Eine kleine Praktische Theologie des Geburtstags
»Wie schön, dass du geboren bist …«

Von: Markus Schmidt
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Alltagspraktisch spielt der Geburtstag – ganz gleich, ob er rund ist oder zwischen den großen Jubiläen liegt – eine bedeutende Rolle. Umso verwunderlicher, dass er – abgesehen vom Geburtstagsbesuch bei Hochbetagten – in der kirchlichen oder pfarrberuflichen Praxis kaum eine Rolle spielt. Dem entspricht eine markante Leerstelle in Theorieentwürfen Praktischer Theologie. Markus Schmidt will diesem Mangel mit einer kleinen Praktischen Theologie des Geburtstags abhelfen.

Peter Zimmerling zum 60. Geburtstag


»Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst. Wie schön, dass wir beisammen sind, wir gratulieren dir Geburtstagskind.« Diese bekannten Verse des Liedermachers Rolf Zuckowski (*1947) aus seinem gleichnamigen Lied (»Wie schön, daß du geboren bist« im Album »Radio Lollipop«, 1981)1 sind mir seit jungen Kindertagen im Ohr. Sie klingen bis heute als Refrain meiner eigenen Geburtstage.

»Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst«. Manchen mag das zu kitschig wirken, denn die formulierte Schlussfolgerung ist nicht ganz logisch: Wie soll man denn jemanden vermissen, der nie geboren wurde, der als Person nicht existiert bzw. existiert hat? Vermisst würde höchstens eine vorgestellte, eine gewünschte Person, aber keine reale. Und der schmerzhafte Fall von ungeboren gestorbenem Leben, an welchen dessen Eltern bei diesem Lied erinnert werden, betrifft nicht das Vermissen einer nie dagewesenen, sondern eben einer realen, aber noch unbekannten Person.

Ähnlich geht es denen, die anlässlich eines Geburtstages ein Geschenk machen möchten, jedoch nur eine Blume am Grab ablegen oder mit einem Erinnerungsfoto an des oder der Verstorbenen gedenken können. Eben nur eine Person, eine Sache oder ein Ereignis, womit schon einmal Kontakt aufgebaut worden war, kann wirklich vermisst werden. Diese Philosophie des Vermissens verarbeitet Theodor Fontane (1819-1898) in seinem Gedicht »Würd’ es mir fehlen, würd’ ich’s vermissen« (1889)2, übrigens ein Text seiner Alterslyrik, vor einem runden Geburtstag verfasst.

Aber über all das machen sich die mit den eingangs zitierten Worten Jubilierenden und Jubilierten meistens keine Gedanken – zurecht, denn Poesie ist wie die Liebe nicht immer logisch und die philosophischen Implikationen jenes Refrains zeugen, auch wenn sie nicht expliziert werden, von reiner Liebeskraft.

Der Erfolg des populär gewordenen Liedes liegt in der Liebeserklärung an das Geburtstagskind, dass es in dessen Fehlen über alle Maßen vermisst werden würde. Das ist kein Kitsch. »Wir hätten dich sonst sehr vermisst« heißt: »Ohne dich gäbe es eine riesige Leerstelle«.3 Es wird eine Grunderfahrung des Geburtstages – die Erfahrung von Jubilierenden und Jubilierten – benannt: dass mitten im Leben dessen Grenzen berührt werden.


Eine Leerstelle

Diese existentielle Geburtstagserfahrung, die sich im Dank für eine Person bzw. für das eigene Leben spiegelt, müsste nun ein Gegenstand praktisch-theologischer Reflexion sein, so sollte man meinen. Doch dem ist nicht so. Praktische Theologen pflegen über Geburtstage zumeist zu schweigen.4 Eine Praktische Theologie des Geburtstages ist nie geschrieben worden, aber auch in der allgemeinen theologischen Literatur findet sich fast nichts. Selbst die monumentale Theologische Realenzyklopädie verzeichnet in ihrem Gesamtregister keinen einzigen Hinweis. Der grandiose Artikel in der Realenzyklopädie für Antike und Christentum bleibt naturgemäß historisch.5

Wenn sich Theologinnen und Theologen zum Anlass von Geburtstagen äußern, dann als Gratulanten oder Gratulierte, als vom Anlass Betroffene, Berührte. Das überrascht nicht, es ist eben menschlich. Aber die Äußerungen der Theologen werden, wenn sie eine gewisse Berühmtheit erlangt haben, dokumentiert. Dass beispielsweise Dietrich Bonhoeffer seiner Mutter gratulierte (einer der letzten Briefe aus seiner Haft),6 ist bestens bekannt, ebenso wie die Finkenwalder Kandidaten ihm zum Dreißigsten gratulierten.7 Doch solche Dokumentationen verschleiern etwas, nämlich dass Bonhoeffer, wie andere Theologinnen und Theologen auch, es regelmäßig tat, zu gratulieren, und regelmäßig annahm, beglückwünscht zu werden. M.a.W.: Geburtstage sind so regelmäßig und normal, dass sie jeden betreffen. Wahrscheinlich ist also der Geburtstag zu menschlich, als dass darüber reflektiert werden müsste. Oder ist er zu wenig christlich, um des theologischen Kommentars zu bedürfen?


Geburtstagsfeiern abgelehnt!

Es lastet noch eine Hypothek auf dem Geburtstag als Feier: In der christlichen Antike wurde sie von namhaften Theologen wie Tertullian, Origenes, Ambrosius, Augustinus abgelehnt.8 Die zeitgenössischen Feierinhalte und -formen waren nicht akzeptabel. Das änderte sich aber schon an der Wende zum 5. Jh., also zeitgleich zu Augustinus. Und bereits für das 6. Jh. sind liturgische Formulare in Rom für Messen anlässlich von Geburtstagen bezeugt.9 Es verankern sich im kirchenjahreszeitlichen Kalender auch drei Geburtstagsfeste: die Geburt Mariens (8. September), die Geburt Johannes des Täufers (24. Juni) und schließlich die Geburt des Heilandes und menschgewordenen Gottes selbst (25. Dezember).

Doch alle anderen kirchlichen Gedenktage sind Todestage und liturgische Kalender verzeichnen davon unendlich viele. Die antike christliche Bewertung des Todestages eines Märtyrers als dessen wahren Geburtstages (dies natalis martyrum) zeigt,10 dass man im irdischen Leben noch lange nicht am Ziel ist und das wahre Leben vor sich hat. Diese Einsicht, die dazu führte, die kirchlichen Kalender beim Gedenken an Heilige oder namhafte Personen, auch wenn sie keine Märtyrer sind, an deren Todestagen auszurichten, hilft zu entdecken, dass wir selbst an Geburtstagen nicht uns selber feiern.11


(K)ein Tag wie jeder andere

Es gibt einen Tag im Kirchenjahr, dem in der zivilreligiösen Gefühlswelt wie in der gottesdienstlichen Praxis ein ähnliches Gewicht beikommt wie dem Geburtstag: Es ist der 1. Januar als »Geburtstag« des neuen Kalenderjahres, den man freilich im Zusammenhang mit dem 31. Dezember (Altjahrsabend) sehen muss, ein Doppeltag gewissermaßen. Die Feten und Feste zum Alt- und Neujahr, kurz zum Jahreswechsel, lassen hin und wieder eine Frage sowie eine Feststellung hörbar werden: »Warum eigentlich heute? Dieser Termin ist doch rein willkürlich gesetzt.«

Weniger willkürlich gesetzt ist der Termin des Geburtstages; dennoch könnte an jedem beliebigen Tag im Jahr ein »gutes neues Lebensjahr« gewünscht werden. Gleichwohl machen schon die beiden Tage des Jahreswechsels deutlich, dass um die Energie eines Jahresfestes kaum jemand herumkommt und nur wenige entziehen sich ihrer. Im Gegenteil: So stehen in Lektionaren und Agenden schon lange die Bezeichnungen »Neujahrstag« und »Altjahrsabend« und die eigentlichen Bedeutungen des 1. Januars als Tag der Beschneidung und Namensgebung Jesu12 und des 31. Dezembers als Heiligengedenken Silvesters von Rom sind längst verschüttet (daran konnte die röm.-kath. Re-Formulierung des 1. Januartages als Hochfest der Gottesmutter auch nichts ändern). Alljährliche Neujahrspredigten zu Jahreslosungen, Jahresausblicke nach den Rückblicken am Vortag sind kaum zu umgehen; und wer »Silvester« feiert, feiert selten einen Papst.

Kurzum: Im Kreislauf des Lebens sind Feste, die dessen Anfang feiern, dringend. Allein aber um einen Kreislauf handelt es sich nicht, denn mit jeder Geburtstagsfeier werden die Geburtstage weniger.


»Mitten im Leben wir sind mit dem Tod umfangen«

Diese Zwischenüberschrift zitiert kein Geburtstagslied. Martin Luthers »Mitten im Leben wir sind mit dem Tod umfangen« (1524; EG 518, GL 503; Übersetzung des gregorianischen Bußgesanges »Media vita in morte sumus«), ein reformatorisches memento mori, bittet Gott um Schutz angesichts von Sünde, Tod und Teufel.

An Geburtstagen formulieren christliche Gratulationen häufig Segenswünsche: »Gottes Schutz und reichen Segen im neuen Lebensjahr« u.ä. Wenn moderne Geburtstage nicht die Geburt feiern, also kein Jubiläum sein wollen, sondern zukunftsorientiert und individuell ein neues Lebensjahr eröffnen,13 dann stehen damit – sei es reflexiv oder unreflexiv, explizit oder implizit – die Gedanken im Raum: »Ja, es konnte ein neues Lebensjahr beginnen«, und: »So viele Jahre sind es schon gewesen«. Damit ist die Hoffnung verbunden, die kommenden Jahre mögen zahlreich sein. »Viele Jahre, viele Jahre« singen orthodoxe Christen in kirchenmusikalischer (aber nicht liturgischer) Tradition zu Geburtstagen, Eheschließungen etc. Diese Wünsche bezeugen die Fragilität des Lebens, die Alt und Jung gleichermaßen betrifft. Wenn die Kerzen auf der Geburtstagstorte ausgeblasen werden, verlöscht das Lebenslicht, zeichenhaft jedenfalls und in aller Regel unbewusst. Jetzt braucht es die Wünsche.


Der Geburtstag als Tag des Kindseins

Karl Rahner, der wohl bedeutendste katholische Theologe des 20. Jh., allerdings kein Praktischer, kommt einer Theologie des Geburtstages an einem wichtigen Punkt sehr nahe. Er formulierte »Gedanken zu einer Theologie der Kindheit« und machte deutlich, dass das Kindsein keineswegs eine Lebensphase ist, die existiere, um – endlich! – von einer anderen, nämlich vollkommeneren, reiferen Lebensphase abgelöst zu werden.14 Die Absage an eine perfektionistische Pädagogik, welche die Perfektionierung, die »Ausreifung« eines Kindes im Erwachsensein zum Ziel hat, ist bei Rahner in einer christlichen Anthropologie (die für ihn immer Christologie ist) begründet.

Erwachsen zu sein, sei nicht das Ziel des Lebens, sondern Kind zu sein. Kind bleibe der Mensch auch bis ins hohe Alter. »Die Gnade der Kindheit ist nicht bloß das Angeld der Gnade des Alters. Auf ihr in ihrer unvertauschbaren Eigenart, auch insofern sie sich unterscheidet von den weiteren Gezeiten des Lebens, ruht der Adel der Unvergänglichkeit und Ewigkeit. Daß sie brauchbar ist für später, macht darum nicht den einzigen Erweis ihrer Richtigkeit aus. Sie muß so sein, daß sie selbst wert sei, wiedergefunden zu werden in der unsagbaren Zukunft, die auf uns zukommt.«15

Nach Rahner könne und müsse der Mensch sein Kindsein in seiner Beziehung zu Gott formen und bewahren, denn den Kindern, auch den erwachsenen, ist das Reich Gottes zugesagt. Das ist die Aufgabe, vor die Menschen an den Stationen auf ihrem Geburtsweg (als Menschen) und auf ihrem Taufweg (als christliche Menschen) noch intensiver gestellt sind als an anderen Tagen des Lebens (es gibt den Brauch, auch am Geburtstag die Taufkerze anzuzünden.). Darf der Geburtstag als Tag des Kindseins bezeichnet werden, dann nicht allein, weil seine Feier kindliche und kindische Verhaltensweisen ermöglicht, sondern auch weil wir »der unsagbaren Zukunft, die auf uns zukommt« – die Gott ist – am besten als Kinder nahen. »Das Kind ist der Mensch, also derjenige der den Tod kennt und das Leben liebt, sich nicht begreift, dieses aber weiß, und darin, so er sich der Unbegreiflichkeit trauend und liebend ergibt, gerade alles begriffen hat.«16


Der Geburtstag zwischen Kasualie und Alltagsseelsorge

Wenn Geburtstage in der Kirche eine Rolle spielen, dann oftmals weil sie am Ort einer Kirche gefeiert werden. Bei einem Kaffeetrinken im Gemeindesaal, einer Andacht in der Kirche, einer Segnung oder einem Konzert, bei einer Party im Rüstzeitheim oder der Feier in den Räumen einer Evang. Akademie: Hier können sich Feiernde und Feiern entweder privat einmieten oder aber die Feiern und die Feiernden sind selbst Teil des kirchlichen bzw. gemeindlichen Lebens. Die Zahl des Geburtstages – bei größeren Feiern oft ein »runder« – bestimmt die Form und Intensität des Programmes. Und auch wenn keine kirchlichen Orte aufgesucht werden, sondern zuhause, in einer Gastwirtschaft oder unter freiem Himmel gefeiert wird, für Gemeindeglieder spielt der kirchliche Kontext eine nicht zu unterschätzende Rolle: »Weißt du, wer da war? Die Pfarrerin!«, »Sogar der Pfarrer hat mich angerufen!«

Der Geburtstagsbesuch ist die häufigste aller pastoralen Besuchsformen. Hohe Erwartungen sind mit ihm verbunden. Aufseiten der Jubilare herrscht, vor allem im ländlichen Bereich, die Auffassung, der Pfarrer bzw. die Pfarrerin müsse »heute« kommen. Diese den Jubilaren unterstellte Formulierung erzeugt Druck aufseiten der Besuchenden – denn wer kann schon alle besuchen? Die Besuchenden ihrerseits tragen oftmals die Erwartung, wenigstens die implizite Hoffnung, die Geburtstagskinder in einer ruhigen Runde anzutreffen, vielleicht ein Gespräch unter vier Augen führen zu können. Das aber ist an Geburtstagen allenfalls bei älteren alleinstehenden Menschen der Fall. Hinzu kommen die Herausforderungen in flächen- und ggf. zahlenmäßig größer werdenden Gemeindestrukturen, welche viele Pfarrerinnen und Pfarrer dazu drängen, die Besuche in andere Hände abzugeben. Hier ist Ehrenamt gefragt. Und dann kann es sein, dass die Besuchten zwar besucht, aber nicht »richtig« besucht wurden, weil doch die Pfarrerin fehlte.

Das kurz skizzierte Konglomerat von Problemstellungen steht im hohen Kontrast zu seiner nur marginal vorhandenen praktisch-theologischen Reflexion. In der grundlegenden und gründlichen »Grundinformation Kasualien« Christian Grethleins fehlt vom Geburtstag jede Spur.17 Vielmehr scheint das Außergewöhnliche zu interessieren: Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen, Schulanfänge – Feste, die man, wenn sie einen selbst betreffen, überwiegend nur einmal im Leben feiert und bei denen sich keine Routine einstellen will. Aber: Warum sollte »Kommunikation des Evangeliums an Übergängen des Lebens« nicht auch Geburtstage im Blick haben?

Entsprechend fallen für Eberhard Hauschildt Geburtstage in die von ihm ermittelte Kategorie Alltagsseelsorge. In seiner gleichnamigen Studie zur Praxis der Geburtstagsbesuche – die übrigens weniger hinsichtlich der Bedeutung des Geburtstag(sbesuch)es, sondern vor allem zur Kategorie der Alltagsseelsorge rezipiert wird – ordnet er diese als alltägliche, institutionelle und alltagstheologische Gesprächsformen ein.18 Im Blick auf den Aufgabenkosmos im Pfarralltag mag das völlig angemessen sein. Aber: Wer feiert schon mehrmals im Leben den 60. Geburtstag, den 34., den 19. oder den 82.? Jeder Geburtstag ist einmalig, keinesfalls alltäglich, und mit ihm jeder Jubilar und jedes Lebensjahr.


Die Begehung des Geburtstages als Übergangsritual

In einer nur »kleinen« Praktischen Theologie des Geburtstages können die angerissenen Probleme nicht ausreichend gewürdigt, geschweige denn bearbeitet werden. Eines aber sollte stärker in den Blick geraten: Die Feier des Geburtstages stellt für Jubilare und Jubilierende ein Schwellenritual dar. Diese kommt zwar häufiger und alltäglicher daher als eine Hochzeit, aber eben nicht täglich. Für Pfarrer sind solche je einmaligen Kasus kleine Kasualien.

Bekanntermaßen folgen sog. Übergangsriten oder Schwellenrituale (beim Begründer der Theorie sind Anlässe wie Geburten, Hochzeiten untersucht, aber am Rande auch Geburtstage erwähnt)19 drei Phasen: einer Ablösungs-, einer Zwischen- und einer Integrationsphase. Den Phasen entsprechen die rituellen Handlungsweisen: Trennungs-, Übergangs- und Angliederungshandlungen. Wenn Menschen Geburtstage begehen, bilden ihre Bräuche und Handlungsmuster diese Phasen ab. Sog. runde und besondere Geburtstage (so der 1., 10., 14., 18. u.a.) bringen sie deutlicher ans Licht, aber auch der »normale« Geburtstag enthält sie. Eine niedrigschwellige Erläuterung: Phase & Handlungsmuster 1: »Ich werde ja schon 45, kaum zu glauben!« bzw. »Meine Tochter wird schon drei. Wo ist nur die Zeit hin!«; Phase & Handlungsmuster 2: »Ich wünsche mir …« bzw. »Hoch soll er leben …«; Phase & Handlungsmuster 3: »Ich bin schon 10, ich bin nicht klein!« bzw. »Willkommen im Kreis der alten Säcke.«

Die Phasen und Handlungsmuster lassen sich freilich nicht nur verbal erkennen. Eine in der zweiten Hälfte des 20. Jh. verloren gegangene, v.a. alemannische Sitte ist das Würgen: Wer von den Händen des Gratulanten am Hals gewürgt oder wenigsten so herzlich umarmt wird, dass die Luft wegbleibt (»um den Hals fallen«), bekommt bei dieser intimen Begegnung gleich die Todesbande zu spüren, aus denen es sich zu lösen gilt.20 Abzulösen sind auch (an den Arm des Geburtstagkindes) gebundene Geschenke oder an Stühle gebundene Geburtstagskinder selbst.21 Und wer kennt nicht die Geschenkbänder?


Der Geburtstag im Netz der Gegenwart

Ein Blick auf die allgemeine gesellschaftliche Lage (wieder am deutlichsten bei besonderen Anlässen wie Geburten, Hochzeiten etc.) zeigt, dass das Bedürfnis nach Ritualen anlässlich von Lebensübergängen steigt und mit ihm der Markt der nichtkirchlichen Angebote. Der Soziologe Christian Ruch reflektiert die Bedeutung von »Ritualdesign« und »Ritualdesignern«, die Formen auf das individuelle Maß zuschneiden.22 Die Attraktivität nichtkirchlicher Rituale liegt v.a. in den Möglichkeiten von Partizipation und Interaktion,23 aber auch von Exotik.

Wie wäre kirchlicherseits damit umzugehen? Nach Ruch »mit großmütiger Gelassenheit und der Einsicht, dass die allermeisten Kunden der Ritualdesigner von der Kirche ohnehin nichts wissen wollen«.24 Ich ergänze: und mit der Einsicht, das eigene Ritualangebot zu überprüfen. Denn nicht alle, die sich sog. freien Ritualen zuwenden, wollen von der Kirche nichts wissen; manche trauen sich auch nicht (warum auch immer), wie z.B. ein junges evangelisches Paar, das mich nach einer »freien Trauung« fragte. Das Bedürfnis und die geäußerten Wünsche nach persönlichen Segenshandlungen steigen.

Das Zeitalter der Netzwerke hat das Jahrhundert der neuen Medien abgelöst. »Der Geburtstag gestaltet sich im Netz als halböffentliches Schaulaufen sämtlicher Freunde, die in ihren Links, Likes und Posts das Gratulieren zum Netzwerk-Ritual machen. Für den einzelnen Nutzer handelt es sich um die jährliche Statusprüfung. Denn im Akt der Glückwünsche zeigt sich, welche Freunde noch da sind und wer den Jubilar schon wieder vergessen hat.«25 Personen erkennen sich mittlerweile nur noch im Spiegel der anderen.

Auf ein Geflecht, welches Personen mit deren Selbstwert in Abhängigkeiten verstrickt und zu erdrosseln droht, vermag kirchliche Rede und kirchliches Handeln reagieren zu können – mit Mut zur ausgelassenen Feier, dem Angebot der persönlichen Segnung und dem Glauben, dass Gott in Christus das Kindsein angenommen hat. Denn ein Mensch, der »sich nicht begreift, dieses aber weiß«, kann vertrauend auf den zugehen, der ihn aus tückischen Netzen befreien wird. In diesem Sinne: Gottes Segen!


Anmerkungen:

1 So verzeichnet, jedoch nicht wiedergegeben oder näher beschrieben unter https://de.wikipedia.org/wiki/Wie_schön,_dass_du_geboren_bist (Zugriff: 18.10.2018).

2 Fontane, Theodor, Gedichte, Stuttgart/Berlin 101905, 32.

3 Vgl. die Definition des Dudens von »vermissen«: »sich mit Bedauern bewusst sein, dass jemand, etwas nicht mehr in der Nähe ist, nicht mehr zur Verfügung steht, und dies als persönlichen Mangel empfinden«, https://www.duden.de/rechtschreibung/vermissen (Zugriff: 18.10.2018).

4 Die umfassendste Auseinandersetzung mit dem Thema lieferte Eberhard Hauschildt in seiner Habilitationsschrift »Alltagsseelsorge«, auf welche unten zum »Geburtstag zwischen Kasualie und Alltagsseelsorge« einzugehen ist. Vgl. Hauschildt, Eberhard, Alltagsseelsorge. Eine sozio-linguistische Analyse des pastoralen Geburtstagsbesuches (APTh 29), Göttingen 1996. In der Folge vgl. ders., Geburtstag 2000. Logiken, Bräuche und der kirchliche Geburtstagsbesuch, in: Millennium. Deutungen zum christlichen Mythos der Jahrtausendwende. Mit Beiträgen von Christoph Bochinger, Jörg Frey, Eberhard Hauschildt, Thomas Kaufmann und Hermann Timm, Gütersloh 1999, 137-152. Wenige andere praktisch-theologische Beiträge sind älteren Datums, z.B. Schulz, Wolfgang, Geburtstagsbesuche des Pfarrers – Seelsorgerliche Gelegenheit oder Verlegenheit?, in: Lutherische Theologie und Kirche 12/1988, 18-26.

5 Vgl. Stuiber, Alfred, Art. Geburtstag, in: RAC Bd. 9, Stuttgart 1976, 218-243.

6 Vgl. Bonhoeffer, Dietrich, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hg. von Christian Gremmels/Eberhard Bethge/Renate Bethge in Zusammenarbeit mit Ilse Tödt (DBW 8), Gütersloh 1998, 609.

7 Vgl. Schlingenspiepen, Ferdinand, Dietrich Bonhoeffer 1906-1945. Eine Biographie, München 32006, 214.

8 Neben dem Artikel der RAC (wie Anm. 2) vgl. v.a. Geerlings, Wilhelm, Art. Geburtstag, in: RGG4, Bd. 3, Tübingen 2000, 523; Beitl, Klaus, Art. Geburtstag, in: LThK3, Bd. 4, Sonderausgabe Freiburg i.Br. 2006, 335.

9 Vgl. Beitl, Art. Geburtstag (wie Anm. 8).

10 Vgl. Geerlings, Art. Geburtstag (wie Anm. 8).

11 Anders der Titel einer jüngst erschienenen Kulturgeschichte des Geburtstages: Heidenreich, Stefan, Geburtstag. Wie es kommt, dass wir uns selbst feiern, München 2018.

12 Vgl. Brandt, Hermann, Was feiern Christen am 1. Januar? Zur Wiedergewinnung eines Christuszeugnisses älterer Gesangbücher und Zinzendorfs, in: Jahrbuch des Martin-Luther-Bundes 54/2007, 79-106.

13 Vgl. Hauschildt, Alltagsseelsorge, 108 (wie Anm. 4).

14 Vgl. Rahner, Karl, Gedanken zu einer Theologie der Kindheit, in: ders., Sämtliche Werke, Bd. 12: Menschsein und Menschwerdung Gottes. Studien zur Grundlegung der Dogmatik, zur Christologie, Theologischen Anthropologie und Eschatologie, bearb. von Herbert Vorgrimler, Freiburg i.Br. 2005, 476-488.

15 A.a.O., 478f.

16 A.a.O., 479.

17 Vgl. Grethlein, Christian, Grundinformation Kasualien. Kommunikation des Evangeliums an Übergängen des Lebens, Göttingen 2007.

18 Vgl. Hauschildt, Alltagsseelsorge (wie Anm. 4).

19 Vgl. Gennep, Arnold van, Übergangsriten (Les rites de passage), Frankfurt a.M./New York/Paris, 32005, 63.66.203 Anm. 175.

20 Vgl. Heidenreich, Geburtstag, 170f (wie Anm. 11).

21 Vgl. a.a.O., 171f.

22 Vgl. Ruch, Christian, Extra ecclesiam etiam salus? Ritualdesign im außerkirchlichen Bereich, in: MDEZW 75/2012, 243-248.

23 Vgl. a.a.O., 246.

24 A.a.O., 248.

25 Heidenreich, Geburtstag, 209 (wie Anm. 11).

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.E. Dr. theol. Markus Schmidt, Jahrgang 1986, nach Studium und Vikariat in Leipzig und Auslandsvikariat in Rom wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Praktische Theologie der Theol. Fakultät Leipzig, Pfarrer im Ehrenamt der Evang.-Luth. Landeskirche Sachsens, Forschungsschwerpunkte in Liturgiewissenschaft, Seelsorge, spiritueller und ökumenischer Theologie, Weltanschauungsfragen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

3. Sonntag nach Trinitatis
7. Juli 2019, 1. Timotheus 1,12-17
Artikel lesen
Klimakrise, Psyche und Glaube
Vom notwendigen Wandel und der Schwerfälligkeit der menschlichen Natur
Artikel lesen
Fundamente des Glaubens?
Wie religiöse Sprache als Herrschaftsinstrument missbraucht wird
Artikel lesen
Pfingstsonntag
9. Juni 2019, Johannes 14,15-19.(20-23a)23b-27
Artikel lesen
2. Sonntag nach Trinitatis
30. Juni 2019, Jesaja 55,1-5
Artikel lesen
Von Paris nach Weimar und Dessau – und zurück

Artikel lesen
Grandiose Festmusik für die Frühsommerzeit
Johann Sebastian Bachs »Himmelfahrtsoratorium«
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!