Theologische Perspektiven inmitten der ökologischen Krise
Es grünt das Kreuz so grün – Anregungen von Hildegard von Bingen und den orientalischen Kirchen

Von: Andreas Krone
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In jahrhundertelanger Tradition hat sich die Deutung des Kreuzes als Zeichen des Leidens und des Todes herausgebildet und – zumindest im okzidentalen Christentum – durchgesetzt. Andreas Krone geht einen anderen Weg. Er möchte das Kreuz als ein Symbol für etwas verstehen, aus dem Leben wächst. Dabei bezieht er sich auf Hildegard von Bingens Lehre von der »Grünkraft« sowie auf die Ikonografie des Kreuzes in den orientalischen Kirchen beispielsweise Syriens und des Irak.


Das Kreuz – vom Todeszeichen zum Lebenszeichen

Wenn ich am Straßenrand Kreuze sehe, so weisen sie meist auf Menschen hin, die im Straßenverkehr gestorben sind. Das Kreuz fungiert da als Zeichen des Todes. Das zentrale Erkennungszeichen des christlichen Glaubens droht zum Allerweltszeichen oder bloßen Todeszeichen zu werden.

Dorothee Sölle spricht von Frauen, »die eine große Angst vor diesem Kreuz haben, es negieren, es für ein unerträgliches Symbol halten … Aber ich halte diesen Weg für einen Irrweg«1, setzt Sölle dagegen. Sie argumentiert mit »einer Befreiungsgeschichte, in der die Menschen alle Subjekte befreienden Handelns werden. … Und ich denke, dass das Kreuz uns helfen kann, das klarer zu sehen … unsere eigenen Niederlagen, Ängste, Schwächen, das Gefühl, dass es doch nichts genützt hat … dass es nicht weitergeht, nicht über uns Herr werden zu lassen«.2

Sölle beklagt in Hinblick auf das Kreuz den Verlust einer Deutungsperspektive: »Wir haben etwas zerstört, was unsere Tradition in der Tat den Baum des Lebens genannt hat, also nicht das sadistische Instrument eines Sadistengottes, sondern etwas, das aus dem Leben wächst. Es gibt viele Darstellungen, auf denen in der Ikonographie des Christentums aus dem Marterholz plötzlich Zweige, grüne Zweige wachsen«. Sölle zitiert ein uraltes Lied von Renanius Donatus: »Baum der Schönheit, schönster Baum, deine Schande ist vergangen, Deine purpurfarben Zweige rufen jetzt das Leben aus.« Sölle fügt hinzu: »Das ist eine Theologie des Lebens«3! Dies als erster Fingerzeig auf ein Kreuz, das grünt, aus dem Leben sprießt.


Zur Geschichte des Kreuzes

Es sei an dieser Stelle in Erinnerung gerufen, dass das Kreuz sehr unterschiedlich gedeutet wurde. Galt es anfangs als ein Zeichen der Schande, so wurde es im Laufe der Zeit zum Zeichen des Sieges Jesu über den Tod und seiner Auferstehung.4

Hans Hollerweger weist in seinem neuen Buch »Baum des Lebens« auf die Darstellung und Deutung des Kreuzes in den verschiedenen Epochen hin: »Auch das romanische Kreuz ist ein Siegeszeichen: Mit dem Kreuzesbalken ist zwar der gekreuzigte Leib Jesu verbunden, doch nicht leidend, sondern triumphierend, öfters sogar mit einer Krone auf dem Haupt. Erst dem Mittelalter ist es vorbehalten, den leidenden Jesus am Kreuz darzustellen und zur bevorzugten Darstellung im Westen zu werden. Der syrische Orient hat ab dem 4. Jahrhundert die Anfertigung von Kreuzen ohne den gekreuzigten Leib Jesu wie im Westen entwickelt, doch er hat diese Tradition bis heute bewahrt.«5


Kreuz als Lebensbaum

Im Laufe der Zeit »entwickelte sich im Orient aus einfachen Formen des Kreuzes durch eine reiche Ornamentik mit Blättern, Blüten und Früchten der kunstvoll gestaltete ›Baum des Lebens‹. Mit dieser Darstellung des Kreuzes wird ein biblisches Symbol aufgegriffen: Im Paradies stand in der Mitte der Baum des Lebens und der Erkenntnis (Gen 2,9), um damit Hoffnung auf ewiges Leben auszudrücken … In der Offenbarung des Johannes wird er zur Zusage des endgültigen Sieges: ›Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht‹ (Off 2,7).«6

Gemäß mancher Legende ist aus dem Holz des Baumes des Lebens das Kreuz Jesu gefertigt worden.7 Schon die Kirchenväter sprechen davon.8 Damit wird der Zusammenhang von Schöpfungsbeginn und Jesu Erdenleben bis hin zum Jüngsten Tag betont9 und ein Deutungshorizont eröffnet, der auch uns Impulse geben kann: das Kreuz als Zeichen zu verstehen, aus dem Leben wächst, und das entsprechend darzustellen.


Die lebendige Grünkraft bei Hildegard von Bingen

Dazu möchte ich zunächst auf Hildegard von Bingen eingehen, insbesondere auf ihren Begriff Viriditas. Ich beziehe mich dabei auf den sehr anregenden Artikel von Hanna Strack: »VIRIDITAS bei Hildegard von Bingen und ihre Bedeutung für eine Theologie des Blühens«10.

Viriditas, die lebendige Grünkraft, ist für Hildegard »von zentraler Bedeutung als eine Kraft, die im Kosmos, in der Natur, im Körper des Menschen und in seiner Seele wirkt und die geistig-geistliche Welt umfasst.”11

Viriditas
• kommt aus der Kraft der Ewigkeit, »weil Gott Gott und Mensch ist, aus dem alle grünende Lebenskraft quillt«.12
• kommt direkt aus Gottes Finger: »O Grünkraft aus Gottes Hand«.13
• »(k)ommt durch das Licht in die Welt.«14
• »(e)ntspringt aus Gottes Wort«.15

Quelle der Viriditas ist der Heilige Geist. Durch ihn »wogen die Wolken und fliegen die Lüfte, träufeln die Steine, bringen Quellen die Bäche hervor, lässt sprossen die Erde das Grün«16 … »wie auch die Gaben des Heiligen Geistes dem Herzen des Menschen diese grünende Lebensfrische eingießen«.17

Gemäß Hildegard ist »Gottes Wirken in der Natur und im Menschen … immer ein Wachsen, Grünen und Blühen, in dem die VIRIDITAS wirkt. VIRIDITAS kann in der Gesamtheit seiner Bedeutungen nicht überschätzt werden, es ist aber auch nicht möglich, eine systematische Darstellung zu geben. Es ist ein Denk-Bild für das Leben schlechthin.«18

Viriditats ist laut Lexikon seinem Wortsinn nach »einerseits die frische grüne Farbe der Vegetation und andererseits die jugendliche Lebendigkeit und Kraft.«19 Mehr noch: Was die Natur wachsen und gedeihen lässt, das beseelt laut Hildegard auch uns, ist mit der Lebenshaltung, ja der Tugend eines Menschen verbunden.


Die Aktualität des Themas

So gesehen geht es auch um eine Frage der Gesundheit, der seelischen Gesundheit. Umweltzerstörung in großem Ausmaß ist ein sichtbares Zeichen für eine kranke Gesellschaft. Durch Neuorientierung und Umkehr kann grünende, innere Lebensfrische gesammelt werden. Dann können die Früchte der Tugenden hervor sprießen auf dass es in der Seele des Menschen »Licht werde«, wie Hildegard sagt.20

Wenn wir das auf den aktuellen Zeithorizont beziehen, ist genau das die Herausforderung: Wie können wir hoffen und denken, glauben und handeln angesichts der Vielzahl von Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Dürre, Hitze und anderen Wetterextremen? Manch einer sieht für die Zukunft schwarz. Schon Hildegard warnt: »Wenn der Mensch die grüne Lebenskraft dieser Tugenden aufgibt … dann beginnen auch die Kräfte der Seele selbst zu schwinden und zu dörren.«21

Insofern gehören seelische Gesundheit und der Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung zusammen. Denn resignierte Menschen geben leichter auf. Wir sollten nicht vom Untergang her denken, sondern von der Kraft des Lebens. Wir haben Wachsen und Gedeihen in einen größeren Horizont einzubetten, nicht nur zu Erntedank. Als Christen tun wir gut daran, uns von einer Darstellung des Kreuzes leiten zu lassen, nach der aus ihm das Leben sprießt. Es legt sich daher nahe von einer Theologie des Gedeihens zu reden. Denn nicht nur die Natur, auch wir Menschen sollen wachsen und gedeihen. Das knüpft an biblische Motive an, die schon im AT und NT reichlich vorkommen.


Kreuz als Kraftspender

Im letzten Buch der Bibel, im Buch der Offenbarung, heißt es im letzten Kapitel: »Und der Engel zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes … An diesem Fluss sind auf seinen beiden Ufern Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter dienen als Heilmittel« (Offb. 22,2; vgl. Hes. 47,12).

Da steht es ganz pointiert: Bäume voller Lebenskraft, jeden Monat voll frischer Früchte; Wasser, das aus dem Heiligtum quillt, keine Dreckbrühe, sondern Wasser klar wie Kristall; Menschen, die vom Wasser des Lebens, vom Geist der Taufe, beseelt sind; statt Baumstümpfen Bäume, deren Blätter als Heilmittel dienen. Das ist die biblische Vision für die Endzeit. Deshalb ist das Bemühen um die Bewahrung der Schöpfung einzubetten in einen weiten, kosmischen, ja eschatologischen Horizont.

Albert Einstein wurde einmal gefragt: »Welches ist die wichtigste Frage, die man sich im Leben stellen kann?« Seine Antwort war: »Ist das Universum ein freundlicher Ort oder nicht?« Können wir dem Kosmos trauen? Ist die Welt wohlwollend?22 Die ersten Christen antworteten darauf: Christus hat Macht über die Engel, daher ist das Universum ein freundlicher Ort.

Wir haben von der Kraft des Lebens her zu denken, der Kraft, die in Jesus Christus verkörpert ist, der gekreuzigt wurde und auferstanden ist. Dessen Geist kann auch uns beflügeln angesichts der Umbrüche, die sich auf Erden vollziehen.


Daseinsentfaltung als Thema der Theologie

Es ist gut, in solch weitem Horizont zu denken. Dies kann in einer Theologie des Gedeihens entfaltet werden. Daseinsentfaltung als Wachsen, Grünen, Blühen und Frucht bringen ist als Thema der Theologie zu durchdenken.23 Statt Schuld, Sünde und Erlösung in den Mittelpunkt zu stellen, brauchen wir einen Deutungshorizont, der nicht nur mit den Menschen, sondern mit der gesamten Schöpfung zu tun hat. Wangari Mathai äußert: »Beim Schutz von Gottes Schöpfung sollten die Religionen heute Vorreiter sein.«24 Im Ps. 96 heißt es: »Das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist; es sollen jauchzen alle Bäume im Walde.« Schöpfung ist auch voller Wonne. Auf den Begriff gebracht heißt das: Es ist auch von Schöpfungswonne zu reden.

Für eine Theologie des Blühens gibt schon Hildegard Anregungen: »Am Anfang grünten alle Geschöpfe. In der Mitte der Zeit blühten die Blumen. Dann schwand die Lebenskraft dahin.«25 Christus kommt, um die Viriditas, die Fülle des Lebens wieder aufzurichten, dass am Ende aller Tage alles in sattem Grün prangt und die Erde »von Grünkraft und Fruchtbarkeit überquellen.«26


Alltagssprache und biblische Redeweisen

In unserer Sprache gibt es zahllose Metaphern und Bildworte dafür. Wir sagen: Ich blühe auf, jemand wächst über sich hinaus, alles ist im grünen Bereich. Die Bibel selber ist voll solcher Redewendungen: »Das öde Land möge jauchzen und blühen mit Lilien.« (Jes. 35,1f) »Sagt denen, deren Herz rast: ›Seid stark! Fürchtet euch nicht!‹« (V. 4) »Ja, in der Wüste brechen die Wasser auf und die Bäche im dürren Gebiet« (V. 6) heißt es in Jes. 35. »Ich will meine Geistkraft auf deine Nachkommen gießen … damit sie wachsen wie auf einer Wiese, wie Pappeln an Wasserbächen«, lesen wir in Jes. 44,3f. »Menschen, die sich zu Gott halten, die gepflanzt sind im Hause des Herrn, werden in den Vorhöfen unseres Gottes grünen. Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein«, heißt es in der Lutherübersetzung von Ps. 92.

Martin Luther hat gesagt: der Mensch ist noch nicht, was er sein soll, der Mensch ist kein fertig Ding, sondern ist ein Wesen im Werden. Das ist aufzunehmen und auszuweiten auf die gesamte Schöpfung, die laut Paulus seufzt und darauf wartet, dass die Herrlichkeit der Kinder Gottes offenbar werde. Es gilt, supralapsarisch zu denken statt nur auf den menschlichen Sündenfall begrenzt.


Kraft aus der Ewigkeit

Hildegard von Bingen ist recht zu geben, wenn sie sagt: »Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit und diese Kraft ist grün.«27 Die Grünkraft Gottes »hat ihre Wurzeln im Jenseits Gottes, für den die Sonne ein Sinnbild ist«.28 Aus dem Licht der Sonne kommt die Lebenskraft. Auf einigen alten Kreuzdarstellungen sind Sonne und Mond zu sehen, die auf das lebenspendende Licht und die kosmische Bedeutung des Kreuzes hinweisen.29

Schon der Kirchenvater Ambrosius preist im 4. Jh. die Sonne überschwänglich: »Die Sonne ist das Auge der Welt, die Freude des Tages, die Schönheit des Himmels, die Anmut der Natur, das Juwel der Schöpfung. Denke, sooft du sie schaust, an ihren Meister! Preise, sooft du sie bewunderst, ihren Schöpfer!«30 Vom Schöpfer zur Schöpfungssonne und von dort zur Schöpfungswonne …31

In 20 bis 25 Jahren wird der Hauptanteil an Energie durch die Kraft der Sonne, durch Photovoltaik gewonnen werden. Deshalb ist es gut, das Symbol für die Auferstehung, die aufgehende Morgensonne, schon jetzt mit dem anbrechenden Solarzeitalter zu verknüpfen und mit einer Kreuzdarstellung, aus der neues Leben wächst. Damit wird ein Bogen geschlagen vom Schöpfer zur Sonne, durch die die Früchte des Feldes wachsen hin zur Energie, die wir regenerativ ernten und schließlich zu guter Letzt zu den Früchten der Tugenden. Denn diese gießt der Heilige Geist dem Herzen des Menschen als Lebensfrische ein, »auf dass er gute Frucht trage.«32 Die haben wir dringend nötig, um das Haus der Erde für zukünftige Generationen zu bewahren.

Im Geiste Hildegards können wir sagen: »Viriditas ist die Voraussetzung allen Lebens, ist das Heilige, das uns ergreift. Sie ist die schöpferische Kraft, die Leben zur Entfaltung bringt, und sie ist die heilende Kraft, die den Menschen in seine Balance führt.«33


Kreuz als Zeichen des Lebens

Dieser Zuwachs an Kraft und Perspektive kann auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck gebracht werden. Dorothee Sölle formuliert es so: »Sie haben es einfach nicht geschafft, ihn kaputtzumachen, bis heute nicht. Er lebt, er geht weiter, er öffnet Blinden die Augen, er macht Lahme gehend … Und diese Liebe zum Leben, die in Christus ist, die lässt sich nicht kaputt kriegen … Und dieses Leben erscheint immer wieder im Schatten des Kreuzes … Erlösung ohne das Kreuz ist … so eine Art Kuschelgott.«34

Mit Blick auf die armenische Tradition bringt das Lore Bartholomäus so zum Ausdruck: »Diese Botschaft, dass in jedem Kreuz ein Lebensbaum keimt, kann schmerzhaft sein, wenn man den Satz umdreht – dass es neues Leben ohne das Kreuz nicht gibt.«35 Aber ebenso gilt: »in jedem Kreuz wächst neues Leben heran.«36

Den Zuwachs an Kraft durch Kraft aus der Höhe möchte ich nun an Kreuzdarstellungen aus der syrischen Tradition deutlich machen. Das erste Beispiel ist im Buch »Prayer with the Harp of the Spirit« abgebildet. Als Erläuterung lesen wir: »Ein persisches Kreuz, wie sie in alten syrischen Kirchen in Südindien gefunden werden, verehrt als Leben-spendendes Kreuz [Zur Erläuterung sei angemerkt, dass an den Kreuzenden Knospen hervorwachsen]. Seine Kraft wird durch den Heiligen Geist in Gestalt einer Taube symbolisiert, die die oberste Spitze des Kreuzes küsst und durch die vier Ströme lebendigen Wassers, die von seinem Fundament wie die vier Ströme des Paradieses in die vier Teile der Erde fließen. Dieses Kreuz befindet sich in der Kirche auf dem Heiligen Thomas Berg in Madras.«37

Das zweite Beispiel ist das Kreuz in der Marienkirche Yoldath Aloho im Dorf Hah, früher Bischofssitz im Tur Abdin, dem Berg der Knechte Gottes im heutigen Südosten der Türkei. Das Kreuz stammt aus dem 6. Jh., zeigt wie das zuvor genannte Kreuz keinen Korpus aber ebenfalls eine auf die obere Spitze des Kreuzes herabkommende Taube als Symbol für den Geist Gottes. Hollerweger bemerkt dazu: »Über dem Kreuz schwebt der Heilige Geist und haucht dem Kreuz gleichsam Leben ein. So wird es zum ›Baum des Lebens‹.«38

In Mardin, ebenfalls im Tur Abdin, befindet sich über dem Kirchenportal »ein reich ornamentiertes Kreuz, das am Ende der drei Balken Blüten hervorbringt.«39

Im Kloster Mar Behnam ist »der Höhepunkt in der Darstellung des Kreuzes als Baum des Lebens im Irak« erreicht. Der Baum ist hier »voller Blüten und Früchte. Man staunt über die Vielfalt der Kreuze, die voller Leben sind: Symbole für die Auferstehung«.40

Das Kloster Deyrulzafaran, das Gelbe Kloster im Tur Abdin, war Jahrhunderte lang Sitz der syrisch-orthodoxen Patriarchen. In dem Raum, in dem die neu gewählten Patriarchen in ihr Amt eingeführt wurden, befindet sich über dem Altar ein Relief mit einem Kreuz. »Links und rechts davon knien zwei Lämmer, die vom lebendigen Wasser trinken. Nach oben sprießen aus dem Kreuz stilisierte Palmzweige und machen das Kreuz zum Baum des Lebens.«41

Ich halte diese Darstellung an dem Ort, wo neu gewählte Patriarchen in ihr Amt eingeführt werden für sinnfällig: Die oberste Kirchenleitung in Person des Patriarachen soll darum bemüht sein, dass die Kirche, ja das Leben wie Palmen in einer Oase gedeiht – statt durch Wüstenstürme und andere Widrigkeiten zu verkümmern.

Ich denke, diese Beispiele zeigen hinreichend, dass das Kreuz hier vor allem ein Zeichen des Lebens ist. Seine Darstellung ermutigt dazu, sich durch Niederlagen nicht lähmen zu lassen, vielmehr darauf zu vertrauen, dass in der Niederlage neue Kräfte zuwachsen. Grünende Kreuze, aus denen Palmzweige wachsen, aus denen das Leben sinnfällig wächst, sind dafür mehr als nur ein symbolischer Ausdruck.


Baum und Kreuzdarstellung – damals und heute

»In vielen alten Darstellungen wird Christus nicht mit dem traditionellen Kreuz abgebildet, sondern im Lebensbaum«.42 »Die Verschmelzung des Kreuzes mit dem Lebensbaum des Paradieses wurde zu einem Hauptmotiv der christlichen Theologie, Dichtung und Kunst.«43 Aber zu beklagen ist, »wie fern gegenwärtiger Theologie z.T. das ABC christlicher Bildersprache inzwischen geworden« ist.44 Andererseits ist zu beobachten, dass das Baumsymbol »in der Gegenwart zum Erkennungszeichen der ökologischen Bewegung geworden ist. Die Kreuzessymbolik kommt dabei nicht mehr vor«.45

Dabei könnte durch eine Darstellung des Kreuzes, das grünt und das mit dem Baum des Lebens verknüpft ist, Kraft und Zuversicht gewonnen werden. Das gilt zum einen für das Engagement zur Bewahrung der Schöpfung. Denn in der Zukunft ist mit größeren Verwerfungen zu rechnen. Da braucht es passende Bilder, um ökologischen Katastrophen besser standhalten zu können.

Es gilt vor allem aber auch unter seelsorgerlichem Aspekt: den Einzelnen mit einer einprägsamen Darstellung zu versorgen, durch die er im Glauben »zehren« kann.46 Gerade für von Burnout geplagte Menschen ist das eine m.E. segensreiche Perspektive.

Schon Ephraim der Syrer, der dichtende Kirchenvater des 4. Jh. formulierte:

»Lebensbaum ist das Kreuz,
das Früchte des Lebens
für unser Geschlecht hervorbrachte:
Auf dem Hügel von Golgotha
teilte Christus das Leben den Menschen mit;
von da hat er auch uns
das Liebespfand des ewigen Lebens zugesagt«.47

Auch wenn wir das heute vielleicht etwas anderes formulieren und übersetzen würden, so wird hier die Verbindung von Kreuz, Lebensbaum und den Früchten, von denen wir zehren, deutlich.


Lass die grünende Kraft nicht dürr werden

Bei der in Indien aufgewachsenen Malerin Lucy D’Souza-Krone steht in einem ihrer Hauptwerke in der Mitte ein Mangobaum voller Früchte, an dem eine Person gekreuzigt ist.48 Das Kreuz als Baum voller Früchte – der immergrüne Mangobaum verkörpert für Inder den Lebensbaum. Die Künstlerin verknüpft dies mit der Chipko-Bewegung, mit jenen Frauen, die unter Aufopferung ihres Lebens seit Jahrhunderten für den Erhalt von Bäumen eintreten, damit es weiterhin in ihrer Region auf der Erde wächst und gedeiht.

Es sei noch ein zweites Beispiel aus der zeitgenössischen Kunst genannt: Der 2018 verstorbene Künstler Anton Lehmden hat in der Kirche des österreichischen St. Georgskollegs in Istanbul ein Kreuz mit Korpus gestaltet, bei dem der senkrechte Kreuzbalken in eine grüne Baumkrone übergeht.49 Durch ein Kreuz, aus dem das Leben grünt und blüht, ermutigt zu werden, ist eine zeitgemäße, ansprechende Veranschaulichung der Kraft Gottes, aus der wir leben. Ein grünendes Kreuz ist für mich das passende Bild, davon lässt sich gut »zehren« – gerade in schwierigen Zeiten.

Hildegard von Bingen formuliert das Gemeinte sehr pointiert, und damit möchte ich schließen: »weil Gott Gott und Mensch ist, aus dem alle grünende Lebenskraft quillt«50, schreibt sie dem Abt Adam von Ebrach – und das gilt für uns heute genauso: »Achte … mit Sorgfalt darauf, dass … die grünende Kraft, die du von Gott hast, in dir nicht dürr wird.«51


Anmerkungen:

1 Dorothee Sölle: Das Kreuz als Lebensbaum. Ökumenische Entdeckungen und Perspektiven für eine Theologie des Lebens. Dokumentation der 3. Ökumenischen Sommeruniversität. Hrsg.: Plädoyer für eine ökumenische Zukunft, Evang. Akademie Mülheim/Ruhr 1996, 26.

2 Ebd., 30.

3 Ebd., 24.

4 Schon Tertullian spricht vom »Siegeszeichen (trophaeo) des Kreuzes« (Adv. Marcionem 4,10).

5 Hans Hollerweger: Baum des Lebens. Darstellung und Verehrung des Kreuzes im Orient. Initiative Christlicher Orient, Linz 2017, 12.

6 Ebd.

7 »Die Legende vom heiligen Kreuz ist nach der Legenda aurea folgende: Adam nahm einen Zweig vom Baume des Lebens aus dem Paradiese mit, Seth pflanzte denselben … Später zimmerte man aus dem Baum das Kreuz des Heilands. … Der Grundgedanke bleibt immer, das Kreuz ist aus dem Baume des Lebens gezimmert. Daher es auch auf griechischen Bildern nicht behauen, sondern noch als ein ganzer grüner Palmbaum abgebildet erscheint.« https://de.wikisource.org/wiki/Christliche_Symbolik/Kreuz, abgerufen 28.12.2018.

8 »Die Gleichsetzung des Kreuzes Christi mit dem von Gott im Garten Eden gepflanzten Lebensbaum, dessen Früchte – verstanden als Metapher für den am Kreuz hängenden Christus – ewiges Leben verheißen, ist bereits bei den Kirchenvätern des 2. und 3. Jahrhunderts … vorgebildet und wurde im Verlauf des Mittelalters … durch zahlreiche Legenden und theologische Kommentare angereichert.« H. A. Klein: Byzanz, der Westen und das »wahre« Kreuz, Wiesbaden 2004, 115. S. auch Reallexikon zur byzantinischen Kunstgeschichte, hrsg. von K. Wesel und M. Restel, Bd. V, Stuttgart 1995: »Von nachhaltiger Wirkung für die K.-Ikonographie wird die schon bei Ignatios angelegte Deutung des Lebensbaums (Gen 2,9) auf das ›Erlösungskreuz‹ Christi«, 7. S. auch Justin, dial., 86,1: »Auf den, welcher gekreuzigt worden war … verwies geheimnisvoll das Holz des Lebens, das … im Paradies gepflanzt wurde.«

9 »Diese Legende verbindet das Paradies mit dem Leiden Gottes an den Menschen und dieses Leiden wiederum mit ihrer Heimkehr ins unversehrte Leben des Ursprungs.« – Lore Bartholomäus: In jedem Kreuz ein Lebensbaum. Aus Armeniens Erbe und Gegenwart, als Manuskript gedruckt, Bochum/Hamburg 1985, 141.

10 Hanna Strack: VIRIDITAS bei Hildegard von Bingen und ihre Bedeutung für eine Theologie des Blühens, www.hanna-strack.de.

11 Ebd., 3.

12 Diese und folgenden Stellenangaben verdanke ich dem zuvor zitierten Aufsatz von Hanna Strack. Hildegard von Bingen: Welt und Mensch. Das Buch »De operatione Dei«, aus dem Genter Kodex übersetzt und erläutert von Heinrich Schipperges, Salzburg 1965, 237.

13 Hildegard von Bingen: Briefwechsel. Nach den ältesten Handschriften übersetzt und nach den Quellen erläutert von Adelgundis Führkötter OSB, Salzburg1990, 109.

14 Strack, 4. S. auch Welt und Mensch, 93: Die Sonne »sendet der Erde über die nützliche Süße des Taues und im Regen immer wieder diese Grünkraft«.

15 Strack, 4. S. auch Welt und Mensch, 172.

16 Hildegard von Bingen: Lieder, nach den Handschriften herausgegeben von Pudentiana Barth OSB/M. Immaculata Ritscher OSB und Joseph Schmidt-Görg, Salzburg 1969, Lied 19.

17 Hildegard von Bingen: Welt und Mensch, 282.

18 Strack, 5.

19 Strack, 3.

20 Welt und Mensch, 210: Der Mensch muss »in seinem guten Streben von Tugend zu Tugend aufsteigen … Die grünende Lebensfrische der Früchte soll in ihm aufsprießen, auf dass es in seiner Seele Licht werde«.

21 Welt und Mensch, 47.

22 Matthew Fox und Rupert Sheldrake: Engel. Die kosmische Intelligenz, München 1998, 30.

23 Darauf weist Hanna Strack hin, 14.

24 Wangari Mathai: Die Wunden der Schöpfung heilen. Wie wir zu uns selbst finden, wenn wir unsere Erde erneuern, Freiburg 2012, 174.

25 Hildegard von Bingen: Lieder, 315.

26 Hildegard von Bingen: Welt und Mensch, 300.

27 So bei Heinrich Schipperges, in: Hildegard von Bingen: Heilkunde. Das Buch von dem Grund und Wesen und der Heilung der Krankheiten, nach den Quellen übersetzt und erläutert, Salzburg 41957, 304.

28 Strack, 10. S. dazu Hildegard von Bingen, Lied 29.

29 S. Hollerweger, 74.

30 Texte zur Theologie, Dogmatik Schöpfungslehre I. Hrsg.: W. Beinert, bearbeitet von Georg Kraus, Granz, Wein, Köln 1992, 135 (https://www.aphorismen.de/gedicht/4153).

31 Vgl. dazu das anregende Buch von Hanna Strack: Schöpfungswonne. Eine Theologie des Blühens, Münster 2018.

32 Hildegard von Bingen: Welt und Mensch, 282.

33 So die zusammenfassenden Worte von Hanna Strack in ihrem Aufsatz, 9.

34 Sölle, 30.

35 Bartholomäus, 57.

36 Bartholomäus, 64.

37 Prayer with the Harp of the Spirit. The prayer of the Asian Churches. Vol. 1, Kottayam 1996, S. IV (Übersetzung: A.K.).

38 Hollerweger, 86. S. auch 43 und 53.

39 Hollerweger, 96.

40 Hollerweger, 58. In einer e-Mail bekräftigt der Autor noch einmal: »Ich staune über die unglaubliche Vielfalt, in der man versucht hat, das Kreuz als Zeichen der Auferstehung und des Lebens darzustellen, wie wenn man die Worte Jesu ins Bild setzen wollte: ›Ich bin die Auferstehung und das Leben.‹«

41 Hollerweger, 106.

42 https://symbolonline.de/index.php?title=Lebensbaum, abgerufen 28.12.2018.

43 Ladner, Gerhart B.: Handbuch der frühchristlichen Symbolik, Wiesbaden 1996, 23.

44 Vinzenz Pfnür: Das Kreuz: Lebensbaum in der Mitte des Paradiesgartens, in: Garten des Lebens, Festschrift für Winfrid Cramer. Hrsg.: Maria-Barbara von Stritzky, Altenberge 1999, 214.

45 Ebd. 203.

46 Interessant: Die in Gen. 2,9 genannten »Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen« sind wörtlich »Essensbäume«, auch der Baum des Lebens (vgl. Offb. 22,2): https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/baum-der-erkenntnis-baum-des-lebens/ch/8feaa3169126f84baa4a2a1413226766/, abgerufen 28.12.2018. Statt von »essen« können wir auch von »zehren« sprechen, es auf den Baum des Lebens beziehen, von dem auch im Glauben gut zu »zehren« ist. Vgl. auch Herders Theologischen Kommentar zum Alten Testament. Genesis 1-11. Georg Fischer, Freiburg 2018, 189f: »Bäume … gut zur Speise«.

47 S. Ephraem Syri hymni et sermones, ed. Thomas Josephus Lamy, IV, Mecheln 1902, 770.

48 Lucy D’Souza-Krone, Das weibliche Antlitz Gottes, Der Lebensbaum (http://www.lucy-art.de/galerie.htm).

49 S. im Internet zu Lehmden Istanbul

50 Hildegard von Bingen: Welt und Mensch, 237.

51 Hildegard von Bingen: Briefe, 142.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Andreas Krone, Jahrgang 1951, Gemeindepfarrer in der EKHN, ehemals Beauftragter für Umwelt im Dekanat Runkel.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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