Zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube
Sapiens, Quanten und Gott

Von: Claus von Criegern
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Dass viele Naturwissenschaftler mit der Frage nach Gott nichts anfangen können, ist kein Geheimnis. Viele sind Agnostiker, nicht aus philosophischen Überlegungen, sondern aus Desinteresse. Sie vertreten ein mechanistisches Welt- und Menschenbild, in dem der Mensch ein mehr oder weniger intelligenter Affe ist, Liebe ein Ergebnis vom Zusammenspiel der Hormone; Erkenntnisse aus der Forschung können mit großer Selbstverständlichkeit zur Förderung von Wirtschaft und politischer Macht genutzt werden. Doch was bedeutet das für den theologischen Dialog mit den Naturwissenschaften? Ein Kommentar von Claus von Criegern.


Rückzugsgefechte

Ein Weltbild ohne Gott ist heute so plausibel, dass sich sogar manche Theologen davor scheuen, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Sie konzentrieren sich auf theologische Gedanken und kirchliche Handlungen, die mit diesem modernen Weltbild absolut unverträglich sind. Oder sie ducken sich unter der Wucht logischer Angriffe und konzedieren, dass die Schöpfungsberichte Märchen sind (Ulrich Finckh, DPfBl 12/2018, 704) oder die »biblischen Geburtsgeschichten Jesu nichts mit der Wirklichkeit des Lebens Jesu zu tun haben« (ebd., 705). Ich empfinde solche Aussagen als verzweifelte Rückzugsgefechte. Ist denn das Wissen darum verloren gegangen, dass Menschen der biblischen Zeiten ihre Gottes- und Menschenerkenntnisse nicht in philosophischen Darlegungen oder Märchen, sondern in Legenden ausgedrückt haben? Sind existentielle Erkenntnisse, die in einer heute nicht mehr ohne weiteres verständlichen Form wiedergegeben werden, deswegen falsch, weil wir die Sprache, in der sie niedergelegt werden, nur verstehen, wenn wir uns intellektuell redlich mit Zeitgeschichte und antiken Weltbildern auseinandersetzen?


Glaube und Religion

Religion meint »die gewissenhafte Sorgfalt in der Beachtung von Vorzeichen und Vorschriften« (Kluge, Etymologisches Wörterbuch, 2002; zit. n. Wikipedia, Religion). Grundlage jeder Religion ist die persönliche Begegnung eines Menschen mit dem Transzendenten, also die Gotteserfahrung des Religionsstifters. Um diese Erfahrung zu schildern, reicht die an der Realität gebildete Sprache nicht aus. Darum wird sie in Form von Legenden weitergegeben und greift auf Riten zurück, die den Gläubigen den Zugang zu dem im Transzendenten geahnten Göttlichen ermöglichen sollen. Religion – jede Religion – konstruiert ein Weltbild. Wenn sich ein Weltbild angesichts neuer Erkenntnisse als unzureichend erweist, wird in der Regel versucht, die Erkenntnisse so weit wie möglich zu negieren. Beispiel hierfür ist die katholische Theologie, deren Dogmen auf ein Weltbild zurückgreifen, das in Konflikt mit den Erkenntnissen der Auf­klärung steht und trotzdem Gültigkeit behauptet.

Jesus nennt Gott »Vater«, und er ermutigt auch seine Jünger – uns –, ihn »Vater« zu nennen. Damit holt er die Frage nach Gott von der philosophischen – oder religiösen – auf die existentielle Ebene. Ich behaupte also, dass das Christentum im Kern keine Religion ist, sondern eine Ermutigung, glau­bend über alle Horizonte hinaus zu vertrauen, zu hoffen und zu lieben. Wer sich darauf einlässt, kann die Erfahrung machen, dass sich Kraftquellen erschließen, die es ermöglichen, das Leben besser zu bewältigen; jeder Krankenhauspfarrer kann davon erzählen – nicht dass Krankheiten geheilt werden, aber dass Patienten gelassener werden, wenn sie beten. Gleichzeitig begründet diese Erfahrung eine besondere Art, mit anderen Menschen, mit der Schöpfung und mit sich selbst umzugehen – hier liegt die Grundlage der Ethik.

Diese »religiöse« Erfahrung muss aber geteilt und weitergegeben werden. Auch hierzu reicht die Sprache nicht aus. Legenden und Riten können die Bereitschaft vermitteln, sich auf die Suche nach der existentiellen Erfahrung zu machen, die vom Glauben vermittelt wird. Wir haben unter anderem deswegen Theologie studiert, weil wir die Aufgabe übernommen haben, unseren Gemeinden die »Wahrheit hinter der Wahrheit« der alten Geschichten zu vermitteln. Eines der Probleme dabei ist, dass sich unsere Weltsicht von der der Heiligen Schrift unterscheidet. Das ändert überhaupt nichts daran, dass uns ein Menschenbild übermittelt wird, das absolut aktuell ist und doch in Konflikt zu dem der heutigen Zeit steht – nicht wegen irgendwelcher Mythen, sondern weil es mehr vom Menschen erwartet als zu funktionieren. Kirchen und Riten, Liturgien und ausformulierte Gebete, also Religion, dienen dazu, Hilfestellung für persönliche Glaubenserfahrungen zu geben, nicht weniger, aber auch nicht mehr.


Naturwissenschaft und Ethik

Meine Auseinandersetzung mit dem naturwissenschaftlichen Ansatz möchte ich an zwei populärwissenschaftlichen Büchern bedeutender Wissenschaftler festmachen. Der erste ist der Geschichtsprofessor Yuval Noah Harari (Eine kurze Geschichte der Menschheit. 29. Aufl., München 2015). In seinem Buch schildert er, wie sich die Geschichte des Sapiens entwickelt hat – von den Jägern und Sammlern über die landwirtschaftliche und die wissenschaftliche Revolution bis zum »Ende des Homo sapiens«. Religion hat seiner Überzeugung nach eine wesentliche Rolle bei der Einigung der Menschheit gespielt. Die zerbrechlichen gesellschaftlichen Ordnungen wurden von den Religionen legitimiert, »indem sie auf einen übermenschlichen Willen verwiesen« (ebd., 254). Allerdings basieren Religionen wie alle weiteren gesellschaftlichen Ordnungen auf Erfindung der Menschen. Transzendente Erfahrungen und Erlebnisse sind für ihn Märchen; polytheistische Religionen wurden geschaffen, weil mit der Entstehung von Weltreichen und Handelsnetzen Kräfte benötigt wurden, deren Macht weit über ihr Heimattal hinausreichte. Eine höchste Macht im Universum hat keinerlei Interessen daran, den Menschen weiterzuhelfen.

An diesem faszinierenden Buch besticht mich, dass Harari keinerlei Bezug zu ethischen Fragen zeigt. Ethik wird nur sehr gelegentlich im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Ausbreitung erwähnt; aber worauf Ethik basiert und wie sie sich beim Umgang mit Menschen und Schöpfung auswirkt, ist eine Frage, die sich ihm nicht stellt. Damit wird er zu einem typischen Vertreter moderner Naturwissenschaftler.

Es gibt weite Bereiche unserer Lebenswirklichkeit, die naturwissenschaftlich nicht erfasst werden können, daher von der Naturwissenschaft ignoriert werden und trotzdem existentiell wichtig für uns sind. Die Frage, ob etwas gut ist oder schädlich, hilfreich oder gefährlich, stellt sich vielleicht dem Naturwissenschaftler, aber nicht der Naturwissenschaft. Atomphysik spaltet Atome. Medizin erhält Leben. Ob die Atomspaltung zur Bombe oder zum Kernkraftwerk führt, ob Atomstrom gut ist oder bedenklich, weil keiner weiß, was mit dem Abfall geschehen soll, ob ein Kranker mit allen Mitteln am Leben erhalten wird oder ihm die Gnade des Sterbens zugestanden wird, geht die Naturwissenschaft nichts an. Menschenrechte und Demokratie, Sozialverhalten und Nächstenliebe, Erhaltung der Schöpfung oder Übernutzung der Regenwälder, der Gebrauch von insektenschädlichen Spritzmitteln oder eine schonende Landwirtschaft – Fragen, auf die die Naturwissenschaft von ihrem Ansatz her keine Antwort geben kann. Sie stellt Glyphosat her. Sie zeigt, wie Atome gespalten werden können. Sie verändert das Genom von Pflanzen, Tieren oder auch Menschen. Wie wir damit umgehen, ist nicht ihre Sache. Aber für uns ist das eine brennende, existenzbedrohende Frage. Woher nehmen wir die Kriterien für eine verantwortete Entscheidung? Aus der Wirtschaftsbilanz? Aus Machtphantasien von Politikern? Aus der Atomphysik?


Naturwissenschaft und Religion

Der zweite Naturwissenschaftler, der mich zum Widerspruch anregt, ist der Astronom Bernard Haisch (Die verborgene Intelligenz im Universum. 2. Aufl., Amerang 2018). In detailreichen und anspruchsvollen Schilderungen beschreibt er, wie das Universum – und mit ihm die Erde – entstanden ist und wie seine Existenz nur deswegen andauert, weil die Naturgesetze, auf denen es beruht, extrem fein aufeinander abgestimmt sind. Er folgert daraus, dass es entweder eine Unzahl von Universen gibt, in denen die unterschiedlichsten Naturgesetze herrschen, und dass unser Universum durch »Zufall« (mindestens) einen Planeten hervorgebracht hat, auf dem sich Leben entwickeln konnte; dass es uns gibt, ist also das zufällige Ergebnis einer unendlichen Reihe von sinnlosen unterschiedlichen Konstellationen unterschiedlicher Gesetze in unendlich vielen Universen. Oder – das ist seine grundlegende These – hinter dem Urknall und der Entwicklung von Galaxien, Sonnen, Planeten und Quanten steht ein verborgenes Bewusstsein, das gestaltet, Einfluss nimmt, mit Hilfe der Evolution unendlich viele Gattungen schafft und schließlich im Bewusstsein des Menschen wirkt.

Als ein Indiz für diese seine These schildert er ein quantenmechanisches Experiment, bei dem das Bewusstsein auf das Verhalten der Quanten Einfluss nimmt und sogar ihr Verhalten vor Beginn des Experiments beeinflusst – sozusagen die Vergangenheit verändert (ebd., 178f). »Mit der Ablehnung der Philosophie vom Bewusstsein als schöpferische Grundlage des Universums musste die Philosophie des reduktionistischen Materialismus auch jegliche Möglichkeit verwerfen, das Universum – wir eingeschlossen – könnte Sinn und Zweck haben« (ebd., 200). Natürlich lehnt er »organisierte Religion« ab: »Sind Naturwissenschaft und organisierte Religion miteinander in Einklang zu bringen? Ich würde sagen, die Antwort lautet Nein« (ebd., 33).


Naturwissenschaft und Glaube

Was hindert mich daran, Jubelorgien zu feiern, weil ein anerkannter, bedeutender Astrophysiker über die Existenz eines übernatürlichen Bewusstseins nachdenkt, das den Urknall und die weitere Entwicklung des Weltalls verursacht? Wenn Haisch »organisierte Religionen« ablehnt und bei seinem schöpferischen Bewusstsein stehen bleibt – wie will er einem Nichtastrophysiker ein Bewusstsein von diesem Bewusstsein nahe bringen? Selbst wenn das von ihm geschilderte Verhalten von Quanten zutrifft, auf die das Bewusstsein der Forscher Einfluss nimmt, motiviert das niemanden, mit dem verborgenen Bewusstsein hinter dem All Kontakt aufzunehmen. Und wenn ein Kontakt nicht möglich ist, ist die ganze Diskussion um Gott hinter dem Geschehen irrelevant, vermittelt weder Sinn noch Zweck.

Wichtiger ist mir ein anderer Gedanke: Atomphysiker schließen von dem Verhalten von Quanten auf das Ganze. Mediziner meinen, Liebe sei nichts anderes als ein Wust von Hormonen: »Schatz, meine Hormone drängen mich zu dir. Dass ich dich achte und respektiere, ist Ergebnis von Säften, die nicht meiner Kontrolle unterliegen. Ob ich mich dir bedingungslos anvertraue, hat mit der Funktion der Schilddrüse zu tun …« Natürlich spielen im zwischenmenschlichen Bereich Hormone eine Rolle. Und natürlich hat mein Vertrauen in Gott auch einiges mit Projektion zu tun. Problematisch finde ich, wenn einer sagt: »So ist das, und nicht mehr«. Meine Skepsis vor den Absolutheitsansprüchen von Naturwissenschaftlern, die Deutungshoheit verlangen und alles außerhalb ihrer Erkenntnis für Projektion halten, ist ungebrochen. Naturwissenschaftler untersuchen einen Ausschnitt der Realität. Sie sind in der Gefahr, über ihren Ergebnissen zu übersehen, dass Natur, die sie doch erforschen wollen, ein System von ineinander verschachtelten, voneinander abhängigen, einander verändernden und beeinflussenden Elementen ist. Die Verarmung der Lebewesen auf unserem Planeten ist eine aktuelle Folge. Nie seit den Dinosauriern sind mehr Arten ausgestorben als in unserer Gegenwart. Und da der Mensch Teil dieses Systems ist – biblisch gesprochen: Teil der Schöpfung –, schaden die Folgen dieser Haltung nicht nur den Insekten, sondern auch uns.


Der Mensch auf dem Weg zum Menschen

Ein intellektuell redlicher Dialog zwischen Theologen und Naturwissenschaftlern ist existenznotwendig. Fragen der Theologen an die Naturwissenschaft sind zum Beispiel: Wie begründen Naturwissenschaftler eine Ethik, ohne die Grundgesetze der Naturwissenschaft zu verletzen? Und: Wie gewinnen die Naturwissenschaften einen Blick dafür, dass ihre Forschungsobjekte nur ein Teil eines in sich geschlossenen Systems sind?

In der Geschichte der Erde gibt es meiner Überzeugung nach mindestens zwei Zäsuren, in denen die Existenz gleichsam auf eine neue Ebene durchgebrochen / aufgestiegen ist. Die eine Zäsur ist, dass aus unbelebten Elementen Leben entstand. Der erste Einzeller ist qualitativ etwas völlig anderes als die Klumpen von DNA, aus denen er – irgendwie – entstanden ist. Soweit ich weiß, ist die Naturwissenschaft nicht in der Lage, dieses qualitativ Andere – Leben – zu verstehen. Es mag durchaus sein, dass Leben zu den Grunderscheinungen im Weltall gehört, dass also auf dem Saturnmond Titan oder in den geologischen Schichten des Mars Lebensspuren entdeckt werden. Das ändert für mich gar nichts daran, dass Leben ein Wunder ist, unverständlich und staunenswert.

Die zweite Zäsur ist, dass irgendwann Primaten ein Ichbewusstsein entwickeln, das es erlaubt, Instinkthandlungen zu beeinflussen. Natürlich ist der Sapiens biologisch gesehen ein Affe. Aber dieser Affe ist erstmals in der Lage, auf seine Handlungen und Emotionen Einfluss zu nehmen. Er hat die Möglichkeit, seine Aggressionen zu steuern und zu beherrschen; er kann seinen Sexualtrieb in emotionale Beziehungen einbauen und so Vertrautheit ermöglichen, die auf Erotik – Zärtlichkeit, Respekt, Zuwendung – aufbaut und eine Beziehung entfaltet, die die instinktgesteuerte Rudelbeziehung verändert. Er kann Erscheinungen in der Schöpfung isolieren und ausführlich untersuchen und versteht, welche Gesetze sie beherrschen. Er kann sich selbst vernichten. Das ändert für mich gar nichts daran, dass Bewusstsein ein Wunder ist, unverständlich und staunenswert.

Das Bewusstsein ist wertneutral; es ermöglicht dem Menschen, sich Macht zu Lasten anderer aufzubauen, und es ermöglicht dem Menschen, auf andere »zuzuleben«. Diese Möglichkeit qualifiziert in den Schöpfungsberichten den Menschen zum »Bild« Gottes; nicht der Mensch ist Bild Gottes, sondern der Mensch in Beziehung (Gen. 1: »er schuf sie als Mann und Frau«). Die Aufgabe des Menschen in der Schöpfung ist, zu schützen und zu nützen (Gen. 2). Und die große Ursünde ist nicht der Verzehr eines Apfels, sondern der Umstand, dass eigene Schuld geleugnet und der andere zum Schuldigen erklärt wird (Gen. 3: »die Frau, die du mir gegeben hast …«). Die »Märchen« der Schöpfungsberichte machen anthropologische Aussagen, die heute absolut brisant sind.


Liebe als grundlegender Wert menschlichen Lebens

Jesus Christus hat Liebe als den grundlegenden Wert menschlichen Lebens und Verhaltens benannt (Mk. 12,29-31 par.). Dabei ist Liebe (natürlich) erheblich mehr als Schmetterlinge im Bauch – Liebe hat mit Respekt zu tun, mit dem Leben auf andere zu, mit Verantwortung und Offenheit … Im Lauf der Kirchengeschichte hat Religion immer wieder versucht, mit Ausübung von Macht, mit Drohung und dem Erzeugen von Furcht Gehorsam zu erzwingen; der Dreißigjährige Krieg war keine religiöse Auseinandersetzung, sondern Kampf um Macht und Einfluss. Trotzdem haben auch immer wieder Glaubende mit Fürsorge und Nächstenliebe diese Art der Religion in Frage gestellt: Krankenpflegende im Mittelalter, die das Risiko eingingen, sich selbst anzustecken; Mönche, die mit den Landwirten zusammen versuchten, eine ausreichende Nahrungsgrundlage zu schaffen; Seelsorger für Hexen vor ihrer Verbrennung; Priester, die in den KZ ihr Leben opferten, um anderen Leben zu erhalten …

Ich bin davon überzeugt, dass unser Leben sinnvoll wird, wenn wir lernen, uns von Gott und Menschen lieben zu lassen und Gott und Menschen – und die Schöpfung – zu lieben. Ob die Menschheit sich vernichtet durch Kriege oder Klimakatastrophen, oder ob sie zu einer Gemeinschaft wird, in der sich Menschen und Nationen gegenseitig unterstützen, respektieren und helfen, hängt damit zusammen, ob wir lernen, aufeinander »zuzuleben«. Wir haben immer noch die Chance, zum »Ebenbild« Gottes zu werden.

Die Frage nach Gut oder Böse oder nach der Richtigkeit eines Menschenbilds kann von der naturwissenschaftlichen Logik nicht beantwortet werden. Jeder Versuch einer Antwort greift auf Werte zurück, die transzendent, jenseits der wissenschaftlichen Logik, gesucht werden müssen. Christliche Ethik geht davon aus, dass Liebe der Wert ist, der Sinn vermittelt und Handeln beeinflusst. Liebe hat nicht nur etwas mit Emotionen zu tun; sie realisiert sich in Achtung und Respekt, in Fürsorge und Toleranz. Ob ein Kranker sterben darf, ob menschliches Genom verändert werden darf, ob es gut ist, mit Insekten- und Pflanzenvernichtungsmitteln die Produktion in der Landwirtschaft zu intensivieren, ist keine Frage danach, was möglich ist, sondern danach, was wir verantworten können – angesichts der Verantwortung für Menschen, Schöpfung und Nachkommen, angesichts der Verantwortung vor dem Schöpfer.


Gott und ich

Gottesbilder ändern sich mit den Weltbildern. Es ist nicht möglich, Aussagen über Gott zu machen. Ich kann nur aussagen, was Gott für mich bedeutet. Das heißt auch, dass eine Aussage über Gott, die für dich richtig ist – die also deinen Erfahrungen und Vorstellungen von Gott entspricht –, für mich falsch, aber eben nicht absolut falsch sein kann. Wenn ich versuche zu formulieren, was Gott für mich bedeutet, greife ich auf Aussagen von Menschen vor mir zurück, die versucht haben auszudrücken, was Gott für sie war; manche von ihnen bleiben mir fremd, aber bei vielen von ihnen, etwa in biblischen Texten und in der Geschichte, ahne ich Erfahrungen und Vorstellungen, die den meinen entsprechen.

Über lange Zeit war die Furcht vor dem Numinosen das treibende Motiv der Religionen. Sünde war der Verstoß gegen den göttlichen Willen und musste bestraft werden. Es war Jesus, der die Religion in Frage stellte und dazu ermutigt hat, über unsere Grenzen hinaus zu vertrauen; Gott als Vater ermutigt bildhaft, darauf zu vertrauen, dass der Einzelne wichtig ist, dass er unterstützt wird bei seinem Versuch, das Leben verantwortlich zu führen, und dass es sinnstiftend ist, auf andere »zuzuleben«. Dieses Gottesbild widerspricht nicht den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen; wenn, wie Bernard Haisch behauptet, im Universum eine verborgene Intelligenz wirkt, dann können wir davon ausgehen, dass ihr Bewusstsein unsere Realität erfüllt und dass sie sich im Bewusstsein der Menschen widerspiegelt. Ob das so ist, lässt sich nur mit Hilfe persönlicher Erfahrung verifizieren.


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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