Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Diese Nachricht füllte Anfang Februar Zeitungen und Fernsehen: »Elfjährige Grundschülerin begeht Selbstmord«. Blumen, weiße und rote Kerzen und viele Kuscheltiere säumen die Treppenstufen ihrer Grundschule in Berlin-Reinickendorf. Dazwischen liegen Briefchen und Zettel. In Kinderschrift, verziert mit Herzen, steht zum Beispiel: »Vielleicht kennst du mich nicht, ich bin in der 4b und Lanas beste Freundin; wir werden dich für immer vermissen …«. Diese Botschaft ist direkt an das elfjährige Mädchen gerichtet.

Laut »Tagesspiegel« soll sie einen Suizidversuch im Klassenzimmer unternommen haben, woran sie später im Krankenhaus gestorben ist. War es Mobbing? Ein anderer Zeitungsartikel warnt, dass ein Selbstmord in diesem Alter verschiedene Gründe haben kann. Jedenfalls hat das Landeskriminalamt »ein Todesermittlungsverfahren« begonnen. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft teilte mit, die Obduktion werde »zeitnah« eingeleitet.

Der Hinweis auf Mobbing kam von dem Anti-Mobbing-Trainer Carsten Stahl und dem ehemaligen SPD-Abgeordneten Thorsten Karge. Sie haben den Tod des Mädchens bekannt gemacht und von massiven Mobbingangriffen auf das Kind berichtet. Stahl zufolge kennen sich Karge und er von einer Anti-Mobbing-Veranstaltung in Reinickendorf. Zusammen mit Elternvertretern regte Stahl eine Mahnwache an, zu der dann 150 Menschen vor das Schulgebäude kamen, auch Mitglieder der Gesamtelternvertretung. Die Schulleiterin nahm ebenfalls teil. »Entsetzlich« sei der Tod der Schülerin, »wir sind bei den Eltern.« Sie wies aber den Vorwurf zurück, dass sich die Schule um die Mobbingproblematik nicht kümmere. »Wir haben Konflikte«, sagte sie. Doch seien ihre Lehrerkollegen, die Schulsozialarbeiter und sogar der Hausmeister immer ansprechbar, wenn es Streit gebe. »Bei uns kümmern sich alle. Wir sind eine Schule«.

Der Tod der Elfjährigen hat das Thema in den Medien nach vorne gebracht. Ob es aber tatsächlich eine neue Bereitschaft zur Auseinandersetzung gibt und durch wen, muss sich erst noch zeigen. Bisher lassen sich nur Forderungen in den Medien nachverfolgen: »Bildungssenatorin fordert eine erhöhte Sensibilität für das Thema Mobbing an Schulen«. Und es fehlt die Einsicht, durch wen an Schulen gemobbt wird! Überwiegend sind es Schüler und Schülerinnen: regelmäßige Ausgrenzung, einschließlich Cybermobbing in Internetforen und Chats. Also nicht nur während der Schulzeit, sondern auch danach – während sie online sind: Mobbing ohne Ende! Aber es trifft auch Lehrer.

Das haben drei junge Oberschüler vom Canisius-Kolleg in Berlin-Tiergarten begriffen. Und sie haben gehandelt: »Exclamo« heißt ihre Initiative, übersetzt: »Ich schreie auf«. Dies ist eine App, auf der sich Schüler an eine Vertrauensperson wenden können. Denn das ist der entscheidende Schritt: sich als Mobbingopfer zu outen. Das tun nur wenige. Wenn sie es aber schaffen, sich zu äußern, dann können Hilfsnetze wirksam werden und das Opfer steht nicht mehr allein. Eltern reagieren oft falsch: Sie fordern ihre Kinder auf, nicht so empfindlich zu reagieren – und die Kinder fühlen sich dann unverstanden und in ihrer Not allein gelassen.

Wer im Internet unter »exclamo« nachschaut, findet ein hervorragendes Angebot auf ansprechend gestalteter Seite, und erfährt: Die Initiative gewann 2018 den Preis der »Social-Entrepreneur« im Wettbewerb »Business@School«. Die Preisträger sind 17 Jahre alt und machen dieses Jahr ihr Abitur. Wöchentlich arbeiten sie 15 Stunden an ihrem Projekt und haben eine Crowdfunding-Kampagne gestartet: von den benötigten 15.000 Euro haben sie bereits 2600 Euro beisammen. Ihre Initiative setzt konsequent bei dem gebräuchlichen »Instrument« für Cybermobbing ein: dem Smartphone!



Siegfried Sunnus

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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