22. April 2019, Jesaja 25,6-9
Ostermontag

Von: Hans-Jürgen Preuß
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Eine starke Vision

Ostermontag nach Osternacht, -frühstück und Festgottesdienst am Tag vorher! Wer kommt zum Gottesdienst? Welche Erwartungen knüpfen sich daran? Eingangspsalm und Hallelujavers verbinden beide Ostertage und bestimmen das Thema: »Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.«


Der große Traum

Die Verse Jes. 25,6-9 sind dem bedeutenden Propheten des 8. Jh. v. Chr. zugeschrieben, aber eher einem Unbekannten des 2. Jh. v. Chr. zuzuordnen, der wohlvertraut mit der eschatologisch-apokalyptischen Tradition Israels war. In einer großartigen Vision lebt die alte Vorstellung von der Wallfahrt der Völker zum Berg (Zion) nach dem Endgericht auf, um sich dort zu einem großen Fest- und Freudenmahl zu versammeln, das Gott ihnen bereitet. All das Dunkel Verhüllende, alle Unterschiede, Streitigkeiten, Gegensätze und Trauer Bedeckende wird weggenommen. Frieden und Einigkeit werden die Menschen in der Gemeinschaft mit Gott vereinen. Was für ein Hoffnungsbild! Was für ein Traum!

Die große Rede Martin Luther Kings vom Marsch der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung im Sommer 1963 vor einer Viertelmillion Menschen in Washington kommt in den Sinn: »I have a dream« – »Ich habe einen Traum, daß meine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach dem Inhalt ihres Charakters beurteilt werden.« Träume können wahr werden, Hoffnungsbilder das Leben begleiten. Von und mit ihnen lebt und wird auch der Glaube weitergetragen.

Der Traum vom endzeitlichen, großen Festmahl assoziiert weitere Bilder von Essensgemeinschaft, weit über den äußeren Anlass hinausgehend, Gemeinschaft stärkend, Gegenwart deutend und in die Zukunft weisend: der Besuch der Boten Gottes bei Abraham, das letzte Mahl Jesu mit den Jüngern, das Frühstück des Auferstandenen mit den Jüngern am See Genezareth und schließlich das Abendmahl im Gottesdienst.

Hinzu kommt, was vermutlich die Wahl des Jes.-Textes mitbestimmt hat, der auf Ostern zielende Schwerpunkt in V. 8: »Er (Gott) wird den Tod verschlingen auf ewig.« Paulus nimmt das in seinem Auferstehungskapitel 1. Kor. 15 auf, und die Offb. entfaltet im 21. Kapitel über das »neue Jerusalem« das Bild von dem künftig bei den Menschen wohnenden Gott.


Vergegenwärtigung und Vergewisserung

So könnte Aufgabe der Predigt die Aufnahme und Vergegenwärtigung dieser Botschaft sein, sich ihrer aufs Neue zu vergewissern und sich auf ihre großen Hoffnungen einzulassen. Das gilt einerseits im Blick auf unser begrenztes irdisches Schicksal: »Es kommen härtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.« (Ingeborg Bachmann) Dem steht die prophetische Botschaft entgegen, Gott, der Herr, wird den Tod verschlingen auf ewig, Jahrhunderte später aufgenommen in dem Osterzeugnis: »Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen an das Licht gebracht« (2. Tim. 1,10).

Zum anderen richtet die österliche Botschaft des Propheten den Blick über die irdische Begrenztheit unseres Lebens hinaus bis zu einem schließlich guten Ende aller Zeit mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde in ewiger Gemeinschaft mit dem Schöpfer und Erlöser allen Lebens. Die Vision vom Ende der Zeit mit ihren starken Hoffnungsbildern mag sich auch hier den zunehmenden Zweifeln unserer Zeit an einem verheißungsvollen Ziel für unsere zerfahrene Welt angesichts der offenkundigen Gefährdung unseres Planeten entgegenstellen. Zu allen Zeiten hat es Bedrohungen der Existenz von Menschen und Völkern gegeben (in der Bibel etwa die Sintflut, der Untergang Sodoms und Gomorras und die mehrfache Zerstörung Jerusalems). Trotzdem hat die Hoffnung auf neue Anfänge und das Vertrauen auf die verheißene andere Welt Gottes bis heute ebenso überlebt wie die, dass einmal »Gott der Herr die Tränen von allen Angesichtern abwischen wird«.

So mag die Predigt am eher besinnlichen und ruhigen 2. Ostertag einen Bogen schlagen vom Anlass des Festes, der Auferstehung Jesu, über die Aufnahme der prophetischen Hoffnungsvision bis in unsere Zeit. Das Ziel möchte sein, ein wenig mehr zur Vergegenwärtigung und Vergewisserung christlicher Auferstehungshoffnung im weitesten Sinn beizutragen; vielleicht gar bis zum getrosten Einstimmen in den Introitusvers: »Dies ist der Tag, den der Herr macht, lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. O Herr, hilf! O Herr, lass wohl gelingen!«


Hans-Jürgen Preuß

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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