19. April 2019, Johannes 19,16-30
Karfreitag

Von: Lars Hillebold
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Karfreitag sehen

Es gibt nicht mehr zu sehen, als was schon gesehen worden ist: Jesus selbst. Das Motiv des »Sehens« durchschaut Joh., vom Anfang der Herrlichkeit bis zum endlich-zweifelnden Thomas. Auf die Frage, wer zu sehen ist, antwortet die Karfreitagsperikope: der Gekreuzigte, und Joh. wird dies noch näher bestimmen als den auferweckten Gekreuzigten (20,24-29). Und mit 20,29 wird schließlich die Einheit des »historischen« Karfreitags und Ostersonntags für alle Zeiten geschaut. Hier integriert Joh. all die, »die nicht gesehen (haben) und (doch) zum Glauben kommen«. Joh. 19.20 integriert die Menschen und Zeiten, bei und in denen es kein Sehen des Auferstandenen gibt. Sie ermutigt die jährliche Herausforderung der Karfreitagspredigt neu und von zwei Seiten zu befragen: Liegt die anspruchsvolle Herausforderung der Karfreitagspredigt zeitgemäß darin, dass die Rede über Sünde und Vergebung, Sühne und Opfer, Zorn und Liebe, Gericht und Gnade kaum (selbst)verständlich ist? Und liegt ihre entlastende Herausforderung sinngemäß darin, dass die diskutierwürdige Bedeutung des Karfreitags (für mich, für uns und für die Welt) nicht erst in unserer Zeit, sondern schon durch Pilatus selbst in den Sprachen der Welt fest eingeschrieben wurde?


Im Gekreuzigten den König sehen (»Nada te turbe«)

Viele wissen nicht so recht, was sie man mit dem Tag anfangen sollen und mit seiner Widersprüchlichkeit. Er passt nicht so recht in unsere Gesellschaft. Wie soll ein grausames Sterben eines Menschen »für unsere Schuld« funktionieren? Der Begriff der Sünde wird zunehmend negativ und moralisch einengend verstanden. Erlösung – wovon denn?

Die Sorge der Predigt könnte sein, die Anstößigkeit des Kreuzes und die Herrlichkeit Gottes gleichzeitig sehen zu können. Was predige ich an Karfreitag am liebsten, weil mir manches in der Auslegungsgeschichte Schwierigkeiten macht? An welche Stimmen der Angst und des Leidens mit und an der Kreuzigung traue ich mich heran? Und das so öffentlich, wie es Pilatus getan hat. Wie halte ich es aus, von einer theologia crucis zu sprechen, die nicht durch ein zu schnelles gloria verharmlost wird? Wen halte ich in den Armen, für den der Tod trotz Ostern nicht besiegt ist? Noch immer – oder vielleicht sogar immer mehr – geraten Menschen unschuldig in eine Spirale von Gewalt und Flucht und Hass. So vieles sehen und von manchem sprechen, öffentlich in die Herzen schreiben, dass auch wir schuldig werden im Geflecht von Gewalt, Macht und Strukturen, in denen Menschen zu Schaden kommen.


Im Zorn die Liebe sehen (»Bleibet hier und wachet mit mir«)

Die zweite Szene erinnert an Gethsemane. Die Soldaten kommen näher. Es wird öffentlich: die Schrift erfüllt, Kleider geteilt, ums Gewand gewürfelt und Jesus nackt gekreuzigt. Eine Gewaltgeschichte wird öffentlich. Der Missbrauch eines Körpers, damit eines ganzen Menschen, und damit kommen alle in den Blick: die Qualen und ihre Menschen. Doch Zorn und Wut bleiben bei Joh. merkwürdig still. Man dieser sprechenden Stille Raum geben und hören, welche Gewalterfahrungen von Männern und Frauen an Karfreitag zur Sprache kommen. Vielleicht kann der leidende männliche Körper keine weiblichen Erfahrungen integrieren; und doch mag der nackte und bloße Leib Jesu, seiner Scham beraubt, den Raum dafür eröffnen, dass der Zorn gegen alle Gewalt nicht stumm verklingt, sondern mit Ps. 22 in Joh. 19,24 auch der Schrei des Psalms für andere mitschreit. Joh. bewahrt die Erinnerung an eine Gewalttat, die ein Netz von Beziehungen durchbricht, das andere mit Christus geknüpft haben. Dieses droht zu zerreißen. So wie Gewalt und Wut, Zorn und Ohnmacht als Beziehungslosigkeit drohen, zur Welt und zu sich selbst zerstörerisch zu sein.


Im Gericht die Gnade sehen (»Im Dunkel unsrer Nacht«)

Die dritte Szene um die beiden Beziehungsneuschöpfungen (»Das ist dein Sohn« – »Das ist deine Mutter«) nimmt die Zerrissenheit auf und leistet Widerstand gegen Rom und gegen die Vereinsamung. Politik und Seelsorge, eine Vision von Gerechtigkeit und Gemeinschaftstreue kommen zum Vorschein. Gewalt und das Überleben in der Gewalt kommen in den Blick. So überraschend und unmittelbar, wie plötzlich vier Frauen und ein Jünger, sich unter dem Kreuz wiederfinden. Und sie werden zueinanderfinden in neuen Konstellationen, die unter diesem Kreuz entstehen. Notwendig scheint es zu sein, die Gewalt zu sehen. Und neben der Gewaltperspektive kommt eine Gerichtsperspektive in den Blick, die Menschen neu ausrichtet: für den sündigen Menschen, der die zukünftige Welt nicht vor Augen hat. So wird aus einer moralischen Gerichtspredigt eine befreiende gegen die Zukunftsvergessenheit und für neue Beziehungskonstellationen.


Am Ende in die Zukunft sehen (»Meine Hoffnung und meine Freude«)

Auf den ersten Blick führt »Mich dürstet« und »Es ist vollbracht« in das religiöse Bedürfnis, mit Gott das heile und vollkommene Leben verbinden zu wollen; selbst angesichts des Todes. Doch steht diese Szene am Ende eines Weges bzw. Übergangs zu Joh. 20. Auch die joh. Vollkommenheitstheologie wird die Spuren und die Möglichkeiten nicht übergehen, an Karfreitag den Leidens- und Gewalterfahrungen von Menschen Gehör und Stimme zu verleihen. Die Erinnerung an den Gekreuzigten reißt den Horizont der Zukunft auf. Neue Hoffnung und neue Beziehungen tauchen unterm Kreuz und am Horizont auf.


Lars Hillebold

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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