Die Lukaspassion von Krzysztof Penderecki
Großes Passionsoratorium des 20. Jahrhunderts

Von: Sönke Remmert
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Denkt man an Passionsoratorien, so fallen einem zunächst die berühmten Meisterwerke Johann Sebastian Bachs ein: die Johannes- und die Matthäuspassion. Angesichts der tiefen Bedeutung der Leidensgeschichte Jesu für den christlichen Glauben wurden jedoch die Passionsevangelien nahezu in allen Epochen der Musikgeschichte vertont. Ein Jahrhundert vor Bach komponierte Heinrich Schütz drei bedeutsame Passionen. Georg Philipp Telemann hat in seiner über 40jährigen Tätigkeit als Kirchenmusikdirektor in Hamburg sogar in jedem Kirchenjahr eine neue Vertonung der Leidensgeschichte Christi vorgelegt. Sönke Remmert stellt hier ein zeitgenössisches Passionsoratorium vor: die Lukaspassion von Krzysztof Penderecki.


Mit der Lukaspassion des Polen Krzysztof Penderecki (Jahrgang 1933) haben wir ein Werk aus den 60er Jahren des 20. Jh. vor uns, das neben dem »War Requiem« von Benjamin Britten zum Bedeutendsten gezählt werden kann, was nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt an geistlicher Musik komponiert wurde.

Eine wesentliche Bedeutung für den Charakter der jeweiligen Passion haben die letzten Worte Jesu am Kreuz im Evangeliumstext. Bei Matthäus und Markus zitiert Christus den Beginn des 22. Psalms: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen«. Dementsprechend schildert Bach in seiner Matthäuspassion das Leiden des einsamen Menschen Jesus. Dazu passt, dass dieses Werk als eine der wenigen geistlichen Kompositionen Bachs in unerbittlich düsterem Moll endet. Das Johannesevangelium berichtet als Ganzes vom Erdenwirken des Göttlichen in der Gestalt Jesu Christi. Schon in seinen allerersten Versen wird von der Fleischwerdung des Wortes bzw. des »Logos« berichtet. Dementsprechend lautet bei ihm das letzte Wort Jesu am Kreuz: »Es ist vollbracht«. Hierdurch wird der Sieg Christi bzw. Gottes über das Leid im irdischen Körper ausgedrückt und somit die Auferstehung schon vorweggenommen. In Konsequenz dessen endet Bachs Johannespassion mit einem tröstlichen Choral, der bereits die österliche Auferstehungsvision anklingen lässt.

Bei dem von Penderecki ausgewählten Lukasevangelium wiederum spielt von Anfang an das Eintreten Jesu für die Außenseiter in der Gesellschaft, die Armen und die Kranken, sowie die Vergebung der Sünden eine wichtige Rolle. Dies beginnt schon damit, dass nicht irgendwelche reiche und vornehme Personen, sondern die Hirten die Weihnachtsbotschaft als erste Personen erfahren. Gleichnisse von den »verlorenen« Personen und Dingen setzen diese Tendenz fort. Hierzu passend bittet Jesus am Kreuz: »Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun«. Zugleich ruft er einem Verbrecher, der gemeinsam mit ihm gekreuzigt wird, zu: »Wahrlich, wahrlich, heute wirst du mit mir im Paradiese sein«.

Vielleicht ist es dementsprechend kein Zufall, dass Bach, der mit der Matthäus- und der Johannespassion für die damalige Zeit hochkomplexe Werke schrieb, sich bei Lukas für ein recht schlichtes Werk eines Zeitgenossen entschied, das von damaligen Chören recht einfach beherrscht werden konnte. Das allerletzte Wort Jesu am Kreuz hat seinen Ursprung im 31. Psalm und lautet: »Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände«. Insofern die Apostelgeschichte, die die Erzählung von der Ausgießung des Heiligen Geistes enthält, wohl vom gleichen Autor wie das Lukasevangelium stammt, wird hier nicht nur Ostern, sondern sogar Pfingsten bereits angedeutet.


Zeugnis deutsch-polnischer Freundschaft

Die Konzeption des Lukas dürfte dem Mitdreißiger Penderecki besonders gelegen haben, da er einerseits die Schrecken des Zweiten Weltkriegs erlebt hatte, zum andern in der kommunistischen Diktatur lebte. Penderecki ist geprägt von jener Religiosität, die im Polen der frühen 80er Jahre zur Gründung der Gewerkschaft »Solidarität« führte und somit einen wichtigen Beitrag zur Überwindung des Kommunismus beitrug. Die Lukaspassion entstand 1966: einerseits zur Feier des 1000jährigen Jubiläums der Christianisierung Polens, andererseits zur 700-Jahr-Feier des Doms in Münster. Wir haben es hier also auch mit einem Zeugnis deutsch-polnischer Freundschaft inmitten des Kalten Krieges zu tun und so mit einem Werk, das vom pfingstlichen Geist der Kooperation von Christen unterschiedlicher Nationen geprägt ist, was sehr gut zum letzten Wort Jesu bei Lukas passt. Es ist auch ein ökumenisches Werk, da es zahlreiche römisch-katholische Traditionstexte und die lateinische Sprache mit der in der Barockzeit urprotestantischen Form der oratorischen Passion verbindet.

Pendereckis Lukaspassion ist für Solisten (Sopran, Bariton, Bass), einen Sprecher, gemischten Chor, Knabenchor und Orchester komponiert. Ihre Einflüsse spiegeln durchaus ein Jahrtausend geistliche Musikgeschichte wider. Pendrecki vertont den lateinischen Bibeltext aus der Vulgata, jener Bibelversion, die in der römisch-katholischen Kirche seit Jahrhunderten prägend war. Die Tonsprache in Pendereckis Passion ist diejenige des 20. Jh., aber keineswegs reine Zwölftonmusik. Dem Textinhalt entsprechend bewegt sich die Musik in weiten Teilen näher am Moll- als am Dur-Bereich. In der Behandlung der Chöre finden wir Einflüsse der einstimmigen Gregorianik, der mittelalterlichen Musik Palestrinas, der Renaissance (Orlando di Lasso), des 19. und des 20. Jh. Die Herkunft von Bach zeigt sich insbesondere am formalen Aufbau. Wie beim Leipziger Thomaskantor und seinen Zeitgenossen finden wir die Passionsgeschichte aus dem Evangelium, die von liturgischen Texten unterbrochen wird. An die Stelle der frei gedichteten Arien und der protestantischen Choräle, welche die barocken Meisterwerke so eindringlich prägen, treten beim Katholiken Penderecki Bibelverse und liturgische Texte der römisch-katholischen Kirche.


Dramatischer Charakter

Im Gegensatz zu Bach werden die Worte des Evangelisten nicht von einem Tenor, sondern von einem Sprecher vorgetragen. Da der Charakter der Bachschen Evangeliums-Rezitative jedoch bewusst schlicht ist und sich von den kunstvollen Arien abhebt, arbeitet der Pole Penderecki hier durchaus in der Tradition des Thomaskantors. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Bachs und Pendereckis Vertonungen synoptischer Passionsberichte besteht darin, dass der barocke Meister in seiner Matthäus- und Markuspassion (letztere ist nur als Textbuch erhalten) die Schilderung des letzten Abendmahls Jesu ausführlich vertont, wie analog dazu auch der Komponist der apokryphen Lukaspassion BWV 246 und 100 Jahre zuvor auch Schütz. Pendereckis Lukaspassion setzt dagegen erst bei der Gefangennahme Jesu ein. Der polnische Komponist wollte offensichtlich trotz seiner Wahl des synoptischen Lukasevangeliums einerseits eine relativ kurze Passion komponieren, andererseits – wie es Bach in seiner Johannespassion tut – den dramatischen Charakter des Passionsgeschehens betonen.


Eine Art »Hörspiel« über die Passion

Was bei Bach aber mit der Eigentümlichkeit des Johannesevangeliums zusammenhängt, in dem die Erzählung vom letzten Abendmahl einerseits keine Brotbrechung enthält, andererseits nicht zur eigentlichen Passionsgeschichte gehört, ist bei Penderecki rein in der musikalischen Konzeption begründet. Während der Sprecher in grandios-schauspielerischer Manier den Text des Evangeliums rezitiert, hört man im Orchester geräuschhafte Klänge, die ihre Wurzeln bei György Ligeti, Heiner Goebbels und anderen prominenten Vertretern des 20. Jh. haben. Die Schrecken der Geißelung und Kreuzigung Jesu Christi werden hier geradezu physisch spürbar. Man möchte bei manchen Passagen an ein Hörspiel über die Passion denken.


Über von tiefen Streichern in extrem dunkler Lage grundierten Klängen beschwören ungewöhnliche Effekte wie ein höchst differenzierter Schlagwerk-Einsatz oder auch das Collegno-Spiel der Streicher (Anschlagen der Saiten mit der Bogenstange) dramatische Effekte, mit denen etwa die Gefangennahme und die Geißelung Jesu sowie die Annagelung ans Kreuz dargestellt werden. Hierzu passend wirken die vom gemischten Chor vorgetragenen Turba-Chöre der Volksmengen bei dem polnischen Gegenwartskomponisten sehr plastisch und realistisch. Es erinnert eher an Geschrei als an harmonischen Chorgesang. Vergleicht man jedoch Bachs Turba-Chöre mit berühmten Instrumentalwerken des Thomaskantors (etwa mit den wenige Jahre vor der Johannespassion entstandenen berühmten »Brandenburgischen Konzerten«), aber auch mit Chorsätzen aus Bachs Kantatenwerk, so zeigt sich, dass schon dem barocken Thomaskantor speziell im Zusammenhang seiner Turba-Chöre realistische Plastizität wichtiger als ein harmonischer Klangeindruck war. Sowohl Bach als auch Penderecki haben mit ihren Passionen also Werke vorgelegt, die in ihrer jeweiligen Zeit gerade in den Spottchören der Volksmengen außerordentlich kühn wirken.


Seufzende Motive in engen Tonschritten

Von dem deklamatorischen Vortrag des Haupt-Evangelien-Texts durch einen Sprecher heben sich die direkten Reden der einzelnen Personen wie Jesus, Pilatus oder Petrus deutlich ab. Auffallend ist, dass seufzende Motive in engen Tonschritten hier eine wichtige Rolle spielen – passend zur düsteren, teilweise scheinbar ausweglosen Stimmung des Passionszusammenhangs.

Bedeutsam ist, welche liturgischen und biblischen Texte Penderecki in seiner Passion zwischen die einzelnen Abschnitte der Passionsgeschichte nach Lukas einfügt. So beginnt das Werk mit einem Auszug aus dem »Vexilla Regis«, in dem zum einen auf das Kreuz Bezug genommen wird, zum anderen die Sündenvergebung als wichtig erscheint. So kommen wesentliche Aspekte des Lukasevangeliums bereits zur Geltung, bevor der erste Vers aus der Passionsgeschichte überhaupt gesprochen wurde. Auch Texte etwa aus den Klageliedern Jeremiae, die traditionell mit der Passionsgeschichte verbunden sind, werden zitiert – ebenso wie der Wochenpsalm des Sonntags »Judika«, des vorletzten Sonntags der Passionszeit: »Richte mich, Gott« aus Ps. 43.

Kurz vor dem Tod Jesu bringt Penderecki eine kurze Vertonung des »Stabat Mater«, dessen ausführliche Behandlung durch Antonin Dvorak wir in der letzten Ausgabe des »Deutschen Pfarrerblatts« betrachteten: Hier wird Pendereckis enge Beziehung zu Maria deutlich, wobei die Musik von mittelalterlicher Liturgik einerseits, von französischer Kirchenmusik des 19. und frühen 20. Jh. andererseits beeinflusst ist.


Per aspera ad astra

An mehreren Stellen der Komposition wird deutlich, wie Penderecki auch die Botschaften der anderen Evangelien in die Lukaspassion einflicht: Mehrmals wird der 22. Psalm zitiert, jener Psalm, dessen Beginn »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen« nach Markus und Matthäus das letzte Wort des Erlösers am Kreuz bildet. Mit seiner ausführlichen Psalmzitierung führt Penderecki in seinem Werk dabei aus, dass der traditionelle Passionspsalm seinerseits nicht nur eine Klage ausdrückt, sondern durchaus selbst den Bogen zur Hoffnung, ja, zum Jubel schlägt. Nach dem Tod Jesu singen Knabenstimmen »Consumatum est« – wobei es sich um das letzte Wort Jesu nach dem Johannesevangelium handelt: »Es ist vollbracht«. Die Melodie kehrt die Bewegung, mit der Bach in seiner Johannespassion die letzten Worte Jesu intonieren lässt (und wie es sich ganz ähnlich auch bei Bachs Zeitgenossen Georg Philipp Telemann findet) um: Bach lässt Jesus am Kreuz in engen Tonschritten absteigend singen – symbolisch für den Abstieg Jesu in die Finsternis des Todes. Bei Penderecki werden die entsprechenden Worte in lateinischer Sprache gleichfalls in sehr engen Tonschritten gesungen – aber mit aufsteigender Tendenz.

Was für den sterbenden Jesus zunächst ein Abstieg, das Ende der Erniedrigung ist, ist für die umstehende Gemeinde, die bei Penderecki durch den gemischten Chor und den Knabenchor symbolisiert wird, der Aufstieg, die Erhöhung, die Auferstehung im wahrsten Sinne des Wortes. Da Penderecki das gleiche Motiv schon mehrfach in seiner Passion verwendete, können wir hier davon sprechen, dass das Motiv, das für den hinab- und hinaufsteigenden Christus einerseits, für die Gemeinde andererseits steht, nun gewissermaßen an sein Ziel gekommen ist. So schließt dann auch die Lukaspassion mit einem sehr hellen Dur-Akkord des gesamten Ensembles. Somit entpuppt sich dieses Werk als eine Komposition im Geiste von Ludwig van Beethoven und im Geiste der Entwicklungskurve in dessen 5. und 9. Sinfonie bzw. in dessen viel zu wenig bekanntem Passionsoratorium »Christus am Ölberge« – »Per aspera ad astra«: durch die Nacht der Kreuzigung und des Todes zum Licht der Auferstehung, der Himmelfahrt, des Oster- und Pfingstfestes.


Die Leiden und Schrecken von Diktatur und Krieg überwunden

Ganz am Ende des Werks beschwört Penderecki eine Welt, in welcher die Leiden und Schrecken von Diktatur und Krieg endlich überwunden sind – wobei freilich weder er noch wir heute wissen, ob dies noch in dieser Welt oder erst nach der Auferstehung der Toten erreicht sein wird. Durch diesen Schluss unterstreicht Penderecki, dass auch die Passionsgeschichte Evangelium im wahrsten Sinne, also frohe Botschaft, ist. Auf jeden Fall hat er mit diesem Werk eine Passion heutiger Tonsprache geschaffen.

Bachs große Passionen sind und bleiben Gipfelwerke der gesamten Musik. Sehr lohnend sind auch Aufführungen von Passionen anderer Barockkomponisten. Diese sind zwar häufig wesentlich schlichter und leichter als die großen Meisterwerke des Thomaskantors, beschwören aber gerade dadurch häufig eine meditativ-feierliche Stimmung, die durchaus ihren Reiz hat. Pendereckis Lukaspassion ist jedoch ein Werk, das die Schrecken der Kreuzigung für uns heutige Menschen hörbar macht und zugleich die Hoffnung auf eine paradiesische Zukunft nicht außen vor lässt.

Sehr lohnend sind in diesem Zusammenhang auch die anderen geistlichen Werke Pendereckis – vor allem das Auschwitz-Oratorium »Dies Irae« und das »Credo«, eine Vertonung des Nicänischen Glaubensbekenntnisses, die Penderecki in den 1990er Jahren für den mit ihm befreundeten bekannten Stuttgarter Bach-Interpreten Helmuth Rilling komponierte.

 

Über die Autorin / den Autor:

Sönke Remmert, Jahrgang 1963, Studium der Evang. Theologie in Marburg, Mitarbeiter in der Bibliothek der Evang. Hochschule für Kirchenmusik Bayreuth und im Evang. Dekanat Bayreuth; zahlreiche Konzertkritiken.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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