Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Die Stiftung Topographie des Terrors und der Suhrkamp Verlag luden zu einer Buchpräsentation mit dem Autor Felix Bohr ein: »Die Kriegsverbrecherlobby. Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter«. Ich hatte es als Weihnachtsgeschenk schon gelesen und eine halbe Stunde vor Beginn waren 30 Personen anwesend, um 19 Uhr war der Saal mit ca. 250 Besuchern gefüllt und es mussten noch Stühle herbeigeschafft werden …

Es war faszinierend, wie der junge Autor, Jahrgang 1982, erzählte, wie er auf das Thema gekommen war: Durch seine Examensarbeit – er hatte Geschichte und katholische Theologie studiert – war er auf Herbert Kappler gestoßen, den »Henker von Rom«. Dieser war verantwortlich für die Ermordung von 335 Italienern in den Ardeatinischen Höhlen am 24. März 1944, ein stillgelegtes Bergwerk am südlichen Stadtrand Roms, als »Sühne« für ein Attentat der Kommunistischen Widerstandsgruppe, der 32 Ordnungspolizisten zum Opfer fielen. Nach einer Zeit beim »SPIEGEL« schrieb Bohr an seiner Doktorarbeit und erweiterte das Thema mit den »Vier von Breda«, die in den Niederlanden wegen den Judendeportationen inhaftiert waren.

Es herrschte eine beklemmende Stille im Raum, als die ganze Geschichte um die fünf »Kriegsverurteilten« in Erinnerung gerufen wurde. Es war, wie der Moderator Prof. Dr. Michael Wildt, Jg.1954, sagte, »eine Geschichte der Bundesrepublik«. Die fünf waren die letzten Gefangenen in westlicher Haft, die ihre Strafe verbüßten, nachdem infolge der Westintegration alle übrigen amnestiert worden waren. In den Jahren 1945-1949 waren es die Kirchen, die sich für sie einsetzten, weil es keine staatlichen Stellen gab. Nach 1949 übernahmen die Bundesregierungen diese Aufgabe bis 1989, als die zwei letzten Überlebenden aus Breda freigelassen wurden. Alle Bundeskanzler setzten sich ein: Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt, Schmidt, Kohl.

Wie ist das zu verstehen? Bei den kirchlichen Verantwortlichen waren es wohl christliche Motive, aber auch patriotische Gründe, so schnell wie möglich die Verurteilten freizubekommen. Auch wenn sie durch NS-Haft gezeichnet waren, setzten sie sich für die Verurteilten ein – sie fühlten sich als Teil »einer deutschen Schicksalsgeschichte« und sahen sie als »Opfer einer Siegerjustiz«. Mein Schwiegersohn erinnerte sich, dass Adorno und Horkheimer zu Empfängen auch mit Alt-Nazis gingen, während Staatsanwalt Bauer dies ­vermied … Wollte man im Land leben, musste man das auch mit den Tätern!

Überraschend war das Engagement von Willy Brandt, schon ab 1963. Auch für den Forscher – und die Zuhörenden! Brandt leitete die »Politik der inneren Versöhnung« und sein Kalkül, als Emigrant nun doch dazuzugehören. Ein schwieriges Kapitel der Deutschen …

Der Autor verwies auf den Kalten Krieg als »Begnadigungsgefälle« – und die Massenverbrechen im Osten Europas waren weit weg. Aber warum stockte es bei den fünf? Sie waren, wie Bohr überzeugend nachwies, »die Gesichter des Besatzungsregimes« und wenn eine Amnestie erwogen wurde, erhob sich ein Sturm der Entrüstung.

Eine gute Anekdote fiel auch dabei ab: Als Frau Kappler1977 beim Deutschen Botschafter war, wunderte sich der Botschaftsrat, dass die Freilassung ihres Mannes diesmal kein Thema war – am nächsten Tag war er geflohen! Nun waren es nur noch vier, für die sich die »Lobby« einsetzte, eine Mischung aus »Stiller Hilfe«, einer Organisation von Helfern mit Prominenz, und Verbänden von Kriegsheimkehrern und Waffen-SS.

Es war eine Zeitreise der besonderen Art, zu der der junge Autor und der ältere Professor uns führten, und die Betroffenheit war zu ­spüren.

Siegfried Sunnus

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2019

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