Zwei Beobachtungen zum Verhältnis der Institution Kirche zu ihren Mitgliedern
Kirche ohne Biss?

Von: Wolfgang Lück
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Wie viel Kirche braucht der Glaube? – eine typisch protestantische Frage. Im Protestantismus war und ist das Verhältnis zwischen der Institution Kirche und denen, die – mehr oder weniger – zu ihr gehören, stets locker. Vor diesem Hintergrund bewertet Wolfgang Lück zwei Initiativen der Amtskirche, dem Kirchenvolk näher zu kommen.


Die Kirche und ihr Volk

Es geht um die Protestanten mit einem sehr eigenen Verhältnis zu ihrer Kirche einerseits und das Verhältnis der evangelischen Kirche zu ihren Mitgliedern andererseits. Da liegt einige Spannung drin. Das hat Tradition. Ich rechne schon Schillers Votivtafel »Mein Glaube« dazu: »Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst! ›Und warum keine?‹ Aus Religion«.1 Der religiöse Mensch lässt sich in Sachen Religion nichts vorgeben. Er nimmt seine Unmittelbarkeit zu Gott in Anspruch. Er fühlt sich in seinem Gewissen durch keine religiöse Institution gebunden. Dieser Anspruch findet sich seit der Reformation durch die protestantische Theologiegeschichte hindurch.

Für Kirchenleitende ist es schwer, damit umzugehen. Die Evang. Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat in einer Studie zur Zukunft der Volkskirche 1992 dem Kind den Namen gegeben: »Person und Institution«. Man formulierte: »Was Mitgliedschaft in der Kirche unter den Bedingungen der Individualität bedeutet und wie sie praktiziert werden kann, das ist zu einem Existenzproblem der Volkskirche geworden. Wir sind genötigt, die Beziehungen zwischen dem einzelnen, der Kirche und der Gesellschaft grundlegend neu zu formulieren.«2 Seit 1970 befragt die EKHN zusammen mit der Evang. Kirche in Deutschland alle zehn Jahre ihre Mitglieder und neuerdings auch Ausgetretene nach ihrem Verhältnis zur Kirche. Die amtliche Kirche will wissen, wie sie auf ihre Mitglieder zugehen und diese zu aktiver Mitgliedschaft und vertieftem Verständnis bewegen kann.

Es sei bemerkt, dass sich strukturelle Ähnlichkeiten der Beziehung zwischen Amtskirche und Kirchenvolk und zwischen Politik und den »Menschen im Lande«, den »Menschen da draußen« usw. erkennen lassen. In beiden Fällen gibt es eine Suchbewegung, die Verständnis und Akzeptanz zu erreichen versucht. Wie gut die Bemühungen gelingen, lässt sich an der Reaktion derer erkennen, an die sich die Anstrengungen richten. Von Begeisterungsstürmen wird kaum berichtet. Nicht selten gibt es die Reaktion von »die da oben haben gut reden, aber wir hier unten …«. Innerhalb der EKHN lautet die Entsprechung: »die in Darmstadt (= Sitz der Kirchenverwaltung), aber wir in den Gemeinden …«. Das ist inneramtskirchlich und hierarchisch gedacht und insofern eine spezielle Variante der Problematik. Seit den Wahlen in Bayern und Hessen im Herbst 2018 kann es auch heißen: »die in ihrer Käseglocke« haben ja keine Ahnung, worum es uns geht. Gemeint war dann die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD in Berlin.

Im Folgenden soll es um zwei Bemühungen seitens der amtlichen Kirche in Richtung auf das Kirchenvolk gehen. Was und ob man da etwas besser machen kann, kann nur gefragt werden. Patentrezepte gibt es nicht. Strukturelle Schwierigkeiten lassen sich nicht gänzlich überwinden. Ich schaue mir das Lutherjahr an. Das wiederholt sich so nicht. Und mir geht es auch um die Impulspostbriefe des Kirchenpräsidenten der EKHN, die weiter erscheinen sollen.


Eine Weltausstellung zum Lutherjahr

2017 wurde das 500jährige Jubiläum der 95 Thesen Martin Luthers gefeiert, die als das zentrale Datum der Reformation gelten. Evang. Kirche in Deutschland und die deutschen Landeskirchen bereiteten sich zehn Jahre darauf vor. Jedes dieser Jahre stand unter einem eigenen Motto. 2017 versprach zu einem Großevent zu werden. Größe signalisierte eine geplante »Weltausstellung« des Protestantismus in Wittenberg. Groß sollte ein Kirchentag in Berlin und Wittenberg sowie an anderen Orten werden. Man rechnete mit enormen Besucherzahlen. Doch schon in ihrer Ausgabe vom 30. Juli 2017 meldete die »Evangelische Sonntagszeitung« zur »Halbzeit in Wittenberg«: »Von den bis 10. September erwarteten 500.000 Besuchern haben zur Halbzeit gerade einmal 70.000 Menschen ein Ticket für die Weltausstellung der Reformation in Wittenberg gekauft. Gleichwohl ziehen die Veranstalter eine positive Zwischenbilanz. Die Freiluftveranstaltung zum 500. Reformationsjubiläum habe ›deutlich an Fahrt aufgenommen‹, heißt es. Es gehe um mehr als Zahlen …«.3 Unter der Überschrift »Geheimtipp« titelt Martin Vorländer in derselben Ausgabe: »Der Weltausstellung der Reformation in Wittenberg fehlen bislang die Besucher – wer hinfährt, erlebt Erstklassiges exklusiv«. Im Artikel berichtet er aber auch von dem Frust der vielen Haupt- und Ehrenamtlichen, die hier engagiert sind. »Jede Station ist einfallsreich und aufwendig gestaltet. Doch wollen das bislang nur wenige sehen. Hat man sich erst einmal innerlich freigemacht vom Mitgefühl für den Frust der Macher und lässt man die Frage nach der Kosten-Nutzen-Rechnung beiseite, dann ist die Weltausstellung ein Genuss … . Man kann die Fülle an Ideen in Ruhe genießen ohne Gedrängel und Warteschlangen«.4

Natürlich gab es auch Kritik an der Weltausstellung. Es sei zu wenig Luther im Original präsentiert worden. Die Themen seien zu beliebig. Der Bezug zur Reformation sei nicht immer zu erkennen gewesen. Vorländer resümiert: »Aber so sind wir Protestanten nun mal: vielstimmig, nie mit uns zufrieden, allzuständig für die Probleme der Welt, vielfach engagiert. Das kann man auf der Weltausstellung. Also besuchen Sie Wittenberg – solange Sie es noch für sich haben«.5


Die Besucherzahlen stimmen nicht

Hochgelobt wird die Ausstellung. Nur die Besucherzahlen stimmen nicht. Davon berichtet auch Heike Schmoll in einer Sendung des SWR am 27.8.2017. Die Besucherzahlen seien durchgängig hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Das bezog sie nicht nur auf die Weltausstellung in Wittenberg, sondern auch auf den Kirchentag in Berlin und Wittenberg. Überall seien die Zahlen niedriger gewesen als vorhergesagt. Von Leipzig, wo einige Programmpunkte des Kirchentages stattfanden, berichtet Schmoll, dass man schon vor dem Ereignis die Zahl der erwarteten Teilnehmerinnen und Teilnehmer von 50.000 auf 35.000 herabgesetzt habe. Am Ende aber seien nur 15.000 Interessenten registriert worden, von denen nur 7500 zahlende Besucherinnen und Besucher gewesen seien. Schmoll interessiert sich für die Frage, wer für die entstandenen Defizite aufkommen müsse. Sie berichtet, dass die Leipziger Kulturdezernentin sich dafür habe rechtfertigen müssen, dass sie ein Angebot mit einer Million Euro bezuschusst habe, »das offenbar kein so großes Interesse fand«. Jetzt werde darüber diskutiert, ob man nicht hätte anders werben müssen, dass vielleicht auch die Menge der Veranstaltungen zu groß und die Vielzahl der Veranstaltungsorte abgeschreckt hätten.6 Andere trösten sich damit, dass Zahlen nicht alles seien.


Wittenberger Weltausstellung und Kasseler »documenta«

Mich interessiert die Frage, woher die hohe Erwartung der Veranstaltenden kommt. Woran hat man das festgemacht, dass so viel mehr Leute kommen würden als dann tatsächlich gekommen sind? Hat die EKD entsprechende Erfahrungen? Welche könnten das sein? Gut besucht sind in der Regel die Kirchentage. Deren Geheimnis ist aber eher, dass diese Veranstaltungen Mitmachmöglichkeiten sind. Viele Besucherinnen und Besucher sind entweder selbst engagiert oder sind mit Gemeindegruppen in ihrem Umkreis verbunden. Es geht nicht einfach um Teilnahme, sondern vor allem um Sozialkontakte. Zwar wird bei den Kirchentagen von Besucherinnen und Besuchern gesprochen, doch geht der Kontakt dieser Personengruppen über das unverbindliche Besuchen wie etwa von Theater, Kino oder Ausstellungen hinaus. Hier ist man nicht Konsument, vielmehr gehört man tendenziell mit dazu. Der Kirchentag ist kein von »oben«, kein von »der Kirche« gesteuertes Angebot. Seinem Wesen nach ist er eher ein Protestantentag. Dieses Image hatten aber offenbar die Veranstaltungen zum Lutherjahr nicht.

Die Weltausstellung hatte mit ihrer Gliederung in »Torräume« erkennbar kirchlich propagierte Themen:

– Torraum Welcome
– Torraum Jugend
– Torraum Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung
– Torraum Globalisierung/Eine Welt
– Torraum Ökumene und Religion
– Torraum Kultur.

War es anzunehmen, dass über die Zahl derer hinaus, die auch sonst zu kirchlichen Veranstaltungen kommen, wesentlich mehr Menschen strömen würden?

Nun wird mir sicher entgegengehalten, dass doch die Gestaltung der Themen nicht traditionell kirchlich daherkam, sondern den Stichworten Kunst und Kultur entsprechend. Eine Ausstellung stand unter dem Motto »Luther und die Avantgarde«. Eine Fülle anspruchsvoller Installationen seien zu sehen, zu begehen und zu erleben gewesen. Kunst und Kultur seien doch gefragt.

Das ist sicher richtig, blickt man etwa auf die im gleichen Zeitraum wie die Wittenberger Weltausstellung laufende »documenta« in Kassel. Am 31. Juli 2017 meldete das »Darmstädter Echo« auf: »Umstritten, aber erfolgreich ist die documenta in Kassel in ihre zweite Halbzeit gestartet. Nach den ersten 50 Tagen der weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst zogen die Veranstalter eine positive Bilanz«. 445.000 Besucher seien bisher gekommen, 17% mehr als bei der Halbzeit der vergangenen documenta … »Die Leute scheinen zu kommen trotz massiver Kritik«, sagt der Kasseler Kunstwissenschaftler Harald Kimpel. Er spricht von einer »Mitleidsdocumenta«, bei der einem »die Traumata von Menschen aus aller Welt kommentarlos vor die Füße geworfen werden«.


Fragestellungen – vor die Füße geworfen

Ist der Unterschied zwischen der Attraktivität der Wittenberger Weltausstellung und der Kasseler »documenta« eine Frage der Qualität? Sicher gibt es Unterschiede im Niveau. Die halte ich aber für nicht so entscheidend. Entscheidender dürfte sein, wie das Angebot empfunden wird. Nicht nur bei dieser »documenta« werden einem Fragestellungen und Probleme ohne Lösungsangebot vor die Füße geworfen, nach dem Motto: »Das ist deine Welt. Sieh zu, wie du damit fertig wirst!«

Bei der Wittenberger Ausstellung begegnet mir das Angebot wohlgeordnet nach den bekannten kirchlichen Programmen. Es ist fast wie beim Abendmahl. Brot und Wein werden mit der Aufforderung dargereicht: »Nimm hin und iss, nimm hin und trink!« Dass alles schön bereitet ist, gehört dazu: »Kommt, denn es ist alles bereit!« Auf der Ebene der Kommunikation zwischen Gott und Mensch hat das alles so seine Berechtigung, ist das ein Grund zum Dank. Aber auf der Ebene der Kommunikation zwischen der Institution Kirche und der Privatperson Christ sieht das anders aus. Da möchten viele dann doch lieber eine Begegnung auf Augenhöhe. Das heißt u.a., dass die Fragen offen bleiben und nicht nur Antworten präsentiert werden, nach denen womöglich niemand gefragt hat; und dass ich nicht nur eingeladen werde, sondern hineingenommen werde in einen Prozess, das Gemeinsame zu gestalten.

Das heißt dann aber auch, dass für eine große Mehrheit der Christinnen und Christen die Institution Kirche nicht automatisch für alles zuständig ist. Es gibt Bereiche, da nimmt man sie in Anspruch. Aber es gibt große Teile des Lebens, da brauche ich die Kirche nicht. Da entscheide ich nach einer Art von Fachkompetenz, Zuständigkeit oder Arbeitsteilung. Dabei wird Teilnahme oder Nutzung danach entschieden, was man welchem Anbieter zutraut.


»Kann« Kirche Kunst und Kultur?

Bei aller Kritik im Einzelnen kann dann entschieden werden, dass die »documenta« Kunst »kann«. Für die meisten »kann« Kirche Religion. Zweifel aber werden angemeldet, wenn die Kirche für sich beansprucht, Kunst und Kultur ganz allgemein gesprochen zu »können«. Das gilt nicht für das Spezialgebiet der Kirchenmusik. Seit einiger Zeit gibt es in City-Kirchen kulturelle Angebote wie Literaturlesungen und Ausstellungen. Dabei lässt sich beobachten, dass es recht lange dauert, bis ein solches Angebot von einem größeren Publikum angenommen wird. Die Verantwortlichen müssen durch die Qualität ihres Angebots erst unter Beweis stellen, dass sie Kunst und Kultur auch wirklich »können«. Kirchlichem Personal wird diese Qualifikation nicht ohne weiteres zugesprochen. Das ist bei den Angeboten aus dem Bereich Religion anders. Da wird allein schon die kirchliche Anstellung als Fachkompetenz akzeptiert.

Womöglich haben die Organisatoren der »Kirchentage auf dem Wege« und der Weltausstellung die Attraktivität dieser Veranstaltungen deshalb überschätzt, weil den Leuten die Kompetenz der Kirche für derlei Angebote nicht selbstverständlich war, oder umgekehrt, weil die Angebote nicht eindeutig der religiösen Kompetenz zugerechnet werden konnten. Eine protestantische Weltausstellung und ein anderer Typ von Kirchentag lassen sich einem breiten Publikum offenbar kaum aus dem Stand heraus vermitteln. Wenn man dennoch zu derlei Angeboten greift, setzt man offenbar auf die Effizienz von Events. Dazu gehört dann aber wohl mehr als ein einzelner Segensroboter in Wittenberg.7 Der Vizepräsident der EKD, Thies Gundlach, meint, dass die Kirche auch Events veranstalten sollte, allerdings müssten die gut sein. Heike Schmoll fragt dagegen: »Und was, wenn selbst die Interessierten von der Kirche alles, nur kein Event erwarten? Was wäre, wenn die EKD sich über die wirklichen Wünsche der Zielgruppe gewaltig irrt?«8


Umfassendes Harmoniebedürfnis

Als weitere Gründe für ein Desinteresse des Publikums nennt Schmoll, dass das Programm des Lutherjahres von einem »umfassenden Harmoniebedürfnis« geprägt sei. Differenzen würden verschwiegen. Das spezifisch Reformatorische trete nicht klar hervor.9 Historiker hätten sich gegen die kirchliche Vereinnahmung des Lutherjubiläums gewehrt und der EKD vorgeworfen, dass sie es versäumt habe, »Gesprächsfäden über das eigene Milieu hinaus zu knüpfen. Dabei hätte es dafür viele Möglichkeiten gegeben.«10 Eignete sich aus der Sicht der Veranstalter das Jubiläum nicht für provokante Fragen und Begegnungen?

Mir sind zwei Schriften über den Weg gelaufen, die das Reformationsjubiläum mit provokativen Vorschlägen bereicherten, Vorschläge, die nicht unbedingt ernsthaft auf sofortige Umsetzung warteten, vielmehr Diskussion herausfordern sollten. Da ist die Streitschrift von Friedrich Christian Delius mit dem Titel »Warum Luther die Reformation versemmelt hat«11, und da ist das Plädoyer für einen Kulturprotestantismus von Jörg Lauster mit der These »Der ewige Protest. Reformation als Prinzip«.12

Der Schriftsteller Delius fragt den Luther auf dem Denkmalssockel, warum er nie die von Augustin übernommene Erbsündenlehre infrage gestellt, dadurch letztlich die Frohbotschaft doch in eine Drohbotschaft verwandelt und damit die Reformation unvollendet gelassen habe. Der Münchner Theologe Lauster schlägt an einer Stelle vor, das Adjektiv lutherisch aus der Kirchenbezeichnung zu streichen. Eine Benennung nach einem Menschen kenne er von keiner Kirche. Dies führe doch leicht zu Personenkult.13 Kritische und seien es ironische, Fragen zu einem Jubiläum zu stellen, regt sicher mehr an als das hohe Lob der eigenen Geschichte.


Die Impulspostbriefe der Evang. Kirche in Hessen und Nassau (EKHN)

Wenn die Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum nach der Einschätzung von Heike Schmoll von einem großen Harmoniebedürfnis geprägt gewesen seien, kann man überspitzt auch sagen, dass sie nach der Wahrnehmung des angesprochenen Publikums irgendwie »ohne Biss« waren.

In der EKHN wird nach Einstellung einer Mitgliederzeitschrift jährlich zweimal ein Impulspostbrief an alle Haushalte verschickt. Aus Anlass des jüngsten Briefs bat ich erstmals die Mitglieder unseres langjährigen theologischen Diskussionskreises um eine Äußerung dazu. Alle hatten bis auf ein konfessionsloses Mitglied den Brief bekommen. Auf meine Bitte, zu dem Brief etwas zu sagen, bekam ist eine etwas hilflose Reaktion. Man war der Meinung, dass diese Post nicht für die im Kreise Versammelten bestimmt sei. Andere Kirchenmitglieder könnten damit vielleicht etwas anfangen. Die angesprochenen Themen und die Art der Darstellung kamen bei dem Kreis nicht an. Wir haben die Sache nicht weiter vertieft, weil ich merkte, wie wenig Interesse mir da entgegenkam. Woran mag dieses Schulterzucken angesichts der doch als Anstoß zum Nachdenken und Diskutieren gemeinten Impulspostbriefe gelegen haben? Unser Kreis besteht fast nur aus pensionierten Akademikern. Inhalt und Gestaltung mögen für diese Zielgruppe nicht ansprechend gewesen sein.

Wie und womit versuchen die Impulspostbriefe der EKHN die Mitglieder anzusprechen? Was möchten sie bei ihnen erreichen? Wie sind die Reaktionen? Die Briefe wollen die Mitglieder nicht zum Besuch von Veranstaltungen einladen, die in besonderer Weise auf das vermutete Interesse oder die vermuteten Bedürfnisse einer Zielgruppe bzw. allgemein der kirchlichen oder insgesamt gesellschaftlichen Öffentlichkeit zugeschnitten sind. Sie sprechen die Angeschriebenen auch nicht als kulturell, sozial oder allgemein religiös für bestimmte Themen offene Menschen an, sondern ganz klar als Kirchenmitglieder. Insofern kann man die Impulspost auch nicht vergleichen mit den Aktivitäten aus Anlass des Reformationsjubiläums 2017. Dennoch soll der Frage nachgegangen werden, wo Kirchenleitende die Mitglieder vermuten. Das lässt sich zunächst ablesen an den Themen, die die Briefe ansprechen. Dann spricht die Gestaltung der Briefe eine erkennbare Sprache und schließlich gehören die Begleitmaterialien und -angebote in der realen und der digitalen Öffentlichkeit dazu. Interessant dürfte auch sein, wie die Aktionen innerkirchlich kommuniziert und begründet werden.


Theologische Grundinformation und seelsorgerlicher Zuspruch

Die Impulspostbriefe gibt es seit 2012. Sie traten an die Stelle einer eigenen Mitgliederzeitschrift, die auch – wie die Briefe – an alle Haushalte verschickt wurde, in denen wenigstens eine Person evangelisch ist. Die erste Impulspost trug den Titel »Weihnachten ist Geburtstag«. 2013 folgte »Lichtblick Ostern« und »Toleranz üben üben«. Mit dem Thema Toleranz wechselte man von typisch kirchlichen Themen wie dem Kirchenjahr zu Themen, die aktuell waren, aber auch etwas von den Grundpositionen des Protestantismus vermitteln. 2014 waren dies »Zum Glück gibt’s den Segen« und »Danksekunde«. Der erste Brief 2015 warb für die anstehenden Kirchenwahlen: »Kirchenvorstandswahlen«. Der zweite Brief wandte sich wieder einem eher seelsorgerlichen Thema zu: »Hausputz für die Seele«. Dieser Tendenz folgte der erste Brief 2016 mit »Jede Familie ist anders« mit dem Zuspruch: »nicht allein«. Provokativ war der Hinweis auf ein Grundprinzip des reformatorischen Glaubens 2016 mit »Die Bibel auf einem Bierdeckel«. Es ging um das Doppelgebot der Liebe. Provokation und zugleich Zuspruch war 2017 »Sie sind heilig! – huch« mit dem Untertitel »Heilig – Gott glaubt an Sie!« Das Reformationsjubiläum 2017 stand unter dem Motto »Gott neu entdecken – Gott und die Bilder von Gott«. 2018 wechselte man von der theologischen Grundinformation wieder zu Seelsorge: »Fürchtet euch nicht!« Es ging um Mut und Angst. Hier spiegelte sich die Debatte um die Flüchtlingsproblematik, sowie die Stimmungslage, die zum Erstarken von politischen Kräften zu führen schien wie die AfD.14 Der zweite Brief 2018 ist dem Sonntag gewidmet: »So ist Sonntag!«

Die Themen wechseln also zwischen theologischer Grundinformation (Weihnachten, Ostern, Doppelgebot der Liebe, Gottesbilder, Sonntag) auf der einen Seite und seelsorgerlichen Ansprachen bzw. Zuspruch (Toleranz, Segen, Dank, Familie »Sie sind heilig« und »Fürchtet euch nicht«) auf der anderen Seite.


Eine Art religionspädagogischer Basiskurs?

In der Drucksache Nr. 47/16 der Synode der EKHN wird als Ziel der Impulspost angegeben, geistliche Anregungen zu vermitteln und möglichst viele Mitglieder zu erreichen. »Mit einem elementaren und pointierten Ansatz sollen insbesondere diejenigen angesprochen werden, die sonst kirchliche Angebote kaum wahrnehmen«. In diesem Sinne sind die Briefe vielleicht als ein religionspädagogischer Basiskurs zu verstehen. Die sich intensiver mit Theologie und Kirche beschäftigen, sind nicht die Zielgruppe. Das könnte der Grund sein für ein deutliches Desinteresse aus diesen Kreisen. Es wird nur Altbekanntes geboten.

So ganz kann ich diese Deutung nicht glauben. Die Aussage »Gott glaubt an Sie« haben auch die kirchlichen Insider so noch kaum gehört. Oder die Pluralität der Gottesbilder? Auch dieser Gedanke ist bei kirchlich Engagierten kein Allgemeingut, das sie zum Gähnen brächte. Wenn über diese und andere provozierende Themen offenbar nicht mit größerem Engagement diskutiert worden zu sein scheint, dann könnte das Achselzucken auch mit etwas anderem zu tun haben: Mit der Art der Gestaltung und der Präsentation.


Als Werbeaktion erfolgreich

Die Aufmachung der Briefe betrifft sowohl die gewählte Sprache als auch das Design. Beides ist in einem Werbestil gehalten. In dieser Hinsicht sind die Briefe fachlich anerkannt. Sie haben auch schon Design-Preise gewonnen. Die Frage ist nun, ob kirchliche Insider und hochkulturell Geprägte sich von einem Werbestil ansprechen lassen. »Sie sind heilig! – huch« könnte schon als der Sache nicht angemessene locker flockige Sprache kritisiert werden. Zumindest wird man davon ausgehen können, dass für viele die religiöse Thematik nicht in einem solchen Werbeaufzug angemessen zum Ausdruck kommt.

Nicht wenige werden den Erzeugnissen mit einer werblichen Aufmachung von vornherein mit einer gewissen Nichtachtung begegnen. Sie werden darin auch keine für sich persönlich relevanten Botschaften erwarten. Diese Reaktion wird nicht durchgängig sein. Über die externe Akzeptanz urteilt die Vorlage für die Kirchensynode: »Die Impulspost ist inhaltlich einfacher und provozierender, als es vielen Hochverbundenen lieb ist. Damit gefällt sie aber vielen, die von sonstigen kirchlichen Angeboten kaum oder gar nicht erreicht werden.«15

Befragungen haben ergeben, dass etwa die Hälfte der Angeschriebenen angab, dass sie die Briefe erhalten haben. Von diesen Personen hat gut die Hälfte nach eigenen Angaben den Brief auch gelesen und meint, etwa acht Minuten dafür benötigt zu haben. 90% stimmen der Aussage zu »Ich finde es gut, dass die evangelische Kirche mit dem Themenbrief auch an die Mitglieder denkt, die nicht zur Kirche gehen«.16

Inwieweit das Ziel »geistliche Anregungen zu vermitteln« erreicht wird, ist einer solchen Aussage nach nicht erkennbar. Die Kontaktaufnahme ist gelungen. Für Werbefachleute ist sie sogar sehr gut gelungen. Als Mittel der Mitgliederpflege wird man die Impulspost durchaus als erfolgreich bezeichnen können.


Die Kirche und ihre »Kunden«

Die Frage, die wir gestellt haben, war allerdings eine andere. Uns interessierte, mit welchen Erwartungen bzw. Einstellungen Kirchenleitende ihren Mitgliedern gegenübertreten. Die Impulspost lässt hier erkennen, dass die Rolle, die den Mitgliedern zugeschrieben wird, die ist, dass es Mitglieder einer Organisation, eines Vereins usw. oder eben auch Kunden sind. Die Angeredeten sollen weiter gebunden bleiben. Man möchte sie als treue Stammkunden erhalten. Das ist ein legitimes Ziel von Organisationen und Wirtschaftsunternehmen.

Allerdings beißt sich das für mich und womöglich auch andere irgendwie schon mit der theologischen Vorstellung von der Gemeinschaft aller Getauften. Wer ist der Souverän der Kirche? Ich bin auch nicht sicher, ob eine Mehrheit der Protestanten sich selbst nur als Kunden verstehen. Sicher verstehen sie die Organisation der Kirche als Dienstleistungseinrichtung in Sachen Religion. Aber dass man Religion einkauft, wird kaum jemand behaupten. Was unterscheidet die Impulspost von der Apothekerzeitschrift oder der alten Bäckerblume? Bleibt es nicht bei einem Gegenüber von Anbieter und Kunde? Müsste nicht irgendwo das Wir der Christenheit durchscheinen? Wir Protestanten sehen dies oder das so. Wir Protestanten glauben nicht, dass… Oder: Das ist unsere Kirche, unsere Pfarrerin, unser Kirchturm. Und warum nicht auch: Wir Protestanten, Evangelischen streiten mit guten Gründen über …? … können uns nicht abfinden mit …? … freuen uns auf …? Die Anrede als Kunden erzeugt Distanz. Nicht umsonst steht an vielen Briefkästen »Werbung – nein danke!«

Da Werbung in der Regel nicht abschrecken will, sondern anlocken, kann sie auch nicht aggressiv sein. So hat denn auch die Impulspost, obwohl sie Impulse geben will, im Grunde keinen »Biss«, darin vergleichbar den oben angesprochen Aktivitäten zum Reformationsjubiläum. Die Angebote zum Nachdenken folgen ein wenig dem Kinderspiel »Ich habe was, was du nicht hast« bzw. »Wir haben was, was ihr nicht habt« oder »Ich sehe was, was du nicht siehst«. Wie soll man etwa den Slogan »Gott neu entdecken« anders verstehen? Ist Gott ein Pfündlein der Kirche, das man mal wieder ins Schaufenster stellen kann? Die Impulse sind nicht heftiger als die in der Ratgeberliteratur.

Mir fehlen die offenen Fragen und bekennenden Thesen, die auch als solche für Nichttheologen erkennbar sind. Könnte die Pluralität der Gottesbilder nicht auch die Frage nach dem Monotheismus aufwerfen? Hat der Satz »Gott glaubt an Sie« nicht auch etwas mit der Gottesebenbildlichkeit zu tun? Man könnte die Informationen in der Form von Lexikonartikeln bringen und damit mehr absetzen von provozierenden Thesen. Manches käme schöner herüber in literarischen Texten. Oder ist das zu anspruchsvoll?


Gemeinsame Suchprozesse auf Augenhöhe

In der Werbung werden fertige Produkte zum Kauf angeboten. Die Kirche aber kann eigentlich kein fertiges Produkt namens Glauben oder dergleichen anbieten. In der Kommunikation zwischen Leitungen und Mitgliedern kann es eine derartige Konstellation nicht geben. Da müsste es um einen gemeinsamen Suchprozess gehen. Leitende und Mitglieder müssten erkennbar auf Augenhöhe miteinander ins Gespräch kommen und zwar so, dass Dissens nicht unter den Teppich gekehrt wird und es auch nicht darum geht, wer recht behält.

Eine solche Kommunikation scheint schwierig zu sein. Sie gelingt aber am ehesten, wenn nicht nur eine Position in den Raum gestellt wird, sondern auch andere Meinungen bis hin zu ganz gegenteiligen Überzeugungen zu Wort kommen. Die jeweiligen Akteure könnten dabei durchaus durchblicken lassen, wo sie stehen. Sie sollten aber auch abweichende Vorstellungen als möglich und akzeptabel zulassen. Das aber verträgt sich kaum mit dem Ansatz von Werbung, deren Ziel der Verkauf eines eindeutigen Produktes ist. Man will Menschen für das eigene Angebot, die eigene Auffassung gewinnen. Bei diesem Bestreben muss es wohl zwangsläufig zu einer gewissen Harmoniegrundhaltung kommen. Die ist wiederum in Gemeinden und kirchlichen Gremien vielfach ein Grundbedürfnis. Von daher ist es nicht verwunderlich, wenn es in dem Bericht an die Synode heißt: »Die Impulspost und die dazu gehörigen Materialien erfreuen sich einer hohen Akzeptanz bei vielen Gemeinden und Dekanaten.«17 Hinzugefügt wird dann auch eine ausführliche Statistik über die Zahl der Gemeinden, die Materialien zu welchen Briefen bestellt und offenbar in der einen oder anderen Weise an der Aktion teilgenommen haben.18 Im Fazit werden die Gemeinden sogar vor den Mitgliedern genannt: »Die Resonanz auf die Impulspost ist insgesamt positiv, sowohl aus den Gemeinden als auch seitens der Mitglieder.«19

Mit diesen Feststellungen sollen weder Aktivitäten wie die zum Reformationsjubiläum, noch die einer Impulspost als Fehlentwicklungen abgelehnt werden. Nur soll man sich keine übertriebenen Hoffnungen machen hinsichtlich der Wirksamkeit solcher Maßnahmen und man sollte sich klar machen, welche Vorstellungen die eigene Position hinsichtlich der Rolle der Mitglieder zum Ausdruck bringt und die ausgesprochen oder unausgesprochen Wirkung zeigen. Vielleicht könnte eine Kirche mit mehr »Biss« wirkungsvoller sein.


Anmerkungen:

1 Friedrich Schiller, Xenien und Votivtafeln. Sämtliche Werke Bd. 1, München 3. Aufl. 1962, 307.

2 Person und Institution. Volkskirche auf dem Weg in die Zukunft. Arbeitsergebnisse und Empfehlungen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Frankfurt/M. 1992.

3 Evang. Sonntagszeitung Nr. 31 vom 30. Juli 2017, 1.

4 Martin Vorländer: Geheimtipp, in: Evang. Sonntagszeitung Nr. 31 vom 30. Juli 2017, 6.

5 A.a.O.

6 Heike Schmoll: Zwischen Heldensage und Klischees. Luther im Lutherjahr, in: SWR2 Wissen: Aula 27. August 2017, 8.30 Uhr (Manuskript).

7 Vorländer, a.a.O.

8 Schmoll, a.a.O., 3.

9 A.a.O.

10 Schmoll, 7.

11 Friedrich Christian Delius: Warum Luther die Reformation versemmelt hat, Hamburg 2. Aufl. 2017.

12 Jörg Lauster: Der ewige Protest. Reformation als Prinzip, München 2017.

13 Lauster, 83.

14 Die Impulspost, in: https://www.ekhn.netprint/ueber.uns/aufbau-der-landeskirche/medien/impulspost.html 6.6.2018, 3 und 4.

15 Drucksache Nr. 47/16, 4.

16 A.a.O., 3.

17 A.a.O., 1.

18 A.a.O., 2.

19 A.a.O., 5.


 

Über die Autorin / den Autor:

PD Pfarrer em. Dr. Wolfgang Lück, Jahrgang 1938, Theologiestudium in Münster, Mainz und Zürich, Vikariat in Westfalen, 1968-1983 Gemeindepfarramt in Wiesbaden, 1976 Promotion bei Trutz Rendtorff in München, 1983-2003 Leitung der Arbeitsstelle für Erwachsenenbildung der EKHN in Darmstadt, 1995 Habilitation in Hamburg; Veröffentlichungen zu kirchlichen Strukturfragen, religiöser Bildung, Kirchenbau und regionaler Kirchengeschichte.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2019

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