Theodor Fontanes Pastoren (IV)
Protestantismus als Alibi

Von: Reiner Strunk
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Der Dichter Theodor Fontane, dessen 200. Geburtstag Ende dieses Jahres gefeiert wird, hat in präziser und feinsinniger Weise die gesellschaftlichen und milieubezogenen Verhältnisse seiner Zeit beobachtet und beschrieben. Dabei richtete er sein Augenmerk auch auf die Kirche und auf Pfarrpersönlichkeiten. Reiner Strunk präsentiert »Fontanes Pastoren« quer durch dessen literarisches Werk – diesmal in »Unwiederbringlich« und »Effi Briest«.


»Unwiederbringlich«

Der 1891 veröffentlichte Roman einer gescheiterten Ehe spielt teils in einem fiktiven Schloss bei Glücksburg in Schleswig-Holstein, teils am dänischen Hof in Kopenhagen. Fontane verwendet wieder Pikantes aus dem zeitgenössischen Gesellschaftsklatsch, eine tragische Affäre aus dem Strelitzer Schloss Ivenack, wo sich der verheiratete Baron von einer pommerschen Schönheit auf Abwege führen ließ, die Scheidung von seiner Frau durchsetzte, von der neuen Favoritin jedoch einen peinlichen Laufpass erhielt, die Beziehung zu seiner geschiedenen Gemahlin wieder anknüpfte und sich mit ihr zum zweiten Mal trauen ließ, ohne dadurch korrigieren zu können, was er verbockt hatte. Die Wiedervermählung blieb glücklos, die Frau verschwand und wurde tot aus einem Teich geborgen. Ihr letztes Wort in einem Brief auf ihrem Schreibtisch: »Unwiederbringlich«.

Vergangenes Glück, wenn es denn überhaupt eines war, kann, erst einmal zerbrochen, nicht wieder zurückgebracht werden. Dieser melancholischen Wahrheit geht der Dichter mit seinem Roman nach, der die Orte und Szenen wechselt, im Wesentlichen aber dem Gang des Geschehens folgt, von dem er Kenntnis genommen hatte. Und erneut sind es weniger die äußeren Ereignisse als die inneren Bewegungen der handelnden Personen, denen er seine Aufmerksamkeit widmet, ihre Seelenverfassungen und deren dramatische Entwicklung sowie die Folgen, die sich einstellen, wenn charakterlich nicht zueinander stimmt, was ehelich miteinander verbunden wurde.


Lächerliches Ende einer Liebschaft

Graf Holk, ein emotionsgeleiteter, nicht von Prinzipien geplagter Mensch, entfremdet sich zunehmend seiner Frau Christine (sie »hat mich von sich weg erkältet«, konstatiert er (212)) und lässt sich auf ein Abenteuer mit einer jungen Gesellschafterin der dänischen Prinzessin in Kopenhagen ein, das ein schnelles und lächerliches Ende nimmt. Christine, seine Gemahlin, nennt ihn »leichtlebig und schwankend und wandelbar« (47f) und auch das »Ideal von einem Manne, wenn er überhaupt Ideale hätte« (15). Christine selbst, eine »bei den Herrnhutern erzogene, zudem von Natur schon gefühlvoll gestimmte« Frau (8), besitzt nicht die Bereitschaft und auch nicht die Fähigkeit, den Neigungen ihres Mannes entgegenzukommen. Äußerlich zieht sie sich auf sein Schloss Holkenäs, innerlich auf ihr kirchlich-religiöses Terrain zurück, wobei ihr als bekennender Lutheranerin »Mitteilungen aus dem Lager der Katholiken und beinah mehr noch der Genferischen immer eine Quelle vergnüglicher Unterhaltung« waren (25).

Im Spannungsfeld der Hauptpersonen mit all ihren diffizilen psychischen Eigenheiten tauchen nun auch Pastoren auf, keineswegs im Zentrum des Geschehens, sondern eher am Rande und punktuell, aber ihre Zeichnung durch den Dichter wirkt, so knapp sie ausfallen mag, doch deutlich konturiert. Drei Pastoren sind es insgesamt: der alte Pastor Petersen »mit seinem dünnen, aber langen weißen Haare« (20; ein typisiertes Erscheinungsbild übrigens, das Fontane seinen Pastoren mehrfach verleiht); der ehemalige theologische Seminardirektor und spätere Generalsuperintendent Schwarzkoppen und – in Dänemark – Pastor Schleppegrell, ein Ausbund an Lebenslust und glatter Vordergründigkeit.


in weltmännisches und gewinnendes Wesen

Nach einer Kutschfahrt über Land nach Schloss Frederiksborg im dänischen Städtchen Hilleröd beeilt sich Graf Holk, der Prinzessin, in deren Dienst er getreten war, den Wagenschlag zu öffnen. Er kommt jedoch, bezeichnend für ihn, zu spät. Ein anderer kam ihm zuvor: »Dieser andre war Pastor Schleppegrell von Hilleröd, ein stattlicher Funfziger, der seine Stattlichkeit durch einen langen Predigerrock noch um ein erhebliches gesteigert sah. Er küsste der Prinzessin die Hand, aber mit mehr Ritterlichkeit als Devotion, und betonte dann seine Freude, seine Gönnerin wiederzusehen« (145).

Kurz darauf äußert sich Holk der Prinzessin gegenüber: »›Pastor Schleppegrell hat etwas Imponierendes in seiner Erscheinung … Ich habe wenig Menschen so ruhig und sicher mit einer Prinzessin sprechen sehen. Ist er ein Demokrat? Oder ein Dissentergeneral?‹

›Nein‹, lachte die Prinzessin, ›Schleppegrell ist kein Dissentergeneral, aber er ist freilich der Bruder eines wirklichen Generals, der Bruder von General Schleppegrell, der bei Idstedt fiel‹« (146).

Was dem Grafen Holk abgeht, der von seiner Frau Christine verachtet und von seinem Schwarm Ebba von Rosenberg verlacht wird, besitzt der Pastor Schleppegrell im Überfluss: weltmännisches und gewinnendes Wesen, Attraktivität und leichten Erfolg bei den Frauen. In jungen Jahren kam er als Religionslehrer an den Hof zu Kopenhagen und hatte nacheinander drei Prinzessinnen zu unterrichten, die sich nacheinander heftig in ihn verliebten, ohne dass er daraus einen nahe liegenden Nutzen gezogen hätte, denn, so erklärt die Prinzessin, »es lag dreimal so, dass er, wenn er gewollt hätte, jetzt mit zur Familie zählen würde« (147).


Winterliche Lustbarkeiten auf dem Eis

Ganz in seinem Element zeigt sich Pastor Schleppegrell bei winterlichen Lustbarkeiten auf dem Eis, mit Schlittschuh- und mit Eisschlittenfahrt: »Am imponierendsten wirkte Schleppegrell, der heute mehr einem heidnischen Wotan als einem christlichen Apostel glich; sein Mantelkragen bauschte sich über dem Krempenhut hoch im Winde, während er den Pikenstock, um die Schnelligkeit zu steigern, immer kraftvoller ins Eis stieß« (187).

Mehr Wotan als Apostel in diesem Augenblick; aber auch mehr »Weltlicher« als »Geistlicher« überhaupt ist dieser Pastor Schleppegrell. Holk attestiert ihm sogar »Eitelkeit«, um sofort anzufügen: »und Pastoren sollen in diesem Punkte nicht gerade die letzten sein« (173). Ins selbe Horn hatte selbstkritisch bereits Schwarz-koppen gestoßen, der von »kleinen Eitelkeiten« sprach, »die sonst nirgends größer sind als bei meinen pastoralen Amtsbrüdern« (37).

Ob nun von Eitelkeit bestimmt oder nicht: Pastor Schleppegrell wird von Fontane in der Weise dargestellt, dass von seinen pastoralen Geschäften und erst recht von pastoralen Ambitionen rein gar nichts erkennbar wird. Zwar glänzt er, aber er glänzt in einer anderen Disziplin und gibt den perfekten Gesellschafter. Er will und muss nicht überzeugen, am wenigsten in Angelegenheiten des Glaubens, es genügt ihm zu imponieren. Ihm gefällt, dass man Gefallen an ihm findet. Insofern stellt er, was das gelebte Verhältnis von Amt und Person betrifft, das exakte Gegenstück zu Pastor Gigas in Grete Minde dar: Wurde dessen Person gleichsam von seinem Amt verschluckt, so lässt bei Schleppegrell die Stärke der Person die Bedeutung seines Amtes völlig ins Hintertreffen geraten.


Ein Pastor strotzt vor Fehleinschätzungen

Der alte Pastor Petersen, obwohl persönlicher Seelsorger der Gräfin Christine auf Schloss Holkenäs, ist gesellschaftlich dagegen ganz unauffällig. Er taugt gerade mal zum Partner beim Whist, und Christines Bruder Arne rügt ihn dann, »dass er noch so langsam spiele, wie zur Zeit des Wiener Kongresses« (22). Petersen fühlt sich mitverantwortlich für das Glück seines Beichtkindes, leidet darunter, als es zerbricht, und unternimmt redliche Anstrengungen, das Zerbrochene kitten zu helfen. Doch schon der Brief, den er an Graf Holk in Kopenhagen richtet, um ihn zur Wiederherstellung seiner Ehe zu bewegen, strotzt vor Fehleinschätzungen. Da betont er, dass er Christine »besser als alle kenne« und bezeugen könne, wie sehr sie »noch eine rechte und echte Frauenliebe« hege und Holk gegenüber »in einer gewissen liebenswürdigen Schwäche befangen« sei (233). Das ist als Basis für einen neuen Partnerschaftsbeginn nicht eben viel und sogar in diesem bescheidenen Maß unzutreffend. Der Pastor täuscht sich in der vermeintlichen Aussicht auf seelsorgerlichen Erfolg über die tatsächliche Situation, an deren Bereinigung er sich beteiligen möchte.

Ist Petersen der gutmütige alte Pastor, der seine Einflussmöglichkeiten überschätzt, so begegnet in Schwarzkoppen der pädagogische Profi, der es vor allen Dingen vermeidet, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Aufforderungen zur seelsorgerlichen Intervention prüft er nüchtern und weicht ihnen lieber aus als sich darin zu verstricken. Diese Haltung pastoraler Selbstzurücknahme skizziert Fontane großartig in einem Gespräch zwischen Schwarzkoppen und Christines Bruder Arne.

Der Bruder betrachtet das Eheverhältnis zwischen Graf Holk und Christine mit Skepsis und möchte den pädagogisch versierten Schwarzkoppen einspannen, vor allem seiner Schwester den Hochmut auszutreiben, »weil Sie der einzige sind, der da helfen kann« (34). Auch dies allerdings mit Einschränkung: »Ich glaube, so ganz genügen Sie ihr auch nicht, weil Sie, Gott sei Dank, ohne das pietistische Kolorit von ›Blümelein und Engelein‹ sind, aber Ihr Standpunkt ist wenigstens der korrekte. Die Temperatur Ihres Bekenntnisses ist ihr nicht hochgradig genug, indessen das Bekenntnis selbst lässt sie wenigstens gelten« (34).

Schwarzkoppen widerspricht nicht, stellt sich aber auch nicht ohne weiteres zur Verfügung, weil die anzugreifende Sache »ihm ein zu heißes Eisen« zu sein scheint (36). Arne lässt freilich nicht locker und wagt Vorschläge zum strategischen Vorgehen: »Sie müssen meiner Schwester, bei dem Einfluss, den Sie auf sie haben, von der Bibelseite her beizukommen und ihr aus einem halben Dutzend Stellen zu beweisen suchen, … dass sie sich ändern und ihrem Manne zu Willen sein müsse, statt ihm das Haus zu verleiden« (36).


Die Ohnmacht eines protestantischen Geistlichen

Geschickt dreht Schwarzkoppen ab, indem er sich aufs Hypothetische und Konfessionsverschiedene verlegt: »Wenn Ihre Frau Schwester statt eine protestantische Gräfin eine katholische Gräfin und wenn ich selber statt ein Seminardirektor in Arnewiek ein Redemptoristen- oder wohl gar ein Jesuitenpater wäre, so wäre die Sache sehr einfach. Aber so liegt sie nicht. Von Autorität keine Rede. Alles rein gesellschaftlich, und wenn ich Miene machen wollte, den Seelenarzt, den Beichtvater zu spielen, so wär’ ich ein Eindringling und täte etwas, was mir nicht zukommt« (37).

Der flexible Schwarzkoppen versucht also, sich aus der Bredouille zu stehlen, indem er die Ohnmacht eines protestantischen Geistlichen hervorkehrt. Im Unter-schied zum Katholizismus mit seinem autoritären Lehramt und seinen imposanten Riten und Sakramenten hat der protestantische Pastor angeblich nichts in der Hand, um Gewissen zu leiten und in gewünschter Richtung zu bewegen: »Unsere Kirche, wie Sie wissen und wie ich zum Überfluss auch schon andeutete, gestattet nichts als Rat, Zuspruch, Bitte. Mehr oder weniger ist alles in Spruchauslegung gelegt, was dem Meinungskampfe Tür und Tor öffnet« (37f).

Unter solchen Umständen müsste die von Arne erbetene geistliche Intervention ins Leere gehen oder sich in Detailfragen der Schriftauslegung verzetteln, die ganz ohne konkrete Erfolgsaussichten sind. Der Theologe Schwarzkoppen zieht ausgerechnet seinen Protestantismus als Alibi heran für die Weigerung, theologisch-ethische Überzeugungsarbeit zu leisten. Was er am Ende zugesteht, sind »Geschichten aus meinem früheren Pfarrleben«, die er Christine erzählen und »still wirken« lassen möchte (38). Ein Schulbeispiel für pastorale Unverbindlich-keit, die sich ebenso von seelsorgerlicher Verantwortung wie von theologischer Positionalität stillschweigend verabschiedet hat.


»Effi Briest«

Heimliches Thema des Romans »Effi Briest« ist die Tragik einer progressiven Vereinsamung. Im ersten Teil schildert Fontane, wie es dazu kommt, im zweiten Teil, wohin es führt. Denn zur Vereinsamung kommt es durch eine Art naiver Fahrlässigkeit auf Seiten Effis und einer unbarmherzig funktionierenden sozialen Ächtung seitens der Lebenswelt, in der sie sich bewegt. Am Ende ist es lediglich der alte, ihr von Jugend auf vertraute Pastor Niemeyer, der ihr beisteht. Doch der kann sie auch nicht retten. Das Schicksal der »armen Effi«, wie Fontane sie nannte, erweist sich als eine Vereinsamung zum Tode.

Es ist eine Szene der Geselligkeit, mit der das Ganze beginnt. Die jugendliche Effi spielt auf Hohen-Cremmen, dem havelländischen Gut ihrer Eltern Briest, mit ihren Freundinnen, den Zwillingen des Kantors und der Tochter von Pastor Niemeyer, als sie ins Haus gebeten wird, um Landrat Instetten zu begrüßen. Instinktiv ahnt sie, was für ein Wandel ihr bevorsteht. Ein Wandel aus natürlicher Freiheit in konventionelle Gebundenheit, aus der Zwanglosigkeit in die Form, aus der Geselligkeit ins Gesellschaftliche, aus selbstverständlichen Beziehungen in ausweglose Einsamkeit. Und wie sie das früh noch vor dem Auftakt zur ehelichen Bindung empfindet, so formuliert sie es präzis ihren Freundinnen gegenüber: »Ich mag noch nicht hineingehen, und alles bloß, um einem Landrat guten Tag zu sagen, noch dazu, einem Landrat aus Hinterpommern. Ältlich ist er auch, er könnte ja beinah mein Vater sein …« (16).


Unglück der Vereinsamung

Doch genau dieser Baron Instetten ist es, der um Effis Hand anhält, der von Pastor Niemeyer als »ein Mann von Charakter, ein Mann von Prinzipien« (35) bezeichnet wird und der seine junge Frau Zug um Zug, ohne es zu wollen, aber auch ohne es zu verhindern ins Unglück der Vereinsamung treibt.

Instettens Haus in Kessin wird für Effi zu einer Folteranlage, weil es des Nachts dort anscheinend spukt und der Hausherr nicht zur Stelle ist. Die Spukwahrnehmung ist das erste Symptom einer Vereinsamungspathologie, und Instetten bringt, als er von Effi flehentlich darauf angesprochen wird, keinerlei Verständnis auf. Er bangt lediglich um seinen gesellschaftlichen Ruf: »Ich kann hier in der Stadt die Leute nicht sagen lassen, Landrat Instetten verkauft sein Haus, weil seine Frau den aufgeklebten Chinesen als Spuk an ihrem Bette gesehen hat.« Effi entgegnet, tief getroffen und schon beinahe resigniert: »Ich habe sehr gelitten, wirklich sehr, und als ich dich sah, da dacht’ ich, nun würd’ ich frei werden von meiner Angst. Aber du sagst mir bloß, dass du nicht Lust hättest, dich lächerlich zu machen, nicht vor dem Fürsten und auch nicht vor der Stadt« (80).

Was Effi empfindlich fehlt, sind Menschen, denen sie sich anvertrauen kann und die sie verstehen. Und so erklärt sie der Bediensteten Johanna gegenüber: »Ach, meine liebe Johanna, es war entsetzlich. Und ich so allein, und so jung. Ach, wenn ich doch wen hier hätte, bei dem ich weinen könnte. Aber so weit von Hause …« (76).

Effis ernüchternde Eheerfahrungen zusammen mit einer ihr eigenen naiven Fahrlässigkeit steuern ins Verhängnisvolle. Sie, die in Beziehungen aufblüht und im Alleinsein zu verkümmern droht; die Zerstreuung sucht und Langeweile fürchtet (»Zerstreuung, immer was Neues, immer was, dass ich lachen oder weinen muss. Was ich nicht aushalten kann, ist Langeweile«, 32); sie ergreift die erste sich bietende Gelegenheit, der Vereinsamung in Instettens Kessiner Haus zu entfliehen. Diese Gelegenheit heißt Major von Crampas, ist Landwehrbezirks-kommandeur und mit Instetten gut bekannt. Er gilt als »Mann vieler Verhältnisse« und als »Damenmann« (105), und Effi lässt sich von ihm und seinem Charme einwickeln, ohne ihn tatsächlich zu lieben. Sie unternimmt nichts gegen den gefährlichen Lauf der Dinge, ganz so, wie sie nach Ansicht ihrer Mutter geartet ist: »Sie lässt sich gern treiben, und wenn die Welle gut ist, dann ist sie auch selber gut. Kampf und Widerstand sind nicht ihre Sache« (216).


Korrektheit als Tugend der Adelselite

Effis Fahrlässigkeit und Instettens Prinzipientreue stoßen unversöhnlich aufeinander, und es kommt zur Katastrophe, als Instetten von den Beziehungen seiner Frau zu Major Crampas erfährt. Die Duellforderung erscheint unvermeidlich, Crampas stirbt und Effi wird von ihrem Mann, aber auch von ihren Eltern verstoßen. Gesellschaftlich geächtet verbringt sie ihre einsamen Tage in Berlin.

Die Korrektheit des Baron Instetten ist lupenrein und konsequent, aber sie erwürgt, wovon Effi lebt: Gefühl und Mitempfinden. Korrektheit ist die Tugend der Adelselite, die um einer aufrecht zu erhaltenden Ehrenordnung willen meint, sich keine Gefühlsregungen außer der Reihe leisten zu können. Insofern benimmt sich eine korrekte Prinzipientreue auch praktisch gefühlskalt und obendrein krankhaft. Crampas bringt es, seiner alten Standesehre selber entfremdet, auf den Punkt: »unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unter-werfen, solange der Götze gilt« (237).

Instetten, nachdem er seinen vermeintlichen Rivalen im Duell getötet hat, konstatiert mit einem Anflug von Selbstkritik: »alles (war) einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte, halbe Komödie. Und diese Komödie muss ich nun fortsetzen und muss Effi wegschicken und sie ruinieren und mich mit« (243). Das ist der Mensch im Käfig seiner Normen, und Effi sagt am Ende über ihn: er »war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe ist« (294).


Mitgefühl vor Ehrenhaftigkeit

Die erste und zentrale Kontrastfigur gegen die Verfechter einer Lebensordnung der strengen und lieblosen Korrektheit ist natürlich Effi selbst. Neben und mit ihr erscheint jedoch eine zweite Gestalt, die dem Mitgefühl entschieden Vorrang vor aller Ehrenhaftigkeit einräumt: Pastor Niemeyer.

Für Mutter Briest, die mit all ihren Anschauungen und Urteilen im System gesellschaftlicher Korrektheiten befangen bleibt, ist dieser Niemeyer »eigentlich eine Null« (295), eben weil er nicht nach ihren Wertmaßstäben funktioniert. Zwar trat er keineswegs als offener Kritiker der Adelsgesellschaft mit ihren angestaubten Grundsätzen auf, aber er unterläuft sie mit seinem persönlichen Verhalten. Effi behält auch nach dem Abschied von Hohen-Cremmen ihren Pastor Niemeyer in guter Erinnerung, »der immer zurückhaltend und anspruchslos war« im Unterschied zu anderen Pastoren, die »wie kleine Päpste behandelt wurden, oder sich auch wohl selbst als solche ansahen« (101f).

Natürlich vollzieht Niemeyer Effis Trauung mit Baron Instetten und findet in der Art, wie er das macht, Beifall sogar bei einem »der alten Berliner Herren, der halb und halb zur Hofgesellschaft gehörte« und geradezu begeistert erklärt: »Dieser Takt und diese Kunst der Antithese, ganz wie (Hofprediger – R.S.) Kögel, und an Gefühl ihm noch über« (36). Das rhetorische Talent ist eines, das »Gefühl« ein anderes und insgesamt wichtiger. Exakt im Gegensatz dazu lässt Fontane später einen zweiten, namentlich ungenannten Prediger in Berlin auftreten, in dessen Gottesdienst sich die vereinsamte Effi flüchtet, um Trost zu finden: »Aber ich habe nicht viel davon gehabt. Er predigt ganz gut und ist ein sehr kluger Mann. Aber es ist doch alles bloß, wie wenn ich ein Buch lese … Und wenn es auch ganz gut ist, so erbaut es mich nicht« (265f).

Vereinsamung braucht keine Gescheitheiten. Sie braucht Nähe, Mitgefühl, Freundschaft. Von Näheerfahrungen wurde Effi nachdrücklich ausgeschlossen. Instetten gab ihr den Laufpass, sogar die eigenen Eltern – die Mutter fordernd, der Vater duldend – weisen ihr die Tür. Der Brief ihrer Mutter ist kein mütterlicher Brief, sondern ein Ausfluss ihres unverrückbaren Standesbewusstseins: »wir können Dir keinen stillen Platz in Hohen-Cremmen anbieten, keine Zuflucht in unserm Hause, denn es hieße das, dies Haus von aller Welt abschließen, und das zu tun, sind wir entschieden nicht geneigt« (255).


»Mich ekelt eure Tugend«

Gefühlsverweigerung durch die eigene Mutter, das ist äußerst bitter für die »arme Effi«, aber es kommt noch ärger. Der Grad an Gefühllosigkeit in der Lebenswelt und bei den Menschen, mit denen sie zu tun hat, erreicht seinen Höhepunkt beim vollkommen missglückten Kontaktbesuch ihres leiblichen Kindes Annie. Effi hatte sich gesehnt, ihre Tochter, die beim Vater Instetten lebte, noch einmal wiederzusehen. Nach etlichen Bemühungen sollte das auch glücken. Doch was sich Effi wenigstens für Augenblicke an erlebbarer Nähe bei diesem Besuch erhoffte, schlug aus ins unerträgliche Gegenteil. Die Tochter präsentiert sich als Muster an gedrilltem Wohlverhalten. Keine Gefühlsregung. Das Kind reagiert mechanisch und antwortet auf alle Annäherungsversuche der Mutter mit einstudierten Phrasen. Bis Effi diese antrainierte Beziehungslosigkeit ihres eigenen Kindes nicht länger erträgt. Sie schickt es nach Hause und ringt um Fassung. Das versucht sie im Gebet, und was sie betet, wird zur maßlosen Klage, die sich lange angestaut hatte in ihr und jetzt ihren Lauf nimmt: »ich will meine Schuld nicht kleiner machen, … aber das ist zu viel. Denn das hier, mit dem Kind, das bist nicht du, Gott, der mich strafen will, das ist er, bloß er! Ich habe geglaubt, dass er ein edles Herz habe und habe mich immer klein neben ihm gefühlt; aber jetzt weiß ich, dass er es ist, er ist klein. Und weil er klein ist, ist er grausam … Und nun schickt er mir das Kind …, und ehe er das Kind schickt, richtet er’s ab wie einen Papagei und bringt ihm die Phrase bei ›wenn ich darf‹. Mich ekelt, was ich getan; aber was mich noch mehr ekelt, das ist eure Tugend. Weg mit euch. Ich muss leben, aber ewig wird es ja wohl nicht dauern« (275). Effi – am Ende ihrer Kräfte und ihres Weges in die Vereinsamung.


Trostreiche Nähe

An diesem Schicksal ändert auch nichts, dass die Eltern Briest die verstoßene Tochter zuletzt noch in einer Art Gnadenakt wiederaufnehmen in ihr Herrenhaus. Nur Pastor Niemeyer bildet die Ausnahme, die Effis Nähe nicht nur sucht, sondern auch findet. Sie unternehmen gemeinsame Spaziergänge im Park, den Herbst über und dann wieder im anhebenden Frühling, und bei einer Gelegenheit, als Effi »sich an Niemeyers Arm gehängt« hat, rückt sie mit einer merkwürdig klingenden, aber auch sehr persönlichen, ihr Vertrauen bezeugenden Frage heraus: »Sagen Sie, Freund, was halten Sie vom Leben?« (281).

Niemeyer zögert einen Moment und meint, dass sie da eine sehr philosophische Frage stelle, die ihn überfordere. Um dann doch ebenso ehrlich wie sibyllinisch zu antworten: »Was ich vom Leben halte? Viel und wenig. Mitunter ist es recht viel und mitunter ist es recht wenig.« – Was Effi durchaus genügt. Ja, sie springt sofort leicht »wie in ihren jüngsten Mädchentagen« zur Schaukel im Park, setzt sich darauf, schwingt sich in die Höhe und winkt dem Pastor zu »wie in Glück und Übermut«. Danach nimmt sie wieder Niemeyers Arm und sagt: »›Ach, wie schön es war, und wie mir die Luft wohltat; mir war, als flög’ ich in den Himmel. Ob ich wohl hineinkomme? Sagen Sie mir’s, Freund, Sie müssen es wissen. Bitte, bitte …‹ – Niemeyer nahm ihren Kopf in seine zwei alten Hände und gab ihr einen Kuss auf die Stirn und sagte: ›Ja, Effi, du wirst‹« (281).

Das ist der eigentliche Schluss des Romans, auch wenn er mit dieser Szene und mit diesen vier Worten Niemeyers noch nicht zu Ende ist. Aber Nähe, nach der sich Effi immer gesehnt hat und die ihr zunehmend verweigert wurde, hat sich in diesem Augenblick ereignet. Eine trostreiche Nähe, die sogar imstande ist, die Todesgrenze im Gefühl von Geborgenheit zu überschreiten.


(Fortsetzung und Schluss im nächsten Heft)

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. Reiner Strunk, Jahrgang 1941, Assistent für Syst. Theologie bei Jürgen Moltmann in Bonn und Tübingen, 1970 Promotion, 1977-1986 Studienleiter am Württ. Pfarrseminar, 1997-2003 Leiter der Fortbildungsstätte Denkendorf.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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