Ein Beitrag zur Diskussion um die Taufagende
Taufwünsche in unseren Kirchen

Von: Christian Buchholz
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Seit über 20 Jahren stehen in unseren beiden Dorfkirchen jeweils ein mannshoher Baum – aus dickem Sperrholz hergestellt und bemalt vom ortsansässigen Schreiner. Damals hatte der Kirchengemeinderat die Idee, die Taufeltern noch mehr in das Taufgeschehen einzuschließen. Die Bäume sind geschmückt von – momentan zusammen 75 – bunten Papierblüten, auf denen vorne der Name des Kindes mit Datum der Taufe und auf der Rückseite Wünsche der Eltern oder Paten notiert sind. Diese Wünsche werden beim Gottesdienst nach dem Vollzug der Taufe von den Eltern bzw. Paten vorgelesen. Aber dann sind die Wünsche verhallt und verschwunden: Niemand hebt die aufgeklebten Blüten mehr hoch, um nachzulesen – Schall und Rauch?

Mit der Einladung zum Tauferinnerungsgottesdienst erhalten die Familien nach fünf Jahren die Blüte vom Pfarramt zurück. So können sie sich nochmal vergewissern, was sie bei der Taufe empfunden und erörtert haben. Aber vorher und danach? Fragt noch jemand nach den Wünschen?


Die Zukunft unserer Kinder

Es lohnt sich, die Wünsche anzusehen und festzuhalten – für die betroffenen Kinder und Familien, für die Öffentlichkeit der Gemeinde und für die Diskussion der Tauf­agende innerhalb der Pfarrerschaft. Die Wünsche drücken in der Regel eine liebevolle Zuwendung zum Kind und eine hoffnungsvolle Perspektive für deren Zukunft aus. Daraus können wir viel lernen – für unser pädagogisches Engagement in Kirche und Schule, in Familie und Freundeskreis, im pastoralen Dienst. Alle Personen, die mit Erziehung und Förderung unserer Kinder zu tun haben, werden in ihrem Auftrag bestärkt, den Kindern Mut zu machen und sie freundlich zu begleiten.

Ein erster Überblick widerspricht einer üblichen pessimistischen und zeitkritischen Grundstimmung in den Medien und in der Gesellschaft – dass die Zukunft für Kinder nicht förderlich sei und es unseren Kindern einmal schlechter gehen werde als uns. Wer weiß es? Die Wünsche jedenfalls drücken anderes aus. Auch fordern sie eine kritische Ergänzung strenger konservativer Frömmigkeit und eines engen Verständnisses unserer Liturgie heraus. Dort wird die Taufe als »Einbindung in die Gemeinde Jesu Christi« verstanden. Aber: Die Taufe wird von den meisten Eltern weitergehend empfunden und anders erfahren. Der Ritus ist am Gefühl der Menschen orientiert und wird so verstanden! Denn Eltern und Paten wählen ja einerseits nicht nur sehr bewusst den biblischen Taufspruch (nach Beratung durch den Pfarrer bzw. die Pfarrerin) aus, sondern sie formulieren andererseits mit eigenen Worten (vermutlich nach Recherchen im Internet und nach längeren Gesprächen in der Familie – bei einer Blüte ist das auch dem Schriftbild zu entnehmen), was sie angesichts ihres neugeborenen oder schon heranwachsenden Kindes bewegt – an Sorgen, Hoffnungen und Freude. Die Taufe wird ja nicht mehr – wie früher – gleich ein paar ­Tage nach der Geburt vollzogen.


Hilfsbedürftigkeit und Selbstbewusstsein

Eine große innere emotionale Bewegung drücken die Eltern mit ihren Wünschen aus, und dieser Bewegung gibt die Kirche mit dem Taufgeschehen eine würdige und angemessene Gestalt. Ob allerdings die herkömmliche Taufliturgie diesen Beobachtungen und Veränderungen Rechnung trägt? Das muss innerhalb der Kirche besprochen und in sinnvoller Konsequenz auch vollzogen werden. Freilich ist auch zu fragen, ob diese Wünsche ein Leben lang halten bzw. in positiver Erinnerung bleiben können – für Eltern, Paten und vor allem für das dann heranwachsende Kind in seinen späteren Umbrüchen und neuen Orientierungen, die von Eltern und Paten nicht immer geteilt werden.

Nüchtern und realistisch beginnen mehrere Wünsche: Von dunklen Winternächten und möglichen Enttäuschungen (relativ oft notiert) ist die Rede, das Zurückschauen wird beklagt, Umwege, Kummer und Gefahren, dunkle Stunden werden genannt, auch die laute Welt und drohende Stolpersteine. Allgemein wird von schwierigen Zeiten gesprochen, von Hürden und stärksten Stürmen.

Eine solche Ehrlichkeit kann für die Kinder und auch für das Selbstverständnis der Eltern nur förderlich sein. Dass dann nach Schutz gefragt wird und ein Engel als berührendes Symbol der Ermutigung erhofft wird, ergänzt die Sehnsucht nach der Selbstständigkeit des Kindes, den eigenen Weg zu gehen (auch gehe deinen Lebensweg).

Beide – der Schutzengel und die erwartete Selbstständigkeit werden auffallend häufig notiert – ergänzen und bedingen sie sich doch gegenseitig: Hilfsbedürftigkeit und Selbstbewusstsein bilden in produktiver Spannung zentrale Elemente für gelingende Erziehung. Und – angesichts des noch kurzen Lebens – immer wieder (viel) Gesundheit oder dass du gesund bleibst, ein langes, gesundes Leben und ein langes und glückliches Leben als Wünsche nach körperlicher Unversehrtheit.


»Das Leben ist schön!«

Schließlich gibt es sehr viele positive Bilder, Symbole und Wünsche für die Kinder, die diese Unversehrtheit konkreter und umfassender beschreiben: Licht, Zufriedenheit, den Sinn des Lebens finden, erfüllte Träume, viel Sonnenschein, ein Lachen im Gesicht, eine unvergessliche Kindheit, wir wollen dir Wurzeln geben, dass die Sonne immer für dich scheint, dass du immer etwas findest, über das du dich freuen kannst, Spaß am Leben, Liebe für unsere Schöpfung und das Leben, wunderschönes Leben, Wurzeln für Halt und Stabilität Flügel, ein mit Liebe erfülltes Leben, Grund zum Lachen und Gottes Segen, Ruhe, alle Hürden zu überwinden, für deine Zukunft offene Hände, ein sorgenfreies Leben, immer den richtigen Weg. Zusammenfassend und die Basis von allem umschreibend ruft ein Wunsch aus: Das Leben ist schön!

Und dann sind da die Wünsche, die individuelle Menschen und konkrete Begleitung meinen: Unsere Hände werden dich halten, dass du deinen Eltern und deinem N. noch viel Freude machst, nette Erzieher, gute Freunde (die tauchen immer wieder auf!), fröhliche, hilfsbereite und offene Menschen, Vertrauen in unsere kleine Familie und dann sehr allgemein, aber hoffnungsvoll wunderbare Begegnungen.


Sintflut-Geschichte und »Kleiner Prinz«

Zwei Wünsche fallen hierbei aus dem Rahmen und verraten einen tiefsinnigen Hintergrund: Wir wünschen dir einen Regenbogen. Das nimmt die Sintflut-Geschichte auf, wo das eigentlich alltägliche Wetterphänomen des Regenbogens als göttliches Zeichen des ewigen und dauerhaften Friedens gedeutet wird. Und der andere bemerkenswerte Wunsch: zähme einen Löwen. Ob die Eltern an den »Kleinen Prinzen« von Antoine de Saint-Exupéry (dort in Kapitel XXI) dachten, der dem Fuchs erklärt, was »zähmen« bedeutet – nämlich »sich miteinander vertraut machen«? Oder stammt die Vorstellung aus der Sport-Sprache? Jedenfalls drückt der Wunsch Stärke, (Selbst-) Vertrauen und Mut aus.

Schließlich gibt es allgemeine religiöse Wünsche wie: Möge Gott dir dein Lächeln bewahren, glaube an Gott und an dich selbst, du mögest die vielen stillen Wunder Gottes sehen, dass dein Glauben ein Licht hat, ein Leben nach dem Willen Gottes, glaub an Wunder, dass du niemals den Glauben verlierst und natürlich Gottes Segen.

Dazu gehören auch die (wenigen) ausgesprochen biblischen Bilder, wie die Liebe zum Heiland, die Sehnsucht nach dem Himmlischen Jerusalem, die Freude über die eigene wunderbare Existenz (wohl an Ps. 19 erinnernd) und die Rezitation von Ps. 91: Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten. Zweimal wird auch der Taufspruch (z.B. Gott ist ein Fels … nach Dtn. 32) wiederholt.

Die Beobachtung, dass in nur 5% der Wünsche ausdrücklich biblische Texte genannt werden, ist nicht sehr aussagekräftig, weil die Eltern ja schon einen biblischen Taufspruch ausgesucht hatten: Interessant wäre es vielmehr, den gewählten Taufspruch und den selbst formulierten Wunsch jeweils miteinander zu vergleichen!


Keine Rede vom dreieinigen Gott

Außerdem ist bemerkenswert: In der offiziellen Taufliturgie der Kirche werden zwei bestimmende traditionell geprägte Elemente der Taufe hervorgehoben – die Anrufung des dreieinigen Gottes durch die trinitarische Taufformel und das gemeinsam gesprochene Glaubensbekenntnis (meist ja in der hergebrachten Form des Nicänums oder des Apostolischen Glaubensbekenntnisses) sowie das Wasser als Zeichen der Neugeburt und der Auferstehung. Davon ist in den Wünschen überhaupt keine Rede – höchstens wieder sehr indirekt und an den offensichtlichen Lebensbedürfnissen des Kindes und der Eltern orientiert – wenn Glaube, Segen, Gott, Geborgenheit, Zukunft, Unbeschwertheit und Wurzeln beschrieben werden. Eine ähnliche Diskrepanz besteht zwischen dem hohen Anspruch der Kirche und der Lebenswelt der Kinder bzw. Jugendlichen bei der Einschätzung der Konfirmation, die in der Theorie die Taufe bestätigen soll.

Aus den Äußerungen lässt sich schließen: Es sind überwiegend eingängige, allgemein menschliche Bilder und Hoffnungen, die wesentliche Grundbedingungen des Lebens aufgreifen und die dann durch die Beiträge der nächsten Angehörigen des Kindes in den Taufgottesdienst eingebracht werden.


Viel Glück und viel Segen …

Der Gesamteindruck lässt sich mit dem bekannten und immer noch gesungenen Geburtstagskanon zusammenfassen: »Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen: Gesundheit und Frohsinn sei auch mit dabei.« Werner Gneist (1898-1980) – in der Nachkriegszeit in Kirchheim/Teck wohnhaft – hatte diesen Kanon 1930 geschrieben und seither ist er bis heute ein volkstümlicher Hit! Der Lehrer Gneist hatte die dunkle Nazizeit kommen sehen und das kleine aus der Jugendbewegung gespeiste Lied als stillen religiösen Protest komponiert! Mit den Stichworten des Kanons können die genannten Taufwünsche umschrieben werden:

GLÜCK: Von Glück und Freude, von Spaß, von der Schönheit des Lebens ist die Rede. Das finden wir in vielen Psalmen, in der Schöpfungsgeschichte und im Hohelied.

SEGEN: Immer wieder sind die Hände als Symbol für Geborgenheit genannt, die z.B. an die Kindersegnung im Evangelium erinnern.

WEGE: Die familiäre und freundschaftliche Verbundenheit, das wachsende Selbstbewusstsein des Kindes einschließlich aller Umwege – sie bilden für viele der Betroffenen das Fundament der Lebensgeschichte in Familie, Kindergarten und Schule. Die biblischen Lebenswege – angefangen von den Erzvätergeschichten bis zur Apg. – spiegeln diese Urerfahrungen wider.

GESUNDHEIT: Das oft angeführte unbeschwerte Leben, die Sehnsucht nach Gesundheit und Sorglosigkeit sind Hoffnungsbilder, die in den Heilungsgeschichten und in den Psalmen der Bibel immer wieder Gestalt finden.

FROHSINN: Die Taufwünsche sprechen häufig von Freunden, Freundschaft, Lust und Spaß. Diese guten Lebensbegleiter finden sich auf vielen Seiten der Bibel – nicht nur in der Geschichte von der Hochzeit zu Kana.


Anregend für die Praxis der Kirche

Im Internet (wo es eine ganze Menge an Text-Angeboten gibt) ist nur ein Spruch von den oben notierten zu finden! Manche Formulierungen erinnern an die sog. Irischen Segenswünsche. Es gibt einige poetische Ansätze! Das spricht für die Begabung der Verfasser und Verfasserinnen. Oder stammen die Formulierungen dann doch aus dem Internet? Selbst wenn es so ist, werden die Schlussfolgerungen von oben bestätigt, denn die Autoren und Autorinnen haben ja bewusst ausgewählt bzw. formuliert: Die Wünsche werden in der Öffentlichkeit des Taufgottesdienstes (auch vor der ganzen Verwandtschaft!) laut vorgelesen – also sind sich die Eltern und Paten über Funktion und Bedeutung im Klaren. Es sind nie oberflächliche oder einfach nur dahin gesagte Worte.

Drei Wünsche sollen zum Schluss noch hervorgehoben werden: die Selbstverpflichtung der Eltern (ich nehme die Verantwortung an und unsere Hände tragen dich) und die Anrufung Gottes: Gott gehe vor dir her.

Wunderbar sind und bleiben alle diese Sätze – frisch und belebend in der Erinnerung, prägend für die Seele und für das Bewusstsein der Eltern und Kinder, anregend für die Praxis der Kirche, die diese Beobachtungen wahrnehmen und in ihre pastoralen Vollzüge integrieren muss. Wann und wie gelingt uns das?


Christian Buchholz


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2019

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