Zum Umgang mit Fremdheit bei der Beratung und Begleitung von Menschen in Krisensituationen
Kultursensibilität in Seelsorge und Beratung

Von: Christina Kayales
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Interkulturelle Kompetenz wird mittlerweile vielerorts gefordert und gelehrt. Die Literatur hierzu ist mannigfaltig. Christina Kayales fragt danach, welche methodischen Überlegungen für seelsorgliche oder beratende Begegnungen in interkulturellem Kontext hilfreich sind. Denn insbesondere in Krisensituationen, wenn seelsorgliche bzw. beratende Begleitung gewünscht ist, bekommt das präzise Verstehen der emotionalen Befindlichkeiten vor ihrem jeweiligen kulturellen Hintergrund einen besonderen Stellenwert.


Kulturell fremde Reaktionsweisen zeigen sich im Alltag, aber besonders in Krisen, d.h. bei emotionalen Ereignissen, so z.B. auch bei Reaktionen auf Trauer. So genannte südländische, orientalische Klageweiber, die laut schreiend auf einen Tod reagieren, sind weder hysterisch, noch stehen sie kurz vor dem Kollaps, sondern erfüllen Reaktionsweisen, die in deren Kulturkreis von ihnen erwartet werden. Wird dies aber z.B. in Norddeutschland in Husum erlebt, wo ansonsten deutlich verhaltenere Reaktionsweisen auf Trauer üblich sind, werden derartige Schreie leicht pathologisiert oder lösen Hilflosigkeit aus, wie »auf so eine Schreierei« reagiert werden kann.

Interkulturelle Kompetenz wird mittlerweile vielerorts in ihrem Nutzen erkannt, gefordert und gelehrt. Die Literatur hierzu ist inzwischen mannigfaltig. Welche methodischen Überlegungen sind hierbei für seelsorgliche oder beratende Begegnungen hilfreich? Denn insbesondere in Krisensituationen, wenn seelsorgliche bzw. beratende Begleitung gewünscht ist, bekommt das präzise Verstehen der emotionalen Befindlichkeiten einen besonderen Stellenwert.


Normalfall Fremdheit

Philosophische Überlegungen, z.B. von Emmanuel Levinas1, haben dargelegt, wie jede Begegnung mit einem anderen Menschen eine Begegnung mit einem Fremden darstellt. Autorinnen wie Julia Kristeva2 haben vertieft, dass wir bei der Begegnung mit Fremden auch mit eigenen fremden, zuweilen unliebsamen oder unbewussten Aspekten konfrontiert werden. Die folgenden Überlegungen knüpfen an diese Ausführungen zur Begegnung mit dem Anderen an.3 An dieser Stelle soll ausgeführt und in die Reflexion einbezogen werden, dass vertraute Werte und Umgangsformen in der seelsorglichen Begegnung unser Reden, Handeln und unsere Einschätzungen leiten und bestimmen. Daher benötigt eine Begegnung mit Menschen, die nicht unseren uns vertrauten Handlungs-, Reaktions- und Werteschemata folgen, eine besondere Form der Reflexion, um zu verhindern, dass wir ethnozentristisch den anderen nach unseren eigenen Wertemustern beurteilen, begleiten und behandeln.4

Hierfür möchte ich zunächst ausführen, wie eine Reflexion über Reaktionen auf das, was fremd ist, dazu verhilft, die sich darin zeigenden unvertrauten Elemente wahrzunehmen. Darauf folgen Ausführungen, wann und warum diese Konfrontationen Verunsicherungen und Ängste auslösen oder sogar Ängste vergrößern können. Im Anschluss möchte ich auf Möglichkeiten hinweisen, auf welche Weise eine Reflexion dieser unvertrauten Aspekte besser in den eigenen Verstehensprozess und damit in den seelsorglichen Prozess einbezogen werden können.


Reaktionen auf Fremdheit

Fremdheit hat viele Facetten: Es gibt fremde Orte, fremde Handlungen, fremde Gerüche, fremde Riten, fremde Lebensweisen und vieles mehr. Wann wird etwas oder jemand als fremd betitelt? Jeder Mensch begegnet in jedem anderen Menschen einem Anderem, einem Fremden. Fremde Menschen sind nicht einfach fremd, sondern etwas macht sie aus einer Perspektive heraus fremd. Fremde sind nicht immer Menschen mit einer anderen Herkunft. Fremdheit kann empfunden werden aufgrund von
• ungewohntem Aussehen,
• einer anderen Lebensweise oder
• einer fremden Lebensgestaltung

Die Wahrnehmung und der Umgang mit Fremdheit ist deshalb so vielschichtig, weil er von subjektiven Einschätzungen bestimmt wird. Denn diese subjektive Einschätzung kann, wenn genügend vertraute Signale erlebt werden, das jeweils Unbekannte beim Gegenüber überbrücken und so das Gegenüber eben nicht als fremd einschätzen. In einer Fußballmannschaft werden die Spieler aufgrund des gemeinsamen Spiels verbunden, unabhängig davon, ob Sprache, Herkunft, Religion verschieden sind. So könnte man auch formulieren, dass dort, wo jemand als Fremder bezeichnet wird, in der subjektiven Wahrnehmung die unterscheidenden Aspekte in den Vordergrund gestellt werden und die ebenso vorhandenen Gemeinsamkeiten weniger Gewicht bekommen. Dazu kommt: die eigene subjektive Einschätzung entscheidet darüber, ob das so als fremd Wahrgenommene eher positiv als interessant, reizvoll exotisch, oder negativ als bedrohlich, gefährlich, angsterregend wahrgenommen wird.5

Der Psychoanalytiker und Ethnologe Mario Erdheim analysierte in einigen seiner Veröffentlichungen die Wahrnehmung und den Umgang mit Fremdheit.6 Fremd sei zunächst alles, was nicht vertraut ist, was nicht den eigenen Regeln entspricht. Eine Identifikation mit den erlernten Werten und den geltenden Strukturen bringe das Individuum dazu, bei der Begegnung mit Fremden diese entsprechend den eigenen Normen einzuordnen und zu beurteilen. Weiterhin sei zu beachten, so Erdheim, dass Angehörige fremder Kulturen zuweilen auch aus Herrschaftsinteressen so dargestellt werden, dass die eigenen (Macht-)Strukturen legitimiert werden. Dabei erscheinen dann die anderen je nach Anlass als weniger kompetent, viel zu emotional oder abergläubisch, d.h. jeweils als gegenteilige Verkörperung der Eigenschaften, die die eigene Überlegenheit manifestieren sollen.7 Man spottet eher über den so genannten bösen Blick oder einen Ahnenkult. Die vertrauten Formen, am Freitag den 13. ein Unglück zu erwarten oder schwarzen Katzen auszuweichen, fallen dagegen gar nicht auf. Der Spott habe die Funktion, die eigene Überlegenheit auszudrücken.


Fremdheit und Selbstwertgefühl

Wie gelassen oder gestresst ich etwas für mich Fremdes wahrnehme bzw. darauf reagiere, hat auch damit zu tun, mit welchem Selbstwertgefühl ich ausgestattet bin. Der Neurologe Stavros Mentzos hat ein Drei-Säulen-Modell zur Erklärung von Selbstwertproblemen entwickelt. Demnach beziehen wir Selbstbestätigung aus vornehmlich drei Quellen8:
• aus der Beziehung zu uns selbst,
• aus unseren Liebesbeziehungen,
• aus unserer Zugehörigkeit zu Gruppen (für fast alle von uns am Arbeitsplatz, daneben in Vereinen, Gangs, Migrationsgruppen etc.).

Je geringer die jeweiligen Quellen, desto schneller werde mit Verunsicherung reagiert. Man muss kein Psychologe sein, um zu erahnen, dass diejenigen, die von diesen Quellen isoliert werden, oder dass Menschen, wo sich diese Quellen nie stark als Ressource entwickelt haben, ungleich schneller mit Verunsicherung und Aggression reagieren, als diejenigen, die im Zweifelsfall von der einen Quelle zur anderen wechseln können. Kappt man relativ unvermittelt für Menschen deren Ressource, z.B. weil der Lebenspartner plötzlich verstorben ist oder weil durch Flucht die sozialen Gruppen, mit denen man zu tun hatte, weggefallen sind, ist entscheidend, inwiefern die anderen Ressourcen einspringen können. Tun sie es nicht, weil diese entweder eh nicht vorhanden sind oder auch versiegen, ist mit erhöhter Verunsicherung bei der betreffenden Person zu rechnen.

Ein Kollege, der gerade eine Scheidung erlebt, dadurch auch den Kontakt zum alten Bekanntenkreis verloren hat und nun an eine neue Dienststelle versetzt wurde, wird ungleich empfindlicher auf eine stressige Situation reagieren. Das wird niemanden verwundern. Für den jungen Afghanen, der zuhause immer nur gelernt hatte, den Älteren zu gehorchen, und der nun seit 6 Monaten hier ohne Familie ist, kann die Moscheegemeinde zur neuen Heimat werden. Er wird deutlich mehr zögern, dem, was der Imam sagt, kritisch gegenüberzutreten, denn was hat er sonst noch, wenn er nun auch noch in der einzig ihm verbleibenden neuen Gemeinschaft ausgegrenzt wird?

Entsprechend gilt, je eher verschiedene Quellen für den eigenen Selbstwert als Ressource zur Verfügung stehen und in einer Krise angezapft werden können, wenn eine Quelle mal ausfällt, desto stabiler wird eine Person auftreten oder eben desto verunsicherter wird sie bei der Konfrontation mit unvertrauten Verhaltensweisen oder anderen fremden Werten sich selbst erleben und reagieren.


Gesellschaftliche Dynamiken

Neben den individuellen Situationen zeigen sich aber auch gesellschaftliche Dynamiken, die sich atmosphärisch auf andere übertragen: In einem Umfeld, in dem die Zahl der Single-Haushalte steigt, die so genannte Arbeitsmigration steigt, dass man eben dort hinzieht, wo Arbeit ist und gleichzeitig viele vertraute alte Bindungen wie lange bekannte Sportvereine etc. ausgetauscht werden gegen kurzfristige Aktionen und Projekte, ist es nicht verwunderlich, dass die allgemeine Verunsicherung leichter auftritt. Ist man allein, ohne Familien- oder Freundeskreis, fällt es in einer Krise am Arbeitsplatz schwerer, auf andere Quellen zurückzugreifen neben dem in sich selbst aufgebauten Selbstwert. Suchtreaktionen, sei es nun Alkohol, schnelles Autofahren oder andere den Selbstwert kurzfristig steigernde Verhaltensweisen, sind dann der Ersatz.

Die alte Frage »Wer kann ihnen jetzt beistehen, wen können Sie jetzt anrufen?« gewinnt unter diesem Gesichtspunkt eine ganz neue Relevanz. Denn dazu kommt die Scham zugeben zu müssen: da ist niemand. Welcher Oberarzt, der seiner Karriere wegen in den vergangenen acht Jahren viermal umgezogen ist, würde das schon zugeben?

Zusätzlich ist eine weitere Dynamik zu beachten: In Krisen neigen wir dazu, Ängste zu verschieben. Wir projizieren Ängste dahin, wo wir eine Art befriedigendes Bild von dem erhalten, was uns Angst macht, sei es nun die Hölle, Hexen, der dunkle Wald oder bestimmte Menschengruppen. Erdheim schreibt: »Es gibt eine Art Bügel, an denen man die verschiedensten Ängste wie Kleider aufhängen kann.«9 Aktuell sind für bestimmte Menschen Terrorismus, Islamismus, Flüchtlinge, für andere AFD-Wähler, Rechtsradikale oder Polizisten oder Politiker wie Trump solche Bügel. Dabei ist es wie bei den rothaarigen Frauen, die als Hexen eingestuft wurden, sekundär, ob die angstbesetzte Gruppe tatsächlich eine Gefahr darstellt oder nicht. Die Angst davor wird festgestellt. Und schon allein das Vorhandensein eines konkreten Bildes beruhigt, weil eine gerichtete Angst als bewältigbar erlebt wird, anders als eine diffuse Angst, die Ohnmachtsgefühle verstärkt.

Das Entlastende an Feindbildern ist, dass aus einer diffus erlebten Angst, die Ohnmachtsgefühle verstärkt, gerichtete Ängste entstehen, gegen die ich mich mittels Aggressionen zur Wehr setzen kann. Und schon fühle ich mich nicht mehr so ohnmächtig. Diese angstmindernde Funktion hatten als Sündenböcke deklarierte Gruppen zu allen Zeiten: seien es die Hexen im Mittelalter, die Juden als diejenige, die angeblich die Brunnen vergiftet haben zu Zeiten der Pest oder auch die Musik der Beatles, als zu Zeiten der 68er die Jugend revoltierte.

In Krisensituationen neigen wir dazu, uns an Vertrautem zu orientieren: der Griff zur Hand eines vertrauten Menschen, der Wunsch nach dem Lieblingsgericht und nach vertrauten Abläufen. Wir tun dies, weil wir uns davon Stabilität erhoffen. Umso leichter entstehen Missverständnisse und Irritationen mit Menschen, wenn die anderen genau diese Vertrautheiten ignorieren, vielleicht gar nicht kennen und – in welcher Form auch immer – uns mit Unvertrautem konfrontieren, sei es, weil sie in einer anderen Sprache sprechen, andere Körperhaltungen zeigen oder andere Wertvorstellungen haben. Je entspannter wir sind, je sicherer wir uns fühlen, umso weniger fühlen wir uns von Unvertrautem gereizt, verunsichert, in Frage gestellt.


Des Kaisers neue Kleider

Die gesellschaftliche Dynamik zum Umgang mit Fremdem wurde bereits im Märchen »Des Kaisers neue Kleider« von Hans Christian Andersen ausgeführt. Das Märchen handelt von einem Kaiser, der sich von zwei Betrügern für viel Geld scheinbar neue Gewänder weben lässt. Diese tun nur so, als ob sie weben, und geben an, die Kleider seien nicht gewöhnlich, sondern könnten nur von Personen gesehen werden, die ihres Amts würdig und nicht dumm seien. Der Kaiser selbst und auch sein Hofstaat geben nicht zu, die Kleider selbst auch nicht sehen zu können, zeigen stattdessen Begeisterung über die scheinbar schönen Stoffe. Der Schwindel fliegt erst bei einem Festumzug auf, als ein Kind sagt, der Kaiser habe gar keine Kleider an. Keiner aus dem »inner circle, wie wir heute sagen würden, wagte es, etwas zu sagen. Nur ein kleiner Junge, der noch nicht entsprechend sozialisiert und eingebunden war, rief laut: »Der Kaiser ist nackt«.

Beim Umgang mit Fremdheit geht es sehr viel auch um Sozialisation. Man verhält sich so, wie man es beigebracht bekommen hat. Dafür gibt es schließlich Normen. Dafür werde ich gelobt und belohnt. Die Krux ist nur: Diese erlernte Norm agiert zuweilen genauso wie das unsichtbare Gewand – man hat etwas zu bestaunen und schön zu finden und darf alles, nur nicht zugeben, dass man selbst etwas ganz Anderes sieht. Manche haben die Werte sogar so stark internalisiert, dass sie tatsächlich meinen, ein schönes Gewand zu sehen. Der kleine Junge weiß davon noch nichts. Er spricht es aus: »Der Kaiser ist nackt«.

Bei meinen Fortbildungen mit Pflegekräften erlebte ich früher, dass alle gelernt hatten, dass sie nichts Negatives über Menschen mit Migrationshintergrund sagen durften. Also taten sie es nicht oder eben nur, wenn keiner »von oben« dabei war. Oder schlimmer noch, sie hatten Schuldgefühle, wenn sie in bestimmten Situationen dennoch Wut oder Ärger empfanden. Ihre Fragen, ihr Frust, ihre Angst, durfte eben nicht raus, denn das gehörte ja schließlich auch alles zu dieser »Nacktheit« – all das was man selber sieht, aber sich nicht zu sagen wagt, um eben das zu tun, was man gelernt hatte. Aber wenn ich den Pflegekräften erlaubte, von ihren ganz persönlichen Erfahrungen auch unzensiert zu sprechen, kam alles heraus, wie sie als Nazi-Schlampe beschimpft wurden, wenn sie den Roma-Angehörigen etwas verboten hatten, oder wie es sie nervte, dass bei einer weiblichen Patientin der Mann immer antwortete, wie überfordert sie waren von den vielen Besuchen, wie ratlos und entsprechend ärgerlich sie sich fühlten, wenn sie den Patienten nicht verstehen. Und genau dann konnte ich anfangen. Wenn all das raus war und wir anfangen konnten mit ihren Fragen und dem, was sie beobachteten, erlebten und fühlten. Erst wenn die eigene Situation und die eigenen Erfahrungen ausgesprochen werden dürfen und auch als relevant einbezogen werden, kann eine neue Perspektive wachsen und dadurch auch ein neuer Umgang.10

Eine Krankenschwester, die von einem Philippino genervt war, der das Brot nicht aufaß, wurde von mir gefragt: »Was nervt denn so am vollen Tablett?« – »Naja, ich musste doch früher auch immer alles aufessen!« – »Und mochten Sie das?«, fragte ich nach. »Ne, aber mich hat damals auch keiner gefragt«. »Und gefällt es Ihnen, dass Sie jetzt, wie damals ihr Vater, auch die anderen dazu bringen können: alles hört auf mein Kommando?« – Die Psychologie erklärt solches Verhalten, dass die selbst erlebten Strukturen, auch wenn man selbst unter ihnen gelitten hat, weitergeführt werden. Durch das Aussprechen der Dynamik wurde klar, dass hier ein alterlerntes Verhalten unreflektiert fortgesetzt wurde – und schon am nächsten Tag fragte die Krankenschwester den Philippino, was er denn essen möchte. Der antwortete natürlich: Reis! Und fortan bekam er Reis.


Was hilft beim Umgang mit Fremdheit?

Unsere heterogene, multikulturelle Gesellschaft erfordert deshalb insbesondere von Menschen, die anderen in Krisensituationen begegnen, die Fähigkeit einer produktiven Differenzerfahrung11. Gemeint ist damit das Erlernen bzw. Stärken der Fähigkeit, Formen von kultureller und religiöser Andersheit und die vielfältigen Formen von Pluralität trotz der erlebten Irritation auszuhalten. Aber hierbei ist zu beachten: Das Wahrnehmen und Aushalten der eigenen Irritationen muss eingeübt werden. Die multikulturelle und multireligiöse Situation benötigt Konzepte, die die zu erlebende Verunsicherung nicht kritisiert oder unter den Tisch kehrt, sondern einbezieht und würdigt. Dann können die erlebten Irritationen wahrgenommen, ausgesprochen und überdacht werden, d.h. auch auf die vielleicht darin sich zeigenden eigenen Prägungen hin befragt werden. Aber erst dann. Nötig ist eine Schulung, wie die eigenen Reaktionen, Emotionen und Beurteilungen auf unvertrautes Verhalten, unvertraute Werte und Handlungsreaktionen

1. wahrgenommen und reflektiert werden können und

2. in neuer Weise bei der Begleitung des Gegenübers zur Klärung und Unterstützung einbezogen werden können.

Für dieses Vorgehen greife ich zurück auf die Arbeiten der Ethnopsychoanalytikerin Maya Nadig, die für diese Form der Reflektion das Bild eines Pendels einführte12. Demnach gelinge der Verstehensprozess durch eine sich abwechselnde Annäherung, um zunächst empathisch Nähe zum anderen zuzulassen und dabei alle entstehenden Eindrücke, Gefühle, Einschätzungen etc. aufzunehmen, um dann in der folgenden Pendelbewegung hin zu einer Distanz die notwendige Reflexion der Gegenübertragungsreaktionen über das Unvertraute zu ermöglichen, eine Aufgabe, die in empathischer Nähe nicht möglich ist. Im Anschluss an erste Analysen gilt es, wieder (wie bei einem Pendel) in der neu zugelassenen Nähe die gemachten Überlegungen einzubringen und das Gegenüber mit diesen zu konfrontieren, um im gemeinsamen Gespräch hierüber »nachzujustieren«, welche Überlegungen noch deutlich von eigenen ethnozentristischen Annahmen geprägt waren und wo es um weiteres Kennenlernen der fremden Umgangsform geht. Diese Art Zuhören, Fühlen und Denken ermögliche, so Nadig, etablierte Relevanz und Werte-Hierarchien aufzubrechen und Wissenszusammenhänge neu zu konstruieren.13 In einer derartigen stetigen Pendelbewegung, kann es zu einer Annäherung kommen, die ein vertieftes Verstehen des anderen ermöglicht, gleichzeitig auch das differenzierte Kennenlernen von anderen möglichen Reaktionen, die eben anders sind als die eigenen vertrauten Muster.


Improvisationstalent gefragt

Improvisation nannte man früher die Gabe, wenn etwas nicht klappte, jenseits der bekannten Verhaltensweisen, die Versatzstücke neu zu verbinden, nach neuen Anknüpfungspunkten zu suchen. Auch bei der interkulturellen Begegnung geht es darum, bei der Begegnung mit für mich Fremdem die erlebte Irritation als Moment zu deuten, wo neue Anknüpfungspunkte gesucht werden. D.h. mein Improvisationstalent ist gefordert. Es hilft, wenn diese Improvisationsfähigkeiten in ihrer Bedeutung gewürdigt, gestärkt und gefördert werden. Die erlebten Irritationen können dann nicht nur als Gefahr und Überforderung gedeutet werden, sondern auch als Herausforderung und als Chance, etwas, was nicht richtig funktioniert, wieder zum Laufen zu bringen.

Interkulturelle Begegnung verlangt die Reflexion der eigenen Sprache: sei es, wie komplex der Satzbau beim Formulieren ist, welcher Jargon nahezu selbstverständlich benutzt und vorausgesetzt wird, wie deutlich oder auch schnell gesprochen wird. Diese Form der Sensibilisierung der eigenen Sprache ist sicher grundsätzlich hilfreich, ist aber besonders in der interkulturellen Begegnung gefordert. Paralleles gilt für die Bedeutung der eigenen Mimik und Körpersprache, die bekanntlich einen Großteil unserer Kommunikation ausmacht und dennoch in der Seelsorgeausbildung wenig gemeinsam reflektiert wird.

Mit einer Haltung, die sich hinter altvertrauten (Verhaltens-)Strukturen verschanzt und auch in der Begegnung mit für mich religiös oder kulturell Fremden das Vertraute reproduzieren will, werden Klischees verbreitet, Fundamentalismus unterstützt und letztlich viel Frustration und Aggression auf allen Seiten produziert. Und alles gerät bekanntlich ins Stocken. Dabei werden die Chancen einer produktiven Differenzerfahrung außer Acht gelassen, welche Impulse aus einer fremden Erfahrungswelt unseren Horizont und auch unser theologisches Denken und Handeln erweitern könnten.

Es geht also darum, Seelsorger*innen darin zu unterstützen,
• entstehende Irritationen wahrzunehmen, auszuhalten und zu reflektieren,
• Improvisationsfähigkeiten zu fördern und zuzulassen,
• sprachlich nicht auf die eigenen vertrauten Floskeln fokussiert zu bleiben und
• die Körpersprache als wichtigen Teil der Kommunikation einzubinden.

Wenn ich derart ergebnisoffen eine Begegnung wage, kann ich überrascht werden. Ganz sicher werde ich mir über meine eigenen Prägungen und Werte bewusster. Ich lerne Neues kennen. Zuweilen kann ich beschenkt werden. Zuweilen werde ich mir eigener (Verstehens-)Grenzen klarer bewusst. Zuweilen kann ich sogar im Nachhinein den göttlichen Hauch spüren, der sich ereignete.


Anmerkungen:

1 Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie. Übersetzt, herausgegeben und eingeleitet von Wolfgang Nikolaus Krewani, Freiburg i.Br./München 1999.

2 Fremde sind wir uns selbst, Frankfurt/M. 1990.

3 Ausführlicher vgl. Christina Kayales, Gottesbilder von Frauen auf den Philippinen. Die Bedeutung der Subjektivität für eine interkulturelle Hermeneutik, Münster 1998.

4 Die Missions- und Ökumenewissenschaft hat seit Längerem dargelegt, wie lohnend es ist, Begegnung mit Fremden von diesen ethnozentristischen Beurteilungen zu befreien. Vgl. hierzu z.B. die Literatur zu »Evangelium und Kultur«.

5 Die Auseinandersetzung mit dem, was als fremd klassifiziert wird, ist auch für Kirche bekanntlich kein neues Thema. Bereits Paulus kritisierte im Galaterbrief, dass die Judenchristen sich von den als fremd eingestuften Heidenchristen absonderten, weil diese sich nicht an die jüdischen Speisevorschriften hielten. Paulus warb darum, das Verbindende bei aller kulturellen Unterschiedlichkeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Schwierigkeiten, mit Fremdheit umzugehen, zeigte sich weiterhin in Kirche und Gesellschaft, nicht zuletzt weil, wie uns die Psychologie lehrt, der Umgang mit Fremdheit davon geprägt ist, in welcher Form Trennungen bewältigt werden konnten.

6 Mario Erdheim: Die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit, Frankfurt/M. 1984, Psychoanalyse und Unbewußtheit in der Kultur, Frankfurt/M. 1988.

7 Mario Erdheim, Psychoanalyse und Unbewußtheit in der Kultur, Frankfurt/M. 1988, 19.

8 Stavros Mentzos, Der Krieg und seine psychosozialen Funktionen, Frankfurt/M. 1993.

9 Mario Erdheim, WOZ, Nr. 21/2015 vom 21.05.2015.

10 In der Theologie gab es in den 1970er Jahren ganz parallele Impulse: Es kam es in der Ökumene zu einem Durchbruch, als es hieß, wir machen kontextuelle Theologie, d.h. wir stülpen Menschen nicht unsere Theologie über. Stattdessen beginnen wir theologisch zu arbeiten, indem wir den Alltag und die Erfahrungen der Menschen vor Ort wahrnehmen und ernstnehmen.

11 Albrecht Grözinger, Differenz-Erfahrung, Waltrop 1995.

12 Maya Nadig, Die verborgene Kultur der Frau. Ethnopsychoanalytische Gespräche mit Bäuerinnen in Mexiko, Frankfurt/M. 1996, vgl. hierzu auch C. Kayales, a.a.O. (1998), 72-102.

13 Vgl. Maya Nadig, Formen von Frauenkultur aus ethnopsychoanalytischer Sicht, in: Hauser-Schäublin (Hg.), Ethnologische Frauenforschung, Berlin 1991, 212-248, 214.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastorin Dr. Christina Kayales, Jahrgang 1964, arbeitet in Hamburg als Krankenhausseelsorgerin und hat die Arbeitsstelle Kultursensibilität inne; Arbeitsschwerpunkt: Kultursensible Seelsorge, näheres unter www.kultursensibel-nordkirche.de.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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