Gerald Hüthers neurowissenschaftlicher Umkehrruf
Würde – was den Einzelnen und die Gesellschaft stark macht

Von: Siegfried Eckert
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Projekt Weltwürde

Gerald Hüther schaut dem Volk aufs Maul und versteht es, ein breites Publikum für neurowissenschaftliche Einsichten zu begeistern. Sein Buch »Würde« ist ein Glücksfall. Gut verständlich und glaubwürdig geht darin ein Biologe den brennenden Fragen unserer Zeit auf den Grund. In absichtsvoller Redundanz macht der Autor konkrete Angebote, wie eine Reformation gelingen könnte, damit die Menschheit nicht in der »Wüstung« endet, sondern in »Würde« überlebt. Was Hans Küng mit seinem Projekt Weltethos initiierte, versucht Hüther religionsfreier auf dem Feld der Würde. Für Hüther liegt in der Wahrung der Würde der gemeinsame Nenner zur Lösung aktueller Krisenherde: »Keine Ideologie, keine Religion, keine ethische oder moralische Wertvorstellung ist dafür geeignet. Die einzige, alle Menschen in all ihrer Verschiedenheit verbindende gemeinsame Vorstellung kann nur die ihnen selbst gemacht Erfahrung ihrer eigenen Würde als Menschen zum Ausdruck bringen. Das zutiefst Menschliche in uns selbst zu entdecken, wird somit zur wichtigsten Aufgabe im 21. Jahrhundert.« (83)

Ein Lehrer des Lebens wird zu einem Propheten mit guten Absichten. Die Relativierung des Religiösen muss uns Hauptamtlichen in den unterschiedlichsten Religionsbetrieben keine Angst machen. Hüthers quasireligiöser Biologismus erlaubt allerlei Koalitionen und Kooperationen. Alle sind eingeladen, Teil des neuen Projekts Weltwürde zu werden (s. www.wuerdekompass.de). Hüthers Grundthese lautet: Ohne ein würdevolles Dasein des Einzelnen kann es kein würdevolles Miteinander aller geben. »Verletzt nicht jeder, der die Würde eines anderen Menschen verletzt, in Wirklichkeit seine ­eigene Würde?« (5)


Sehnsucht nach Komplexitätsreduktion

Der Hirnforscher weiß, wo anzusetzen ist. Richtige Erkenntnisse allein genügen nicht. Das ist doch das Dilemma unserer überhitzten Informationsgesellschaft. Erst wenn der Verstand sich von einer Erkenntnis berühren lässt, können Herz und Kopf Hand in Hand gehen. »Dann dringt dieses nun gewonnene Verständnis in alle Fasern unseres Seins. Es geht unter die Haut, macht uns wach und berührt uns, weil es mit einer Aktivierung der emotionalen Bereiche in unserem Gehirn einhergeht.« (12)

Hüther wird zum Rufer in der Wüste, der zur Umkehr mahnt, um die Welt vor weiterer Verwüstung zu bewahren. »Wer irgendwann verstanden hat, was ihm in seinem Leben wirklich wichtig ist, kann nicht mehr länger so weiterleben wie bisher.« (ebd.) Für diesen Lebenswandel will Hüther uns Halt und Orientierung zur Seite stellen. Beides ist nötiger denn je, damit der überforderte und erschöpfte Mensch in komplexen Gemengelagen nicht ausbrennt.

Das Gehirn sehnt sich, allein aus energetischen Gründen nach einer Komplexitätsreduktion. Zu viel Durcheinander verbraucht zu viel Energie. Schon im Ruhezustand saugt das Gehirn etwa 20% der vom Körper bereitgestellten Energie in Form von Glukose ab. In komplexen, unübersichtlichen, angstmachenden, lebensbedrohlichen Problemlagen steigt dieser Energiebedarf massiv an, geht irgendwann die rote Lampe an und signalisiert der Körper, dass alles zu viel ist. Bei Überlastung bricht die Ordnung im Gehirn zusammen, signalisiert der Körper ein emotionales Unwohlsein, welches den unverhältnismäßig hohen Energieverbrauch normalisieren will. »Verdrängung, Ablenkung, künstliche Aufregung und neuerdings auch das Abtauchen in virtuelle Welten – all das sind uns Menschen zur Verfügung stehende Möglichkeiten, um das Leben wieder einfacher und überschaubarer zu machen, wenn es zu kompliziert zu werden droht.« (14)


Verdrängung ist keine Lösung

Hüther kennt die Verdrängungsmechanismen, die von der Werbeindustrie in einer marktkonformen Welt ausgebeutet werden. Gelingt kein neues Bewusstsein für die Würde des Menschen, droht der zweite Hauptsatz der Thermodynamik zur selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden. »Dieses physikalische Grundgesetz lässt nicht allzu viele Möglichkeiten zu: Entweder gelingt es, die zur Aufrechterhaltung einer komplexen Struktur erforderliche Energiemenge zu minimieren, oder das ganze bisher aufgebaute Gebilde zerfällt in seine Einzelteile.« (16)

Das klingt nach Apokalypse auf neurowissenschaftlich, wenn wir nicht aus dem Vogel-Strauß-Modus erwachen und zu Lösungen kommen, die die im Gehirn erforderlichen Energiemengen minimieren, damit der Mensch als Individuum und im Kollektiv sich in seiner Haut wieder wohlfühlt. Noch nie haben Menschen so viel Energieressourcen verbraucht wie heute. Deshalb stürzt die Menschheit von einer Energiekrise in die nächste, ohne Orientierung, wie Ordnung ins selbstverschuldete Chaos gebracht werden kann. Deshalb muss jeder Einzelne und die Gesellschaft lernen, worauf es ankommt, damit nicht alles den Bach runter geht.


Würde als innerer Kompass

Hüther setzt auf einen inneren Kompass, »den jeder Mensch im Lauf seines Lebens entwickelt und der ihm hilft, sich nicht in der Vielfalt der von außen an ihn herangetragenen oder auf ihn einstürmenden Anforderungen und Angeboten zu verlieren.« (19) Er ist beseelt von dem Wissen, dass wir mit einem Gehirn ausgestattet sind, das eine Vorstellung davon hat, was für ein Mensch jemand sein will. Aus neurobiologischer Sicht sind wir mit einem aktiv werdenden neuronalen Verschaltungsmuster ausgestattet, das eng an die Vorstellungen der eigenen Identität gekoppelt und mit unserem emotionalen Netzwerk verknüpft ist. »Für diese Orientierung bietende, vor jeder Art von Durcheinander im Hirn schützende und deshalb den Energieverbrauch dauerhaft reduzierende Vorstellung gibt es im Deutschen einen wunderbaren, wenngleich schon fast vergessenen Namen: Würde.« (20) Die Kernthese lautet: »Wer sich seiner eigenen Würde bewusst wird, ist nicht mehr verführbar.« (21)

Hüther verspricht Verheißungsvolles in populistischen Zeiten und menschunwürdiger Flüchtlings-, Asyl- und Migrationspolitik. Es folgt ein Husarenritt durch die Geschichte von der Antike bis zur Erklärung der Menschenrechte, in der es heißt: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.« (60) Hüthers Hoffnung lautet, dass es gelingen könnte, dieses Bewusstsein der eigenen Würde und der Würde aller Menschen so zu entwickeln, dass eine Lösung der aktuell energieraubenden Problemlagen möglich ist. »Unsere Lernfähigkeit und die aus ihr gespeiste Entdeckerfreude und Gestaltungslust bilden die Grundlage für das, was aus uns geworden ist.« (71) In jedem Menschen steckt das biologische Potential, angesichts der Arbeitsweise seines Gehirns, dessen enormer Offenheit, lebenslangen Formbarkeit und Plastizität zu guten Ergebnisse zu gelangen.


Der lernfähige Mensch

Gerald Hüther setzt auf unsere Lernfähigkeit. Wir lernen besonders durch Erfahrungen von Scheitern, Schmerz und Begegnung mit anderen Menschen, um eigene Selbst- und Weltbilder zu relativieren. Jeder existiert im Spannungsfeld aus Gemeinschaft und Individualität, ist ausgestattet mit einem Grundbedürfnis nach Verbundenheit und Autonomie. Fazit: »Je stärker dabei die gleichzeitige Erfahrung von sowohl Geborgenheit und Verbundenheit als auch eigener Gestaltungsfähigkeit und Autonomie am eigenen Leib gemacht und im Gehirn verankert werden konnte, desto wahrscheinlicher wurde es, dass Menschen allmählich eine Vorstellung ihrer Würde zu entwickeln begannen.« (86f)

Das Gehirn hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte Strategien angeeignet, möglichst wenig Energie zu verbrauchen und dafür übergeordnete Handlungsmuster zur Steuerung einer Vielzahl von Einzelbewegungen zu nutzen. »Die dafür im Gehirn herausgeformten übergeordneten Muster bezeichnen wir im Deutschen als innere Einstellungen und Haltungen. Herausgebildet werden diese Haltungen anhand der von einer Person in ihrem bisherigen Leben gemachten Erfahrungen. Diese im Frontalhirn als komplexe Netzwerke verankerten Einstellungen und Haltungen sind entscheidend dafür, wie sich die betreffende Person in einer bestimmten Situation verhält.« (96) Solch eingeübtes Verhalten verbraucht weniger Energie und ermöglicht ein ruhigeres, gelasseneres und kohärenteres Leben.

Hinzu kommt, dass die Kunst solch erfahrungsgeprägten Lebens darin liegt, mit diesen erworbenen Eigenschaften sich anstehenden Aufgaben zu stellen. »Wer nicht mit ständig neuen Herausforderungen konfrontiert ist, die seinen jeweils erreichten Zustand von Kohärenz erschüttern und inkohärent machen, kann also weder etwas Neues hinzulernen noch sich weiterentwickeln.« (98f) Kurzum: »humanum semper reformanda«.


Die Stillen im Lande

Jedem von uns ist vor jeder Erfahrung ein Empfinden mitgegeben worden, menschlich, menschengemäß, menschenwürdig behandelt werden zu wollen. Schon Kinder spüren dies früh, wenn etwas nicht stimmt. Sie versuchen dann mit allen Mitteln, diese inkohärenten Zustände zu lindern. Zu diesem Empfinden kommen im Laufe des Lebens neue Erfahrungen hinzu, die den inneren Kompass für ein menschenwürdiges Leben bilden. Dabei können Vorbilder im Privaten wie in der Gesellschaft helfen, deren innerer Kompass bis in ihre Körpersprache hinein ausstrahlt. Ein Mensch, der sich seiner eigenen Würde bewusst ist, ist weniger verführbar von den Ablenkungsangeboten unserer Zeit. Es ist unter seiner Würde, die Würde anderer zu verletzen, indem er diese als Objekt für seine Ziele und Interessen benutzt.

Als Schlussappell fordert Hüther gerade von diesen »würdevollen Personen«, die zurückhaltend, achtsam und umsichtig agieren, sich nicht nur ihren Teil zu denken, sondern dies kundzutun. »Das ist das Problem. Indem diese besonderen Personen im Bewusstsein ihrer eigenen unverletzbaren Würde so ruhig bleiben, überlassen sie zwangsläufig all jenen das Setzen von Maßstäben und die Durchsetzung ihrer jeweiligen Interessen, die in Ermangelung eines solchen Bewusstseins am lautesten kundtun, worauf es ihrer Meinung nach ankommt.« (159)

Hüthers Umkehrruf an die Stillen im Lande ist eine Sensation. »Es wird nicht ausreichen still zu halten und zu versuchen, ein gewisses Verständnis für das würdelose Verhalten anderer aufzubringen. Es nützt auch nichts, sich darüber zu empören. Es wird nötig sein, sich zu zeigen und es nicht länger als unter seiner Würde zu betrachten, öffentlich Stellung zu beziehen, auszusprechen, was man so nicht länger hinzunehmen bereit ist, und im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass die Würde von Menschen nicht länger mit Füßen getreten, verletzt und untergraben wird.« (160) Dieses Buch ist ein würdiger Versuch, den wachsenden Verwüstungen etwas Konstruktives entgegenzusetzen. Es hätte mehr Aufmerksamkeit verdient als Thilo Sarrazins neues unwürdiges Werk.


Gerald Hüther: Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft, München 2018


Siegfried Eckert

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2019

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