Zur Darstellung Jesu Christi im Film
»Jesus Christ Moviestar«

Von: Peter Haigis
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Über Jahrhunderte bestimmte eine eng an die kirchliche Theologie und Praxis orientierte Ikonografie das Bild Jesu Christi – vor allem in der Malerei, aber auch in der Literatur. Dies änderte sich, als die »schönen Künste« autonom wurden. Im 20. Jh. kam der Film als neues künstlerisches Medium hinzu, was die Probleme einer angemessenen Darstellung Jesu Christi erheblich verschärfte. Peter Haigis analysiert christologische Motive im Film und bietet Aspekte für eine theologische Interpretation an.


Schwierigkeiten mit dem Leben Jesu

»Jede Darstellung Christi muss zugleich historisch und zeitgenössisch sein. Sie muss historisch sein, weil sie die Evangelien als Vorlage hat. Man würde sonst Christus nicht wiedererkennen. Christus muss aber auch zeitgenössisch sein. Er muss die Sprache einer jeweiligen Zeit, wenn nicht sogar eines bestimmten Jahrzehnts sprechen.« So der amerikanische Theologe Harvey Cox in einem Fernsehinterview1. Cox’ Aussage bezieht sich auf filmische Darstellungen Jesu. Filme aus den 1960er und 70er Jahren wie »Jesus Christ Superstar« oder »Godspell«, die den Versuch unternehmen, Christus für die Popkultur damaliger Jugendlicher zu erschließen, erscheinen Cox Anfang der 1990er Jahre bereits wieder altmodisch.

Cox’ Aussage ist – genau betrachtet – eigentlich nichts anderes als die Grundlage jeder Hermeneutik und führt an einen kritischen Punkt grundsätzlicher Art, der durch den Einsatz des Mediums Film an Prägnanz gewinnt: Es ist relativ einfach, die Person Jesu von seiner Lebensgeschichte her zu erschließen. Jesus erscheint dann als eine prominente Figur der Weltgeschichte mit besonders nachhaltiger Wirkung. Man kann einiges an (mehr oder weniger gut belegtem) historischem Faktenwissen über ihn zusammentragen, wie über andere »Religionsstifter« auch, z.B. Moses, Mohammed oder Buddha. Man kann ihn als aufrechten und bewundernswerten Menschen beschreiben, der eine ethisch beeindruckende Überzeugung hatte und dafür mit dem Leben einstand. Diesbezüglich unterscheidet ihn nichts von Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Dietrich Bonhoeffer. Doch wie soll sichtbar und darstellbar werden, dass Jesus für den christlichen Glauben eben nicht nur Mensch, sondern zugleich »Gottes Sohn«, »Erlöser« etc. ist?

Schwierigkeiten mit der Christologie

Man kann natürlich fragen: Muss ein Film die Dimension des Glaubens überhaupt erfassen? Er kann ja auch eine rein historische Darstellung des Lebens Jesu versuchen, so gut dies anhand des zur Verfügung stehenden Quellenmaterials geht. Dann entfallen jedoch die biblischen Evangelien als Quellengrundlage, weil diese Glaubenszeugnis sind – ein Problem, dem bereits die Leben-Jesu-Forschung begegnet war. Im Medium Film wird dieses Problem nochmals verschärft, weil der Film zunächst einmal Realismus suggeriert, sofern die pure Abbildqualität filmischer Darstellungen nicht ästhetisch gebrochen wird. Eine bloße Verfilmung biblischer Texte wirkt daher nicht nur historisierend, sondern trägt erheblich zu Missverständnissen bei.

Seit der Erfindung und Etablierung der Filmindustrie hat es stets Produktionen gegeben, die die Geschichte Jesu nach den Evangelien als Stoff zur Grundlage haben. Da diese Filme in der Mehrzahl keine kirchlichen Produktionen, d.h. nicht für einen innerkirchlichen Markt gemacht sind, sondern ein breites Publikum zu erreichen suchen, stoßen sie schnell auf das eben beschriebene Grundproblem der Vermittlung der Person Jesu Christi.

Wir können daher fragen: Wie stellen sich Filmemacher der Problematik, die Geschichte Jesu Christi für die heutige Zeit zum Ausdruck zu bringen? Welchen Aufgaben und Herausforderungen stellen sie sich dabei? Wie erfüllen sie sie? Und wie können und sollen wir ihre Resultate theologisch bewerten? Was ist annehmbar? Was nicht? Was ist überhaupt filmisch umsetzbar? Und was geht im Prozess der Übersetzung möglicherweise verloren?

Die Probe aufs Exempel kann jeweils im Blick auf diejenigen Evangelienstellen gemacht werden, die als die klassischen Belege der Christologie gelten, z.B. Jesu Taufe und Versuchung, die Wunder als messianische Zeichen, das Abendmahl, Kreuzigung und Auferstehung. Gerade im Blick auf diese Stellen können wir fragen: Welches Bild von Jesus Christus wird hier vermittelt?


Christologische Aspekte im Film

Im Folgenden möchte ich einige theologische Modelle vorstellen, wie »Christus« verstanden worden ist und heute noch verstanden bzw. nicht mehr verstanden werden kann. Auf diese Weise möchte ich zugleich eine theologische Lese- und Interpretationshilfe für filmische Jesusdarstellungen bieten.

Ich werde im Folgenden ein neunteiliges Raster von »Typen christologischer Deutungsversuche« vorlegen. Ich habe es aufgrund meiner Beobachtungen und Überlegungen entwickelt. Es stellt einen aktuellen Stand dar und beansprucht weder abgeschlossen und vollständig noch überhaupt erschöpflich zu sein. Die von mir entfalteten Typen bewegen sich entlang der Orientierung, ob wir es mit einer eher supranaturalistischen oder einer eher realistischen Darstellung zu tun haben, und differenzieren dabei einige Untertypen.

Typen sind Schemata, d.h. sie kommen als solche in Reinform nicht vor, stellen aber Aspekte einer Interpretationshinsicht auf die Jesusfigur bereit, die mehr oder weniger pointiert vorgetragen oder aber auch mit anderen Aspekten kombiniert wird. Mein Raster ist der aktuelle Versuch, Beobachtetes zu sortieren und zu bewerten. Meine persönliche Wertung ist dabei unverkennbar. Die von mir aufgelisteten Typen sind für mich theologisch keineswegs gleichwertig. Darüber kann man natürlich diskutieren.


Verfilmte Andachtsbildchen

Sieht man sich ältere Hollywood-Produktionen über das Leben Jesu an, so gerät man rasch ins Schmunzeln. Sie überzeugen uns heute als Darstellungen des Jesus-Stoffes nicht mehr. Wir empfinden sie als kitschig und überzogen, manchmal sogar als lächerlich oder ärgerlich. Das hängt keineswegs nur damit zusammen, dass es sich um Produktionen handelt, die inzwischen 60-100 Jahre alt sind und deshalb einfach nicht mehr dem Geschmack unserer Zeit entsprechen. Sie sind nicht nur schlicht anachronistisch im Sinne von Cox, weil sie ein Christusbild liefern, das heute nicht mehr zeitgemäß wäre. Wir können kritisch zurückfragen, ob es jemals »zeitgemäß« war. Denn das große Problem derartiger Produktionen ist, dass sie die Evangelien in einer sehr direkten Weise zur Grundlage ihres Drehbuches machen. Sie wollen sozusagen die Texte einfach verfilmen und mit Bildern anreichern. Das geht aber notwendigerweise schief. Die Evangelien sind an sich schon Interpretation einer Geschichte und können deshalb nicht einfach für die Geschichte selbst genommen werden.

Ich unterscheide in der Kategorie der »supranaturalistischen« Typen zwischen einer filmischen Christusdarstellung, die ich »doketisch«, und einer solchen, die ich »inkarnatorisch« nenne. Der doketische Typus findet sich z.B. in dem Film »La vie et la passion de Jésus Christ« von Ferdinand Zecca und Lucien Nonguet (1903), der eine Art bewegtes Andachtsbildchen ist. »Doketisch« ist diese Darstellung insofern, als sie die Christusfigur zwar in realen Bildern vorstellt, ihr jedoch mehr übermenschliche als menschliche Züge andichtet. So etwa, wenn Jesus bei seiner Auferstehung einem Gespenst gleich wie mittels eines Fahrstuhls aus der Grab herauffährt.

Als »inkarnatorisch« bezeichne ich demgegenüber Jesusdarstellungen, die sich um eine »menschliche Einkleidung« der Erzählmotive bemühen, an entscheidender Stelle jedoch die Göttlichkeit Jesu im Sinne einer übernatürlichen Macht interpretieren. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Film »König der Könige« von Nicolas Ray (1961), ein Remake des 1927 produzierten Films gleichen Titels von Cecil B. de Mille mit deutlichen Veränderungen.


Schwierigkeiten mit der Messianität Jesu

Ray montiert die Geschichte Jesu in einen aufwändig und minutiös rekonstruierten Kontext der Historie der römischen Besetzung Palästinas. Schon von ihrer Länge her fallen die Jesus-Episoden nur als Momente eines größeren historischen Zusammenhangs ins Gewicht. Ray fokussiert die Charakterisierung der Gestalt Jesu in ihrem Bezug auf die messianischen Erwartungen des damaligen Judentums. Jesus wird für ihn zum »Messias des Friedens«, zum König der Könige, der mit seiner Liebesbotschaft die traditionellen Messiaserwartungen enttäuscht.

Dabei verzichtet Ray weitgehend auf eine Darstellung von Jesus als Wundertäter. Und doch erscheint sein Jesus von Anfang an als eine Gestalt mit einer besonderen, fast überzogenen, weil nicht nachvollziehbar entwickelten Autorität. Jesu Auftreten umgibt stets eine übernatürliche Aura, die ihn sofort zum Magneten öffentlichen Interesses macht. Seine Worte wirken – als wörtliche Schriftzitate – wie Botschaften aus einer anderen Welt. Ray will einen einfachen Jesus zeigen, doch heraus kommt gerade im Umfeld der rekonstruierten Historie eine merkwürdig überhöhte Gestalt, ein Gigant, der in der Menschenwelt und -geschichte wie ein Fremdkörper wirkt.

Die amerikanische Produktion »Die größte Geschichte aller Zeiten« von George Stevens (1965) wollte ein bebildertes Evangelium für jedermann schaffen. Um dem Problem aus dem Weg zu gehen, dass durch spezifische Interpretationen des Evangelienstoffes manche Zuschauer angesprochen, andere aber ausgegrenzt oder in ihrem Glauben sogar verletzt werden könnten, hielt man sich stur an die biblische Vorlage und setzte diese eins zu eins um – oder aber man zog sich auf anerkannte »Ikonen« der kunstgeschichtlichen Darstellung der Geschichte Jesu zurück. So wurde die Abendmahlsszene einfach dem berühmten Fresko Leonardo da Vincis nachgebildet.

Der Jesus, der hier gezeigt wird, ist zu Anfang seines Auftretens stark als Lehrmeister charakterisiert. In langen eindringlichen Dialogen gelingt es Stevens, etwas von der Persönlichkeit des Nazareners und seiner Wirkung auf Jüngerinnen und Jünger zur Darstellung zu bringen. Doch dann wendet sich das Blatt. Jesu Wundertätigkeit (gezeigt werden die Heilung eines Lahmen und eines Blinden sowie die Auferweckung des Lazarus) erweist ihn für die damalige Zeitgenossenschaft wie für ihn selbst (und auch für uns heute) als den »wahren« Christus. Besonders die Auferweckung des Lazarus wird zur Vorwegnahme Jesu eigener späterer Verherrlichung – beides in rührend naiver Übersetzung ins Filmbild gebannt.2


Jesus als »Alien«

Um die entsprechende »Werktreue« zu den Vorlagen, den Evangelien, zu wahren, muss die »übernatürliche« Seite der Geschichte Jesu in abbildbare Handlung umgesetzt werden. Wo Bilder allein zu grotesk werden, nimmt man Licht- und Schatteneffekte oder musikalische Untermalungen zu Hilfe. Das Resultat ist oftmals ein Jesus als »Alien«. Der Protagonist ist von Anfang bis Ende ein merkwürdig übernatürliches Wesen, das in übernatürlicher Weise unter den Menschen seiner Zeit wirkt, dabei beständig die Gesetze natürlicher Existenzform durchbricht und so für einen ausgesparten »heiligen« Raum in der Geschichte sorgt, in welchem Menschen in besonders dichter Weise mit dem übernatürlichen Wunderwirken Gottes konfrontiert gewesen sein sollen. Die menschliche Seite der Geschichte Jesu wird dabei oftmals vernachlässigt oder von der »überirdischen« Erscheinung Christi vollständig verdrängt.

In genau diese Schwachstelle stößt die britische »Monty-Pythons«-Produktion »Das Leben des Brian« (1979) – ein keineswegs blasphemischer Film, sondern eine Parodie auf jene Hollywood-Produktionen. Mit scharfer Munition nimmt sie die Lächerlichkeit dieser Jesus-Adaptionen ins Visier. Nach Regisseur Terry Jones ist die Annäherung Hollywoods an die Jesus-Geschichte selbst eine Verwechslungskomödie – so wie »Das Leben des Brian« auch.3


Transzendente Erlösergestalten als implizite Christusfiguren

Aus dieser Not eine Tugend machen all jene Produktionen, die von vorneherein überhaupt nicht beanspruchen, eine reale, historisch mögliche Story zu erzählen. In wissenschaftlich-rationaler Hinsicht haben wir zwar Probleme mit dem Supranaturalismus. Allerdings haben wir uns angewöhnt, ihm ein spielerisches Schlupfloch zu lassen: »Science-Fiction« oder »Fantasy«. Vieles, nahezu alles ist möglich, was es in der sog. »wirklichen« Welt nicht gibt und auch nicht geben kann: Fantasiewesen, Zauberer, Dämonen, Chimären etc. Sich in ihrer Mitte einen Gottmenschen vorzustellen, macht keine Probleme, ist theologisch aber auch nicht sonderlich attraktiv. Hier wäre Christus tatsächlich in schlechter Gesellschaft, denn Science-Fiction und Fantasy leben von der Unwirklichkeit ihrer Stoffe und vom Wissen um diese Unwirklichkeit.

Eine explizite Christusdarstellung dieser Art brauchen wir nicht zu suchen. Aber es lassen sich leicht Filmbeispiele anführen, die christologische Motive aufgreifen und implizit verwerten, um eine übernatürliche Erlösergestalt zu modellieren. Der übernatürliche Held – nach Art eines »Terminators« oder »Superman« gestrickt – zieht klassische Motive religiösen Erlösungsglaubens an sich: das duale Weltbild, in dem Gut und Böse relativ leicht auseinander fallen; die Personifizierung des Bösen, die den Umgang mit ihm bis hin zu seiner vollständigen Vernichtung erleichtert; die Unbescholtenheit des erlösenden Retters; seine Ausstattung mit übernatürlicher Kraft; seine nur scheinbare, jedenfalls nie wirklich lebensgefährliche Folgen zeitigende Verwundbarkeit; und schließlich der endgültige Sieg des guten Helden über die Armeen des Bösen.

Abgesehen von theologischen Einzelfragen, die man an dieses Schema herantragen kann – ich bin davon überzeugt, dass es sich bei solchen modernen Erlösungsgeschichten stets um Vereinfachungen und Verzerrungen ihrer religiösen Originale handelt, die einer kritisch theologischen Betrachtung nicht standhalten können – bleibt der schon erwähnte schlechte Nachgeschmack, auf diese Weise vielleicht etwas zur Unterhaltung, keineswegs aber zum besseren Verständnis des Christusbekenntnisses beigetragen zu haben.


Jesus als Lehrer

Von den »supranaturalistischen« Typen lassen sich als Gegenmodelle die »realistischen« unterscheiden. Sie haben gemeinsam, das Christushafte als ein zufälliges Attribut des Menschen Jesus von Nazareth oder als ein bestimmtes Charakteristikum menschlichen Lebens und Handelns überhaupt erscheinen zu lassen. Sie betonen in jedem Fall die menschliche Seite Jesu und deuten Christologie in menschlichen Kategorien. Drei Beispiele können wir uns vor Augen führen.

Die älteste Variante ist diejenige, Jesus als Weisheits- und Thoralehrer zu verstehen. Das hat auch in der christlichen Tradition seinen Platz – von der liberalen Theologie des 19. Jh. bis zur Gegenwart. Beispiele gibt es von Adolf von Harnack bis zu Jörg Zink – und es gibt sie reihenweise in Jesus-Filmen. Die schon erwähnte Produktion »Die größte Geschichte aller Zeiten«, aber auch Pier Paolo Pasolinis berühmtes »Evangelium nach Matthäus« (1964) stellen Jesus in einer durchaus überzeugenden Weise als Lehrer vor. Überzeugend sind sie für mich deshalb, weil sie sich ausreichend Zeit lassen, um zu schildern, wie Jesus von Nazareth einen kleinen Kreis von Jüngern um sich scharte, die er dann Schritt für Schritt in die Weisheiten seiner Lebensschule einwies.

Der Interpretationsansatz »Jesus als Lehrer« hat seine Stärken. Er gibt weiten Teilen der Evangelienüberlieferung Recht und tut dem tradierten Lebenswandel Jesu von Nazareth Genüge, der in den klassischen Glaubensbekenntnissen so sträflich zugunsten der Heilsbedeutung Christi vernachlässigt wurde. Tatsächlich weicht eine christologische Deutung, die sich auf Jesus als Lehrer beschränkt, aber dem schwerer vermittelbaren Aspekt der Heilsbedeutung Christi aus – es sei denn man versteht das, was dem Menschen zum Heil dienen kann, schon als vollständig erfasst in dem, was ihm an Wohltaten durch ein aufrichtig gelebtes Menschendasein widerfahren kann. Dann darf sich der Fokus der Betrachtung aber nicht nur auf Jesu Lehre im engeren Sinne beziehen, sondern muss auch Aspekte seiner gesamten Lebensgestaltung aufnehmen.


Jesus als ethisches Vorbild

In diesem erweiterten Sinn versteht die zweite Variante realistischer Christusdeutungen Jesus als Vorbild. Für sie ist Jesus gerade darin der Christus, dass er den Menschen ein vorbildliches Ideal eigener Lebensführung angeboten hat. Selbstverständlich gibt Jesus in seinem Umgang mit den Armen und Schwachen der Gesellschaft, in seiner Begegnung mit Kranken und Behinderten, in seiner Stellungnahme zu Gewalt und Frieden etc. eine Fülle von ethischen Anregungen. Auch hierfür ist Pasolinis Jesusfilm charakteristisch – gerade vor dem Hintergrund, dass er den »wahren Jesus« in seiner ethisch wegweisenden Menschlichkeit von allen kirchlich-dogmatischen Übermalungen freilegen wollte.

Man kann einer solchen Interpretation nicht vorschnell entgegenhalten, sie würde die Heilsbedeutung Jesu Christi – und damit den Kern des christologischen Bekenntnisses – übergehen. Immerhin kann man die Heilsbedeutung ja darin finden, dass hier ein Mensch voll und ganz so lebt, wie Menschen aus Gottes Kraft nach seinem Willen leben sollen. Das Heil besteht dann gerade in der Orientierungsgewissheit, die den Menschen im Vorbild Jesu gegeben wird.

Die Interpretation Jesu Christi als das dem Menschen gegebene Vorbild zur Lebensgestaltung hat jedoch einen Schönheitsfehler, der allen historischen Vorbildern eignet und etwas mit dem Grundprinzip der Geschichte oder – sagen wir es philosophisch – mit der geschichtlichen Existenz des Menschen zu tun hat. In dem Maße, in dem Jesus als eine historische Figur ernst genommen wird, kann und muss man seine Relevanz für den Menschen des 20. Jh. relativieren: Was hat schon ein jüdischer Zimmermannssohn aus einer antiken palästinischen Agrargesellschaft mit uns Europäern zu tun, deren Leben nicht nur von Konflikten bestimmt ist, die aus den Merkmalen einer postindustriellen Zivilisation erwachsen, sondern zugleich von Prinzipien geleitet ist, die der antiken Welt in dieser Form gänzlich fremd waren. M.a.W.: zeitgenössische Vorbilder wären unter Umständen geeignetere Orientierungsschablonen als ausgerechnet dieser Jesus von Nazareth damals.

Der Film »Jesus von Montréal« von Denys Arcand (1989), ein sehr vielschichtiges und raffiniertes Werk, das gleich noch zu besprechen ist, entgeht diesem Vorwurf durch eine Aktualisierung all jener Handlungs- und Entscheidungssituationen, in denen der Jesus von damals in eine analoge Jesusfigur von heute überführt wird. Die Überzeugungskraft dieser Aktualisierungen wird man im Einzelfall diskutieren müssen.



Anonymer Christus

Aus den genannten Gründen versucht ein weitergehender realistischer Typus christologischer Deutung das Christusgemäße von der Persönlichkeit Jesu von Nazareth abzukoppeln und nicht als Charakterzug oder Verhaltenseigenschaft einer historischen Person, sondern als Funktion zwischenmenschlichen Handelns zu interpretieren. Das bedeutet, dass Christus nicht in einem bestimmten ethischen Vorbild oder Idol zu erkennen ist, sondern dass er sich je und dann dort verwirklicht, wo Menschen in seinem (nämlich: Christi) Geist handeln und leben.

Der Unterschied zum vorherigen Typ ist deutlich: Jesus heißt nicht deswegen »Christus«, weil er ein besonders vorbildlicher Mensch wäre, dessen Beispiel es nachzueifern gilt. Vielmehr ereignet sich das Christus-Sein überall dort, wo Menschen einander zum »Christus« werden. Man kann dieses »Christushafte« näher bestimmen, z.B. als Prinzip der Nächsten- und Feindesliebe, als Prinzip der Schuldvergebung oder als Prinzip der Selbstverleugnung. Im Unterschied zum ethischen Vorbild geht es hier nicht darum, aus der Person Jesu und seiner Lebensgestaltung eine Richtlinie für das eigene moralische Verhalten zu gewinnen, sondern darum, eine bestimmte Bewusstseinshaltung als die grundlegende Steuerungsinstanz menschlichen Verhaltens und Handelns zu definieren.

Eine der raffiniertesten Christusdarstellungen dieser Art lässt sich in der bereits erwähnten kanadischen Produktion »Jesus von Montréal« entdecken. Die Hauptfigur, ein junger Schauspieler und Regisseur, soll die örtlichen, alljährlich stattfindenden Passionsspiele der katholischen Kirche etwas auffrischen. Er bietet dem Publikum schließlich eine Art historisch-kritische Heranführung an die Person Jesu von Nazareth. Doch die theologisch interessanten Passagen des Filmes ereignen sich abseits dieser revidierten Passionsspiele, in deren Aufführungen der Protagonist selbst die Rolle Jesu übernimmt. Denn mit zunehmender Beschäftigung mit diesem Stoff beginnt sich sein eigenes Leben zu verändern. In einer Reihe von Situationen wird der »Held« in impliziter Weise in Ereignisse oder Herausforderungen verstrickt, die ihn als »anonymen Christus« ausweisen, weil sich in seinem Verhalten Christushaftes ereignet. So widersteht er dem »teuflischen« Angebot (s)eines Anwalts, sein Talent in ökonomisch einträglichere und populärere Produktionen zu investieren, oder er demoliert die Ausrüstung einer Produktionsfirma, die beim Casting für den neuesten Werbespot eine Schauspielerkollegin zu einer entwürdigenden Selbstdarstellung zwingen will.

Am Ende erliegt »Jesus von Montréal« den Verletzungen eines Tumultes, der sich während einer seiner Passionsaufführungen ereignet und in den er völlig schuldlos hineingezogen wird. Doch auch nach seinem Tode dient er anderen Menschen, indem er ihnen durch eine Organspende zu einer neuen Lebenschance und Lebensqualität verhilft. Dank einer entsprechenden Augenverpflanzung wird nicht nur ein blinder Junge sehend, sondern zugleich wird dessen Leben durch die freiwillige »Aufopferung« (Hingabe) eines anderen in neuer Qualität möglich. Auch so lassen sich Auferstehung und stellvertretender Tod deuten!


Der gute Mensch von Nazareth

Trotz ihrer eindrücklichen Übersetzungskraft im Kontext der Moderne haben alle »realistischen« Typen der Christusdeutung ein unübersehbares Manko. Letztendlich laufen sie entweder auf die ethische Vorführung des »guten Menschen von Nazareth« oder auf die christologische Heiligsprechung der klassischen »Gut Mensch«-Story hinaus.

Ganz abgesehen davon, dass das hohe Ideal der Lebensgestaltung Jesu von »Normalsterblichen« kaum zu erreichen ist und erhebliche Frustrationserfahrungen zurücklassen dürfte, gehen beide Deutungsversionen an zwei fundamentalen Tatsachen unserer Lebenswirklichkeit vorbei. Die eine dieser beiden Tatsachen wurde u.a. von Bertolt Brecht in seinem Drama »Der gute Mensch von Sezuan« traktiert – dass man nämlich in unserer Gesellschaft in aller Regel nicht zugleich gut sein (sprich: gut handeln) und gut leben könne. Insofern sich der gute Mensch von Nazareth vom anderen (Brecht’schen) »guten Menschen« hinsichtlich dieser Aporie nur wenig unterscheidet – er endet immerhin am Kreuz –, wird der christologische Vorbildcharakter deutlich relativiert.

Die zweite Tatsache ist die, dass dieser Lebensvollzug nicht nur der Gefahr äußerlichen Scheiterns ausgesetzt ist, sondern bei seiner vorbehaltlosen Anerkennung überall dort, wo er nicht eingelöst wird, das Gefühl der Schuld und des Versagens zurücklässt. Damit steht die Frage im Raum, ob in der Christologie tatsächlich nur der Antrieb zum gerechten und gottgefälligen Handeln und Verhalten liegt, oder ob Christologie nicht vielmehr mit der Grenzerfahrung des Eben-Nicht-Könnens, des Sich-Gerade-Nicht-Bewährens zu tun hat. Christologie als Orientierungsgewissheit oder als Motivation gerechten Handelns würde in – traditionellen dogmatischen Termini ausgedrückt – die vollständige Abtrennung der Soteriologie von der Christologie bedeuten. »Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen« – Was aber, wenn dieses strebende Bemühen scheitert oder sogar von vorne herein zum Scheitern verurteilt ist? Ereignet sich Christus auch dort, wo das Prinzip des guten Menschen zusammenbricht?



Jesus als Prophet

Als »vermittelnd« möchte ich jene christologischen Deutungen bezeichnen, die weder die menschliche Seite Jesu Christi zugunsten der göttlichen vernachlässigen noch die göttliche Seite zugunsten der menschlichen aufgeben. Während die »supranaturalistischen« Typen ein übermenschliches Gottwesen in die menschliche Umgebung der Geschichte Jesu hineinprojizieren, das sich der Erfassung durch Kategorien zeitgenössischer Wirklichkeitssicht weitgehend entzieht, lösen die »realistischen« Typen die Christusseite vollständig in zwischenmenschlich fassbare Aspekte auf. Die »vermittelnden« Typen versuchen dagegen, den Menschen Jesus von Nazareth ernstzunehmen, um gerade an seinem konkret-historischen Erscheinungsbild eine Dimension des Göttlichen darzubieten, die den Menschen Jesus in einzigartiger Weise durchdringt und zugleich transzendiert.

Wie bereits zuvor können wir auch hier mit einer vergleichsweise klassischen Deutungsperspektive beginnen: Jesus als Prophet. Diese Deutung der Person Jesu Christi ist so alt wie das Christentum und die Reflexion über die Bedeutung Jesu für den christlichen Glauben selbst. Möglicherweise legt sie sich schon durch das Selbstverständnis Jesu nahe. Die Evangelien bieten immerhin einige Anhaltspunkte dafür, dass sich Jesus in der Tradition der altisraelitischen und jüdischen Propheten gesehen haben könnte.

Ich erspare es mir an dieser Stelle, auf einzelne Filmbeispiele zu verweisen. Prophetische Christuselemente gibt es in vielen Jesusverfilmungen. Als ein besonders konsequentes Beispiel kann das Musical »Jesus Christ Superstar« gelten, das von Norman Jewison 1973 verfilmt (und in die Hippiekultur hinein aktualisiert) wurde. Konsequent ist diese Version in zweierlei Hinsicht: Einmal weil sie medienkritisch an die Geschichte Jesu herangeht. Jesus hatte damals sozusagen die falsche PR-Beratung. Er müsste heute auftreten, um seine Messianität wirksam ins Bild und in Szene zu setzen, wie ihm Judas vorwirft. Doch Gott schweigt im Angesicht von Vietnamkrieg und Biafra. Zum andern ist es konsequent, dass dieser schwache und unscheinbare, aber prophetische Christus am Ende auch das Schicksal unbequemer Systemkritiker erleidet und stirbt. Eine Auferstehung zeigt »Jesus Christ Superstar« nicht, wenngleich sich der Film am Ende auf Andeutungen verlegt, die man in dem Sinne deuten kann: die Sache Jesu geht weiter.


Jesus als Symbol Gottes

Es ist unbestreitbar, dass der christologische Aspekt der Person Jesu zu einem guten Teil unerschlossen bleibt, wenn man Jesus lediglich als Propheten deutet. Denn die anderen Propheten, in deren Gemeinschaft Jesus dann steht, tragen den Ehrentitel »Christus« ja keineswegs und können ihn auch kaum beanspruchen. Die besondere christologische Note im prophetischen Erscheinen Jesu käme erst dann zum Zuge, wenn man zugeben wollte, dass sein Erscheinen in einer ganz besonderen Weise gottverbunden ist, wie das für die anderen Propheten so nicht gesagt werden kann. Jesus wäre dann Christus, nicht weil er Prophet Gottes ist, sondern weil er unter allen Propheten Gottes in einer ganz besonderen und unverwechselbaren Weise auftritt.

In Jesu Erscheinungsbild, das äußerlich zutreffend mit dem Wort »prophetisch« umschrieben werden kann, liegt zugleich eine einzigartige Kongruenz mit dem, in dessen Namen er spricht. Jesus verkörpert sozusagen das Wesen Gottes unter uns Menschen, er ist das wahre Bild Gottes. Das ist der eigentümliche Akzent jeder »symbolischen« Christologie. Der symbolische Bezug schließt dabei – ebenso wie bei den Propheten – nicht nur Worte und Taten, sondern das Leben in seiner gesamten Gestaltung mit ein. Der entscheidende Unterschied zum Prophetenamt liegt indessen im Bedeutungsgehalt des Offenbarten: Während die Propheten Gottes Willen für eine bestimmte historisch begrenzte Situation mit historisch ebenso begrenzten Entscheidungsträgern kundtaten, offenbart Jesus als der Christus Gottes Wesen in einer umfassenden, d.h. generellen und universalen Art.

Auf eine sehr eindrückliche Weise bringt diese symbolische Christologie für mich Pasolinis Verfilmung des Matthäusevangeliums zur Geltung. Die Inszenierung ist insgesamt schlicht gehalten. Selbst Wunder werden in einer fast unauffälligen Weise erzählt. Auf eine ausdrückliche historische Einbettung wird weitgehend verzichtet. Die Handlung könnte so auch in armen ländlichen Gegenden Süditaliens spielen. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die von einer Handkamera geführten Einstellungen, die Laiendarsteller verstärken den alltäglichen Charakter der Darstellung. Jesus überzeugt als Christus durch seine liebevolle Zuwendung zu zerstörten und verlorenen menschlichen Existenzen. Von ihm geht eine auratische Kraft aus, die neues Leben schafft. Der Film lässt durch lange Einstellungen, eindringliche Porträtaufnahmen und sparsam eingesetzte (biblische) Dialoge Raum für die Darstellung von Innerlichkeit und trägt damit einem wesentlichen Aspekt von Religiosität Rechnung, der dem Film als Medium äußerer Bilder zunächst zuwiderläuft. Pasolinis Christusversion ist ein Sozialevangelium, doch lässt er Christus in dieser Rolle nicht aufgehen.

Andere Beispiele symbolischer Christologie sind in dem bereits erwähnten Film »Jesus von Montréal«, aber auch in »Godspell« von David Greene (1973) enthalten, wo Christus in der Gestalt eines Clowns aufgefasst wird. Die Figuren des Plots ebenso wie zahlreiche Musicalelemente sorgen von vorneherein für eine Rezeption, die über die historisierende wie aktualisierende Perspektive hinaus zwingt und fragen lässt: Was für ein Mensch ist dieser Christus und – wenn er wirklich Christus ist – was für ein Gott wird in ihm sichtbar?


Jesus Christus als Grenzfigur

Neben der symbolischen Christologie, die sozusagen in der Person Jesu Christi ein Fenster in Richtung des an und für sich unsichtbar und undarstellbar bleibenden Gottes öffnet, ist noch ein weiterer vermittelnder Typus von Christusdeutungen zu nennen, der die symbolische Seite notwendig ergänzt. Ich möchte ihn als den Typus »kritischer Christologie« bezeichnen. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er die grundsätzliche Konfliktsituation der Beziehung von Mensch und Gott ernst nimmt. Jede Vermittlung wäre unvollständig, wenn sie nicht auch den Unterschied und Abstand der zu vermittelnden Momente beachten würde. Mensch und Gott sind eben nicht Teil ein und desselben Beziehungskontinuums. Bei aller menschlichen Rede von Gott bleibt Unaussprechliches zurück. Bei aller Erkenntnis des Wesens Gottes bleibt dieses dem Menschen doch auch rätselhaft und geheimnisvoll. Gottes Wille ist für den Menschen eben nicht zu ergründen. Seine Präsenz in unserer Lebenswirklichkeit ist unbeweisbar und unerzwingbar. Sie bleibt stets Gegenstand des Glaubens und damit ein Wagnis, der Anfechtung und dem Zweifel ausgesetzt.

Es liegt nahe, diesen kritischen Aspekt auf die vermittelnde Gestalt Jesu Christi selbst zu beziehen. Jesus Christus ist ja nicht nur eine Brücke für unsere Gotteserkenntnis, er demonstriert zugleich die Grenze des im Blick auf Gott Menschenmöglichen. Jesus Christus wird damit zu einer exemplarischen und einzigartigen Grenzfigur. Das Christusattribut verweist darauf, dass das menschliche Leben Jesu von Nazareth jener äußersten Grenzerfahrung ausgesetzt ist, die dem Menschen in der Begegnung mit Gott oder dem Heiligen zugemutet wird. Jesu Leben musste sich unter der Gewalt der einzigartigen Versinnbildlichung Gottes, der er diente, vollständig erschöpfen. Das Kreuz ist in dieser Perspektive nicht (nur) als notwendige irdische Konsequenz eines Lebens zu verstehen, in dem sich Gott auf radikale Weise mit den Armen, Schwachen und Wehrlosen in einer Gesellschaft identifiziert (symbolische Christologie). Es stellt vielmehr den Tiefpunkt der Erschöpfung eines Lebens dar, das die Nähe und Dichte des Heiligen als Last in die eigene Existenz aufgenommen hat.

Ein häufig missverstandener Film, der diesen Aspekt kritischer Christologie nicht nur aufgreift, sondern zum Thema seiner Christusdarstellung macht, ist Martin Scorseses »Die letzte Versuchung Christi« (1988). Ich persönlich halte Scorseses Film für ein zutiefst religiöses Werk. Wer sich an der Versuchungsvision am Ende stört, in der Jesus sein Kreuz auf Golgatha verlässt, um mit Maria Magdalena ein beschaulich-biederes Familienleben zu führen, hat nicht verstanden, worum es in dieser »letzten Versuchung« geht. Der Film macht dank seiner Darstellungsmittel, auch Phantasien abbilden zu können, ernst mit der Vorstellung, Jesus könnte den spottenden Aufrufen, er solle doch vom Kreuz herabsteigen, Folge leisten. Er könnte fliehen und sich in ein Leben zurückziehen, das fortan nur noch dem privaten Glück gewidmet ist. Dies ist die Versuchungsvariante des Films, der sich darin als ausgesprochen getreue Verfilmung des Romans von Nikos Kazantzakis »Die letzte Versuchung« erweist. Und Kazantzakis’ Thema ist – nebenbei – die ausführliche romanhafte Erörterung eines uralten theologischen Problems: des Widerstreits der menschlichen und göttlichen Natur in Jesus, der der Christus ist.

In praktischer Hinsicht hat die kritische Christologie vor allem zwei wichtige Konsequenzen: Sie dient einmal als Warnung gegenüber jeglicher (Selbst-)Vergottung des Menschen. Im Verweis auf Jesus den Christus erinnert sie daran, dass nur einer das Gottsein Gottes unter den Menschen verkörpert hat und dass gewissermaßen der Preis dafür seine Bereitschaft war zu sterben. So wird Jesus Christus zum kritischen Maßstab einer selbstgefälligen Herrschsucht des Menschen, die im Gewand der Pseudogöttlichkeit daherkommt.4 Die zweite Konsequenz ist die Entlastungsfunktion, die Jesus als Christus dabei für den Menschen wahrnimmt. Stellvertretendes Leiden und Sterben erhält im Kontext kritischer Christologie einen neuen Sinn: Weil Jesus von Nazareth die Schwere des Heiligen, die ganze Last der einzigartigen symbolischen Vergegenwärtigung des Göttlichen auf sich genommen hat, brauchen wir sie nicht stets von neuem zu leisten.


Anmerkungen:

1 In dem Fernsehfeature »Jesus Christ Moviestar – Der Heiland im Kino« von Ray Bruce und Martin Goodsmith (deutsche Fassung: NDR 1993).

2 Zum inkarnatorisch-supranaturalistischen Typus zähle ich auch Mel Gibsons bluttriefendes Epos »Die Passion Christi« (2004).

3 In dem in Anm. 1 zitierten Film sagt Terry Jones, dass für viele Filme dieses Genres eine sehr eigenartig langsame und getragene Sprache der Protagonisten auffällig sei, die dem Zuschauer permanent signalisieren soll, es mit einer »heiligen Zeit« zu tun zu haben.

4 In diesen Zusammenhang gehören auch implizite Christusbezüge, die kritisch aufgedeckt werden – so z.B. in Michael Ciminos »Der Sizilianer« (1987). Es handelt sich um eine süditalienische Mafiageschichte, in der sich der Held Giuliano als Freiheitskämpfer engagiert und in Robin Hood zum Rächer und Anwalt der Ausgebeuteten wird. Sein Erfolg und sein Ruhm steigen ihm immer mehr zu Kopf und er wird zu einer Erlösergestalt per se mit raffinierten Christusanalogien. In einer Schlüsselszene gegen Ende des Films versucht Giuliano, durch die Entführung eines Kardinals die Kirche in seine Gewalt zu zwingen und erntet bittere Kritik, als ihm der entführte Kardinal ins Gesicht sagt: »Es gibt nur einen Erlöser – und du bist nicht er«.

 

Über die Autorin / den Autor:

PD Pfarrer Dr. Peter Haigis, Jahrgang 1958, Studium der evang. Theologie, Philosophie, Neueren deutschen Literatur und Medienwissenschaften in Berlin, Marburg und Tübingen, Pfarrer der württ. Landeskirche, seit 2007 Schriftleiter des »Deutschen Pfarrerblatts«.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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