Politik ohne Verantwortung

Von: Peter Haigis
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

»Ich will, dass ihr so handelt, wie wenn euer Haus brennt, denn das tut es«, sagte Greta Thunberg, die 16jährige Klimaaktivistin auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. »Erwachsene sagen immer wieder: Wir sind es den jungen Leuten schuldig, ihnen Hoffnung zu geben. Aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.«

Gut, gut… man kann das als die drastische Sprache einer 16jährigen abtun. Ein bisschen übertrieben und emotional übersteuert, pubertär und überengagiert eben. Erwachsene wissen es ja bekanntlich gut und häufig besser. »Muss halt noch ins Leben finden und die Realität kennen lernen, das Girl…« und ähnliche Sprüche. Einem aber kann man sich – glaube ich – nur schwer entziehen, dass hier ein junger Mensch seine existentiellen Befürchtungen, seine Sorgen um die eigene Zukunft und die einer ganzen Generation ausspricht. Wer heute 16 ist, ist am Ende dieses Jahrhunderts 90. In was für einer Welt werden die jungen Menschen von heute – unsere Kinder oder Enkel – dann leben.

Als ich so alt war wie Greta Thunberg, trieb mich und viele meiner Generation die atomare Hochrüstung um. Zum befürchteten großen Knall kam es nicht – Gott sei Dank! Der gewaltige politische Umbau der Sowjetunion und das Tauwetter am Ende des Kalten Krieges hatten die Weichen umgestellt. Abrüstungsschritte folgten. Doch heute stehen wir wieder da, wo wir bereits vor 40 Jahren standen. So weit scheint es also nicht her zu sein mit der politischen Vernunft – zumindest nicht in den oberen Etagen und an den entscheidenden Schaltstellen.

Das politische Denken in nationalen Grenzen kommt aktuell wieder in Mode. Gefährlich, denn die entscheidenden Herausforderungen, vor denen die Menschheit heute aktuell steht, sind nicht national zu bewältigen. Dass Radioaktivität keine Grenzen kennt, formulierte Max Frisch bereits in den 1970ern. Die Katastrophe von Tschernobyl hat das bestätigt. Grenzenlos sind auch die Probleme des Klimawandels, der Trinkwasserversorgung, der Biodiversität, der Migration und und und …

Statt die Probleme ernsthaft anzugehen, leisten sich Politiker hierzulande und anderswo kleinkarierte Debatten über Dieselfahrverbote und Kohleausstieg oder basteln eifrig an der Aufkündigung internationaler Verträge und Bündnisse. Aber wer ein Brett vor dem Kopf hat, kann wahrscheinlich auch nur in den Kategorien von Mauern und Grenzzäunen denken. Ich frage mich: Wo bleibt der weitere Horizont? »Think global, act local« – muss die Devise lauten, auch in kommunal- oder regionalpolitischen Entscheidungen! Wo bleibt die Verantwortung für die Lebensbedingungen künftiger Generationen?

Es wäre gut, wenn es noch mehr junge Leute wie Greta Thunberg gäbe. Ein Anfang ist gemacht mit der Bewegung #FridaysForFuture. Allerdings bedarf es auch der unbedingten Verpflichtung der politisch Verantwortlichen auf die Zukunftsperspektiven der jungen Generation – gegen Lobbyismus, gegen Korruption, dafür aber mit dem Mut, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen.

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis


_________________

PS: Noch ein persönliches, das Deutsche Pfarrerblatt in eigener Sache betreffendes Wort: Meine Arbeit als Schriftleiter wird seit vielen Jahren von einem ehrenamtlich tätigen sechsköpfigen Redaktionsbeirat begleitet. Es sind Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands, die mir mit Rat und Tat zur Seite stehen, Manuskripte lesen, Texte begutachten oder auch vorab redigieren und an den Themen und Inhalten des Pfarrerblatts entscheidend mitdenken. Ohne ihre Unterstützung könnte ich diese umfangreiche Arbeit überhaupt nicht leisten. Ihre Namen sind übrigens im Impressum einer jeden Ausgabe des Deutschen Pfarrerblatts aufgeführt.

Zu ihnen gehört auch Kirchenrat i.R. Klaus Schnabel aus Karlsruhe, der früher selbst als Schriftleiter bei den Badischen Pfarrvereinsblättern tätig war. Als ich Ende 2006 die Arbeit am Deutschen Pfarrerblatt von Siegfried Sunnus übernahm, war Klaus Schnabel bereits Mitglied im Redaktionsbeirat. Wir kannten uns persönlich aus einer gemeinsamen Zeit bei der kirchlichen Rundfunkarbeit – da war er für die Badische Landeskirche beim Südwestfunk und ich war für die Württ. Landeskirche beim Süddeutschen Rundfunk tätig: Für mich damals ein herzliches Wiedersehen und eine Freude, an gemeinsame Erfahrungen und Begegnungen anknüpfen zu können. Nun wurde Klaus Schnabel (inzwischen über 80) aus der Mitarbeit des Redaktionsbeirats verabschiedet. Er war für mich und meine Arbeit nicht nur ein wertvoller Kollege, sondern ein unermüdlich wacher, kritischer und inspirierender Zeitgenosse. Danke an Klaus Schnabel! Als Rezensent wird er uns erhalten bleiben.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Kultursensibilität in Seelsorge und Beratung
Zum Umgang mit Fremdheit bei der Beratung und Begleitung von Menschen in Krisensituationen
Artikel lesen
Ostersonntag
21. April 2019, Johannes 20,11-18
Artikel lesen
»Jesus Christ Moviestar«
Zur Darstellung Jesu Christi im Film
Artikel lesen
Osternacht
21. April 2019, 1. Thessalonicher 4,13-18
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Miserikordias Domini
5. Mai 2019, Johannes 10,11-16(27-30)
Artikel lesen
Glaubenszuversicht trotz zahlreicher Schicksalsschläge
Das »Stabat Mater« von Antonin Dvorak
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!