500 Jahre Leipziger Disputation: Das Forum Reformation widmet ihr seine erste Tagung
Mit Luther streiten lernen

Von: Siegfried Eckert
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Der Thesenanschlag war nur der Anfang

Am 31. Oktober 1517 gelangten Martin Luthers 95 Thesen an die Öffentlichkeit. Das Ereignis brachte einen Stein ins Rollen, der zur Lawine geriet und 1519 in Leipzig einen Bruch zwischen dem Wittenberger Theologen und der katholischen Kirche offenbarte, der nicht mehr zu kitten war. Bereits am 26. April 1518 hatte sich der Augustiner Martin Luther vor seinem Orden in Heidelberg zu rechtfertigen. Es folgte ein dreitägiges Verhör vor dem päpstlichen Sondergesandten Kardinal Cajetan in Augsburg am Rande des Reichstages im Oktober desselben Jahres. So hoch wie sie angesiedelt wurde, so deutlich machte die Abfolge der Ereignisse, dass es um mehr ging als nur um Ablassfragen und Unstimmigkeiten der Bußpraxis. Das römisch-katholische Renaissancepapsttum war vom Einsturz bedroht, nachdem Luther in Leipzig das Primat des Papstes und die Unfehlbarkeit der Konzilien in Frage gestellt hatte. Dass vor der Disputatio im Juni 1519 die Entscheidung in der Kaiserfrage zugunsten Karls von Spanien gefallen war, beeinflusste das Geschehen nördlich der Alpen gleichwohl: Die katholische Seite musste weniger diplomatische Rücksicht auf Luthers Kurfürsten Friedrich den Weisen nehmen.


Hart aber fair – ein universitärer Streit wird zum öffentlichen Event

Mit der Leipziger Disputation als Katalysator gelangte der Standpunkt der Wittenberger Theologen Luther und Karlstadt an die breite Öffentlichkeit. Die Veranstaltung wurde als Event inszeniert, das Hunderte Schaulustige anzog. Die Wittenberger stritten sich mit dem Ingolstädter Theologen Johannes Eck in Form einer harten aber fairen akademischen Disputatio. Sie waren der Überzeugung, dass sich ihre Wahrheit in der Kontroverse mit einem prominenten Vertreter der alten Lehre erweisen müsse. Im Ergebnis steht Leipzig für einen Umbruch der konventionellen Formen des Gelehrtendiskurses. Unmittelbar danach setzte, gegen getroffene Absprachen und Gepflogenheiten, eine Publizistik ein, mit der die reformatorische Bewegung richtig Fahrt aufnahm.


So sehen Sieger aus

Die Disputation fand von 27. Juni bis 16. Juli auf der Leipziger Pleißenburg statt. Bereits im August 1518 hatte Johannes Eck danach verlangt, veranlasst durch Thesen, die Luthers Freund und Kollege Karlstadt gegen Eck aufgestellt hatte. Im Dezember bat er die Leipziger Theologische Fakultät und Herzog Georg von Sachsen, die Disputation dort durchführen zu können. Eck veröffentlichte im Dezember 1518 zwölf Thesen gegen Karlstadt. Sie richteten sich auch gegen Luther. Eck setzte es gegen viele Bedenkenträger durch, dass Luther in Leipzig offen und frei reden durfte. Keiner solle ihm, gegen den ein Ketzerverfahren lief, »das Maul zubinden«.

Johannes Eck war am 22. Juni in Leipzig eingetroffen und öffentlichkeitswirksam mit der Fronleichnamsprozession in der Stadt eingezogen. Siegesgewiss hatte er sich als Vertreter der Wahrheit feiern lassen. Die Wittenberger kamen erst am 24. Juni in zwei gewöhnlichen, unauffälligen Wagen an. Im ersten saß Karlstadt, der voller Angst war und verunsichert in seinen Büchern herumsuchte. Im zweiten saßen Luther, Melanchthon und der Ehrenrektor der Wittenberg Universität. An die 200 Studenten liefen neben den Wagen her, auf Krawall gebürstet, falls die Diskussion auf die Leipziger Gassen übergreifen sollte. Die Angereisten wussten sich im Feindesland, Leipzig sah die Kursachsen nicht allzu gerne. Entsprechend groß war der Spott, als an Karlstadts Wagen ein Rad brach und der Professor daraufhin herausgefallen sein soll. Der Leipziger Magistrat behandelte die Wittenberger wie eine gegnerische Gesandtschaft im Kriege und verweigerte ihr den zum Einzug üblicherweise gereichten Ehrenwein, während für Johannes Eck auf Kosten der Stadt ein Pferd samt Reitknecht bereitgehalten wurden.


Eck vermöbelt Karlstadt

Herzog Georg von Sachsen drängte darauf, zu beginnen. Im großen Kolleg der Universität begrüßte er die Disputanten. Die Thomaner gestalteten mit einer zwölfstimmigen Messe den Festgottesdienst in ihrer Kirche, und der Professor der Allgemeinen Rhetorik, Petrus Mosellanus, hielt eine bedeutungsschwangere, zweistündige Rede auf Lateinisch, die sich mit der richtigen Art und Weise des theologischen Disputs beschäftigte. Dann warf sich alles zu Boden, um den Beistand des Heiligen Geistes zu erflehen. Jetzt zählte es.

Die erste Woche bestritten Karlstadt und Eck. Sie disputierten über Fragen der Gnade und des freien Willens. Sieger wurde unzweifelhaft Eck. Selbst Martin Luther urteilte, dass Karlstadt Schande statt Ehre gebracht hätte. Eck fühlte sich Karlstadt so überlegen, dass er auf die italienische Manier der Disputation drang, auf freie Rede und Gegenrede, auf Zitation aus dem Gedächtnis, nicht aus den mitgeschleppten Folianten. Luther lehnte dies erst ab, stimmte schließlich jedoch zu. Nur in einem Punkt blieb er stur: nicht der Papst sollte als Schiedsrichter angerufen werden, eher ein Konzil.


Kampf der Giganten – Eck gegen Luther

Während Karlstadt und Eck miteinander rangen, hatte Luther seinen ersten, öffentlichen Auftritt als Prediger über die Schlüsselgewalt des Apostels Petrus. Am Peter- und Pauls-Tag, dem 29. Juni predigte Luther im großen Fürstensaal der Pleißenburg, dorthin war die Predigt von der Schlosskapelle verlegt worden, um den großen Ansturm der Zuhörer fassen zu können. Ein Moment, der ausdrückte, wie der Reformator die akademische Enge verließ und die stadtbürgerliche Öffentlichkeit wählte. Seine Auslegung von Mt. 16,13-19 ließ ihn vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen reden, was er wenige Monate später in seiner Freiheitsschrift ausführen sollte. Die Ablassfrage stand nicht mehr im Zentrum seines Interesses. Darin stimmte Eck mittlerweile mit ihm überein. Umkämpft war die Ekklesiologie. Luther relativierte den Absolutheitsanspruch des Papstes und wollte den Konzilien mehr Geltung verschaffen. Solche Relativierung musste das soeben im Sieg über den Konziliarismus zur absoluten Macht aufgestiegene Renaissancepapsttum, als häretisch verurteilen.


Kampf um die wahre Kirche

Erst am 4. Juli um 7 Uhr konnte Luther in den Disput selbst eingreifen. Der Festsaal war brechend voll. Nach dem Mittagessen des 5. Juli hatte Eck es geschafft, seinen Kontrahenten so zu provozieren, dass Luther erregt die als Ketzer bezichtigten Hussiten in Schutz nahm und ihnen »viele echt christliche und evangelische Sätze« zubilligte. Damit hatte Luther nicht nur das Primat des Papstes, sondern auch die zweite Stütze des Kirchenbegriffes angegriffen: die Unfehlbarkeit der Konzilien, konkret des Konstanzer Konzils. Indem er behauptete, die Kirche bedürfe keines irdischen Hauptes, da Christus ihr eigentliches Haupt sei. Der Fels, auf dem die Kirche gebaut sei, sei der Christusglaube, nicht der Nachfolger des Petrus.

In der Diskussion gelang es Johannes Eck, Luther in der Frage der Lehrgewalt des Papstes und der Konzilien zu weiteren Aussagen zu veranlassen, die seine Abkehr vom traditionellen Kirchentum unumkehrbar öffentlich machte. Die Meinung eines einzelnen Christen müsse mehr gelten, als die eines Papstes oder Konzils, sofern er die besseren Gründe für sich hätte, so Luther. Der Verdienst von Eck lag darin, die Kontroverse sichtbar zu machen, mit der Luther nicht nur auf eine kircheninterne Reform drängte, sondern die als Generalangriff auf die gesamte Struktur der Kirche zu verstehen war.


1:0 für Eck

Luther war mit dem Verlauf der Disputation nicht zufrieden. Zu seiner Rechtfertigung veröffentlichte er im September 1519 seine Resolutiones. Darin erklärt er: »Daher will ich frei sein und kein Gefangener einer Autorität: weder des Konzils nicht der Staatsgewalt noch der Universitäten. Nur das will ich vertrauensvoll bekennen, was ich als wahr erkannt, mag dies von einem Katholiken oder Häretiker behauptet werden, oder von einem Konzil gebilligt oder verworfen sein.« Für Luther war die Heilige Schrift alleinige Glaubensquelle. Das Wort vom Hussitenpatron blieb an ihm hängen und tauchte als Hauptvorwurf 1521 auf dem Reichstag in Worms erneut gegen ihn auf. Eck ließ sich in Leipzig als Sieger feiern. Georg der Bärtige schenkte seinem erfolgreichen Matadoren einen Hirschen, Karlstadt erhielt ein kleineres Präsent, nur der Hussit aus Wittenberg ging leer aus. Leipzig sollte die letzte Disputation Luthers sein. Künftig würde kirchenpolitisch nicht mehr das Wort, sondern das Feuer sprechen.


Geklärte Fronten

Leipzig war ein entscheidender Schritt zur Klärung der Fronten. Herzog Georg von Sachsen war fortan der unversöhnliche Feind des Wittenbergers und seines Kurfürsten. Für Luther hatte die von Eck clever aufgestellte Häresiefalle zugeschnappt. Die Fakultäten Köln und Löwen, denen das Protokoll zugeschickt wurde, fällten ein dementsprechendes Urteil. Luther und seine Anhänger waren unter dem Eindruck der Disputation nicht mehr bereit, sich auf die Bahnen der akademischen Öffentlichkeit abdrängen zu lassen. Als Form des Widerstandes entstanden Flugschriften mit privaten Aufzeichnungen mitschreibender Studenten. Luther bedurfte keiner geschlossenen elitärer Gesprächszirkel mehr. Stattdessen veröffentlichte er 1520 seine großen Hauptschriften, die zu Bestsellern seiner Zeit wurden und universitäre Elfenbeintürme hinter sich ließen. Jeder der es wollte und konnte, sollte sich seine eigene Meinung bilden. Die Causa Luther war in zwei verschiedene Verfahren eingeschwenkt, die kirchenamtlich offizielle und die medial öffentliche. Die scheinbare Leipziger Niederlage hemmte Luther nur für den Moment, bis er wortmächtig mit einem Feuerwerk an Veröffentlichungen zurückschlug.


Der schwankende Reformator

Leipzig bietet keinen Anlass zu verfrühter Heldenverehrung. Luther betrieb learning by doing. Noch 1519 offenbarte er in zentralen theologischen Fragen überraschende Schwankungen. Erst mit der Veröffentlichung seiner Hauptschriften im Jahr 1520 setzt sich der Reformator in ihm endgültig durch. Besonders bei bestimmten Wendungen seiner Aussagen über das Konzil kommt seine innere Zerrissenheit noch zum Ausdruck. Er ringt mit der sich ihm aufdrängenden Einsicht, dass der in Jahrhunderten gewachsene Aufbau verbindlicher Glaubensautoritäten in der Kirche oberhalb der Bibel die Wahrheit verstellt hat. Das Evangelium konnte nur zurückgewonnen werden, wenn die unfehlbare Autorität von Päpsten und Konzilien in ihrer Gesamtheit in Frage gestellt – und aufgehoben – wird. Die Einsichten waren für Luther anfangs ungeheuerlich. Er brauchte Zeit, um sie für sich zu akzeptieren. Damit war praktisch und theoretisch der Bruch mit dem katholischen Kirchenbegriff perfekt. Die Leipziger Disputation hat über die deutschen Grenzen hinaus, besonders in Böhmen, gewaltiges Aufsehen erregt. Fast einstimmig nimmt die deutsche Öffentlichkeit für Luther Partei. Mit Ulrich von Hutten als Protagonisten und Befürworter der Reformation stellt sich der nationalbewusste deutsche Humanismus gleichermaßen auf die Seite des Wittenbergers.


Von der Disputation zur Bannandrohungsbulle

Das mittelalterliche Disputationswesen hatte für die Auseinandersetzung zwischen Eck und Luther einen erstaunlichen Freiraum eröffnet. In Leipzig übte man sich im Florett der Argumentation zum Wohle der vermeintlichen Wahrheit. Die Papstfrage, über die Luther eigentlich nicht hatte sprechen wollen, war ihm in Leipzig zum Fallstrick geworden – und zugleich Anstoß, seine Auffassungen weiter zu radikalisieren. Für Luther zeichnete sich schon seit dem Verhör durch Cajetan ab, dass der Papst der Antichrist sei. Luthers Ruf als Rebell zog immer mehr Menschen in seinen Bann, die seine aus Mystik und Frömmigkeitstheologie stammenden Anliegen nur in Ansätzen teilten, aber durch ihn Mut bekamen, ihr Unbehagen an der Kirche deutlicher zu vertreten. Kein Wunder, dass nach Leipzig Rom nicht untätig bleiben konnte. Das Urteil gegen Luther als Ketzer wurde gefällt, am 1. Juni 1520 im Konsistorium verabschiedet und unter dem 15. Juni in Form der päpstlichen Bannandrohungsbulle Exsurge Domine ausgefertigt. Veröffentlicht wurde dies am 24. Juli u.a. durch Anschläge am Petersdom, ein Jahr nach der Leipziger Disputation. Genau 60 Tage nach Bekanntgabe der Bulle verbrannte Luther diese in einer Art akademischem Happening und vollzog damit seinerseits den endgültigen Bruch.


Reformationsgeschichte mit Gesellschaftsrelevanz

»Streiten lernen mit Luther« ist die erste Tagung des Forums Reformation überschrieben, die vom 5. bis 7. April 2019 im neuen Paulinum in Leipzig stattfindet. Als Gastgeber begrüßt Prof. Dr. Alexander Deeg, Professor für Praktische Theologie, die Teilnehmenden am Freitag, den 5. April, 15 Uhr, mit einer reformationsgeschichtlichen Stadtführung. Am Abend geht der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Armin Kohnle in einem Vortrag auf das Ereignis der Leipziger Disputation von 1519 ein. Der Abend klingt aus im Studentenclub Moritzbastei, beim Preacher-Slam und DJ Battle.

Am Samstag, 6. April, eröffnet Pfarrer Siegfried Eckert, Gründer des Forums Reformation e.V., die Tagung. Die Risiken und Chancen einstiger und heutiger Streitkultur wird zunächst der Züricher Privatdozent Dr. Hartmut Saß beleuchten, um mit Prof. Dr. Alexander Deeg zu klären, warum eine gute Streitkultur heute unverzichtbar ist. Der Nachmittag dient aktuellen Kontroversen mit dem Kirchenkritiker Eugen Drewermann, der Beschäftigung mit dem Abendmahlstreit mit Prof. Dr. Dorothea Sattler und dem Wittenberger Friedrich Schorlemmer. Mit der Frage, wie Kirche und AfD miteinander disputieren könnten, werden sich der Bonner »ZEIT«-Journalist Wolfgang Thielmann, der Leipziger Pfarrer Christian Wolff und die Kunsthistorikerin Dr. Alexandra von dem Knesebeck beschäftigen. Der Abend in der Moritzbastei steht im Zeichen des Jazz.

Am Sonntag, 7. April, erwartet die Gottesdienstbesucher in der neuen Universitätskirche eine Predigt der Bonner Theologieprofessorin Cornelia Richter über »Jakobs Kampf am Jabbok«. Um 13 Uhr wird der streitbare Göttinger Kirchenhistoriker Prof. Dr. Thomas Kaufmann mit Aspekten zum Jubiläum der Leipziger Disputation die Tagung beschließen. Musikalisch umrahmt wird der Vormittag mit Jazzmusik vom Netzwerk Blue Church.

Anmeldung: www.forumreformation.de oder www.leipzig2019.de.

Siegfried Eckert
 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Kultursensibilität in Seelsorge und Beratung
Zum Umgang mit Fremdheit bei der Beratung und Begleitung von Menschen in Krisensituationen
Artikel lesen
Protestantismus als Alibi
Theodor Fontanes Pastoren (IV)
Artikel lesen
»Wie schön, dass du geboren bist …«
Eine kleine Praktische Theologie des Geburtstags
Artikel lesen
Glaubenszuversicht trotz zahlreicher Schicksalsschläge
Das »Stabat Mater« von Antonin Dvorak
Artikel lesen
Osternacht
21. April 2019, 1. Thessalonicher 4,13-18
Artikel lesen
Karfreitag
19. April 2019, Johannes 19,16-30
Artikel lesen
Quasimodogeniti
28. April 2019, 1. Petrus 1,3-9
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!