5. Mai 2019, Johannes 10,11-16(27-30)
Miserikordias Domini

Von: Dietrich Lauter
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Du sollst deines Bruders Hüter sein

I

Miserikordias Domini – das ist ein Sonntag mit biblischen Texten, deren Zusammenhang gut erkennbar und sachlich nachvollziehbar ist. Ich schlage deshalb vor, ihn einmal zu nutzen, um die wechselseitige Beziehung mehrerer oder aller Texte zum Thema zu machen. So lässt sich der Gemeinde, die in der Regel immer nur mit einem »Häppchen« befasst ist und für die die großen Linien nicht selten verborgen bleiben, sozusagen in einem Spaziergang durch die Bibel das Grundthema des Tages nahebringen: weil wir geborgen sind in Gottes Liebe, die uns in Jesus in so unvergleichlicher Weise nahegekommen ist, sollen und können auch wir Verantwortung füreinander tragen, in der Gemeinde der Christen ebenso wie im Gemeinwesen. Dabei wird das eigene Reden hinter den Lesungen zurücktreten und – eher moderierend – den Hörerinnen und Hörern Hilfestellung geben, selbst das Verbindende zu entdecken.


II

Im Eingangsteil betet die Gemeinde den wohl beliebtesten Psalm, den Ps. 23. Er vermittelt Geborgenheit; zugleich wird nicht ausgeblendet, dass es auf dem Lebensweg auch finstere Täler gibt und auch das Böse und Menschen, die einem übel wollen. Aber er endet mit einem zuversichtlichen Ausblick, den Christen gerne als atl. Andeutung der Hoffnung auf ewiges Leben verstehen.

Im Evangelium, das in diesem Jahr Predigttext ist, bezieht Jesus in einem seiner »Ich bin«-Worte das Bild des Hirten auf sich. Dabei stellt er nach Johannes den guten Hirten dem Mietling gegenüber und betont die Hingabe, mit der der gute Hirte alles, ja auch sein Leben für die Schafe gibt. Als Jude kannte Jesus ebenso wie seine Zuhörer Ps. 23. Die Übernahme dessen, was dort von Gott ausgesagt ist, auf Jesus selbst stellte mit Sicherheit eine Provokation für traditionell denkende Zeitgenossen dar, zumal auch noch von den anderen Schafen die Rede ist, die nicht »aus diesem Stall« seien.

Die Epistel bezieht die Aussage über das Hirtenamt nun – ebenfalls in der Tradition des AT – auf das Verhältnis der Menschen untereinander. Während dies in Joh. 21 als Beauftragung eines Einzelnen, nämlich des Petrus geschieht, richtet sich der Schreiber des 1. Petr. ebenso wie Paulus (nach Lukas) in Apg. 20 ausdrücklich an die Gemeindevorsteher. Sie sind die Hirten der Gemeinde. Von da kann man auch zu einer Aussage zur Beauftragung aller Christen kommen. Dass es offensichtlich auch schon in der frühen Christenheit Gemeindevorsteher gab, die ihr Hirtenamt in egoistischer Weise praktizierten, geht aus der Ermahnung in 1. Petr. 5 hervor, das Amt nicht »um schändlichen Gewinns willen« oder als »Herren der Gemeinde« auszuüben.

Von da lässt sich wiederum der Bogen zurück zur atl. Lesung spannen. In Hes. 34 werden die politischen und religiösen Führer Israels als schlechte Hirten bezeichnet, denen Gott ihr Amt nehmen wird, um selbst Hirte seiner Herde zu sein.


III

Alles in allem lässt sich hier ein thematischer roter Faden herausarbeiten mit einem Konzept, das für das persönliche Leben ebenso wie für das soziale hilfreich sein kann. Wenn wir dies mit der Bibel in der Hand vortragen, wird ein genauer Beobachter allerdings feststellen, dass nur aus der zweiten Hälfte des Buches gelesen wurde. Deshalb möchte ich zum Schluss anregen, ganz nach vorn zu blättern und noch einen Text einzubeziehen: In der »Urgeschichte« findet sich der Abschnitt über den Brudermörder Kain, der auf die Frage des Herrn »Wo ist dein Bruder Abel?« die freche Gegenfrage stellt: »Soll ich meines Bruders Hüter sein?« Diese Frage begegnet uns auch heute nur allzu oft: Was gehen mich die anderen an?

Ich denke, man könnte mit Recht sagen: ein beträchtlicher Teil dessen, was nach Gen. 4 kommt, hat mit der Beantwortung dieser leider allzu menschlichen Grundfrage zu tun und gibt die klare Antwort: Ja, du sollst deines Bruders Hüter sein!


IV

Menschen, die kein Problem mit schwierigeren Gitarrengriffen haben oder in deren Gemeinde begabte Musiker tätig sind, empfehle ich das Lied von E. Bücken und P. Janssens »Weil wir von Hilfe leben« (Mein Liederbuch für heute und morgen, Nr. 43) – des passenden Textes wegen.


Dietrich Lauter

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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