Ein Perspektivenwechsel vom Leistungs- zum Teilhabemodus
Pfarrdienst zwischen Last und Lust

Von: Ralf Kötter
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Die allgemeine Leistungsorientierung, die aus der Ökonomie einfach auf kirchliche Organisation übertragen wird, setzt den Pfarrberuf zunehmend unter Druck. Die Arbeit von Pfarrerinnen und Pfarrern kann noch so gut sein, noch so professionell, noch so optimiert – wenn sich die Strukturen, in denen diese Arbeit geschieht, nicht verändern, werden Überlastung und Frust notwendig generiert, meint Ralf Kötter. Deshalb muss ein Perspektivenwechsel stattfinden: weg von der Nabelschau eines starren Qualitätsmanagements hin zur systemischen Betrachtung gemeindlicher Beziehungen und Prozesse. Denn solange Pfarrerinnen und Pfarrer nur Versorgung und Bestand sichern sollen, werden sie nicht zur Ruhe ­kommen.


»Aus irgendeinem Grund hatte ein so starker Eigenwille eben diese Christen erfasst und eine so große Torheit von ihnen Besitz ergriffen, dass sie den Gebräuchen der Alten nicht mehr folgten, sondern ganz nach Gutdünken und Belieben sich Gesetze gaben, um sie zu beachten, und in verschiedenen Gegenden verschiedene Völker zu Gemeinschaften vereinigten.«1 Diese von Laktanz überlieferte Äußerung des römischen Kaisers Galerius macht auf ein Charakteristikum der frühen Christenheit aufmerksam. Sie vermochte es offensichtlich, in versöhnten Verschiedenheiten zu existieren. Abseits von der uniformen und universalen römischen Leitkultur sammelten sich – dem Duktus des sog. »Missionsbefehls« (Mt. 28,20) folgend – in unterschiedlichen Räumen unterschiedliche Menschen und Gruppierungen zu offenen Lern- und Weggemeinschaften. So wurden Christinnen und Christen zum pluriformen Gegenbild der römischen Machtkultur, das paradigmatisch in der Weigerung zur Teilnahme am Kaiserkult zum Ausdruck kam.

Diese christliche Grundeinsicht in Kontextualität, Komplexität und Komplementarität des Lebens bleibt zu allen Zeiten Zuspruch und Anspruch an eine christliche Existenz. Im scheinbar törichten Verzicht auf uniforme Standards und exklusive Prinzipien entwickeln sich permeable und osmotische, variable und fluide, kontextsensible und inkulturierende Einheiten. In diesem Habitus gründet sich die außerordentliche Anschlussfähigkeit, die dem frühen Christentum eigen war – und zu jeder Zeit neu entdeckt werden darf.


1. Der pastorale Dienst in einer leistungsorientierten Versorgungskirche

Zu den Ergebnissen der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung gehört die Vermutung des Hallenser Religionspädagogen Michael Domsgen, »dass die kirchliche Kommunikation mit einem Habitus einhergeht, der für viele Familien nicht mehr anschlussfähig ist«2. Während kirchliche Handlungsstrategien tendenziell auf traditionelle Familienmodelle ausgerichtet sind, verändern sich Kontexte und Rahmenbedingungen rasant (Alleinerziehende, Patchworkfamilien, alternative Partnerschaftsmodelle, doppelte Erwerbstätigkeit, Ausdehnung der vorschulischen und schulischen Bildung, Abbruch der Mehrgenerationenfamilie, Verringerung des Selbsthilfepotentials, fehlende Mobilität …), so dass traditionelle Handlungs- und Versorgungsstrategien fragwürdig werden. In diesem Zusammenhang fordern Jan Hermelink und andere einen Perspektivenwechsel: »Insbesondere der Überschneidungsraum von Kirchengemeinde und nichtkirchlichem lokalen Kontext bedarf einer eingehenden Analyse.«3 Systemisches Denken in Sozialraum und Gemeinwesen wird so zur wesentlichen Kategorie der Gemeindearbeit.

Nun scheint Kirche seit Jahren allerdings weniger an der Wahrnehmung des Raumes als am Tempo der Pfarrerinnen und Pfarrer zu arbeiten. Strukturreformen und Wachstumsprogramme folgen den »Steigerungs- und Dynamisierungsimperativen«4 der modernen Konsumgesellschaft und scheitern an den Aporien der Ökonomisierungskultur. Defizitäre Pfarrerinnen und Pfarrer sollen sich immer besser qualifizieren. Vergleichbare und messbare Qualitätsstandards werden vorgegeben. Gottesdienste sollen attraktiver werden, die Zahl der Gottesdienstbesucher gesteigert, alle Kinder aus Familien mit mindestens einem evangelischen Partner getauft werden. Ziel ist »ein quantitatives Wachstum, das ökonomisch mithilfe von Qualitätssteigerung und Selbstoptimierung erreicht werden soll«5. Die Kehrseite ist klar: Wenn diese Leistungsimperative nicht greifen, wenn das Wachstum ausbleibt, dann muss es an der Qualität von Pfarrerinnen und Pfarrern liegen, etwa an ihren schlechten Predigten – eine Erklärung, die sich in den vergangenen Monaten geradezu inflationär verbreitet. Allerdings dürfte das eher einer panikartigen Sündenbockkampagne gleichen als einer konstruktiven Selbstkritik an kirchlichen Handlungsstrategien, die kritiklos gesellschaftliche Leistungs- und Versorgungsparadigmen rezipieren.

Für den Pfarrdienst sind diese Handlungsmuster inzwischen lebensbedrohlich. Die Zahl von Burnout-Erkrankungen in der Kolleg*innenschaft ist erschreckend und dramatisch. Burnout-Symptome (Depression, Versagensängste, Panikattacken, Schlafstörungen, Desozialisierung etc.) sind keine Randerscheinung mehr, sondern haben System. Lange orientierte man sich an Vergleichszahlen aus den pflegerischen Berufen; dann lag die Quote bei etwa 25-30%. Bei gezielten Untersuchungen unter Pfarrerinnen und Pfarrern kam man plötzlich auf 50% mit entsprechenden Symptomen. Die flächendeckende Reihenuntersuchung unter Kolleginnen und Kollegen eines nordhessischen Kirchenkreises ergab eine Rate von knapp 70%.6 Was passiert da? Beschwichtigende Antworten, dass der Pfarrberuf schon immer emotional belastend sei, sind angesichts dieser signifikant veränderten Zahlen unzureichend.

Die medizinische Fachliteratur zu den Ursachen des Burnouts benennt dagegen die Faktoren, die im strukturellen Ökonomisierungsschub der Kirchen seit Jahren handlungsleitend sind7:

1. Burnout entsteht in einem Umfeld, in dem menschliches Leben »als optimier- und steigerbar« gilt.

2. Burnout tritt auf, wo Leistung »quantifizierbar« sein soll.

3. Die Symptome treten gehäuft in Institutionen auf, die sich durch Leistungsimperative selbst stabilisieren wollen.

4. Burnout entsteht, wenn der Sinn von Arbeit in der Erfüllung von Pflichten liegt.8

Unter diesen Bedingungen kommt es zum »rasenden Stillstand«, einem Gemisch aus zeitlicher Über- und inhaltlicher Unterforderung.9 Nicht defizitäre Leistungen von Personen sind dann Ursache der Misere, sondern das gesteigerte Tempo unter sich ständig verändernden Rahmenbedingungen. Um alte Ziele zu erreichen, wird immer schneller immer mehr Kraft aufgewendet – um gleichzeitig die ernüchternde Erfahrung zu machen, auch mit größter Kraftanstrengungen nicht mehr voranzukommen, ja, vielleicht sogar den Eindruck zu haben, sich zurückzuentwickeln. Genau das ist der rasende Stillstand. Und genau das scheint mir das Grundproblem im Pfarrberuf zu sein. Die Arbeit von Pfarrerinnen und Pfarrern kann noch so gut sein, noch so professionell, noch so optimiert sein – wenn sich die Strukturen, in denen diese Arbeit geschieht, nicht verändern, werden Überlastung und Frust notwendig generiert. Solange Pfarrerinnen und Pfarrer Versorgung und Bestand sichern sollen, werden sie nicht zur Ruhe kommen.

Den Ausweg sehen sozialpsychologische Arbeiten in einem Perspektivenwechsel: weg von der Defizitorientierung und hin zu der Ressourcenorientierung, weg von der messbaren Qualität hin zur systemischen Aufmerksamkeit, weg von den Leistungsimperativen hin zur Teilhabe.10 Im Mittelpunkt steht dann nicht mehr die vermeintlich schlechte Qualität von Pfarrerinnen und Pfarrern, sondern in den Blick kommen die vielen »dynamischen Interaktionsgeschehen«11 und damit die Beziehungen aller Akteurinnen und Akteure in den Gemeinden und Sozialräumen. Die Aufmerksamkeit richtet sich weg von der Nabelschau eines starren Qualitätsmanagements hin auf die kreative Gestaltung von Beziehungen und Prozessen. Systemische Achtsamkeit ersetzt jeden Optimierungswahn. Es geht nicht mehr um uniforme Standards, die erreicht werden müssen, sondern um lokale und individuelle Besonderheiten, die schon lange gegeben sind: Leitbild einer Kirche von unten, die ungeahnte Möglichkeiten freisetzt.12


2. Re-konstruktion einer kontextuellen Botschaft

Die sozialpsychologischen Einsichten entsprechen dem Kern biblischer Botschaft, die nicht der introvertierten Bewahrung des bröckelnden Besitzstandes das Wort redet, sondern geradezu entgegengesetzt zur Befreiung aus ängstlicher Introversion ermutigt. An die Stelle egozentrischer Aktion tritt die dialogische Interaktion, die entschlossene Hinwendung zum Du.13

Gott selbst wird im biblischen Zeugnis grundsätzlich interaktiv gezeichnet. Er schafft sich von Anfang an ein Gegenüber, einen Partner zu seinem Bilde. »Ich bin der, der für dich sein wird, der für einen anderen da sein wird« (Ex. 3,14). Er ist der El Roï, der Gott, der nach mir schaut – so bezeichnet die Sklavin Hagar diesen Gott (Gen. 16,13), der von Anbeginn an auf der Suche nach diesem Du ist: »Adam, wo bist du?« (Gen. 3,9)

Und wie abgründig der Graben auch sein mag, Gott bleibt auf der Suche: »Kain, wo ist dein Bruder Abel?« (Gen. 4,9) Immer wieder springt Gott über seine Grenzen, wendet sich sogar gegen sich selbst, gegen sein eigenes Herz (Hos. 11,8), um sein Volk mit den Ketten der Liebe an sich zu ziehen, um wie eine Mutter zu sein (Jes. 66,13), die sich zu ihrem Kind neigt und den Säugling an ihre Wangen hebt (Hos. 11,4). »Seines Herzens Sinnen waltet von Geschlecht zu Geschlecht, sie dem Tod zu entreißen und sie zu nähren in ihrem Hunger nach Leben!« (Ps. 33,18)14

Dieser beherzte Gott ermutigt die Partnerinnen und Partner zur Teilhabe an dieser Bewegung, Vertrautes zu verlassen, den Aufbruch zu riskieren, den Exodus zu wagen. Ein experimentelles Leben folgt aus der Begegnung mit dem dialogischen Gott, ein Leben, das bereit ist, monolithische Goldene Kälber preiszugeben und mobil, wandlungsfähig, fluide, dialogisch und partizipativ zu werden. Gott selbst weigert sich, als religiöse Ikone verehrt zu werden (»ich bin leid das Geplärr eurer Lieder« – Am. 5,23), sondern wird in einer gerechten und sozialen Gesellschaft, in einer Atmosphäre der Partizipation, im sozialen Du präsent. »Wer die Schwachen unterdrückt, beleidigt ihren Schöpfer. Wer Hilflosen beisteht, ehrt Gott.« (Spr. 14,31)

Die extrovertierte Leidenschaft findet im NT ihre Erfüllung, wenn Gott in Jesus Christus mitten in diese Welt hinein geboren wird, wenn das Wort Fleisch wird und unter uns wohnt (Joh. 1,14), wenn Gott in kenotischer Partizipation ganz und völlig und endgültig von sich selbst absieht, sich entäußert, Knechtsgestalt annimmt und gehorsam wird bis zum Tod am Kreuz (Phil. 2,6-8). »Christus ist die offensive Öffnung zwischen Gott und der Welt.«15 In seiner grenzüberschreitenden Menschwerdung identifiziert sich Christus selbst mit den anderen: den Hungrigen, Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken und Gefangenen. »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« (Mt. 25,40) Das Volk jammert ihn mit Leib und Seele, die Not geht ihm unter die Haut und rumort in seinen Eingeweiden, abgebildet durch das griechische Verb splangchnizomai, nur harmlos übersetzt mit »herzlichem Erbarmen« – es geht wörtlich um die Gedärme, die sich vor lauter Mit-Leid mit dem anderen im Bauch winden.16

»Dieser Jesus ist … der, der in der Begegnung mit Menschen befreiend wirkte; der gegen Intoleranz einschritt und das Anderssein des Anderen achtete; der soziale Schranken in Frage stellte und Ausgestoßene in den Raum des Lebens hereinholte; der nicht auf ein heiles Jenseits vertröstete, sondern durch sein heilend-befreiendes Handeln das Reich Gottes hier auf Erden vergegenwärtigte.«17

Eine Kirche, die ihre Zukunft nicht in der qualitativen Selbstoptimierung sieht, sondern in der scheinbar törichten Partizipation an der kenotischen Entäußerung Gottes in ­Jesus Christus um dieser Welt willen, findet im interaktiven Aufbruch zu den Anderen zum dynamischen Kern ihrer Botschaft zurück.


3. Der Aufbruch in den Raum

Im sozialräumlichen Aufbruch entfaltet sich eine systemische Aufmerksamkeit, die nicht mehr defizitorientiert mit der eigenen Schwäche hadert, sondern ressourcenorientiert eigene und fremde Gaben stark macht. Das Ergebnis ist nicht die Summe der Einzelkompetenzen, sondern das Produkt ihrer Multiplikation. Emergente Systeme entwickeln eine überwältigende Dynamik!

Die Chancen zur Interaktion sind in einer sich zunehmend öffnenden Gesellschaft18 vielfältig: Immer mehr Kommunen verschreiben sich dem Leitbild der »Sorgenden Gemeinschaften« (caring communities); sie verwalten nicht mehr »von oben«, sondern begleiten und fördern individuelle Entwicklungsprozesse »von unten«. Europäische Förderkulissen unterstützen dieses Subsidiaritätsprinzip (Regionale, Leader). Wirtschaft und Handwerk zeigen sich gesprächsoffen, weil die Lebensumstände der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Ökonomie eines ganzen Unternehmens beeinflussen. Im ländlichen Raum bieten ortsprägende Vereine (deren Mitglieder oft auch Kirchenmitglieder sind) Gelegenheit zum wechselseitigen Austausch. Der Öffentliche Personennahverkehr ist auf Kooperation angewiesen, da Mobilität in weiten Räumen wirtschaftlich kaum mehr darstellbar ist. Kindertagesstätten, Schulen und andere Bildungseinrichtungen sind offen für ideelle, institutionelle und fachliche Begleitung vor Ort. Angesichts neuer Förderkulissen treten professionelle Sozialraumberatungsinstitute, akademische Lehrstühle rund um das Thema Daseinsvorsorge oder auch Landes- und Bundesministerien in den Dialog ein. Die Liste der Kompetenzpartner ließe sich beliebig erweitern. Gerade Kirchengemeinden werden mit ihrem Sozialkapital in diesen Prozessen geschätzt – doch leider allzu oft vermisst.

Mit dieser Interaktion kommen die konkreten Herausforderungen des Raumes und damit die Anschlussfähigkeit der kirchlichen Kommunikation wieder in den Blick: Begleitung und Entlastung von Familien, Aktivierung der »jungen Alten«, intergenerative Arbeit, integriertes Gebäudemanagement, ganzheitliche Daseinsvorsorge, Armutsbekämpfung, Inklusion etc. Kirchliches Handeln überwindet die Angebots- und Versorgungsstruktur von Gruppen und Kreisen, die auf verpflichtende Bindung ausgerichtet sind, und öffnet sich situativ und kontextuell für konkrete Herausforderungen der Lebensgestaltung. Sie überwindet in diesem Prozess die mangelnde Anschlussfähigkeit, die Michael Domsgen diagnostiziert.19

Dieser Perspektivwechsel ermöglicht auch dem Pfarrdienst einen Befreiungsschlag. Er definiert sich nicht mehr aus Leistungs-, Versorgungs- und Pflichtimperativen in einer partizipativen Gesellschaft, die für monologische Modi nicht mehr anschlussfähig ist, sondern ist eingebettet in ein vitales Ressourcenfeld, in ein komplexes System, in dem sich neue »Spiel-Räume« öffnen. Dazu gehören interprofessionelle Erfahrungen im kirchlichen wie nichtkirchlichen Kontext: aus Einzelkämpfern werden Teamspielerinnen. Zugleich erfahren entscheidende Kompetenzen des Pfarrdienstes neue Wertschätzung: die Fähigkeit zur neutralen Moderation, die Achtsamkeit auf emotionale Befindlichkeiten, der Vertrauensvorschuss, pädagogische und didaktische Kompetenzen, die Einsicht in die Komplexität von Wahrheiten, die Bereitschaft, mit Widersprüchen zu leben. Theologisch formuliert wird die Partizipation an der Humanität Gottes in der Menschwerdung Christi zur wesentlichen beruflichen Kompetenz in einer Gesellschaft, die sich in versöhnten Verschiedenheiten entfaltet. Pflichten einer fragwürdig werdenden Vollversorgung werden abgelöst von einer partizipativen und sinnvollen Kommunikation des Evangeliums im Leben der Welt.


4. Die Risiken auf dem Weg

Die Sorge, dass der Pfarrdienst in diesem Paradigmenwandel mit neuen Aufgaben überfordert wird, ist unbegründet. Es geht ja gerade um die Beschränkung der eigenen Verpflichtungen und die Bereitschaft zur Bereicherung durch fremde Kompetenzen. Der erste Schritt ist notwendig, weitere Prozesse ergeben sich dann aber oft »wie von selbst«. Dennoch gibt es auf dem interaktiven Weg der Extraversion Herausforderungen, mit denen sich Kirche freilich schon immer auseinandersetzen musste. Vier biblische Bezüge identifizieren alte Bekannte:


Es bleibt ein fragiles System

  • oder: »Wir haben unseren Schatz in irdenen Gefäßen« (2. Kor. 4,7)

Die Lust zum Aufbruch kann schon beim ersten Versuch einen Dämpfer erhalten, denn vertrauensbildende Maßnahmen gehörten nicht immer zu den kirchlichen Stärken. Negativerfahrungen über Kirche und ihr Personal sitzen bisweilen abgrundtief. Vereine sind skeptisch, weil sie bislang von der Pfarrerin nur böse Sprüche über den Jugendfußball am Sonntag gehört haben oder weil unentbehrliche Spielerinnen nicht vom Konfirmandenunterricht freigestellt wurden. Kommunen kennen Kirchengemeinden aus erbitterten Verhandlungen um Ladenöffnungszeiten oder die Forderungen nach öffentlicher Förderung kirchlicher Gebäude.

»Ach, Herr Pfarrer, ich war ja schon lange nicht mehr in der Kirche« – so lautete anfangs die Standardreaktion bei meinen Hausbesuchen! Begegnungen mit Kirche sind offensichtlich verbunden 1. mit einem Konkurrenzdenken, 2. mit einer kritischen Distanz aus Sorge vor Übergriffigkeit und 3. mit einem schlechten Gewissen. Und deshalb kann es schwer sein, Kontakte zu knüpfen: Wir tragen einen langen Schatten der Vergangenheit mit uns, viel Vertrauensarbeit ist gefragt. Aber mit einem nicht-intentionalen, interaktiven Habitus sind Vorbehalte überwindbar! Und dann ergibt ein versöhnendes Wort das andere. Und Vertrauen wächst! – bis beim nächsten Runden Tisch zur Flüchtlingsarbeit der Prediger der Freien Gemeinschaft aufsteht und fordert, dass die Flüchtlinge auch den Herrn Jesus Christus erkennen und bekennen müssten; und schon sitzt Kirche als Ganze wieder vor einem Scherbenhaufen irdener Gefäße. Auch wenn viele Negativerfahrungen weit zurück liegen, auch wenn sich Kirche inzwischen an vielen Stellen gewandelt hat: die Verletzungen bleiben präsent und konstituieren eine Wirklichkeit, der sich Kirche selbstkritisch zu stellen hat.


Binnenkirchliche Exklusivkriterien

  • oder: »Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?« (Mt. 20,13)
Sozialräumliche Aufbrüche führen zu binnenkirchlichen Konflikten. Nach jahrzehntelanger, aufopferungsvoller Arbeit beschweren sich die Treuen darüber, dass sie gegen Ende des Tages genauso ausgezahlt werden sollen wie die, die sich so lange fern gehalten haben. Das ist nach menschlichem Ermessen in der Tat ungerecht! Abgrenzungsmechanismen gegenüber den »Kirchenfernen« gehören deshalb zu gewöhnlichen Handlungsmustern in Kirchengemeinden. Und das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg zeigt: darauf dürfen wir vorbereitet sein, binnenkirchliche Besitzansprüche sind absehbar. Zugleich bleibt es aber auch Anspruch, an die biblische Vorstellung der Gerechtigkeit zu erinnern, die nicht verurteilt und exkludiert, sondern solidarisch auf-richtet, Teilhabe schenkt und Inklusion ermöglicht. Die regelmäßige Teilnahme am gemeindlichen Gottesdienst gehört nicht zu den Exklusivkriterien der Kirche Jesu Christi. Nachfolge ereignet sich in der verantwortlichen Teilhabe am Leben in Freiheit von allen Mächten dieser Welt – auch außerhalb der Kerngemeinde.


Die Sehnsucht nach Teilhabe

  • oder: »Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.« (Lk. 9,62)
Auch wenn die Ansprüche der Treuen dem Zuspruch Jesu nicht gerecht werden, verdienen sie doch Aufmerksamkeit. Abschiede müssen begleitet sein. Manchmal werden diese Abschiede dann sogar als Befreiung von der quälenden Pflicht verstanden, für das Wohl und Wehe der Kirchengemeinde verantwortlich zu sein. Es gibt eben auch Treue, die dankbar dafür sind, dass sich neue und andere Adern finden, in denen das Leben der Gemeinde pulsiert.

Aber die Begleitung der Abschiede darf nur ein begrenztes Maß an pastoraler Aufmerksamkeit einfordern. Eine gut gemeinte palliativ-theologische Rundum-Betreuung des sterbenden Vereinskirchentums verkennt, dass es viele Menschen gibt, deren Sehnsucht nach Teilhabe und Begegnung sich in der Konzentration auf Bewährtes schon lange nicht mehr erfüllt. Viele stehen vor den Türen und finden keinen Zugang mehr, ja, vielleicht suchen sie ihn auch schon gar nicht mehr, weil sie die Hoffnung auf Anschlussfähigkeit der Kirchen schon aufgegeben haben. Der Pfarrdienst benötigt Spielräume, um dieser Hoffnungslosigkeit zu begegnen und der Sehnsucht nach Teilhabe nachgehen zu können. In einer flächigen Pflichtversorgung ist das nicht darstellbar.


Die resignative Reife

  • oder: »Ich habe mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.« (Jes. 50,7)
»Erfolge« werden in der Kirche bisweilen argwöhnisch beobachtet. Mit binnenkirchlichen Konkurrenzen, Neid und Eifersucht machen wir uns das Leben gegenseitig schwer. In der Folge gehen Exklusionsmechanismen leicht von der Hand – wie oft fühlen wir uns als Pfarrerinnen und Pfarrer isoliert, sobald wir ungewohnte Wege gehen? Um angesichts solcher Automatismen im Aufbruch nicht zu resignieren, ist es wichtig, eine aus der Paartherapie bekannte »resignative Reife«20 zu entwickeln. Es gilt, Distanzen zu schaffen, sich an den ebenso verlässlichen wie vergeblichen Konflikten nicht immer wieder neu aufzureiben – und stattdessen alle Kraft in die Menschen guten Willens und den Aufbruch selbst zu investieren. Resignative Reife im binnenkirchlichen Streit ist notwendig, um Resignation im leidenschaftlichen Aufbruch zu vermeiden. Ohne schlechtes Gewissen darf unbelehrbarer Widerspruch unwidersprochen bleiben! Das hält die Kräfte für die Dynamik des Aufbruchs vital – und verhindert zugleich das »Ausbrennen« der eigenen Vitalität. Resignative Reife ist eine Tugend, die sich den Leistungsimperativen der Versorgungspflichten entzieht und so zum Erhalt der ­eigenen Gesundheit beiträgt.


5. Das Wunder der Resonanzräume

Bei allen Herausforderungen: Der interaktive Aufbruch in den Raum lohnt sich! Im Laufe des Prozesses werden überwältigende Dynamiken spürbar, die nicht absehbar und auch nicht planbar sind. Unter den Bedingungen von Teilhabe und Partizipation entwickeln sich auf wunderbare Weise ungeahnte Resonanzräume. Davon zeugt eine inzwischen unüberschaubare Fülle von Experimenten in nahezu allen Landeskirchen: Kirche ist im öffentlichen Bewusstsein präsent und wird als wesentlicher Stakeholder im Sozialraum gewürdigt. Quartiersentwicklung in urbanen und Clustermanagement in ländlichen Räumen setzen Begeisterung und Leidenschaft frei. Alte Gemeindekreise blühen plötzlich auf, weil sie nicht mehr Mädchen für alles sein müssen und von ihnen nicht mehr die Zukunft der Kirchengemeinde abhängt. Menschen im Alter zwischen 30 und 50 sind wieder präsent, weil sie sich in ihren Lebensumständen ernstgenommen fühlen. Andere äußern sich, sie hätten endlich einen Sinn in ihrem Leben gefunden, weil sie mit ihren eigenen Begabungen teilhaben dürfen und sich nicht in die Erwartungen anderer oder die Vorgaben traditioneller kirchlicher Handlungsfelder einpassen müssen. Einst konkurrierende Dörfer laden sich gegenseitig ein, um dezentral und an wechselnden Orten die wachsende Gemeinschaft zu feiern. Interprofessioneller Austausch mit kirchlichen wie nichtkirchlichen Akteurinnen und Akteuren generieren Mehrwerte. Intergenerative Kontakte setzen bewegende Bildungsprozesse frei. Kirchengemeinden müssen nicht mehr jeden Cent umdrehen, sondern können wieder aus dem Vollen schöpfen. Kirchliches Engagement in der Hilfe für Migrantinnen und Migranten trifft nicht erst seit dem Jahr 2015 auf eine hohe Anerkennung. Menschen mit Handicap sind schon an vielen Orten selbstverständlich mit auf dem Weg. Seniorinnen und Senioren mit demenziellen Symptomen kehren in die Mitte der Gesellschaft zurück, die ihr Grundparadigma »Leistung« inzwischen sehr differenziert diskutiert. Pflegende Angehörige verzweifeln nicht mehr an Notständen und politischer Ohnmacht, sondern erfahren in kirchengemeindlichen Räumen konkrete Entlastung. Pfarrerinnen und Pfarrer finden Spielräume für ihre Kompetenzen in Seelsorge, Verkündigung und Bildung. Es kann eine Lust sein, diesen Dienst ausgerechnet in der heutigen Zeit der Kooperation und Interaktion ausüben zu dürfen!

So sehen Resonanzräume einer Kirche aus, die nicht mehr im Leistungsmodus um das Überleben kämpft, sondern im Teilhabemodus begabt wird. So kann sich eine Lust am Pfarrdienst entfalten, die nicht mehr in der Pflicht zur Versorgung erstickt, sondern in der systemischen Einbettung neu entflammt. Erfahrungen, die sich decken mit den vielen biblischen Narrativen vom überfließenden, gerüttelten und geschüttelten Maß (Lk. 6,38), von Wachteln und Manna in Hülle und Fülle, von der unvorstellbaren Vermehrung von Brot und Fisch, mit denen sich 5000 oder gar 10.000 Menschen gegenseitig stärken. Und am Ende bleiben zwölf Körbe an Brocken über! Unkalkulierbare Einbrüche des Reiches Gottes in partizipative Räume versöhnter Verschiedenheiten, die seit der frühen Christenheit Beobachtende in Staunen versetzten und eine einzigartige Anschlussfähigkeit in der Kommunikation des Evangeliums ermöglichten.


Anmerkungen:

1 Laktanz, Über die Todesarten der Verfolger 34, 1-3, zitiert nach Renate Wind: Christsein im Imperium. Jesusnachfolge als Vision einer anderen Welt, Gütersloh 2016, 25.

2 Heinrich Bedford-Strohm/Volker Jung (Hg.): Vernetzte Vielfalt. Kirche angesichts von Individualisierung und Säkularisierung. Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 2015, 173.

3 A.a.O., 437.

4 Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016, 58.

5 Frank Weyen: Kirche im Zeitalter des Neoliberalismus. Zu den Wirkungen des neoliberalistischen Gesellschaftskonstrukts auf die evangelische Kirche, in: DPfBl 118 (2018), 260-265, hier 261.

6 Vgl. Andreas Rohnke: Pfarramt und Gesundheit. Auf dem Weg zu einem Gesundheitsmanagement für den Pfarrberuf, www.pfarrerverband.de/download/aktuell_20130119_vortrag_rohnke_folien.pdf; vgl. auch Andreas von Heyl: Sie laufen und werden nicht müde … Betrachtungen zum pastoralen Dienst aus arbeitspsychologischer Perspektive, Leipzig 2014. Ders.: Das Anti-Burnout-Buch für Pfarrerinnen und Pfarrer, Stuttgart 2012.

7 Vgl. Rico Nil u.a.: Burnout – eine Standortbestimmung, Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 161.2010, 72-77.

8 Vgl. dazu ausführlich Hartmut Rosa, Resonanz, 47. Ders.: Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit, Berlin 2013.

9 Vgl. Paul Virilio: Rasender Stillstand. Essay, Frankfurt/M. 1997.

10 Vgl. Nil, Burnout, 76; wichtig seien verlässliche »Arbeitsstrukturen, … eine Kultur der Wertschätzung … und eine positive Arbeitsatmosphäre«.

11 Rosa, Resonanz, 55. Vgl. Jan Hermelinks Analyse in: Bedford-Strohm, Vernetzte Vielfalt, 437.

12 Vgl. Ralf Kötter: Das Land ist hell und weit. Leidenschaftliche Kirche in der Mitte der Gesellschaft, 2. Auflage, Berlin 2015. Ders.: Kirche von unten. Reformatorische Impulse für Gegenwart und Zukunft, DPfBl 118 (2018), http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=4491.

13 Vgl. die Arbeiten von Martin Buber.

14 Übersetzung nach Paul M. Zulehner: Entängstigt euch! Die Flüchtlinge und das christliche Abendland, Ostfildern 2016, 146.

15 Ottmar Fuchs: Der zerrissene Gott. Das trinitarische Gottesbild in den Brüchen der Welt, 2., aktualisierte Auflage, Ostfildern 2014, 59.

16 Vgl. hierzu auch Ottmar Fuchs: Nur verletzbare Menschen verletzen Systeme. Doch unverletzbare Systeme verletzen verletzbare Menschen, manchmal tödlich!, in: Sönke Abeldt/Walter Bauer/Gesa Heinrichs (Hg.): »… was es bedeutet, verletzbarer Mensch zu sein«. Erziehungswissenschaft im Gespräch mit Theologie und Gesellschaftstheorie, Mainz 2000, 205-220. Vgl. dazu auch Birgit Hoyer: Seelsorge auf dem Land. Räume verletzbarer Theologie, Praktische Theologie heute 119, Stuttgart 2011, 59.

17 Herbert Haslinger: Gemeinde – Kirche am Ort. Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils, Paderborn 2015, 117.

18 Die national-reaktionären Reflexe scheinen mir ein voraussehbarer Beleg dafür zu sein, wie präsent eine offene Gesellschaft inzwischen geworden ist.

19 Vgl. oben Anm. 1.

20 Zum Begriff vgl. Arnold Retzer: Lob der Vernunftehe. Eine Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe, Frankfurt/M. 2009.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Ralf Kötter, 1980-87 Studium der Evang. Theologie in Münster, im Anschluss wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte in Münster, Mitarbeit an der Edition der Werke des Reformators Johannes Bugenhagen, 1997-2016 Gemeindepfarrer in der Evang. Lukaskirchengemeinde im Eder- und Elsofftal (EKvW), seit 2016 Dozent für theologische Grundfragen am Gemeinsamen Pastoralkolleg der Westfälischen, Rheinischen, Lippischen und Reformierten Landeskirchen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2019

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