Theodor Fontanes Pastoren (III)
Kontroverstheologische Spitzen und gespaltene Pfarrpersönlichkeiten

Von: Reiner Strunk
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Ende 2019 wird der 200. Geburtstag Theodor Fontanes (*30.12.1819) gefeiert. Fontane zeichnet sich durch eine ausgesprochen präzise und feinsinnige Beobachtung und Beschreibung gesellschaftlicher und milieubezogener Verhältnisse aus und stellt damit eine unerschöpfliche Fundgrube für historische Recherchen dar – auch für das Bild des Pastors im 19. Jh. Reiner Strunk präsentiert »Fontanes Pastoren« quer durch sein Oeuvre – diesmal in »Graf Petöfy«, »Grete Minde« und »Cécile«.*


Eine andere geographische Region als die heimatliche in der Mark Brandenburg, aber keineswegs eine völlig andere Welt sucht der Dichter in seinem Roman Graf Petöfy auf. Man wird nach Wien und ins Österreichisch-Ungarische versetzt, dort freilich wieder ins adlige Milieu und in riskante Partnerschaftsverbindungen, die den Keim des Scheiterns von Anfang an in sich tragen. Evangelische Pastoren kommen in diesem katholischen Reich nicht vor, wohl aber ein Pater namens Feßler, ein Vertrauter der Gräfin Judith, die der katholischen Kirche aufs engste verbunden ist. Immerhin wird die weibliche Hauptperson Franziska als Pro-testantin und sogar als Pastorentochter von der Odermündung vorgestellt:

»›Ah, an der Oder‹, wiederholte Feßler. ›Ein gut katholischer Strom‹. ›Ja,‹ warf Franziska rasch ein. ›Aber doch nur zu Beginn, nur in der Enge des Gebirges. Sobald er ins Freie tritt, wird er protestantisch und immer protestantischer, je mehr er sich dem freien Meere nähert.‹ ›Um endlich darin unterzugehen‹, schloss Feßler mit übrigens verbindlicher Handbewegung« (64f).


Die Oder – ein katholischer oder ein protestantischer Fluss?

Die Metapher von der Oder, die in ihrem engen oberen Teil katholisch, im unteren freien und weiten Gebiet jedoch protestantisch sei, bildet eine schöne Pointe beim Konfessionsvergleich, der im Roman mehrfach vorgenommen wird. Außerdem ist sie ein Beispiel der Konversationskultur, die Fontane jetzt schon beinahe auf die Höhe des Stechlin bringt. Der Erzählstoff selber dagegen ist nicht mehr als Gerüst, und Fontane scheut sich nicht, dafür einen Konflikt von Boulevardniveau heranzuziehen. Das Eigentliche nämlich erscheint im Gespräch, das Kokette, Spielerische, das Funkelnde und Bedeutsame in ständig neu arrangierten Gesprächsszenen: »Alles flink, unterhaltlich, so weit espritvolles Geplauder unterhaltlich sein kann; wer auf plot’s (sic) und große Geschehnisse wartet, ist verloren. Für solche Leute schreib’ ich nicht, … ich kann um dem großen Haufen zu genügen nicht Räubergeschichten- und Aventüren-Blech schreiben«, notiert Fontane Ende August 1883 an seine Frau (201), das ist, man beachte, ganze zwei Jahre nach Ellernklipp und zwei Jahre vor Unterm Birnbaum!

Die Romanhandlung lässt sich rasch zusammenfassen: Graf Petöfy, ein alter Herr aus ungarischem Adel, der seiner Neigung zur Kunst und zum Theater nachgibt, zeigt sich begeistert von der jugendlichen Schauspielerin Franziska, holt sie nach Wien, genießt ihre Gegenwart und ihre unbefangene Art und beschließt, ihr die Ehe anzutragen. Sie willigt ein, ohne tatsächlich zu lieben, bis der erwartete Bruch erfolgt: Franziska verliebt sich in den Neffen des Grafen, und sobald der Alte davon erfährt, zieht er die Konsequenz und wählt der Freitod. Seine Noblesse bezeugt er ein letztes Mal, als er keineswegs seiner jungen Frau die Schuld des Treuebruchs zuweist, sondern sich selber vorwirft, die Realitäten verkannt und in Träumen gelebt zu haben: »Narr, der ich war, als ich mir ein Etwas ausdachte, das halb von der Sultanin Scheherezade, aber halb auch von der heiligen Elisabeth abstammen sollte; Dame von Welt, aber auch Nonne, weiblicher Esprit fort, aber in Klausur. Im Einfachsten hab’ ich mich verrechnet« (177).


Unterschiedliche Lebensarten und Kulturen

Die Handlung erscheint also trivial, dient im Grunde aber lediglich dazu, aparte Konstellationen der Gesprächspartner und interessante Themen der Konversation zu ermöglichen. Und da spielen nicht allein die Gegensätze von Alter und Jugend, von Theaterluft und Adelskonvention eine Rolle, sondern mehr noch die unterschiedlichen Lebensarten und Kulturen von Preußen und Österreich-Ungarn und die religiöse Rivalität von Katholiken und Protestanten.

Im ersten ausführlichen Gespräch zwischen Judith, der Schwester des Grafen Petöfy, und Feßler, einem smarten Liguorianerpater8, geht es natürlich um die Schauspielerin und norddeutsche Pastorentochter, in die der Graf hoffnungslos vernarrt zu sein scheint. Über die Person hinaus geht es aber um Protestantismus und Preußentum überhaupt und deren Unvereinbarkeit mit Österreichs Katholizismus. Was Fontane da durchspielt, ist ein raffinierter, perspektivisch verschobener Blick auf die preußischen Verhältnisse, wie er sich im dialogischen Meinungsaustausch am ehesten vermitteln lässt.

Die Gräfin setzt ein mit einem klischeehaften Vorwurf an die Adresse der Protestanten: »Und dann ist sie Lutheranerin oder Calvinistin, oder was weiß ich, und wird also sehr wahrscheinlich an der ewig wiederkehrenden protestantischen Ungezogenheit kranken, ihre ketzerischen Naivitäten in einem Tone vorzutragen, als ob ein Appell unmöglich sei« (17).

Überraschenderweise stimmt der Pater ihr nicht zu. Er findet es vielmehr »unterhaltlich«, die »in Abfall geratenen Kinder unserer Kirche« über Dinge reden zu hören, von denen sie nichts verstehen. Die politisch-religiöse Verstiegenheit in Preußen amüsiert ihn mehr, als dass sie ihn entrüstet: »am unterhaltlichsten und lehrreichsten erscheinen mir allemal diese Preußen in ihrer rechthaberischen Ausgesprochenheit und ihrem ehrlichen Glauben an eine preußische Verheißung mit dem alten Fritzen als Gott oder wenigstens als Nationalheiligem« (17).


Die höchste Lebensform

Diese launige Karikatur des Paters wird später noch einmal getoppt von der Gräfin, die sich an Franziska wendet: »Ich habe mir erzählen lassen, in euren Kirchen hinge (statt des Gekreuzigten, R.S.) nur immer der Wittenbergische Doktor, den ihr den Reformator und Wiederhersteller der reinen Lehre nennt, und in mancher Gemeinde ginge man noch einen Schritt weiter und verehre bloß den preußischen König. Ich meine, den König Friedrich den Zweiten. Und man hat mir sogar gesagt – ich zögere freilich es nachzusprechen –, es gäbe Bilder, auf denen er wie Gott selber im Himmel säße mit seinen Generalen rund um sich her, und jeder Preuße glaube mehr oder weniger ernsthaft, dass sein großer König von dort aus regiere, bloß in der Absicht, sein Land immer größer zu machen« (63).

Für die Urteilsfähigkeit und Umsicht des Paters spricht, dass er es nicht bei satirischen Anmerkungen belässt. Er äußert sich nicht als steifer Konfessionalist und Ketzerfresser, eher als heimlicher Sympathisant des preußisch-evangelischen Geistes. Und entspricht in dieser Hinsicht weniger einem jesuitischen Standard, als dass er Fontane selbst – zu dessen damaliger Zeit – aus dem Herzen plaudert. Der Gräfin gegenüber billigt der Pater den Preußen durchaus etwas »Anregendes« und sogar »Großes« zu: »Beispielsweise die Freiheit. Nicht die politische, die nicht viel, und auch nicht die soziale, die noch weniger bedeutet, aber die innerliche. Sie prüfen die Dinge, sind kritisch und leben selbständig aus sich heraus. Und das ist der Heilsweg; ja, lassen Sie mich hinzusetzen: unter richtiger Voraussetzung der einzige Weg, der zum Heile führt … Es gibt eine höchste Lebensform, und diese höchste Lebensform heißt: ›in Freiheit zu dienen‹. Das Dienen aus bloßem Zwang heraus ist tot, und erst aus einem selbstgewollten, weil als unerlässlich erkannten Verzicht auf die Freiheit erblüht uns der echte, welt-erlösende Glauben. Aber um auf die Freiheit verzichten zu können, dazu muss man sie vorher haben. Sie haben ist das Erste, sich ihrer begeben das Zweite. Den ersten Schritt hat der Protestantismus getan. Vermag er auch den zweiten Schritt zu tun, den Schritt zu Rückkehr und freiwilliger Unterordnung unter das Gesetz, so haben wir in ihm das Ideal. In hoc signo vinces. Da liegt die Zukunft, das Geheimnis einer höher potenzierten Welt« (18).


Künstliche Größen

Tatsächlich predigt da der Liguorianerpater, wogegen er nach seiner Herkunft und seinem geistlichen Zuschnitt im Grunde einmal angetreten war: die Vorzüge des Protestantismus – und zwar nach dem Modell einer Pflichtenethik Immanuel Kants. Einem jesuitisch geprägten Pater ist das schwer zuzutrauen, Fontane selbst allerdings auch nur bedingt, da er schon lange vor dem Stechlin den preußischen Protestantismus durchaus mit kritischen Augen betrachtete. So kann er nach Feßlers Lobeshymnen die junge Franziska aus eigener Anschauung ganz anders reden lassen: »Früher, als ich noch in meines Vaters Hause war, hab’ ich viele Traureden mit angehört, und immer war es dasselbe Thema: ›Begrabt euer eigen Ich.‹ Immer Unterordnung, immer Opfer um des andern willen. Davor, meine liebe Hannah, erschreck’ ich« (82).

Und in Schach von Wuthenow9, kaum ein Jahr vor Graf Petöfy geschrieben, lässt Fontane den alten Bülow gegen die vertrackte Synthese aus Preußentum und Luthertum gewaltig vom Leder ziehen: »Der nationale wie der konfessionelle Standpunkt sind hinschwindende Dinge, vor allem aber ist es der preußische Standpunkt und sein alter ego, der lutherische. Beide sind künstliche Größen.«

Für den Grafen Petöfy ist Franziskas Herkunft und konfessionelle Prägung völlig belanglos. Er bekennt sich zum »Unglauben«, dies freilich gleich wieder durch einen hübschen Schlenker ins Allzumenschliche relativierend: »unsere schwache Natur ist doch schließlich immer stärker als unser stärkster Unglaube, der au fond bloß renommiert und keine Courage hat, das weiß ich von mir selbst, und sowie was auf dem Spiele steht oder auch bloß eine Gicht oder ein Zwicken kommt, so schiel ich nach meinem heiligen Stephan hinüber, der über meinem Schreibtisch steht, geradso wie das Muttergottesbild über dem deinen, und sage: ›Nun hut dich und sput dich, Stephanerl, und tu was für einen Magyar und ehrlichen Christen-menschen.‹ Und sieh, Fränzl, ich denke mir, so was steckt in jedem und am End’ auch in einer kleinen, lieben Ketzerseele« (89).

Zu seinem Tod wird dem Grafen eine Würdigung zuteil, ähnlich der des Dubslav im Stechlin: »Denn der Heimgegangene hatte die Weise der Barmherzigkeit allezeit geübt und war ein Christ in seinem Tun gewesen, wie sehr er sein Wort auch bestritten haben mochte« (184).


Grete Minde – die Täterin als Opfer

In Tangermünde hat Fontane 1878 eingehende Studien für seine Novelle Grete Minde betrieben. Er entnahm der dortigen Stadtchronik die Geschichte einer Brandstifterin, der Margarete Minden, die im Jahr 1617 einen Großbrand ausgelöst hatte und zwei Jahre später deswegen verurteilt und hingerichtet worden war. In seiner novellistischen Bearbeitung dieses historischen Stoffs verzichtet Fontane auf Prozess und Todesurteil und lässt seine wahnsinnig gewordene Grete zusammen mit ihrem Kind im entfachten Feuer umkommen. Mehr als die nackten Fakten interessiert ihn der Schicksalsweg einer jungen Frau, die von rücksichts-losen Verwandten verstoßen und in den Tod getrieben wird. In der Täterin entdeckt er das Opfer.

Grete, Tochter eines Tangermünder Ratsherrn, gerät nach dem Tod ihrer katholischen Mutter in die Obhut eines kalten Stiefbruders und seiner noch mitleidloseren Frau Trud, bis sie mit ihrem Nachbarsfreund Valtin aus den unerträglichen Zuständen flieht und sich einer reisenden Puppenspielergruppe anschließt. Doch der vermeintliche Weg in die Freiheit erweist sich als Weg ins noch tiefere Unglück: Valtin stirbt; mit ihrem gemeinsamen Kind sucht Grete notgedrungen den Wiederanschluss an die Familie, wird aber schroff abgewiesen und obendrein um ihr Erbe geprellt. »In meines Vaters Haus ohne Heimat! Unter Bruder und Schwester, und ohne Liebe. Es tötet mich, dass mich niemand liebt« (46), hatte sie früher ihrem Valtin gestanden, und der letzte Satz wird gleichsam zum Orakel über ihre Zukunft. Nicht geliebt zu sein, ist ihr Schicksal, das sie vollends dem Tod ausliefert. Auch Pastor Gigas ändert nichts an ihrem Verhängnis. Er hat eher Teil daran und weiß nicht, was er tut.


Ein Pastor – mehr Typus als Person

Dieser Gigas ist mehr Typus als Person. Er stellt die Figur eines Geistlichen dar, dem es nicht gelungen ist, seine lutherische Doktrin mit seiner natürlichen Menschlichkeit zu vereinigen. Denn hartherzig und gefühllos wie Gretes Angehörige ist Pastor Gigas überhaupt nicht. Er habe sogar, so merkt der Dichter an, »aus erbitterten Glaubenskämpfen her auch einen Schatz echter Liebe gerettet« (27). Doch genau an dieser Stelle verbirgt sich sein Problem. Aus seinen »erbitterten Glaubenskämpfen« ist er gestärkt hervorgegangen, gestärkt in seiner Glaubensüberzeugung. Die hat, was an »echter Liebe« in ihm war, nicht ausgelöscht, aber abgespalten. Im Glauben ist er nun gestählt, freilich so auch verhärtet, und wenn eine Entscheidung zwischen seinem lutherischen Glaubens-bekenntnis und den Restbeständen seiner menschlichen Liebe ansteht, dann hat die Liebe das Nachsehen. Das Amt, so wie er’s versteht und praktiziert, überlagert die Person. Der Anspruch des Geistlichen drängt die Äußerungen des Menschlichen in den Hintergrund.

An drei Stellen seiner Novelle schildert Fontane diese unglückliche Gespaltenheit in der Pastorenexistenz. Zuerst in einer Begegnung des Pastors mit der noch kindlichen Grete. Eine Begegnung, die Grete nicht gesucht hat, zu der sie vielmehr regelrecht vorgeführt wurde. Die ältere Schwägerin brachte sie zu Gigas in der Erwartung ihrer moralischen und religiösen Disziplinierung. Und der Pastor lässt sich auf dieses Spiel ein. Der abgefeimten Trud kommt er mit Schmeichelei-en entgegen und salviert ihr Gewissen mit der falschen Annahme, dass sie das Kind »auf dem Herzen« trage und nur auf »sein Wohl« bedacht sei: »Denn der Teufel mit seinen Listen geht immer um, am meisten aber bei der Jugend, und von ihr gilt es doppelt: ›Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallet‹« (26).


Ein Kübel lutherischer Gelehrsamkeit

Das ist jedoch erst Ouvertüre. Im Gespräch mit der kleinen Grete kommt’s erheblich dicker. Denn zunächst verhört er sie über ihre Gebetsübungen. Und korrigiert sie dann, nachdem sie brav ihr naives Kindergebet aufgesagt hat und schüttet einen Kübel seiner lutherischen Gelehrsamkeit über sie aus.

»Was ich irdisch gebe hin, / Ist mir himmlischer Gewinn«, hatte Grete in ihrer kindlichen Verzagtheit als Gebetstext mühsam hervorgebracht, und statt sich der offenkundigen seelischen Bedrängnis des Kindes anzunehmen, belehrt Gigas sie eifrig: »Nein, Grete, das macht es nicht; darin erkenn’ ich noch die Torheit von den guten Werken. Lernen wir lieber einen anderen Spruch. Denn sieh, unsre guten Werke sind nichts, weil all unser Tun sündig ist von Anfang an. Wir haben nichts als den Glauben, und nur eines ist, das sühnet und Wert hat: der Gekreuzigte«.

So bringt der Pastor am verkehrten Platz und im untauglichen Zusammenhang seine religiösen Fundamentalsätze aufs Tapet, die über den Kopf des Kindes hinausgehen und sein verängstigtes Herz nicht berühren können. Wo mitfühlendes Verständnis gefordert wäre, zieht sich der Geistliche aufs Lehrmäßige zurück. Es spricht das Amt, und es schweigt die Person.

Doch nicht genug damit. Fontane dreht die Schraube des Zwiespalts zwischen geistlichem Amt und menschlicher Person noch ein Stück weiter. Als Grete nämlich beim Stichwort vom »Gekreuzigten« in plötzlich »freudiger Erregung« sagt, dass sie »einen Splitter von seinem Kreuz« habe, entrüstet sich Gigas, »und seine roten Augen schienen röter geworden«. Nach Untersuchung der kleinen Kapsel, die Grete an einem Kettchen um den Hals trug und die ein Bild der Mutter Gottes sowie ein Holzsplitterchen enthielt, erteilt er ihr bloß eine knappe Auskunft: »Es ist Götzendienst, Grete« (28). Und als Grete nun natürlich nicht auf der lehrhaften Ebene des Pastors, sondern auf ihrer eigenen Gefühlsebene reagiert und erklärt: »Ein Andenken, Herr! Ein Andenken von meiner Mutter. Und es ist alles, was ich von ihr hab’«, fällt bei Gigas immer noch nicht der seelsorgerlich-menschliche Groschen, sondern er fährt fort zu dozieren: »Denn verstehe wohl; wir sollen sein Kreuz tragen, aber keinen Splitter von seinem Kreuz, und nicht auf unserm Herzen soll es ruhen, sondern in ihm« (28).


Fromme Allgemeinplätze

Eine zweite, spätere Begegnung mit dem Pastor wird von Grete selber gesucht. Aber sie endet nicht weniger unglücklich. Zwar leiht ihr der Pastor sein Ohr und ist freundlich wie immer, doch am entscheidenden Punkt stellt er wieder den Menschen hinter dem Amtsträger zurück. Grete denkt an Flucht aus ihren widrigen Familienverhältnissen und fragt den Pastor, ob »Flucht allemalen ein bös und unrecht Ding sei«. Der zögert zunächst, um schließlich zu erwidern: »Ja, Grete, das ist eine schwere Frag’, und ich denke, wir müssen zum ersten allemal beten, dass wir nicht in Versuchung fallen, und zum zweiten, dass uns die Gnade Gottes überall, wo wir zweifelhaft und unsicher in unsrem Gemüte sind, den rechten Weg finden lasse…« (56). Ein bedrängtes Herz, das auf seelsorgerlichen Beistand und väterlichen Rat hofft, wird mit frommen Allgemeinplätzen bedient. So wird Grete allein gelassen: von ihrer Familie mit schroffen Worten, von ihrem Pastor mit öligen Floskeln.

Das klarste Beispiel für den eklatanten Bruch zwischen Amt und Person beim Pastor Gigas liefert Fontane anlässlich seiner Traueransprache für den verstorbenen alten Jakob Minde: »Er schien noch ernster als gewöhnlich, und sein Kopf mit dem spärlich weißen Haar sah unbeweglich über die hohe Radkrause hinweg. Und nun begann er. Erst hart und herbe, wie fast immer die Strenggläubigen, wenn sie von Tod und Sterben sprechen; als er aber das Allgemeine ließ und vom Tod überhaupt auf diesen Toten kam, wurd’ er warm und vergaß aller Herbigkeit« (38).


Die Geschichte einer Konvertitin

Die Geschichte der Cécile ist erneut die Geschichte einer Konvertitin, so wie bei Franziska im Graf Petöfy und bei Ursel Hradscheck in Unterm Birnbaum. Der Konfessionswechsel zeitigt regelmäßig unglückliche Folgen, und auf den dramatischen Höhepunkten der Lebensschicksale setzt sich jeweils durch, was den Charakter der ursprünglichen Glaubensweise ausmachte. Ursel Hradscheck, die ehemals »Kattolsche« aus dem Hildesheimer Land, klammert sich am Ende an die erhoffte Wirksamkeit von Seelenmessen, und Cécile hält in ihrer Todesstunde ein Kruzifix in Händen und bittet ihren evangelischen Pastor um Verständnis, dass sie ihre »letzten Gebete an ebendies Kreuz und aus einem katholischen Herzen heraus gerichtet habe« (182f).

Cécile weilt mit ihrem (älteren) Ehemann, Oberst a.D. St. Arnaud, in einer Harzer Nobelherberge, wo sie die Bekanntschaft mit Gordon, einem weitgereisten Ingenieur und früheren Offizier macht. Die beiden kommen einander näher, ohne es zu verheimlichen, Arnaud zeigt sich ahnungslos oder tolerant und trifft jedenfalls keine Vorkehrungen, die Kreise des Paares zu stören.

Cécile ist eine schöne, aber zerbrechlich erscheinende Person. Sie leidet an einer Gemütskrankheit, deren Ursachen zunächst verborgen bleiben, schließlich aber auf verheerende Weise bekannt werden. Denn Gordon bittet seine Schwester um Nachforschungen über die Vergangenheit dieser Cécile, und es stellt sich heraus, dass sie in ihrer Jugend die Mätresse eines Fürsten und nach dessen Ableben auch noch seines Neffen gewesen ist. Arnauds Verlobung mit ihr erregte deshalb das standesgemäße Missfallen in Regimentskreisen, und als ein Stabsoffizier beleidigende Bemerkungen fallen ließ, wurde er von Arnaud zum Duell gefordert und getötet. Der daraufhin Verurteilte nahm seinen Abschied, hielt aber an Cécile fest, auch wenn ihre Beziehung seitdem formell wurde und im Kern vergiftet war. Die ganze tragische Entwicklung führt zur Katastrophe, als sich Gordon, durch die bitteren Enthüllungen maßlos enttäuscht, mehrfach Unverschämtheiten gegen Cécile und Arnaud erlaubt, von diesem gestellt und in einem zweiten Duell erschossen wird. Arnaud flieht an die Riviera, Cécile verkümmert buchstäblich und stirbt daheim.


»Beten Sie mir das Grauen fort«

Im letzten Teil der Erzählung tritt ein »alter Hofprediger« in Erscheinung, der Céciles Vertrauen genießt und sich als einfühlsamer Seelsorger erweist. Unverständlich, dass Helmuth Nürnberger, der ausgewiesene Fontane-Kenner, im Nachwort meint, dieser Hofprediger sei ein »glatter Gesellschaftsmensch und Karrierist« (260). Nach Fontanes eigener brieflicher Auskunft soll der Hofprediger Dörffel vielmehr ein »liebenswürdiger« Mensch und »Céciles besonderer Freund« sein (195), und die Protagonistin selbst spricht von »meinem väterlichen Freunde« (122).

Im Gegensatz zu Pastor Gigas in Grete Minde wird Hofprediger Dörffel seiner seelsorgerlichen Aufgabe durchaus gerecht. Auf das Wohl seines unglücklichen Beichtkindes bedacht, zögert er nicht, moralische Prinzipien, zu denen sein Amt verpflichtet, zurückzustellen und Cécile die Intensivierung ihrer außerehelichen Beziehung anzuraten: »Pflegen Sie seine (Gordons) Bekanntschaft, und er wird Ihnen das Licht und die Freude geben, die Sie so schmerzlich vermissen« (125).

Und als Cécile unschlüssig und schweigsam bleibt, fährt er fort, ihren Seelenzustand zu spiegeln und ihr ausdrücklich »Mut« zuzusprechen: »Ich weiß wohl, was diesen Ihren beständigen Zweifeln zugrunde liegt, es ist das, dass Sie, vor Tausenden, in Ihrem Herzen demütig sind. Und diese Demut soll Ihnen bleiben. Aber es ist doch zweierlei: die Demut vor Gott und die Demut vor den Menschen. In unserer Demut vor Gott können wir nie zu weit gehen, aber in unserer Demut vor den Menschen können wir mehr tun als nötig. Und Sie tun es. Es ist freilich ein schöner Zug und ein sicheres Kennzeichen edlerer Naturen, andere besser zu glauben als sich selbst … Aber zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes, dem das Leben gehört, und das ist einfach der Mut« (125).

Cécile antwortet dankbar und überschwänglich: »Sie sind der einzige, der es wohl mit mir meint, der einzige, der reinen Herzens ist, und ich beschwöre Sie, … beten Sie mir das Grauen fort, das auf meiner Seele liegt« (126). Und dann liefert der Hofprediger den deutlichsten Nachweis seiner pastoralen Kompetenz, indem er die Glaubenslehren nach ihrer Wirksamkeit beschreibt, die eben nicht plötzlich und nach Art medizinischer Hausmittel wirken, sondern in einem langsamen Prozess geistig-seelischer Aneignung: »Die Heilslehren existieren und sollen uns Brot und Wein des Lebens sein. Aber sie sind nicht ein Schlagwasser oder Riechsalz, um uns in jedem beliebigen Momente plötzlich aus unserer Ohnmacht aufzuwecken10. Es gibt auf diesem Gebiete nichts Plötzliches, sondern nur ein Allmähliches, auch die geistige Genesung ist ein stilles Wachsen, und je tiefer Sie sich mit dem Glauben an den Erlösertod Jesu Christi durchdringen, desto sicherer und fester wird in Ihnen der Friede der Seele sein« (128).

Völlig anders als St. Arnaud, der nach Duell und Flucht aus der Ferne an seine Frau schreibt und ihr einen Rat von ausgesuchter Instinktlosigkeit erteilt (»Aber nimm das Ganze nicht tragischer als nötig, die Welt ist kein Treibhaus für überzarte Gefühle«, 181), bleibt Hofprediger Dörffel der Leidenden nah und ist um Verständigung und Ausgleich bemüht. Zuletzt richtet er ein Schreiben an den verwitweten Oberst, berichtet vom Tod der Cécile und zitiert aus deren schriftlich hinterlegtem Letzten Willen. Dieser gipfelt in ihrem persönlichen Bekenntnis zum Katholischen, das sie formal mit ihrer Konversion hinter sich gelassen hatte. Und dieses Bekenntnis der Cécile ist zugleich ein Ausdruck des Respekts, den Fontane selber dem Katholizismus gegenüber empfinden konnte: »Jede Kirche hat reiche Gaben, und auch der Ihrigen (sc. der lutherischen) verdank’ ich viel; die aber, darin ich geboren und großgezogen wurde, macht uns das Sterben leichter und bettet uns sanfter« (183).


Anmerkungen:

* Die Endnotenzählung schließt an den zweiten Teil an.

8 Zum Orden des Italieners Alfons Maria von Liguori gehörend, der 1696 bei Neapel geboren, 1839 heiliggesprochen wurde und den Jesuiten nahestand.

9 Vgl. R. Strunk: Luther schach-matt, DPfbl 5/2017, 284f.

10 In Vor dem Sturm war genau dies die Auffassung eines von Fontane sog. »Angstchristentums« (vgl. Teil I).


(Fortsetzung folgt)

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. Reiner Strunk, Jahrgang 1941, Assistent für Syst. Theologie bei Jürgen Moltmann in Bonn und Tübingen, 1970 Promotion, 1977-1986 Studienleiter am Württ. Pfarrseminar, 1997-2003 Leiter der Fortbildungsstätte Denkendorf.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2019

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