21. April 2019, Johannes 20,11-18
Ostersonntag

Von: Peter Schaal-Ahlers
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Eine zarte Geschichte von Distanz und Nähe

»Das Berührungsdilemma ist uralt und für die Natur des Säugetiers Mensch so grundlegend, dass es einem vorkommen kann, als habe sich seit ein paar Tausend Jahren gar nichts geändert. Aristoteles schreibt vor 2500 Jahren in seinem Traktat ›Über die Seele‹, ohne Berührungen müssten die Menschen eingehen, nur sei eine allzu starke Berührung durch Gewalt leider ebenfalls tödlich.« schreibt Elisabeth von Thadden in der Wochenzeitung »Die Zeit« (13.09.2018).


Maria von M.

Maria von Magdala ist eine der spannendsten Gestalten der Evangelien. Dass Maria von M. nach ihrem Herkunftsort benannt wird, lässt vermuten, dass sie unverheiratet war. Die Stadt Magdala war nach antiken Berichten und archäologischen Befunden ein reiches jüdisches Städtchen. In Lk. 8,2ff wird berichtet, dass Maria von M. von Jesus geheilt worden war und dann zu den Sponsorinnen Jesu gehörte. Sie blieb bei Jesus bei seinem Tod, war bei der Grablegung zugegen. Und sie war bei den Frauen, die am Ostermorgen zum Grab gingen. Maria von M. zur Geliebten Jesu zu machen, ist reine Spekulation. Dass sie Jesus nah vertraut war, ist mit jedem Satz der Erzählung greifbar.


Das leere Grab tröstet nicht

Maria aus Magdala tut das Naheliegende. Sie geht zu Jesu Grab. Sie sucht die Nähe zu dem Menschen, der ihr Leben verwandelt hat. Sie beugt sich in das leere Felsengrab und schaut mit ihren verweinten Augen dorthin zum Leichnam Jesu. Dass das Grab leer ist, ist ihr kein Trost. Ihre Tränen werden vom leeren Grab nicht gestillt. Auch dass sie zwei Engel sieht, tröstet Maria nicht. Sie ist und bleibt so leer und traurig wie zuvor. Sie weint weiter. Aus Verzweiflung wendet sie sich um. Sie wendet sie sich ab vom leeren Grab – und von den Engeln.


Lethargie und Aktionismus

Da steht der Auferstandene vor ihr. In ihrem Schmerz kann sie ihn nicht erkennen. Dass sie den Auferstandenen mit dem Gärtner verwechselt, ist urkomisch und in meinen Augen ein großartiger Zug der Erzählung (an Ostern darf die Predigt auch ein wenig heiter sein). Maria von M. fragt ihr Gegenüber: »Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.« Maria bleibt bei sich in ihrer Trauer und ihrem Schmerz. In der Trauer liegen Lethargie und Aktionismus nahe beieinander.


Beim Namen genannt

Das Wesentliche geschieht in dieser Geschichte dadurch, dass Jesus Maria anspricht und beim Namen nennt. Für viele Menschen ist das wirklich schwer zu ertragen, dass der Glaube im Kern ein Angeredetsein ist. Beim Glauben gibt es zunächst nichts zu entscheiden, nichts zu leisten und nichts zu tun. Maria hört Jesu Stimme und sie wird durch diese Anrede verwandelt. Maria von M. erkennt den Mann aus Nazareth an seiner Stimme. Sie sagt zu ihm: »Rabbuni!, das heißt: Meister.« Große Nähe und tiefer Respekt mischen sich in diesem Ausruf.


Eine neue Zeit

Aber der Annäherung folgt sogleich eine Distanzierung. Die von Luther geläufige Übersetzung »Rühe mich nicht an« trifft nicht den Sinn der Stelle. Walter Klaiber übersetzt im BNT stattdessen mit »Halte mich nicht fest«, denn Jesus lässt sich von Thomas wenig später ja sehr wohl berühren (Joh. 20,27). Es geht darum, dass die Auferstehung nicht einfach eine Rückkehr zu der alten Gemeinschaft vor Jesu Tod ist. Maria soll an dieser alten Gemeinschaft nicht festhalten. Sie soll loslassen. Sie soll frei werden für eine neue Art der Begegnung und Gemeinschaft mit dem Auferstandenen. Und sie erhält sogleich den Auftrag, diese Botschaft des Ostermorgens weiterzusagen. Das erste Mal nennt Jesus nun seine Jünger Brüder bzw. Geschwister. Eine neue Zeit hat begonnen.


Lieder

EG 103,1-5 »Gelobt sei Gott im höchsten Thron«

EG 106,1-5 »Erschienen ist der herrlich Tag«

EG 108,1-3 »Mit Freuden zart zu dieser Fahrt«

EG 100,1-5 »Wir wollen alle fröhlich sein«


Peter Schaal-Ahlers

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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