Überlegungen zu einer künftigen islamischen Militärseelsorge
Fenster ins Zivile

Von: Sigurd Rink / Klaus Beckmann
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Basis der Militärseelsorge in der Bundeswehr ist Artikel 4 des Grundgesetzes, der auch jeder Soldatin und jedem Soldaten das individuelle Grundrecht auf Religionsausübung zusichert. Das Soldatengesetz greift dies in Paragraph 36 auf. Militärseelsorge stellt somit weder ein Privileg der Kirchen noch den Ausfluss eines militärischen Führungs- oder Fürsorgeauftrags dar. Es gehört zum Wesenskern der nach 1945 im Westen Deutschlands neu geschaffenen Streitkräfte, dass das Grundrecht des Staatsbürgers in Uniform vor den Belangen der militärischen Institution rangiert – was nicht bedeutet, dass der Aspekt der Gruppenseelsorge in der Betrachtung religiösen Handelns im Militär vernachlässigt werden dürfte. Was dies bedeutet, wenn zunehmend Angehörige muslimischen Glaubens in der Bundeswehr dienen, reflektieren Sigurd Rink und Klaus Beckmann.1

Unweigerlich ist Militärseelsorge ein besonders sensibles Handlungsfeld verfasster Religion, da sich »gewollt oder ungewollt« das religiöse Handeln mit Umfeldstrukturen verknüpft oder zumindest durch diese beeinflusst wird.2 Fraglos geschieht etwas mit der autoritär geordneten Institution Militär, wenn in ihrer Mitte die Botschaft von einem aller weltlichen Autorität überlegenen Gott verkündet wird. Und genauso fraglos wirkt die hierarchische Umfeldstruktur auf den professionellen Vertreter von Religion zurück. Beides ist aufmerksam zu beobachten und zu reflektieren. Die Wichtigkeit des Arbeitsfeldes Militärseelsorge für die Kirche erhellt bereits aus der schlichten Tatsache, dass hier faktisch eine Bevölkerungsschicht erreicht wird, die in zivilen Kirchengemeinden viel zu selten real vorkommt: junge Männer, auch aus sozial nicht privilegierten Verhältnissen. Militärgeistliche leisten so einen wesentlichen Beitrag zu kirchlicher Basisarbeit und stärken die gesellschaftliche Präsenz der verfassten Religion. Neben der »Kameradschaft« kann die »Gemeinde« eine zweite und »andere«, die persönliche Entwicklung fördernde Gemeinschaft werden.


Muslime in der Bundeswehr

Beide genannten Aspekte des Zusammentreffens von verfasster Religion und militärischem Gefüge bekommen zusätzlich Brisanz, wenn eine Religion als möglicher künftiger Akteur hinzutritt, die rechtlich ganz anders verfasst ist als die »großen« Kirchen und zudem eine sehr spezielle Tradition des Mit- bzw. Ineinanders von weltlicher Macht und Gottergebenheit mit sich führt. Gemeint ist der Islam. Anspruch auf Seelsorge haben nämlich auch muslimische Soldatinnen und Soldaten. Ihnen ist die Religionsausübung wie christlichen Soldaten zu ermöglichen.

Derzeit gibt es ca. 1700 muslimische Soldaten in der Bundeswehr. Sie verteilen sich quer durch die Dienstgradgruppen, mit Schwerpunkt unter den Mannschaften und Unteroffizieren, in geringer Zahl, doch zunehmend auch bei Offizieren. Der politisch grundsätzlich unterstützten Umsetzung einer muslimischen Seelsorge in der Bundeswehr stellen sich gravierende Probleme, vor allem, weil der Staat auf Kooperationspartner angewiesen ist, kann er selbst doch im religiösen Bereich nicht initiativ werden.

»Den« Islam gibt es zudem nicht, vielmehr eine große Zahl von Richtungen und Spielarten, ähnlich wie bei »den« Christen auch. Außerdem ist der Organisationsgrad innerhalb der muslimischen Community gering, eine »Kirchenstruktur« – definiert durch erfasste Mitgliedschaft, institutionelle Dauer, Repräsentativität – existiert nicht. Etwa 80% der in Deutschland lebenden Menschen muslimischer Herkunft sind religiös nicht organisiert. Die bestehenden islamischen Verbände können kaum als repräsentativ angesehen werden.


Wer vertritt muslimische Anliegen gegenüber dem Staat?

Einerseits besagt dies: Die Mehrheit der bei uns lebenden Muslime – das dürfte sich auf die bei der Bundeswehr dienenden muslimischen Soldaten übertragen lassen – ist nicht pauschal für das zuweilen als ultrakonservativ kritisierte Weltbild der Verbände in Haftung zu nehmen. Andererseits folgt aus dem geringen Organisationsgrad der Muslime in Deutschland, dass der Staat bei Kooperationsaufgaben nur schwer einen Partner findet. Ein geeignetes Gegenüber des Staates für die Einrichtung einer muslimischen Militärseelsorge ist bisher schlechterdings nicht vorhanden und muss – ähnlich wie auf Länderebene beim schulischen Religionsunterricht – erst in rechtlicher Retorte erzeugt werden. Guter Wille auf allen Seiten muss dabei vorausgesetzt werden, denn schließlich geht es um die Gewährleistung der Ausübung eines Grundrechtes. Denkbar ist ein Beiratsmodell, in das Vertreter der Verbände, muslimische Soldaten, aber auch muslimische Einzelpersönlichkeiten, die die vorherrschenden Sichtweisen der Verbände durch liberale Positionen auffächern, einbezogen sein könnten.

Von vornherein ist klar: Kein ausländischer Staat darf in die deutsche Militärseelsorge hineinwirken, nicht in Gestalt des der türkischen Regierung verbundenen Moscheeverbandes DITIB, ebenso wenig durch Religionsfunktionäre, die vom Geld arabischer Staaten abhängen oder gar die Maximen der Muslimbruderschaft verbreiten. Dem katholischen Militärbischof ist beizupflichten, dass in der Bundeswehr agierende muslimische Vertreter »den deutschen Standards entsprechen« müssen – »mit Blick auf Grundgesetztreue, Friedensverbundenheit oder Gleichberechtigung der Geschlechter«. Das sicherzustellen, ist Aufgabe und selbstverständlich auch Recht des Staates.3

Die so umrissenen kritischen Sachverhalte offen anzusprechen, drückt nicht zuletzt Wertschätzung der muslimischen Mitbürger aus. Wenn sie sich in die offene Gesellschaft einbringen sollen, dann müssen sie auch in die Auseinandersetzung um Grundfragen des Zusammenlebens einbezogen werden. Wir unterstreichen die kürzlich geäußerte Ansicht eines katholischen Theologen: »Dialog bringt nichts, wenn man nur Dinge bespricht, die dem anderen gefallen.«4 Der Psychologe und emanzipatorisch eingestellte Muslim Ahmad Mansour hat in der deutschen Gesellschaft eine »allgemeine Verklemmtheit im Umgang mit dem Thema Islam« erkannt; als »Totschlagargument« identifiziert er die ständige Sorge, man könne auch durch sachlich begründete Kritik rassistische Tendenzen begünstigen. Dieser Verhaltensweise ist – primär im Interesse einer wirklichen Integration – zu entgegnen: »So kommen wir nicht weiter. Die Gesellschaft muss in der Lage sein, diese Themen differenziert anzusprechen. Wenn wir das nicht tun, tun das andere auf undifferenzierte Weise, und Vorurteile werden erst recht geschürt.«5


Eine eigenständige muslimische Militärseelsorge

Klar ist allerdings auch: Muslimische Soldaten sind nicht Mündel der Kirchen oder der christlichen Seelsorge in der Bundeswehr. Ihr legitimes Anliegen, eine eigenständige muslimische Seelsorge zu schaffen, müssen sie in staatsbürgerlichem Selbstbewusstsein selbst durchsetzen. Das ist erste Bedingung der »Augenhöhe« mit christlichen Vertretern. Teilhabe erwächst, wie die aus einer jesidischen Migrantenfamilie stammende Filmemacherin Düzen Tekkal kürzlich bemerkte, nicht aus »bedingungsloser Fürsorge«, sondern aus Übertragung und Übernahme von Verantwortung.6

Keinesfalls darf auf muslimischer Seite eine Art »clerus minor« entstehen. Muslimische Seelsorger (und Seelsorgerinnen!) müssen akademische Standards erfüllen und das gleiche Aufgabenspektrum bedienen wie ihre christlichen Kollegen, wozu wesentlich gehört, dass sie Ansprechpartner aller Soldatinnen und Soldaten in seelsorgerlichen Belangen sein müssen. Die »superkonfessionelle« Verfügbarkeit der Seelsorge, insbesondere in der Einsatzbegleitung, verlangt von Militärseelsorgern ein hohes Maß an interreligiösem Verständnis, Empathie und Integrationsvermögen.

Wir können als evangelische Militärseelsorge in diesem Prozess nur beraten und auf Wunsch unterstützen. Gleichwohl ist uns im Interesse der Bundeswehrangehörigen aufgetragen, mehrere Punkte zu markieren im Feld der anstehenden Diskussion.


Militärseelsorge als freier Partner der Soldaten

Soldaten nehmen bei Militärgeistlichen zwei Alleinstellungsmerkmale wahr: Sie tragen keinen Dienstgrad und sind uneingeschränkt verschwiegen. Dies markiert einen kategorialen Unterschied v.a. zur Truppenpsychologie. Das Fehlen des Dienstgrades weist den Seelsorger als unabhängig gegenüber der Hierarchie aus; die im kirchlichen Dienstrecht definierte, vom Staat respektierte strikte Verschwiegenheit qualifiziert den Geistlichen als Gesprächspartner in wirklich allen persönlichen oder dienstlichen Notlagen, steht einem unbefangenen Austausch doch keinerlei Anzeigepflicht im Weg.

Unabhängigkeit und Verschwiegenheit der Militärgeistlichen genießen, wie empirische Studien belegen, auch bei konfessionslosen Soldaten einen guten Ruf:7 Der Pfarrer wird als »Fenster der Zivilität« in einer hierarchisch-autoritär gegliederten Welt wahrgenommen, er schafft ein Moment »bürgerschaftlicher« Freiheit, das die Identität des Uniformträgers, der im Dienstalltag der Kette von Befehl und Gehorsam eingefügt ist, mitprägt im Sinne relativierender Bereicherung. Nach Wolf Graf Baudissin, dem »Vater« des »Staatsbürgers in Uniform«, kommt der Militärseelsorge im Gefüge des Militärs die Aufgabe zu, solche Themen einzubringen, »die wegen der ›Eigengesetzlichkeit soldatischen Lebens‹ leicht untergehen können: Menschlichkeit und Friedsamkeit. Militärgeistliche sind also Mahner gegenüber den einzelnen Soldaten und der militärischen Organisation.«8


Gleichberechtigte Partnerschaft von Staat und Kirche

Nicht allen, die das »Angebot« der christlichen Militärseelsorge nutzen, ist dabei bewusst, dass diese besonderen Merkmale der kirchlichen Beauftragung der Militärgeistlichen geschuldet sind und dem für Militärgeistliche uneingeschränkt geltenden Dienstrecht der Kirche. Um »zivil sozialisierte Kräfte in der Militärorganisation zu verankern«, nutzt der Staat die Institution der Kirchen.9 Das implizite Misstrauen der Demokratie gegen die Eigendynamik eines geschlossenen hierarchischen Gefüges manifestiert sich in der gleichberechtigten Partnerschaft von Staat und Kirche bei Ausgestaltung der Militärseelsorge. Sehr bewusst wird hier – vom Staat ausgehend! – die in der Binnenlogik des Militärs wünschenswerte »Einheitlichkeit militärischer Erziehung« konterkariert, eingedenk dessen, dass Soldaten in erster Linie Menschen sind – und es in einem emanzipatorisch qualifizierten Verständnis bleiben müssen, soll sich die Armee gegenüber der pluralen, von persönlichen Grundrechten bestimmten Gesellschaft nicht ungut ver­selbst­stän­digen.10 Die Persönlichkeitsentwicklung von Soldaten muss daher auch – besser: primär – nichtmilitärische Momente umfassen und die Einsicht wahren, dass es Dimensionen der Persönlichkeit wie des Zusammenlebens gibt, die obrigkeitlichem Einwirken entzogen sind.

Religion schließt konstitutiv öffentlichen Gestaltungswillen und Verantwortungsbereitschaft ein; komplementär dazu akzeptiert der demokratische Rechtsstaat, dass er auf Persönlichkeitsentwicklung und Wertorientierungen niemals ein Monopol besitzen kann.11 Staatliche Macht übt in der Ordnung der Militärseelsorge Selbstbescheidung: Der militärische Vorgesetzte ist nicht verantwortlich für das, was Militärgeistliche tun; sehr wohl aber ist er verantwortlich dafür, dass die ihm Unterstellten ungehindert auf Militärgeistliche zugehen können.12

Das sich bei künftigen muslimischen Seelsorgern stellende Problem heißt nun allerdings: Gibt es eine der christlichen Seelsorge analoge Grundlage für unabhängiges Agieren? Der Staat gewährt im Namen der Religionsfreiheit gemäß GG Art. 4 den christlichen Geistlichen ja genau die Autonomie gegenüber den staatlichen Vorschriften (Anzeigepflicht von Straftaten usw.), die im kirchlichen Recht definiert ist (Seelsorge- bzw. Beichtgeheimnis). Wäre abseits der kirchlichen Institution ein entsprechender Schutz der Zeugnisverweigerung gegeben? In wessen vom Staat respektierten Dienstverhältnis steht ein muslimischer Seelsorger? Das Problem entsteht parallel bei »humanistischen« Betreuern: Auch hier existiert keine externe dienstrechtliche Verschwiegenheitspflicht.


Lebenskundlicher Unterricht

Seit 2008 wird der Lebenskundliche Unterricht (LKU) für alle Dienstgradgruppen konfessionsneutral erteilt; er ist für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr ohne Ausnahme verpflichtend. Sein Curriculum bewegt sich etwa zwischen dem Ethikunterricht der Oberstufe und dem Religionsunterricht an Berufsbildenden Schulen. Das entscheidende »Plus« des LKU im Vergleich zu der meist von militärischen Vorgesetzten erteilten Politischen Bildung ist, dass generell im Militärgeistlichen ein von hierarchischer Einbindung freier Akteur den Unterricht gestaltet: Dies markiert die »überschießende« Qualität dieses Unterrichts, insbesondere in der wahrgenommenen Freiheit zur Diskussion. Christliche Militärgeistliche kommen hier themenbezogen mit Soldaten anderer christlicher Konfession, aber genauso mit Bekenntnislosen oder eben auch mit Muslimen ins Gespräch. Die Feldkompetenz der Geistlichen, ihre Vertrautheit mit dem militärischen Alltag »in der Heimat« und in den Auslandseinsätzen, wird dabei regelmäßig »geprüft« und im Dialog vertieft.

Auf die Freiheitlichkeit der Kommunikation legte Baudissin als maßgeblicher Verfechter eines demokratiegemäßen Führungs- und Bildungskonzeptes der Bundeswehr entscheidendes Gewicht. Hinzu kam bei ihm der Gedanke der im Repräsentanten von Religion verkörperten Machtkritik. Geistliche sah Baudissin auch deshalb als besonders geeignet an, Soldaten ethisch zu bilden und in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern, weil sie schon durch das bloße Faktum ihrer »amtlichen« Präsenz für eine »höhere Macht« stünden als jede weltliche Hierarchie.13 Der Pfarrer muss im LKU in besonderer Weise seine »gesellschaftliche Durchblickerfunktion« zur Geltung bringen – und kann das in der Regel auch! Dies stellt ein »Pfund« dar, mit dem Kirche »wuchern« sollte: Geistlichen wird konfessionsunabhängig zugetraut, den Soldaten ihre Lebenswelt kritisch erschließen zu können.


Kein muslimischer »clerus minor«

Wenn es keinen muslimischen »clerus minor« geben soll, müssen künftige muslimische Seelsorger auch hier im Bildungs- und Erfahrungsstand gleichrangig auftreten. Dies steht in Analogie zur Forderung im schulischen Bereich, auch muslimische Religionslehrkräfte müssten in Qualifikation und Status »vollwertige« Glieder des Lehrerkollegiums sein.

Im LKU begegnen Militärgeistliche Soldatinnen und Soldaten, die auf Grund ihrer eigenen Lebens-, Dienst- und meist auch Einsatzerfahrung tiefgreifende Fragen an die globale Situation, die deutsche Gesellschaft und an politische Führungsentscheidungen zu stellen haben. Mit Fug und Recht darf der LKU ein Exempel »öffentlicher Theologie« heißen, engagiert sich Kirche hier doch für die Persönlichkeitsbildung von Menschen, die im Auftrag des Gemeinwesens auf schwierigem Feld verantwortlich handeln und existenziell in folgenreichne Entscheidungen gefordert sind. Die Militärseelsorge löst damit nicht zuletzt die 1945 im Stuttgarter Schuldbekenntnis enthaltene Zusage der evangelischen Kirche ein, Gesellschaft und Staat fortan kritisch-konstruktiv begleiten und für die öffentliche Wohlfahrt Mitverantwortung tragen zu wollen.

Das ist selbstverständlich nur dann zu verwirklichen, wenn Kirche auch dort präsent ist, wo der Dienst an der Gemeinschaft ethisch heikle Zonen berührt. Der in der NS-Zeit beispielhaft couragierte Lothar Kreyssig, Gründer der Aktion Sühnezeichen, beschrieb seine Zustimmung zur Seelsorge im gewaltgeprägten Raum des Militärs als im Namen Jesu Christi gewagten Eintritt in »Gefährdung und Preisgegebenheit«, mithin als den Glauben bewährendes Wagnis.14

Wir stimmen zu, wenn der Theologe Ulrich Körtner heute fordert, auch die muslimische Community solle sich in Art einer »öffentlichen Theologie« in Grundsatzdiskussionen um gesellschaftliche Entwicklungen, das prägende Menschenbild und das Zusammenleben bestimmende Maßstäbe einbringen. Dies wäre ein Gegenentwurf zum politisierten Islamismus, der die freiheitliche Gesellschaft ablehnt; es wäre praktische Einstimmung von Muslimen in den Bürgerdiskurs des säkular-pluralen Staates.15


Menschenbild und Bildungsgrundsätze

Leitbild der soldatischen Bildung und Erziehung in der Bundeswehr ist der »Staatsbürger in Uniform«, plastischer in Baudissins Worten: der »demokratisch überzeugte Wehrbürger«. Dies markiert eine Absage an jene militaristische Untertanentradition, wie sie die deutsche Vergangenheit kennzeichnet.

Steht die Bundeswehr unter dem Anspruch, selbst im Innern das zu leben, was sie nach außen schützen will, so ergibt sich als Grundsatz der intern geleisteten Bildungsarbeit die Einstimmung in den Beutelsbacher Konsens mit seinem Überwältigungsverbot: Gesellschaftlich strittige Themen sind im Unterricht als strittig zu vermitteln. Soldaten sollen nicht zu einer Meinung vergattert, sondern zur eigenen Position herausgefordert werden. Dass »Meinung« »mein« enthält, muss im Praktischen wahr werden, indem Einzelnen als Schritt ihrer Individuation ermöglicht wird, sich geprüfte, persönlich durchdachte Sichtweisen anzueignen.

Das von Friedrich Schleiermacher »klassisch« formulierte Verständnis der Seelsorge trifft präzise die Aufgabe der Kirche unter Soldaten: Seelsorge dient der »Wahrung und Förderung der Freiheit« des Einzelnen. In der Grundtendenz ist sie »Hilfe zur Selbsthilfe«, nie darf sie »zu Abhängigkeit oder in ein geistliches Vormundschaftsverhältnis« führen; »geistlicher Dirigismus« schadet ihrem Auftrag.16

Militärseelsorge dient – anders als bis 1945 nicht nur üblich, sondern bewusst von kirchlicher Seite akzeptiert – nicht einer Steigerung von Kampfkraft oder Durchhaltewillen, sondern der Gewissensfreiheit des einzelnen Soldaten. Sie garantiert somit einen Raum individueller Eigenheit inmitten des militärischen Gefüges. Von muslimischer Soldatenseelsorge ist zu erwarten, dass sie diese Bestimmung annimmt, die einerseits der Konstitution der Bundeswehr als Glied der demokratischen Ordnung entspringt, andererseits aber in der kirchlichen Debatte um die Militärseelsorge nach 1945 wurzelt. Inwieweit dies mit der islamischen Traditionen übereinkommt, bedarf einer ehrlichen Bestandsaufnahme.


Keine gut gemeinte Pragmatik!

Seelsorger bilden bislang in der Wahrnehmung der Soldaten ein Gegenüber der militärischen Struktur. Kirchenvertreter haben bereits dringend davon abgeraten, künftige muslimische Seelsorger organisatorisch in militärische Einheiten einzubinden, um der pragmatischen Verlegenheit der fehlenden »Kirchenstruktur« zu entgehen. Wir erinnern daran, dass zwischen den politisch Verantwortlichen der jungen Bundesrepublik und den damaligen Protagonisten der evangelischen Kirche Konsens bestand, es dürfe keine Seelsorge innerhalb des Militärs geben, »die selbst ihrerseits militärisch denkt, auf Vorgesetzte fokussiert oder gar dem militärischen Befehlshaber unterstellt ist«.17 Diese Errungenschaft sollte auch in gut gemeinter Pragmatik nicht hinterschritten werden.

Keinesfalls dürfen im Bildungswesen der Bundeswehr gesellschaftspolitische Konzepte Einfluss gewinnen, wie sie sich mit dem Islamismus verbinden. Kritisches Augenmerk ist auf pauschale Abwertungen »westlicher« Errungenschaften wie persönliche Grundrechte, »Individualismus« oder Gleichberechtigung der Geschlechter zu legen, die an Rändern der muslimischen Community immer wieder Ausdruck finden. Korporatistische, anti-»modernde« Gemeinschaftsideale mancher muslimischer Akteure könnten an rückwärtsgewandte Verklärungen des »Soldatischen« anknüpfen, wie sie in der Bundeswehr durch Minderheiten wiederholt artikuliert wurden.


Integration der Bundeswehr in die Gesellschaft

Der Wegfall der Wehrpflicht 2011 hat die Anbindung der Bundeswehr an die gesellschaftliche »Mitte« fragiler gemacht. Michael Wolffsohn hat zu Recht auf die fatale Tendenz hingewiesen, unsere Gesellschaft delegiere die gefährliche – und seelisch belastende – Aufgabe der Landesverteidigung an sozial weniger Privilegierte und falle so hinter eine Marke der Französischen Revolution zurück.18 In diesem Horizont ist der Militärseelsorge besonders aufgetragen, bei den freiwillig Dienenden das Selbstbewusstsein – auch als Basis staatsbürgerschaftlichen Selbstverständnisses – zu stärken. Die Integration der Bundeswehr in die deutsche Gesellschaft benötigt mehr Aufmerksamkeit als früher.

Demgegenüber ist es primär als Ausdruck einer gelungenen Integration zu sehen, wenn junge Muslime sich freiwillig zum Dienst in der Bundeswehr melden; die Sorge, es könnten sich Islamisten bei der Bundeswehr eine militärische Ausbildung erschleichen, hat – schon aus Gründen der praktischen Evidenz – demgegenüber zurückzutreten. Militärgeistliche berichten aus Begegnungen mit muslimischen Soldaten häufig von hoch entwickelter politischer Reflexion; nicht selten liegen familiäre Konflikte hinter jungen Muslimen, die sich entschieden haben, der deutschen Demokratie zu dienen.

Sehr problematisch zeigen sich in diesem Horizont konservative Erziehungsmaximen islamischer Verbände. Konzepte, die mit der kritischen Aneignung von Tradition und der Bejahung gesellschaftlicher Pluralität wenig anfangen können, sind sicherlich nicht »typisch muslimisch«, denn vor einigen Jahrzehnten grassierten vergleichbare Ansichten auch im »christlichen Europa«. Gleichwohl ist Vordemokratisches weder in der Schule noch im Bereich der Bundeswehr akzeptabel.

Zu betonen ist, wie klar das in der Bundeswehr geltende Regularium der Militärseelsorge »auf Spannung hin angelegt« ist – der geistigen Freiheit jedes einzelnen Soldaten zuliebe und im Interesse der Demokratie-Passfähigkeit der Armee als ganzer.19 Während es dem militärischen Vorgesetzten um reibungsloses Funktionieren des Systems geht, »selbst falls es auf Kosten der menschlichen Entwicklung von einzelnen geschieht«, sieht sich der Seelsorger – vom demokratischen Staat so gewünscht, im kirchlichen Recht geschützt – der geistlichen und sittlichen Existenz des Einzelnen verpflichtet, »auch wenn dies die sachliche Zusammenarbeit kompliziert«.20 Aus Rücksicht auf ihre Zugehörigkeit zu einer pluralen demokratischen Gesellschaft stellt die Bundeswehr »Ruhe« und funktionales Interesse zurück.


Umgang mit Autorität

Im Gefolge Immanuel Kants und in Übereinstimmung mit der evangelischen Religionspädagogik seit 1945 gilt heute für jede Vorbereitung auf den Umgang mit Autorität, dass eine Forderung nicht durch äußere Autorität allein – sei es auch die Tradition oder die Gepflogenheit einer Gruppe – legitimiert werden kann, sondern inhaltlich begründungspflichtig ist. »Was als gut gelten soll, muss erstens von jedem einzelnen in Freiheit geprüft und übernommen werden, daraus folgt zweitens, dass Moralität persönliche Einsicht voraussetzt«.

Von jedem Soldaten ist daher zu verlangen, dass er nicht allein sein konkretes Tun selbstverantwortlich bedenkt, sondern sich über den Maßstab seines Bedenkens und Beurteilens selbst Rechenschaft gibt. Bildung und Erziehung im Rahmen der Bundeswehr zielen auf Mündigkeit und kritische Reflexivität. Schließlich folgt – das ist die anspruchsvollste, wenngleich unerlässliche Konsequenz aus den Erfahrungen des 20. Jh. –, dass ethische Urteilsbildung immer auch Gründe für notwendigen ethischen Widerstand einschließen muss.21 Führungsautorität lebt nicht allein aus dem »Autoritätsanspruch« der Vorgesetzten; um »wirksame Autorität« zu werden, bedarf es der »verliehenen Autorität« von Seiten der Unterstellten auf der Grundlage von Einsicht und Vertrauen.22


Fazit

»Konkurrenz« scheuen wir als christliche Seelsorge in der Bundeswehr nicht. Das verfassungsmäßige Grundrecht auf Religionsausübung, das unseren Rechtsstatus begründet, steht selbstverständlich ohne Einschränkung den muslimischen Soldaten der Bundeswehr zu. Unterschiede in Religion und Weltanschauung, gerade wenn sie klar benannt sind, verdeutlichen, dass die Bundeswehr Glied einer vielfältigen Gesellschaft ist. Mit Moses Mendelssohn sagen wir: »Lasst uns keine Übereinstimmung lügen, wo Mannigfaltigkeit offenbar Plan und Endzweck der Vorsehung ist.«23

Jedoch muss unterstrichen werden, dass die Art von Militärseelsorge, wie sie seit gut 60 Jahren durch von den Kirchen entsandte Geistliche geleistet wird, für unsere Soldatinnen und Soldaten Vorteile schafft, die konfessionsunabhängig geschätzt werden und keinesfalls zur Disposition gestellt sein dürfen. Der vom Staat im Rahmen der grundgesetzlichen Religionsfreiheit respektierte kirchliche Rechtsstatus des Ordinierten wirkt im Gesamtgefüge der Bundeswehr segensreich, indem er die Gewissensfreiheit unterstützt. Die unbedingte Verschwiegenheit des Seelsorgers markiert das »Überschießende« der Militärseelsorge gegenüber allen »embedded« agierenden, dem militärischen System eingefügten Betreuungs- und Fürsorgeangeboten.

Umfassend lässt sich feststellen, dass die Militärseelsorge maßgeblich zur »lebens- und wertemäßige[n] Integration von Streitkräften und Gesellschaft« beiträgt.24 Die Kirchen müssen hier – in Verantwortung für die Soldaten und für die Institution Bundeswehr – auf Bestandsschutz dringen, und das verlangt Klarheit darüber, ob und auf welcher Rechtsgrundlage nicht-kirchlichen Akteuren eine entsprechende Verschwiegenheit und Unabhängigkeit zugestanden wird.

Die bisherige Mitwirkung von Geistlichen am Bildungsauftrag der Bundeswehr in Gestalt des LKU ist unbedingt erhaltenswert. Dass die entwickelte Persönlichkeit der Uniformierten nicht exklusiv »Sache des Staates« sein darf, sondern einer Pluralität unabhängig handelnder Akteure anvertraut sein muss, dürfte jedem Demokraten einleuchten. Nicht zuletzt ist die umfassend gebildete, kritikfähige Persönlichkeit der Soldatinnen und Soldaten auch ein Faktor, der einer Militarisierung von Außenpolitik und jedem leichtfertigen Ausspielen der militärischen Option entgegenwirkt.

Muslimische Soldaten sind nach allem, was unsere Seelsorger berichten, oft geschätzte Kameraden und vorbildliche Staatsbürger in Uniform. Die militärische Laufbahn wird von nicht wenigen als Möglichkeit der Integration und des gesellschaftlichen Aufstiegs verstanden, was Anerkennung verdient. Die Umsetzung ihres verbrieften Rechtes auf Militärseelsorge kann und muss getrost ihrer eigenen Initiative überlassen bleiben. Als Lösungsperspektive zeigen sich künftige Absolventen – und Absolventinnen! – einer qualifizierten islamischen Hochschultheologie. Sie werden als Seelsorger muslimischer Soldaten geeignet sein. Zwischenlösungen auf dem Weg dahin sind denkbar, Wachsamkeit bleibt aber gefordert, um nicht Gutes auf Dauer zu beschädigen.



Anmerkungen:

1 Überarbeitung eines von Militärbischof Dr. Sigurd Rink am 2. Februar 2018 auf Einladung des Johanniterordens in Lüneburg gehaltenen Vortrags.

2 Vgl. Wolfgang Huber, Gestalten und Wirkungen christlicher Freiheit in Kirche und Gesellschaft heute, in: ZThK 92 (1995), 278-286, hier: 286.

3 Vgl. Interview mit Militärbischof Franz-Josef Overbeck, Kölner General-Anzeiger, 11.01.2018.

4 Christian Troll, zitiert nach: Christ in der Gegenwart, 2/2018, 24.

5 A.a.O., 23.

6 Vgl. Düzen Tekkal, Ich wünsche mir mehr Bekenntnis zur Freiheit …, in: Die ZEIT 6/2018, 50.

7 Vgl. Angelika Dörfler-Dierken, Führung in der Bundeswehr. Soldatisches Selbstverständnis und Führungskultur nach ZDv 10/1 Innere Führung, Berlin 2013, 174-176.

8 Angelika Dörfler-Dierken, Zur Entstehung der Militärseelsorge und zur Aufgabe der Militärgeistlichen in der Bundeswehr, Strausberg 2008, 36.

9 Vgl. a.a.O., 58.

10 Vgl. a.a.O., 75.

11 Vgl. Huber, a.a.O., 285.

12 Vgl. Dörfler-Dierken, Zur Entstehung, a.a.O., 81.

13 Vgl. a.a.O., 67.

14 Vgl. Martin Greschat, Der Protestantismus in der Bundesrepublik Deutschland (1945-2005), Leipzig 2010, 65.

15 Vgl. Ulrich Körtner, Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche, Leipzig 2017, 113f.

16 Vgl. Jürgen Ziemer, Seelsorgelehre. Eine Einführung für Studium und Praxis, Göttingen 2000, 72.

17 Dörfler-Dierken, Zur Entstehung, a.a.O., 41.

18 Vgl. Michael Wolffsohn, Die Bundeswehr: Rechts und prekär? Ein (welt)historischer Rahmen, in: Martin Böcker u.a., Soldatentum. Auf der Suche nach Identität und Berufung der Bundeswehr heute, München 2013, 157-168.

19 Vgl. Dörfler-Dierken, Zur Entstehung, a.a.O., 35.

20 Vgl. ebd.

21 Vgl. Karl-Ernst Nipkow, Ziele ethischer Erziehung heute, in: Gottfried Adam/Friedrich Schweitzer (Hg.), Ethisch erziehen in der Schule, Göttingen 1996, 38-61, hier bes. 45f.

22 Vgl. a.a.O., 47.

23 Moses Mendelssohn, Ausgewählte Werke. Studi enausgabe Bd. II: Schriften zu Aufklärung und Judentum 1770-1786, hg. von Christoph Schulte u.a., Darmstadt 2009, 205.

24 Vgl. Dörfler-Dierken, Zur Entstehung, a.a.O., 82.

 

Über die Autorin / den Autor:

Militärbischof Dr. Sigurd Rink, Jahrgang 1960, seit 2014 erster hauptamtlicher Militärbischof der EKD (Dienstsitz Berlin), zuvor u.a. Propst für Süd-Nassau in Wiesbaden und Mitglied der Kirchenleitung der EKHN.

Militärdekan Dr. Klaus Beckmann, Jahrgang 1967, Militärdekan im Evang. Kirchenamt für die Bundeswehr, davor Standortseelsorger in Lahnstein und Mayen, Gemeindepfarrer in Homburg (Saar).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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