung Jesu nicht vorstellen können, dann liegt dies meines Erachtens weniger an unserem Weltbild als an unserem Selbstbild / unserem Menschenbild. Ich habe gerade von Yuval Noah Harari „Homo Deus“ und die „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“viii gelesen und dazu bei Amazon dazu Kommentare geschrieben. Danach haben wir Menschen keine Seele, keinen Geist und was eigentlich das Bewusstsein sei, müsse die Wissenschaft noch heraus bekommen und die Frage beantworten, ob Roboter angesichts von künstlicher Intelligenz auch ein solches demnächst entwickeln könnten. So gibt es für Harari als Atheisten natürlich auch kein ewiges Leben. Ob Unsterblichkeit anzustreben sei, wie Raymund Kurzweil von Google es schaffen will, zweifelt er an und schlägt erst mal die Verdopplung der gegenwärtigen Lebenserwartung auf 150 Jahre vor.ix Dies alles wird zurzeit von aufgrund ihrer Stellung und bisherigen Leistungen ernstzunehmenden Zeitgenossen diskutiert. Nicht im Blick aber ist, dass wir bis heute gar nicht wissen, ob es die Zeit überhaupt gibt oder ob sie nur eine Form der Wahrnehmung von uns Menschen ist, und dass sich unsere Wissenschaftler bei diesem Thema immer noch u.a. mit Augustin auseinandersetzen, der um das Jahr 400 über den Unterschied von Zeit und Ewigkeit nachgedacht und geschrieben hat. Auch Zeitreisen werden heute für möglich gehalten, wenn auch wegen der dafür nötigen Beschleunigung nicht für uns Menschen. Ich selbst sage mir, dass, 4wenn wir das Licht von Sternen sehen können, die schon vor Jahrmillionen erloschen sind, dass dann Gott uns beim Jüngsten Gericht doch sicher all das vorführen kann, was wir so gern aus unserem Leben verdrängt und vergessen hätten. Dass es ein Jüngstes Gericht, eins auf das kein weiteres mehr folgen wird, weil es einen gerechten Urteilsspruch fällen wird, geben wird, ist für mich ein sehr tröstlicher Gedanke und aus meiner Sicht unverzichtbar für die Ermöglichung eines zufriedenstellenden Zusammenlebens hier und heute. Es ist als Axiom genauso wie die Erwartung eines Weiterlebens nach dem Tode und der Existenz unserer Seele einfach notwendig und darum findet man dies auch in anderen Religionen wie dem Islam, dem Hinduismus und auch dem Buddhismus (so von mir gesehen im Suoi Tien Freizeitpark in Ho-Chi-Minh-City). Zu viele Menschen kommen doch mit ihrem Egoismus auf Kosten der Schwächeren ungeschoren durch's Leben und zu viele Opfer bleiben auf der Strecke: Jesus, diesen zu unrecht Verurteilten, als unseren Anwalt in diesem Gericht zu wissen, nimmt uns die Angst vor dem Gericht, ebenso wie die Vorstellung davon, dass er für uns die uns zu erwartende Strafe schon bezahlt hat. Wir verehren ihn als den eigentlichen Weltherrscher, als Gott, den Schöpfer des Universums und meiner selbst, als den, der sich in mich als Menschen hineindenken kann, weil er selbst Mensch war und von dem wir beim und nach dem Urteilsspruch Gnade erwarten können, wenn wir nur unsere Schuld nicht leugnen. Das schenkt uns Kraft und Selbstbewusstsein gegenüber all den Überraschungen, die wir durch unsere Mitmenschen im Laufe unseres Lebens erfahren. Die Vertreter des heutigen Zeitgeistes / dem Mainstream werden wir trotzdem nicht von der Nützlichkeit des christlichen Glaubens überzeugen können, auch nicht davon, dass wir alles, was diese von den Werken und Worten vergangener Generationen für überholt halten, nicht auch so verächtlich behandeln. Aus meiner Sicht ist wichtig, diesem Fortschrittsglauben die Worte und Werke früherer Generationen ins Gedächtnis zu rufen, ebenso wie die menschlichen Katastrophen, die beeindruckenden Leistungen ein Ende machten und blühende, über Jahrhunderte wachsende Reiche ins Chaos stürzten, wie das römische und chinesische Reich oder das alte Ägypten. Bis heute gilt: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Davor zu warnen, vor diesem immer höher hinaus, ist unsere Aufgabe. Noch einmal zu Ostern. Wenn ich ausschließlich die biblischen Texte seziere und außer acht lasse, dass die Osterbotschaft von Anfang an eine wirklich frohe Botschaft für die Menschen war und sich deshalb auch so schnell ausbreitete, weil es deren eigenes Leben betraf und nicht nur ein Ereignis, dass sich zig Jahre vorher in einer Provinz des Römischen Reiches abgespielt hatte, dann bin ich zwar Literaturkritiker und Historiker, aber muss mir eine Hilfskonstruktion zusammenbauen, um die Wirkungsgeschichte dieses Ereignisses erklären zu können. So wird dann oft Paulus als der eigentliche Gründer der Kirche gesehen. Wieso aber die Äthiopier mit ihrer ganz eigenen Tradition seit bald 2000 Jahre Christen sind, kann man damit nicht erklären, wie so vieles andere auch nicht. Dr. sc. theol. Katharina Dang

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