Wozu weltweite Ländervergleiche über Verfolgung nützlich sind
Alarmglocken gegen Diskriminierung

Von: Christof Sauer
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Erfreulicherweise berichten seit einigen Jahren auch die Leitmedien wiederholt über Verfolgung von Menschen wegen ihrer Religion. Das geschieht nicht mehr nur bei besonders »medienwürdigen« Anlässen. Also, wenn in Ägypten ein Dutzend Christen bei einem Anschlag auf einen Bus unterwegs zu einem Wüstenkloster sterben, oder wenn eine symbolträchtige Person wie Asia Bibi in Pakistan wegen angeblicher Blasphemie zum Tode verurteilt wird, oder wenn Hunderttausende muslimische Rohingya aus Myanmar vertrieben werden. Früher brauchte es dazu oft erst ein Votum von öffentlichen Gestalten. Es mussten sich erst Politiker oder Bischöfe dazu äußern, um der Sache Gewicht zu geben.

Dennoch erreichen viele derartige Vorfälle bis heute nicht die Massenmedien. Denn es sind gar so viele. Und viele geschehen in Winkeln der Erde, für die sich kein Außenstehender wirklich interessiert. Deshalb ist die Veröffentlichung von Dokumentationen über Verfolgung und Diskriminierung von Christen wichtig, denn sie informieren systematisch. Zugleich schaffen sie Aufmerksamkeit und einen weiteren Medienanlass. So beispielsweise der alle zwei Jahre erscheinende Bericht von »Kirche in Not«, der Verbesserungen und Verschlechterungen hervorhebt,1 oder die Jahrbücher über Religionsfreiheit und Diskriminierung und Verfolgung von Christen,2 welche einige der wichtigsten Informationen und Beiträge des Jahres bündeln.

Doch manche halten nicht viel von Ländervergleichen und noch weniger von Rangfolgen oder übersehen, dass sie meist nur die mediale Spitze eines viel tieferschürfenden Informationsangebotes darstellen. Deshalb will dieser Kommentar die verschiedenen Arten von weltweiten Überblicken und Ländervergleichen über Religionsfreiheit oder Verfolgung von Christen vorstellen und darlegen, wozu sie nützlich sind.


Datenbanken

Eine Vorstufe zu systematisierenden Weltüberblicken bieten nach Ländern geordnete Datenbanken mit Tagesmeldungen zu Einzelvorfällen, Analysen, Kommentaren und Veranstaltungen. Neben mehreren spezialisierten Nachrichtendiensten wie World Watch Monitor und Morning Star News, für das Thema besonders sensiblen christlichen Nachrichtendiensten wie idea und pro Christliches Medienmagazin sowie zahllosen Einzelmeldungen von einschlägigen christlichen Organisationen und Netzwerken, ragt für deutschsprachige Nutzer eine wöchentliche Sammlung und Übersetzung der wichtigsten Berichte auf Deutsch heraus: Die Nachrichten des Arbeitskreises Religionsfreiheit – Menschenrechte – Verfolgte Christen der Deutschen Evangelischen Allianz (AKREF). Durch sie ist eine einzigartige, nach Ländern und Jahren durchsuchbare Datenbank mit Tausenden von Einträgen entstanden.3

Ähnlich archiviert das Internationale Institut für Religionsfreiheit die von der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit täglich als Digest übermittelte Sammlung von Medienmeldungen auf Englisch zum Thema Religionsfreiheit. Sie ist nach Ländern, Religionen, Opfern und Tätern durchsuchbar.4 Eine nach Ländern geordnete Nachrichtendatenbank zum Thema der Religions- und Weltanschauungsfreiheit bietet auch Human Rights without Frontiers.5 Doch bei all diesen Angeboten bleibt es dem Nutzer überlassen, die losen Einzelmeldungen und Analysen zu einem Gesamtbild für die Situation im jeweiligen Land bzw. den Vergleich zwischen unterschiedlichen Ländern zu verbinden – sofern die vorliegenden Informationen das überhaupt ermöglichen. Deshalb sind darüber hinaus systematisierende, analytische und interpretierende Ansätze notwendig, um einen Vergleich von Ländern oder einen Weltüberblick zu ermöglichen.


Weltweite Überblicke

Manche dieser weltweiten Überblicke berichten vor allem Land für Land oder Region für Region über die Verfolgung und Diskriminierung von Christen. Weitere konzentrieren sich auf verschiedene Einzelthemen wie die Schicksale von Gewissensgefangenen6 oder fügen der Überblicksdarstellung ein Schwerpunkthema wie Verfolgung wegen Glaubenswechsel hinzu – so der ökumenischen Bericht zur Religionsfreiheit der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der EKD.7 Andere Berichte versuchen auch Vergleiche anzustellen zwischen den verschiedenen Ländern und Bewertungen zu vergeben. So beispielsweise der Bericht des Pew Research Centers in den USA über Einschränkungen der Religionsfreiheit durch Regierungen und gesellschaftliche Animositäten aufgrund von Religion.8 Als Ergebnis werden die Länder auf einer Matrix in verschiedene Gruppen eingeteilt.

Nur wenige Institutionen oder Gruppen haben das Personal und die Mittel, die Mehrzahl der Länder der Welt in ihren Berichten abzudecken und das gar jährlich und detailliert zu tun. Führend ist dabei das Außenministerium der Vereinigten Staaten von Amerika.9 Eine Klassifizierung der Länder erfolgt dort allerdings erst nachträglich auf politischem Weg. Einige wenige Länder werden als besonders besorgniserregend deklariert. Das Verfahren ist allerdings durch außenpolitische Rücksichten gebremst und meist eher von symbolischer Wirkung.

Andere Berichte konzentrieren sich von vornherein nur auf eine Auswahl besonders besorgniserregender Länder. So beispielsweise der jährliche Bericht der vom US-Kongress beauftragten Kommission für internationale Religionsfreiheit.10


Länderrangfolgen

Dann gibt es Länderrangfolgen oder Rankings wie den Gedankenfreiheitsindex der Humanisten und Atheisten11 oder den Weltverfolgungsindex bezüglich Christen von Open Doors.12 Letzterer ragt übrigens durch seine Aktualität heraus, denn er erscheint bereits zweieinhalb Monate nach Abschluss seines Berichtszeitraums. Er hat eine besondere Nähe zur christlichen Basis in den stark betroffenen Ländern, insbesondere unter den evangelikalen und pfingstlichen Kirchen. Außerdem zeigt er eine besondere Sensibilität für das Schicksal von Konvertiten, die bekanntlich häufig stärker verfolgt werden als andere Christen.

Derartige weltweite Rankings liegen zu etwa 50 verschiedenen Themen vor: über Pressefreiheit, Korruption, Kriegsopfer, menschliche Entwicklung usw. Hier werden jeweils alle unter die Lupe genommenen Länder einzeln nach den gleichen Maßstäben bewertet und dann in eine Rangfolge gebracht. Dazu wurden ausgefeilte Methoden entwickelt.

Was bringt das? Im Blick auf Verfolgung und Diskriminierung von Christen hilft es, solche Situationen nicht aus dem Auge zu verlieren, die nicht im Vordergrund des Interesses stehen; also Situationen, die eher durch langanhaltenden Druck gekennzeichnet sind als durch spektakuläre Gewalt. Länder, in denen sich schleichend über Jahre hinweg die Gesetzeslage verschlechtert und die Religionsfreiheit zunehmend eingeschränkt wird wie in China. Ein Index, wenn er in regelmäßigen Abständen, also jährlich oder zweijährlich, erstellt wird, kann auf Verbesserungen oder Verschlechterungen von Situationen aufmerksam machen. So z.B. auf die massenhafte Schließung von Kirchen in Angola gegen Ende 2018 oder eine Häufung von Gefangennahmen im Iran. So lässt ein Index die Alarmglocken läuten. Sonst würde das nicht beachtet.

Und was sind die Grenzen von Rankings? Sie können eines am besten – Aufmerksamkeit wecken, einen Anhaltspunkt geben: »Achtung hier muss man genauer hinschauen!« Also, wenn Afghanistan ganz weit oben auf dem Verfolgungsindex steht, muss man nachlesen, was im Länderbericht dazu steht, um die Sachlage besser zu verstehen. Ein Ranking allein bliebe oberflächlich und eine Überbetonung der Rangfolge kann eventuell auch irreführend sein.

Allen Rankings ist eigen, dass sie zwangsläufig unscharf bleiben. Ihre Ergebnisse hängen – bei aller Gewissenhaftigkeit ihrer Ersteller – von zahlreichen verschiedenen Variablen ab. So kann niemand mit Gewissheit sagen, wie diese Variablen genau untereinander gewichtet werden müssen.

Beim Weltverfolgungsindex beispielsweise beeinflussen Gewalttaten gegen Christen die Gesamtbewertung eines Landes um ein Sechstel. Die restlichen Punktanteile sind dem Druck in verschiedenen Lebensbereichen und auf das kirchliche Leben insgesamt vorbehalten. Wenn man Gewalt stattdessen mit halbem Gewicht in die Waagschale werfen würde, ergäbe sich eine verschobene Reihenfolge unter den 73 problematischsten Ländern. Dennoch würden aber Länder, die vorher sehr gut abgeschnitten haben, nicht allein deshalb plötzlich gegenteilig abschneiden. Aus diesem Grund ist es hilfreich, dass im Zusammenhang mit dem Weltverfolgungsindex noch zahlreiche Rangfolgen und Vergleiche zu Einzelfragen angeboten werden wie zur Zahl der Todesopfer, der Vertriebenen, zerstörter Kirchen usw.


Verschiedene Benutzergruppen

Für die verschiedenen Benutzergruppen wie Politiker, Journalisten, Aktivisten und Kirchenleute haben solche Weltüberblicke teilweise unterschiedliche Funktionen. Für Politiker ist es wichtig, Anhaltspunkte zu haben, welche Länder sie beim Einsatz für Religionsfreiheit zur Priorität machen sollen. Die fraktionsübergreifende Parlamentariergruppe für Religionsfreiheit im Europäischen Parlament hat die Eignung zur Klärung von Prioritäten bei der Erstellung ihres jüngsten Berichtes zu einem entscheidenden Kriterium gemacht.13 Außerdem ist ein Überblick über die einzelnen Länder für sie notwendig, um über Tagesmeldungen und Einzelvorfälle oder herausragende Einzelschicksale hinaus das große Bild zu sehen.

Ähnlich geht es Menschenrechtsorganisationen und christlichen Werken im Bereich Religionsfreiheit und Christenverfolgung. Sie wollen ihre beschränkten Mittel gewissenhaft einsetzen. Auch sie müssen Prioritäten setzen. Zugleich wollen sie aber neue Entwicklungen nicht übersehen und auf Verschlechterungen von Situationen zeitnah und angemessen reagieren können. Eine regelmäßige Bilanz, auch mit Vergleichswerten, kann daher für sie von großem Wert sein.

Journalisten sind naturgemäß immer auf Zahlen erpicht. Für sie zählt, was besonders ist und heraussticht. Deshalb sind Rankings bei Journalisten beliebt. Außerdem müssen sie die Dinge anschaulich und für alle verständlich machen. Dabei können sie leicht der Versuchung erliegen, unsachgemäß zu vereinfachen und Zahlen und Rangfolgen einen höheren Stellenwert zu geben als ihnen eigentlich gebührt.

Für christliche Gemeinden sollten Weltüberblicke zuallererst zur Fürbitte führen – und zwar unabhängig von Ranglisten und nicht nur für die traurigen Spitzenreiter unter den besonders schwierigen Ländern. Christen brauchen überall Mut, ihren Glauben zu bekennen. Das Evangelium soll schließlich überall bekannt werden, auch dort wo kaum ein Mensch einen Christen kennt. Welche Gemeinde benennt eigentlich namentlich und regelmäßig in der Fürbitte die Länder, in denen Christen unter besonders starkem Druck sind? Wenn man jeden Sonntag für die Menschen in zwei Ländern betet, dann kommt man in einem Jahr durch die derzeit 100 Länder, über die detaillierte Dokumentationen vom Weltverfolgungsindex vorliegen. Beim Gebet mit dem Bericht der katholischen Mission Kirche in Not kommt man sogar auf vier Länder pro Woche. Und sollte das nicht in der eigenen Gemeinde geschehen, dann kann jeder Christ das zu Hause tun. Für diesen Bedarf hat die Hilfsaktion Märtyrerkirche eigens einen Terminkalender (Jahrbuch 2019: Länder der Märtyrer) konzipiert, der jede Woche eine Beispielgeschichte aus einem anderen Land mit einem vorformulierten Gebet anbietet. Oder man greift zurück auf die wöchentlich zugestellte Sammlung von aktuellen Gebetsanliegen des AKREF, die aus dessen eingangs genannter Nachrichtenzusammenstellung auswählt.


Das Richtige tun

Wenn man also Weltüberblicke und Ländervergleiche über Verfolgung mit Bedacht verwendet, haben sie eine wichtige Funktion und ihren Nutzen. Zugleich ergänzen sich die verschiedenen Berichte gegenseitig – solche, die keine Rangfolgen erstellen oder versuchen, überhaupt ohne jede zahlenmäßige Bewertung auszukommen, und andere, die es tun.

Wichtig ist, dass wir uns aufwecken lassen von diesen Alarmsignalen und genauer hinsehen und dann das Gebotene tun für bedrängte und verfolgte Christen, jeder nach seiner Aufgabe und Möglichkeiten.


Anmerkungen:

1 https://www.kirche-in-not.de/downloads/christen-in-grosser-bedraengnis.

2 https://www.iirf.eu/journal-books/german-yearbooks/jahrbuch-verfolgung-und-diskriminierung-von-christen-2018/.

3 https://akref.ead.de/nachrichten/nachrichten-archiv/ (dieser und die folgenden Links wurden zuletzt am 15. Januar 2019 überprüft).

4 https://www.iirf.eu/news/.

5 https://hrwf.eu/newsletters/forb/.

6 https://hrwf.eu/forb/forb-and-blasphemy-prisoners-list/.

7 https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/ - oekumenischer_bericht_religionsfreiheit2017.pdf.

8 http://www.pewresearch.org/topics/restrictions-on-religion/.

9 https://www.state.gov/j/drl/irf/rpt/index.htm.

10 https://www.uscirf.gov/reports-briefs.

11 https://freethoughtreport.com.

12 http://opendoorsanalytical.org; https://www.opendoors.de.

13 www.religiousfreedom.eu.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Christof Sauer, Professor für Religionsfreiheit und Erforschung der Christenverfolgung, Freie Theologische Hochschule Gießen, koordiniert seit mehreren Jahren die Begutachtung der Ergebnisse des Weltverfolgungsindexes von Open Doors durch das Internationale Institut für Religionsfreiheit; er erforscht auch die verschiedenen Indexe und Weltüberblicke zu Religionsfreiheit oder Christenverfolgung und hat Anregungen zum angemessenen Gebrauch des Weltverfolgungsindexes veröffentlicht; www.religionsfreiheit.global .

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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